web analytics

Erschienen im September 2014 im Freitag

Norma Miller erfand einst den Lindy Hop, den wildesten Swing-Tanz, den es je gab. Mit fast 95 Jahren ist sie nun wieder gefragt wie nie

Jemanden als lebende Legende zu bezeichnen, ist eine staubige Sache. Es klingt, als ob der Mensch schon zur Hälfte in Wachs gegossen, als ob er längst von Spinnweben überzogen ist. Es passt jedenfalls überhaupt nicht zu Norma Miller.

Wenn Norma Miller eine ihrer Geschichten erzählt, und sie hat viele auf Lager, gestikuliert sie viel und tippt energisch mit dem Zeigefinger in die Luft. Wenn sie sich ärgert, wirft sie den Kopf in den Nacken, klatscht in die Hände und ruft: „Bullshit!“ Amüsiert sie sich über etwas, lacht sie tief und dunkel, etwa so wie ein rostiger Ford, Model-T, beim Kaltstart tönen mag: „Hoah, hoah, hoah.“ Sie trägt eine Baseballkappe, die golden glitzert, und sehr rote, sehr lange Fingernägel. Ein flotter Swing klimpert aus den Boxen der Tanzschule Tango Ma-trix in der Hamburger Innenstadt, Norma Miller sagt „Schön …“, schnipst mit den Fingern im Takt und schuckelt ihr Kinn kess hin und her. Sie sitzt auf einem tiefen roten Samtsofa und lässt ihre Füße leicht vor und zurück tippeln. „Hört ihr das?“, fragt sie die jungen Menschen, die sich um sie herum auf Plüschsesseln niedergelassen haben, möglichst nah an der Lady, die gerade aus siebentausend Kilometern Entfernung, aus Florida angereist ist – und die man einfach bestaunen muss. Weil sie so alt ist. Und so lässig. Sozusagen: saucool.

Hüpfen ja, heiraten nein

Im Dezember wird Norma Miller 95 Jahre alt. Niemand hat sie je mit einem Rollator gesehen. „Das Tanzen ist mein Leben – und mein Leben ist ein Tanz“, sagt sie. Mit fünf hüpfte sie in Harlem durch den Rinnstein. Mit 19 tanzte sie in Rio, London, Paris, Zürich. Es gab Phasen, da lag sie wegen Unterernährung im Krankenhaus, und Hochs, in denen sie im Kino zu sehen war. Verheiratet war sie nie. „Aber auch nie einsam“, sagt sie, „im Gegenteil.“ Der Trick mit den Männern sei: „Sich nie ganz auf einen zu verlassen. Ich mag Männer, komme bestens mit ihnen aus. Aber ich habe nie einen gefunden, der das wirklich will: mit einer Frau zusammenzuleben, die ihre eigene Mission hat. Damit kommen die Jungs nicht klar. Also habe ich immer gesagt: Lass uns Freunde bleiben und such dir eine andere, die hinter dir herräumt.“

Die Mission, die Norma Miller in Bewegung hält, ist der Lindy Hop – der vielleicht wildeste, sicher einer der euphorischsten Tänze, die je erfunden wurden. Es ist der Swing-Tanz, den anfangs nur die Schwarzen in den Arbeitervierteln New Yorks beherrschten, und ohne den es keinen Boogie Woogie, keinen Rock’n’Roll, keinen Moonwalk und vermutlich auch nie einen Breakdance gegeben hätte. Ein Tanz, bei dem Mann und Frau sich zwar gerade noch so an den Händen halten – aber die ulkigsten, verwegensten Schritte und Bewegungen vollführt jeder für sich: Frau und Mann gockeln voreinander herum, jeder gönnt dem anderen die Show, keiner will den anderen „führen“, wie es beim Tango oder Foxtrott üblich ist. Miller gilt als unbestrittene Lindy-Erfinderin und -Meisterin. „Ja, das stimmt, ohne mich sähe euer Nachtleben anders aus“, sagt sie und gibt sich keine Mühe, den gerechten Stolz auf diese Kulturleistung zu verbergen.

Ein ganzes verworrenes Jahrhundert hat diese zierliche Frau durchtanzt, von der Großen Depression, dem Zweiten Weltkrieg über die Ära von Martin Luther King und dem Women’s Rights Movement bis hin zu Barack Obama. Eine eigene Performance-Truppe hat sie mal gegründet, ein Buch über ihr Leben hat sie geschrieben (Swingin’ at the Savoy. The Memoir of a Jazz Dancer, TUP, 1996), als TV-Komödiantin wurde sie engagiert und als Choreografin für etliche Filme, etwa für Spike Lees Black-Power-Epos Malcolm X. Zwischendrin war sie immer wieder mal „komplett abgebrannt“. Aber jetzt, im zehnten Lebensjahrzehnt, laufen die Geschäfte wieder gut.

Hepcats und Dolls nennen sich die heutigen Schellack-Liebhaber und Lindy-Tänzer, ganz nach den alten Vorbildern. Besonders in europäischen Großstädten wie Berlin, Hamburg, London, Stockholm ist die Swing-Szene seit den späten 90er Jahren wieder sehr lebendig. Menschen zwischen Ende 20 und Mitte 50 hüllen sich in Vintage-Anzüge und -Kleider. Die Damen bevorzugen dabei breite Schultern und fließende Materialien. Die Herren stolzieren in großzügig geschnittenen Wollanzügen, sogenannten Zoot Suits, durch die Nächte. Ob in Clärchens Ballhaus in Berlin, im Hamburger Sage oder im Londoner 100 Club: Die Swing-Fans bemühen sich redlich, sich so originalgetreu wie möglich nicht nur zu kleiden, sondern auch zu bewegen.

Ebendarum fliegt Miller jetzt auch wieder öfter um die Welt, für Tanz-Workshops, Vorträge, Interviews. Man hofierte sie in Japan, demnächst geht es nach San Francisco, im Februar wird sie nach Berlin kommen. Ja, es gebe heute wieder erstaunlich gute Lindy-Tänzer, sagt Miller. „Kein Wunder, ihr habt ja das Internet, ihr könnt euch das alles ganz leicht abschauen!“ Schenkelklopfer, Superbenzin-Lachen. Dann senkt sie ihre Stimme und bringt ihren Zeigefinger ins Spiel: „Eines dürft ihr nicht vergessen: Wir hatten nichts als die Straße. Wir haben damals nicht zum Spaß getanzt. Wir tanzten um unser Leben.“

Nicht nur die Nazis sprachen von “Tanznegern”

Von diesem Überlebenstanz erzählt ein Clip aus dem Musikfilm Hellzapoppin’ von 1941, der vielen heutigen Swing-Fans – die meisten gehören der weißen Mittelschicht an – als Anschauungsmaterial dient und oft verlinkt wird. Fünf Männer und drei Frauen vollführen darin Verrenkungen, Schritte und Sprünge, die so schnell und präzise ablaufen, dass man meinen könnte, alles sei in beschleunigtem Tempo abgespielt. Doch es geschieht in Echtzeit. Es tanzen „Whitey’s Lindy Hoppers“, Norma ist 22 Jahre alt und mittendrin. Die Truppe trägt Working-Class-Uniformen, Küchenkittel, Mechanikeroveralls. Schnelle Trommeln, irre Trompetenklänge: Die Männer schleudern die Frauen im Kreis herum, geben ihnen Luftküsse oder gespielte Ohrfeigen. Die Frauen wippen mit ihren Pos, schubsen die Kerle auf rüde Art in die Ecke.

In Europa spricht man damals von „Tanznegern“. Es ist die Zeit, in der die Nazis den Handel mit sogenannter Feindware verbieten und manche junge Männer und Frauen, sogenannte Swing-Kids, in Zuchthäuser verfrachten. In den USA schmieren weiße Komödianten sich dunkle Farbe ins Gesicht, reißen die Augen auf und blähen die Backen, um Schwarze zu parodieren. Derweil schminken Schwarze sich weiß, um sich über die blassen Herrenmenschen lustig zu machen. In Bussen dürfen sie, wenn überhaupt, nur ganz hinten sitzen.

Voller Hoffnung waren Norma Millers Eltern von Barbados in die USA eingewandert, in den Nordosten, wo zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts die Großindustrie brummte. Die Eltern mieten eine Wohnung im New Yorker Stadtteil Harlem, inmitten ehemaliger Baumwollpflücker- und neuer Arbeiterfamilien. Der Vater findet einen Job in einer Werft. Eine kleine Tochter ist schon da. Doch bevor sein zweites Mädchen geboren wird, stirbt er an einer Lungenentzündung. „Niemand hatte Geld für Medikamente“, sagt Miller. Ihre Mutter Alma ist gerade 20 Jahre alt, als sie zur Witwe wird, mit zwei Kleinkindern, ohne Job, ohne jede soziale Absicherung.

Geld muss her. Die junge Mutter greift auf eine Versorgungslücke zurück, die sich im Asphaltdschungel auftut: Vergnügen! So viele Menschen leben hier auf engem Raum, die Jobs sind hart, das Geld knapp, eine Unterhaltungsindustrie im heutigen Sinne gibt es noch nicht. Prostitution wäre ein Weg für die 20-Jährige gewesen. Vielleicht der Schmuggel von Alkohol. Manche versuchen, als Dienstmädchen unterzukommen, was der Sklaverei oft ähnlich ist. Andere bieten Voodoozeremonien an oder üben sich im Glücksspiel. Die Schattenwirtschaft der armen Leute bringt viele Branchen hervor. Normas Mutter entscheidet sich für das Geschäftsmodell House Rent Party und richtet halböffentliche Feste in ihrer Wohnung aus. Die Gäste zahlen ein paar Münzen Eintritt, es läuft Musik vom Grammofon, es wird getanzt und getrunken; ein bisschen was bleibt immer dabei hängen, und die Mutter muss die Kinder nicht alleine lassen. House Rent Boogie heißt ein frühes Stück von Blues-Vater John Lee Hooker. Die Partys jenes Schlags sind die Vorläufer der heutigen Clubs.

„Ich war fünf und tanzte für die Gäste. Wir schenkten billigen Whisky aus und servierten Schweinsfüße“, erzählt Miller. Die Füße wurden gekocht und ordentlich gewürzt, man konnte an ihnen knabbern wie an Hühnerschenkeln. Schlachtereiabfälle, Arme-Leute-Fingerfood. „Sagen wir so: Ich mochte Schweinsfüße damals gern – aber heute brauche ich sie nicht mehr unbedingt.“ Herzliches Auspuffgelächter.

Das kleine Mädchen tanzt nicht nur für Mamas Gäste, sondern auch auf der Straße. Die Musik hängt ohnehin überall in der Luft. Es ist die Geburtszeit des Jazz. Viele im Viertel machen Musik, mit der Trompete, der Mundharmonika oder der Gitarre. Sie entdecken interessante Töne, improvisieren, gründen Bands und kreieren einen bis dato nicht gehörten Sound. 1925 eröffnet der Savoy Ballroom in Millers Nachbarschaft. Es ist der erste große Tanzsaal in New York, zu dem Schwarze als Publikum Zutritt haben. Männer tragen knallbunte Hemden, Frauen Federn im Haar, manche Ladys machen sich auch wie Männer zurecht, „Marlene-Dittrick-Style“, sagt Miller. „Jeder durfte alles sein – Mann, Frau, irgendwas. Da siehst du schon, wie viel unser Ding mit Freiheit zu tun hat.“

Mit Purzelbäumen zu Ella Fitzgerald und Barack Obama

Sie versucht, die Tanzhelden nachzuahmen. Handstandüberschlag, Purzelbaum: Alles Mögliche probiert das Kind im Rinnstein aus. „Oft blieben die Leute stehen, warfen Münzen hin.“ Die Mutter freut sich genauso darüber wie das Kind. Eines Tages fällt das Mädchen dem Chef des Savoy-Tanzensembles auf, einem Mann namens Herbert „Whitey“ White. Er heuert die 12-Jährige an. „Von da an wusste ich, dass ich nie mehr etwas anderes tun würde als Tanzen, dass es mich da rausbringen würde.“ Schon bald ist sie tatsächlich eine kleine Berühmtheit im Viertel. Mit ihrem abgedrehten Gossenkindereinfluss kreieren die Savoy Dancers einen ganz neuen Stil. Sie nennen ihn Lindy Hop, nach Charles Lindbergh, der 1927 als erster Mensch den Atlantik mit einem Flugzeug überquerte.

Miller freundet sich mit Ella Fitzgerald an, gehört bald zur Count-Basie-Clique, gewinnt Louis Armstrong als Kumpel. Ihr engster Vertrauter wird der Tänzer Frankie Manning, ein junger Mann mit ähnlicher Herkunft und Geschichte. Gemeinsam touren sie quer durch die Staaten, durch Südamerika und durch die nazifreien Zonen Europas. Ein paar rauschhafte, körperlich zehrende Jahre lang kommt sie so viel und so weit herum wie sonst nur die großen Hollywood-Stars. Bis der Zweite Weltkrieg beginnt. Zuerst werden die jungen, kräftigen Männer aus der Unterschicht zum US-Militär eingezogen. Auch die „Whitey“-Tänzer müssen einrücken. „Was sollten wir Lindy-Frauen ohne unsere Partner anfangen? Das war praktisch unser Ende.“ Längst tanzen nun auch Weiße zum Swing in seiner weichgespülten Form. Glenn Miller spielt sich nach vorn, der Swing wird zum Freizeitvergnügen der Eliten – und Norma tanzt den Lindy Hop, ihren Tanz, 1942 zum vorläufig letzten Mal.

Es folgen Jahre, in denen sie sich durchschlägt, mit Engagements auf Zeit, Jobs hier und da. Sie wohnt mal in Las Vegas, mal in Kalifornien. 1982, im Alter von 63, kehrt sie erst einmal „zurück nach New York und zu Mama, gesund, aber ohne Sex, immer noch Single und komplett pleite“. Heute lebt sie in Florida, „mit einer kleinen Katzenfamilie und einem Haufen guter Freunde“. Und sie genießt es, dass die Aufmerksamkeit für sie langsam, aber stetig wieder wächst. „Seit ich die 80 überschritten habe, brummt es wieder.“ Tatsächlich wechseln sich seit den frühen 2000er Jahren die Retrowellen praktisch jährlich ab, auch vermittelt durch das Internet und dessen riesigen Sound- und Bilderpool. 2002 wird Miller gebeten, eine Gedenkplakette an der Stelle zu enthüllen, an der einst der Savoy stand. Kurz darauf wird sie mit dem National Heritage Fellowship für ihre kulturelle Lebensleistung geehrt. 2008 ist sie als Ehrengast zur Vereidigung von Barack Obama geladen.

„Wir haben einen schwarzen Präsidenten! Genau darum ging es, die ganze Zeit!“, sagt sie. Eine böse Ironie der Wirklichkeit, dass ausgerechnet Obama nun hart an den Sozialsystemen säbeln muss. Die mehrheitlich weiße US-Oberschicht sitzt ihm im Nacken, eine Klasse, die ihre Reichtümer nicht mit denen „unten“ teilen mag. Und das „Unten“ trägt in den USA noch immer auffallend oft eine tendenziell dunkle Hautfarbe. Aber Norma winkt ab, sie fürchtet sich nicht vor der Tea Party: „Von allem Bullshit, den es je gegeben hat, ist der Rassismus der größte. Aber eigentlich … sind diese Idioten doch abgemeldet. Die mucken jetzt noch mal auf, aber die haben keine Chance mehr. Die Leute haben alle schon zu weit gedacht, sie haben schon zu viel von der Freiheit gesehen. Sie haben zu viel Lindy getanzt! Das kann man nicht mehr zurückdrehen.“