Theatermacher Matthias von Hartz – eine Begegnung

Erschienen im August 2012 im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Unscharfe Schärfe

Er gilt als eine der „linken“ Hoffnungen des deutschen Theaters – und findet diese Einordnung sowohl angemessen, als auch dämlich. Beim Kampnagel-Sommerfestival in Hamburg lässt er jetzt wieder Waisenkinder, Arbeitslose und echte Griechen auftreten. Eine Begegnung mit Matthias von Hartz, der 2013 nach Berlin wechselt – und manchmal den „Streichelzoo“ der alten Bundesrepublik vermisst

Matthias von Hartz hat nicht nur einen irre schillernden Nachnamen, wenn man lange genug darüber nachdenkt; er besitzt auch ein furchtbar neues Mobiltelefon. Es ist eines dieser kühl glänzenden Fetischgeräte, die neuerdings mit ihren Besitzern sprechen. „Das Ding sagt, es kann mich nicht um fünf Uhr an meine E-Mails erinnern, weil dieser Zeitpunkt in der Vergangenheit liegt. Also schlug ich siebzehn Uhr vor. Es hat geantwortet: ,Ja. Ich werde dich um sieb-zehn Uhr erinnern.‘“ Das findet er interessant und witzig – wie der neue Apparat ihn gleich mal umerziehen will, in sprachlicher und zeitrechnerischer Hinsicht. Im Grunde ist es ja der Kapitalismus selbst, der da zu ihm spricht, mit digitalisiert verschnupfter Frauenstimme. Aber von Hartz braucht das Ding. Es ist sein wichtigstes Arbeitsgerät. Zurzeit spricht er ja wieder mit gefühlt zehntausend Menschen jeden Tag.

Soeben ist das große Internationale Sommerfestival in der Kulturfabrik Kampnagel in Hamburg gestartet, schon im fünften Jahr, inzwischen weltweit beachtet. Es ist seine Erfindung, sein Format. Dutzende Konzeptkünstler, Tanz-, Theater- und Performance-Gruppen aus zig Ländern hat er wieder für einige Wochen eingeladen, auf das Gelände einer früheren Kranfabrik. „Wachstum“ lautet diesmal der Kampf- und Arbeitsbegriff. Zum Auftakt am Donnerstag hat der ungarische Regisseur Árpád Schilling das Stück „Die Priesterin“ gezeigt. „Die Priesterin“ ist eine junge Frau aus der Großstadt Budapest, die tief in die Provinz zieht, um dort Theaterkurse für die vom Globalisierungsstrom abgehängten Dorfbewohner zu geben – und erst mal auf harte Ablehnung stößt. Ganz reale Dorfbewohner sind in Videos dazu geschaltet.

Ein typisches „Von-Hartz-Stück“, könnte man sagen. „Dokumentartheater“ nennt er so etwas. Immer gehe es ihm als Kurator um gesellschaftliche „Diskurse“. Von Hartz hat nicht nur Theater-Regie, sondern auch Ökonomie studiert, und dass er ein ernsthafter Kulturmensch mit einem dringenden Anliegen ist, merkt man schon daran, dass er alle anderthalb Minuten ziemlich sperrige Wörter in den Mund nimmt. Es klingt dann so: „Wohlstand ist nicht nur ein materieller Faktor, sondern auch die Möglichkeit, an der Gesellschaft teilzunehmen. Das ist mir wichtig: Dass die Institutionen, in denen ich arbeite, Räume sind, in denen solche Fragen verhandelt werden.“

Kein augenzwinkerndes Staatstheater gibt es bei ihm zu sehen, keine Klassiker-Koketterie, keinen Wagner-Flirt. Stattdessen stehen lange Theorie-Nächte auf dem Festival-Programm, die harte Schule; außerdem sorgsam ausgewählte Konzerte, von der genderkritischen Pop-Heldin Santigold bis zur Intellektuellen-Band FSK um den Schriftsteller Thomas Meinecke. Vor allem kommen bei von Hartz wirkliche Waisenkinder, authentische Arbeitslose und afrikanische Hochsee-Piraten zu Wort, in diesem Sommer auch radikal reale Griechen – sehr oft Menschen, die vom jeweils verhandelten Thema ganz unmittelbar berichten.

Auch das Schwabinggrad Ballett ist dabei, eine Hamburger Politkunst-Gruppe, die kürzlich Athen besucht hat. Eine der spektakulärsten Schwabinggrad-Aktionen rund um den berühmten Syntagma-Platz: die deutsche Botschaft mit einem hart gekochten Ei zu bewerfen – sich polizeilich verhören zu lassen und sich dabei als Deutsche zu enttarnen – und den herbei geeilten internationalen TV-Teams Interviews dazu zu geben. Beim Kampnagel-Festival veranstaltet die Truppe jetzt ein mehrtägiges öffentliches Versammlungs-Camp. „Da wird von Initiativen und Aktionen in Athen berichtet, von den Menschen dort. In den Nachrichten sehen wir ja immer nur Bilder von der Politikerkaste oder von spektakulär brennenden Barrikaden.“ Den Schwabinggrad-Leuten gehe es, genau wie ihm selbst, „immer auch um die Erprobung neuer politischer Formen“, sagt von Hartz.

Er sei eher Aktivist als Regisseur, eher Agitator als Kurator, heißt es über den 42Jährigen, der vor rund zehn Jahren mit der Aktions- und Performancereihe „Go create resitance“ am Hamburger Schauspielhaus bekannt wurde. Als chronischen „Widersprecher“ hat ihn ein Kritiker mal beschrieben. Als „die Zukunft der Kulturlinken“ bezeichnete ihn ein anderer. „Hartz tanzt mit dem System. Er produziert linke Politkunst und finanziert sich übers Innenministerium“, mäkelte wieder ein anderer.

„Das Wort ,Kulturlinke‘ kommentiere ich ganz bestimmt nicht“, sagt der Verhandelte und nimmt, im Hof-Café der Kulturfabrik, einen Schluck aus einem Glas Cola, mit vollem Zuckergehalt, kein Zero-, light- oder Bio-Effekt ist im Spiel. „Ich sehe mich durchaus als links, das stimmt schon. Auch wenn es irgendwie … dämlich klingt.“

Die Frage, um die nicht nur von Hartz kreist, sondern viele Kulturschaffende aus der Post-Post-Grass-Generation, lautet im Kern ja: Wie kann man in diesen merkwürdig zähen Zeiten überhaupt einen gescheiten Beitrag leisten, etwas Erhellendes, Aufrüttelndes, Erfrischendes produzieren, wenigstens einen Funken von Erkenntnisgewinn oder Utopie in die Ratlosigkeit schießen? Wie kann man heute eine irgendwie „politische“ Kunst herstellen – ohne zu predigen, ohne moralinsauer oder banal, überheblich oder langweilig zu sein, und vor allem: ohne immer wieder dasselbe zu sagen, was alle anderen ja längst genauso sehen, von Horst Seehofer über Bushido bis Sarah Wagenknecht – dass es nämlich so nicht mehr weitergehen kann. Wie wäre es also möglich, sich durchaus als dezidiert „linker“ Künstler zu begreifen, ohne selber darüber lachen zu müssen oder aus Verzweiflung Ingo Schulze nachzuspielen? „Hm. Ja. Darum geht es. Wahrscheinlich. Unter anderem“, sagt von Hartz. „Das Schlimme am Theater ist ja: Man erreicht vielleicht drei Prozent. Von der Gesamtbevölkerung. Höchstens. Ich hatte nie die Illusion, dass die Leute von der Straße, diejenigen, die außerhalb des Bildungsmilieus stehen, massenhaft zu den Veranstaltungen kommen. Auch wenn ich mich die ganze Zeit genau darum bemühe: die Institutionen zu öffnen.“

Geboren ist er in Augsburg, zwei Jahre nach 1968, in einem der berühmt-berüchtigten „Generation Golf“-Jahrgänge. Und wie so viele Menschen dieser westdeutschen Kohorte kennt er den sozialpädagogischen Vorwurf, ein verwöhntes „Konsumkid“ zu sein, Angehöriger der feistesten „Heiapopeia-Jugend“, die es je gegeben hat. Menschen aus seiner Altersgruppe stehen dem traditionellen Polit-Vokabular oft skeptisch gegenüber, zu recht. Nun, mit Um-die-40, sind ebendiese Menschen dabei, die Kultur, die Politik, das Gemeinwesen aktiv mitzugestalten – die Institutionen zu invadieren. Matthias von Hartz ist jedenfalls auch Teil einer zutiefst westdeutschen Generation, des letzten Aufgebots an Humankapital, das die alte Bundesrepublik noch ausgestoßen hat.

Bei ihm klingt das so: „Ich kenne einfach noch die alten Verhältnisse. Ich bin in einem System aufgewachsen, das sich soziale Marktwirtschaft nannte. Vieles daran fand ich gut, zum Beispiel dass Bildung für jeden erst mal frei zugänglich war, ohne Gebühren. Als ich in den 90er Jahren nach England zum Studieren ging, stellte ich fest: Ach Du Scheiße, das Leben ist hier viel härter für die Leute. Damals hätte ich nie gedacht, dass es bei uns so schnell in dieselbe Richtung gehen würde.“

Also bedeutet „links“ sein heute automatisch auch, irgendwie „konservativ“ zu sein? „Ha“, sagt er und lächelt und denkt etwas länger nach. „Ich reise ja viel, und wenn ich in so genannte Schwellenländer komme, denke ich immer: ,Ja, ich komme aus dem Streichelzoo.‘ Und ich fand es eigentlich immer ganz gut im Streichelzoo. Ich finde es zum Beispiel sehr gut, dass Behinderte hier nicht auf der Straße betteln müssen. Wenn ,konservativ‘ meint, dass man solche Dinge verteidigen, dass man den Ab- und Rückbau der Solidarität verhindern möchte, dann bin ich ein Konservativer.“

Das „Wachstums“-Festival ist seine Abschiedsarbeit in Hamburg – der größten Stadt des alten Westdeutschland, der Stadt, in der die SPD seit kurzem wieder in Alleinherrschaft regiert, in der die höchste Millionärsdichte Deutschlands herrscht und in der die alten Häuserkämpfe über all die Jahre nie zur Ruhe gekommen sind. Im Herbst wird von Hartz – wie ja immer alle und von überall – nach Berlin gehen. Dort übernimmt er 2013 die Leitung der Reihe Foreign Affairs bei den Berliner Festspielen.

„In Berlin muss man früher oder später Englisch sprechen, sonst kommt man nicht durch, schon gar nicht im Kulturbetrieb. In Hamburg ist das noch nicht so. Das hat sicher etwas mit der hiesigen Provinzialität zu tun. Aber auch mit dem neurotischen Charakter von Berlin.“ Tendenziell spreche er aber gern Englisch. Das „Internationale“ sei in jedem Fall seine Sache, sagt von Hartz, während der Notenbankrat, die EZB, Mario Draghi, Angela Merkel oder wer auch immer sich gerade hinter verschlossenen Türen berät.

In Hamburg können die Festival-Besucher jetzt erst mal über alternative Währungsmodelle diskutieren oder bei einem Massen-Karaoke mit Live-Orchester mitsingen. Ob schlecht gelaunte Kultur-Journalisten ihm auch in diesem Jahr einen „Volkshochschul“-Ansatz vorwerfen? „Es gab sogar welche, die haben mich des ,Hipness-Hypes‘ verdächtigt. Aber das halte ich aus. Das ist mir Wurscht. Da heiligt der Zweck die Mittel“, sagt von Hartz – stockt – und fügt hinzu: „Das wäre ja eigentlich auch mal eine interessante Frage, was ,der Zweck‘ überhaupt ist.“ Ja – tatsächlich eine interessante Frage. Er beantwortet sie so: „Der Zweck ist: Die Popularisierung von radikalen Positionen. Sowohl ästhetisch als auch inhaltlich.“

Für einige ungewöhnlich lange Sekunden hängt der Satz so über dem Café-Tisch, in der Hamburger Sommersonne, die es entgegen allen Gerüchten tatsächlich gibt. Dann sagt von Hartz: „Naja. Manchmal komme ich nicht umhin, etwas unscharf zu sein.“ Weil er genau solche Sätze sagt, ohne sich dafür zu entschuldigen, kann man ihm ja vielleicht trauen.