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Erschienen im Frühjahr 2012 im Spielzeitheft des Staatsschauspiels Dresden

Einer von uns

Als Erich Kästner den Roman FABIAN schrieb, konnte er nicht wissen, dass die Nazis das Buch bald verbrennen würden – und dass wir es heute, 80 Jahre später, mit Faszination und Erschrecken wieder lesen. Der Romanheld scheint mitten unter uns zu leben: Als prekär entlohnter „Kreativer“ stolpert er durch ein fiebrig modernes Berlin, auf der Suche nach Liebe, Arbeit, Sinn. Doch alles was er findet, sind gebrochene Versprechen und ab und an ein lauwarmer Rausch. FABIAN, der „zarte Ironiker“ und „Moralist“: Am liebsten würde er gleich morgen die Welt retten. Nur weiß er nicht, wo er anfangen soll – und tut deshalb erst mal wenig bis nichts. Sieht ganz so aus, als sei er einer von uns, meint die Autorin Katja Kullmann.

Heute ist es ja so: Man kann Sexpartner und Seebestattungen im Internet bestellen, Schafe, Katzen und Kunstturner klonen, mit Mülleimern sprechen, Ausflüge ins Weltall buchen, jederzeit via Gesichtserkennung überführt werden und etwaige psychologische Probleme mit einer App lösen. Das Reisen durch die Zeit ist nur noch eine Frage der Zeit. Eigentlich muss man es gar nicht mehr erfinden, denn zumindest das Gestern ist ja längst schon wieder da. Wir sind so schnell gelaufen, haben uns so beeilt, dass wir gar nicht bemerkt haben, wie es uns überholt hat.

Stellen wir uns einfach vor, die Gegenwart wäre ein ruckelndes Youtube-Video, das irgendwer irgendwann mal hochgeladen hat. Ein mittelprächtiges Filmchen in leicht verschrobenem Retro-Stil. Es spielt in einer Großstadt, die einem automatisch bekannt vorkommt. Die Hauptfigur ist ein gut aussehender, cleverer Typ Anfang 30, mit zeitlos modischem Namen: Fabian. Das Voice-Over-Script für den Trailer wäre wild zusammengesampelt, aus allerlei Slogans und Gedankensplittern. Eine promovierte, aber unbezahlte Praktikantin aus dem Baltikum hätte es in einem Hinterhofbüro voller dänischer Möbel eilig transkribiert. Es läse sich ungefähr so:

Alles ist vergiftet. Aber es sieht super aus. Wie alles schimmert und glimmert, wie es vor Bedeutung fast explodiert. Kunst, Körper, News! Kontakte, Kontakte – und überall Symbole! Neue Waren, neue Techniken, jede Menge schwer erklärlicher Dienstleistungen, ein paar Demos und Krawalle, wahnsinnig viel Musik und überall Chancen. Hier eine bunte Bar, da drüben ein Bettler. Wie albern, wie sehr das alles nervt. Aber wir sind dabei. Weil: was sonst? „Hör‘ auf, den Notausgang zu suchen, Du Nerd!“

Tolle Frauen! Beinahe-Models an jeder Bushaltestelle, in jedem Hausflur ein Casting. Hier darf geraucht werden. Wir lieben das Wort „Prolet“. Gut, dass der liebe Gott das Augenzwinkern erfunden hat. Loch im Bauch, Schwamm drüber. Wir stellen das Heer der immer wachen Aufzieh-Figürchen und spielen am liebsten mit uns selbst. „Nein! Nein! Nein!“ „Huch? Hast Du was gesagt?“ Wer kann denn stichhaltig beweisen, dass es knallen wird? Frauen knutschen Frauen. Männer haben Liebeskummer. Transzendenz und Tempo. Ein bisschen radikaler wäre man schon gern. Das wäre es doch: auf den Putz hauen, aber ernsthaft. „Komm‘ mir bloß nicht mit der Sinnfrage, Du trostloser Gutmensch!“

Die Nachrichtenlage voll im Blick. Jedes Krisen-Detail abgespeichert, in Deinem Unruheherd von Gehirn. Deine Augenringe stehen Dir. Das hat so was Authentisches, irgendwie. Über 30. Ist ja praktisch schon 50. Und noch immer ist nichts passiert, an dem Du Dich festhalten kannst. „Worauf wartest Du eigentlich?“ Sie schlagen jetzt die Hacken zusammen. Sie schlagen jetzt auch Leute zusammen. Oder war das schon immer so? „Hey, lass‘ uns ein Kunst-Magazin gründen, das ,Vertrauen‘ heißt!“ Schleiertänze, Minuskurven, Hass. Und Du ganz persönlich bist ja genauso umzingelt, Du bist ja auch total abgebrannt und schon ganz dumm vor lauter Klugheit, da geht’s Dir nicht anders als dem Globus, stimmt‘s? Sind wir eigentlich in Berlin? Ist das Paris? „Mann, mach‘ Dich locker!“

Eine Top-Zeit für Top-Leute, so vieles gibt es, was man intelligent kommentieren kann. Hilfe: Die Werbung ist auch nicht mehr das, was sie mal war! Resterampen-Ära. Alles, wirklich alles gibt es woanders stets noch billiger. Man müsste … man sollte …. aerodynamischer sein. Wir brauchen definitiv mehr Gleitgel. „Aber ich, ich, ich – ich begehre auf! Also: innerlich!“ Dabei wissen Hinz und Kunz und alle anderen doch ganz genau: Selbstschutz ist noch immer das beste Styling.

Nach dieser intensiven Sound-Bild-Collage kämen noch ein paar Sekunden Film-Credits zu „Gegenwart – the movie“ – und schließlich das Copyright-Jahr: 1931.

FABIAN ist der erste und einzige Erwachsenen-Roman, den Erich Kästner (1899-1974) je geschrieben hat. Seinen Protagonisten Jakob Fabian, 32, Journalist und Werbetexter, jagt er durch ein aufgeheiztes, schrill modernes Berlin. Hoch intelligent und prekär entlohnt, ist FABIAN immer auf der Suche nach Liebe, Arbeit, Sinn. Aber nichts davon erfüllt sich. Stattdessen ballen sich die Enttäuschungen, wachsen Ungeduld und Unbehagen – mit sich selbst, den anderen, der Welt. „Seelische Bequemlichkeit“ und „Trägheit der Herzen“: FABIAN sieht viel, fühlt viel, analysiert viel – und weiß nicht, wie er angemessen reagieren soll. Finanzkollaps und Attentate, Dekadenz und Armut, Wollust und Unsicherheit, Eile und Hass: Sehr genau erspürte Erich Kästner die Krankheiten seiner Zeit, der späten Weimarer Republik.

Als „zarten Ironiker“ und „Fachmann für Planlosigkeit“ bezeichnet FABIAN sich selbst. Es klingt wie die Selbstbeschreibung eines gewieften Facebook-Users. Immer wieder trifft man im Roman auf Figuren, die einem bekannt vorkommen: eilfertige Streber und eitle Bohèmiens, zynische Medienmacher und erschöpfte Verlierer, korrupte Patriarchen und zweifelnde Romantiker. Und dann ist da noch dieser „neue Modetyp, die intelligente deutsche Frau“ – die FABIAN zwar mehr begehrt als alle Party-Mädchen, die er gleichzeitig aber fürchtet, weil sie ihm kalt und berechnend vorkommt. „Wir leben provisorisch, die Krise nimmt kein Ende“, sagt FABIAN. Er wartet „auf den Sieg der Anständigkeit“ – und gibt ein Heidengeld für billige Vergnügungen aus. Er nennt sich „Moralist“ – und vögelt sich quer durch die Stadt. Nach heutigen Maßstäben müsste man ihn als „Empörten“ mit Borderline-Syndrom beschreiben – also als einen von uns.

Ganz klar registriert FABIAN nicht nur Ausbeutung und Antisemitismus, sondern auch sein eigenes Versagen: „Ich kann vieles und will nichts. Wozu soll ich vorwärts kommen? Wofür und wogegen?“ Während sein bester Freund, der Jung-Akademiker Labude, sich in einer linken politischen Gruppe engagiert – vergeblich, wie er ahnt –, und während die Agentur-Kollegen zu den Nazis überlaufen, verharrt er in einer seltsam unentschiedenen, mal weinerlichen, mal sarkastischen Beobachter-Position. Er muss sehen, wie er durchkommt; da geht es ihm nicht anders als den hungerschlanken Dienstmädchen, denen er gierig hinterher schaut. Ansonsten trinkt, raucht und redet er viel.

Als „Demokratie ohne Demokraten“ haben Historiker die Weimarer Republik bezeichnet – als wankelmütiges, zweifelhaftes politisches System. Heute sprechen Politikwissenschaftler von der „Post-Demokratie“ – und meinen damit unsere Gegenwart, in der „Finanzinspektoren“ ohne politische Legitimation in wackelnde Währungszonen entsandt werden, in der das Prinzip „Erbe“ eine wichtigere Rolle spielt als das Prinzip „Leistung“, und in der die Überlebens-Ressource „Bildung“ nicht für jeden in vollem Umfang zugänglich ist. Die einen fürchten sich vor „Parallelgesellschaften“, die anderen vor „national befreiten Zonen“. Unterdessen steppt in Berlin der Arm-aber-sexy-Bär und tanzt der Welt ein supersympathisches Deutschland vor, das sich immer wieder neu erfindet.

FABIANS ärgste Feinde sind nicht die dumpfen braunen Schläger. Die gefährlichsten Leute im Roman tragen Up-to-date-Anzüge und sauber gescheiteltes Haar. Es sind eilfertige Technokraten, die an „die Planwirtschaft des reinen Eigennutzes“ glauben. Quartalseifrige Speichellecker, fügsame Erfolgsmenschen, übereifrige Ja-Sager, Leute, die sich nach einem großen, allumfassenden Aufräumen sehnen – damit es endlich weitergehen kann mit dem Fortschritt. „Runden Sie Ihre Persönlichkeit ab!“: So herrscht der Redakteur einer schmierigen, rechtsnationalen Zeitung den arbeitslosen FABIAN an – und stellt ihm eine bescheidene Festanstellung in Aussicht. „Arbeiten Sie an Ihrer Performance“: So klänge der Befehl heute. Aber FABIAN lehnt ab. Lieber lebt er vom bescheidenen Taschengeld der Mama.

Ganz in Mamas Nähe geht FABIANs wirres Glücksritter-Leben dann auch zu Ende: Auf dem Fußweg nach Hause sieht er, wie ein Junge in einen Fluss stürzt. Ohne nachzudenken, springt er hinterher. Dabei schafft der kleine, kerngesunde deutsche Bub es locker ganz alleine ans Ufer. Von Fabian sieht man indes nichts mehr. Der letzte Satz des Romans lautet: „Er konnte leider nicht schwimmen.“

Zwei Jahre, nachdem das Buch erschienen ist, deklarieren die Nazis es als „entartete Literatur“ und verbrennen es. Es folgt der schlimmste Terror, den „der Wartesaal Europa“ je erlebt hat. Hätte FABIAN vielleicht doch etwas dagegen tun können? Das ist die Frage, die das unheimlich und unablässig plätschernde Wasser uns stellt, der schlammige deutsche Strom, in dem FABIAN untergegangen ist – mit einem hübsch anzusehenden Erstaunen im Gesicht und etwas albern vor sich hin blubbernd.