Werte FreundInnen des Hauses,

einen zauberhaften Ausklang des alten Jahres und einen ermutigenden Einstieg ins neue wünsche ich Ihnen!

Und mir auch!

Für die kommenden 12 Monate habe ich mir nun etwas vorgenommen – nennen wir es ein Projekt.

Darauf freue ich mich sehr. Und werde deswegen hier in diesem, äh, Internet voraussichtlich etwas kürzer treten.

Aber vorher lasse ich Ihnen noch etwas hier.

Voraus- und zurückdenken – zurück und voraus. Hm.

Nun war ja die “Identität” in diesem auslaufenden Jahr eine auffällig häufig verwendete Vokabel – im guten wie im schlechten, leider auch im ganz üblen Sinne.

Und jetzt sorgen auf den letzten Metern des 2018 in Frankreich, inzwischen auch in Belgien, die “Gelbwesten” (sie wirken bislang ja noch reichlich disparat – sind das jetzt die hiesigen “99 Percent”?) für Aufruhr – während sich im deutschsprachigen Raum sogenannte “Identitäre” (und Sahra Wagenknecht) an die Welle anhängen. Ich stehe dieser Bewegung bis auf Weiteres mit solider Skepsis gegenüber.

Was sich derweil in Großbritannien zusammenbraut, rund um die britische angebliche “Identität”, rund um den katastrophalen Brexit-Schmus, ist ja auch kaum zu fassen. (Ob Theresa Mays Regierung morgen, bei der Unterhaus-Abstimmng, endgültig zerbricht? Und dann?)

“Gelbe Westen” und “UK”: StammleserInnen wissen vielleicht, dass ich dem United Kingdom ein paar Dinge zu verdanken habe, etwa das Erwachsenwerden, damals, 1990/91, als ich als illegal beschäftigte Tomaten-Käse-Sandwich-Serviererin für 2,50 Pfund die Stunde bar auf die Hand in einem schmierigen Café nahe Ludgate Circus in London arbeitete und in Dalston Junction, Hackney, London E8 in einer WG mit zwei nigerianischen angehenden Grundschullehrerinnen wohnte – zu einer Zeit, in der es noch hieß, dass Weiße, zumal wenn sie weiblich und zierlich sind, sich in jenem Viertel besser nicht im Dunkeln aufhalten – “Hackney is shite!”, raunte mir die ansonsten eigentlich ganz sympathische Niedriglohn-Belegschaft im Café immer wieder zu, ich solle mir schnell anderswo ein Zimmer suchen.

Wie gut, dass die junge Frau, die ich einmal war, nie auf AngstmacherInnen gehört hat! Wie gut, dass sie grundsätzlich immer erstmal lieber selber schauen wollte und sich entsprechend andere LehrerInnen gesucht hat! – sage ich heute.

Was ich ebenfalls aus meiner jungerwachsenen super-low-income-Zeit in Großbritannien mitgenommen habe: den Northern Soul.

„Soul is working class music“, erklärte mir damals, in einem Grenfell-Tower-artigen Hochaus-Buben-Zimmer, ein junger arbeitsloser Mann namens Ian. Er war ebenso weiß wie ich – aber beide erwärmten wir uns für diese schwarze Musik – “die zwar viel vom universellen Thema Liebe erzählt, aber immer wieder auch von den großen working-class-Themen, von fiesen Bossen, miesen Vermietern und dem leidigen Geld”, wie es in diesem Auszug aus den RASENDEN RUINEN bei Spiegelonline heißt.

Zwei weitere Texte zum Northern Soul finden sich in unserem Archiv (StammleserInnen kennen sie bestimmt schon auswendig) – sie erklären (vielleicht), wie es zu diesem Akt der kulturellen Aneignung kommen konnte – warum heute also vor allem weiße ProletarierInnen und mehr oder minder prekäre MittelschichtlerInnen (speziell in UK) dieser alten Musik afro-amerikanischer KünstlerInnen treu sind. (Hier einige Impressionen der schwarzen US-amerikanischen Ursprünge des ganzen.) Beide Texte behandeln jedenfalls die proletarische Grundvibration dieses Sounds – und sie beschreiben das Northern-Soul-typische Tanzen als ein Moment von Euphorie im Alltag: zum einen der Text Singles, Schweiß und Pirouetten (2009 für den Rolling Stone geschrieben), zum anderen ein “A-Z Northern Soul” (2017 für den Freitag).

Wenn ich nun all das zusammennehme, beim Zurück- und Vorausdenken, den Sound, das Gefühl, das auf ewig leidige Thema Geld, die BritInnen, die Arbeit, die verfluchte sogenannte Identität – dann komme ich erneut auf ihn zurück, auf den Northern Soul. Gut über 30 Jahre hält nun unsere Verbindung, wir sind uns sowohl seelisch, als auch körperlich nah – und in all der Zeit gab es nicht eine Minute in der er mir fad oder überflüssig wurde. Fast möchte ich sagen: Diese Musik hat einen bestimmten Rhythmus – dieser Rhythmus ist auch ein Gestus – dieser Gestus umreißt womöglich auch etwas wie eine Haltung, eine attitude, einen approach dem Leben, auch den Unbillen des Lebens, gegenüber – und insgesamt möchte ich diese Musik mittlerweile also nicht nur als, nunja, identitätsstiftend, sondern auch als ❤️ the love of my life ❤️ bezeichnen. (Ja, ich komme jetzt in die Jahre, in denen man solche Überlegungen anstellt, hihi.)

Was es mit dem spezifischen, eben sehr britisch geprägten Northern-Soul-Tanzen auf sich hat, sehen Sie etwa hier:

damals, in den 1970ern, im Original, in abgerockten Ballsälen in nordenglischen Industriegegenden, wie hier im legendären Wigan Casino

heute, in den 2010ern, von hochenergetischen jungen Leuten in Bolton im Großraum Manchester betrieben

glamourös im Video zu “Familiar Feeling” von Moloko, 2003, mit der extrem stilsicheren Roisin Murphy, die sich ab 2:00 dem dancefloor nähert und ab 2:40 dann voll dabei ist.

beim Gemüseschnippeln in der Reihenhausküche, wie dieses sympathische Paar es praktiziert

mit Schutzhelm, wie dieser Bahnarbeiter es vorführt (man hat erst 15 Sekunden freie Sicht auf die Pressspahnwand des Bahnarbeiterpausenraums, dann tanzt er duch die Tür)

im Spanienurlaub bei blitzblauem Himmel, mit leuchtendem Strahlen auf dem Gesicht und inmitten von Industrieruinen

auf der Straße, wie dieser markant aufgemachte, ganz und gar sonnig wirkende Soul-Skinhead in Blackpool es tut (wer weiß, auf welcher Brexit-Seite er nun steht, es gab und gibt in UK auch in jener Subkultur solche und solche. Allerdings wohl doch überwiegend solche, fürchte ich ….)

jetzt, vor drei Tagen erst, im eiskalten Dezembergarten, wie diese beiden total reizenden jungen Frauen es gerade ins Netz gestellt haben.

Nun habe ich nicht gezählt, wie viele, äh, schreibende Frauen im Alter von 48einhalb Jahren es, global gesehen, gibt, die vor ihrer Bücherwand zu Northern-Soul-Musik tanzen und das ebenfalls filmen und in die Öffentlichkeit stellen.

Anyway – I’m one of them!

Und so hänge ich hier unten nun – als member of the crowd (denn das ist der Mensch ja immer: Teil einer Masse und gar nicht sonderlich viel mehr) – ein rund 3-minütiges Video hin – absichtlich verpixelt, es kommt ja nur auf die Bewegungen an – immerhin mit zweieinhalb schüchternen Kurzpirouetten (!) – und einem Close-up auf die Beinarbeit (!).

(((Die Scheibe, die da läuft, ist ein klassisches Motown-Stück im typisch treibenden Northern-Beat: “Uptight” in der Version von Stevie Wonder, 1966. Link zum Songtext.)))

Warum nur diese Aufführung – warum?
Weil mir danach ist!
Sometimes it’s THAT simple.
❤️ ❤️ ❤️

Get the feeling and groove along!, rufe ich Ihnen zu – mit der Kraft aller mir zur Verfügung stehenden Identität – und in aller Herzlichkeit.

Und so verbleibe ich, auch im obigen Sinne und auch im kommenden Jahr, immer die Ihre:

Ihre Kopf- und Beinarbeiterin KK

December 10, 2018