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On – off. In – out. Nun war ich ja gerade unterwegs, auf einer kleinen West-Germany-Tour. Und habe das Nachhausekommen diesmal so überdeutlich und überklar wahrgenommen, dass ich gerade ganz darin aufgegangen bin und den Wieder-Erst-Kontakt-Moment mit dem Eigenen, grob nach dem Prinzip At home (s)he’s a tourist, auch fotografisch dokumentieren musste – ich rauschte sozusagen noch im Schau-und-Staun-Modus heim in mein Palais. Und will an dieser Stelle also einmal sagen: Zuhause ist es zwar nicht unbedingt am schönsten, wie es so heißt. Andererseits … vielleicht aber eben doch.

Es ist ja so: Unterwegs hört man, wenn es gut läuft, ja meist viele, sehr viele Geschichten, sieht einiges und erlebt als Besucherin für Momente so manches mit. Ich finde das super und gehe auch darin, im Unterwegssein, auf, da schmeiße ich mich immer voll hinein, mit Lust. Die Freundinnen und Freunde, die ich jetzt traf und von denen ich einige schon sehr lange nicht mehr gesehen hatte, und ich, wir erzählten uns in großzügigen Zusammenfassungen, was gerade so los ist, wie es so aussieht, im je eigenen Dasein. Wir tauschten uns also aus, wie Menschen so leben. Und die Lesung in Oberhausen, der Kontakt mit so vielen freundlichen Fremden. Und die Menschen in den Zugabteilen und an den Bahnhöfen, in den Fußgängerzonen und Lokalen. Das wird ja alles aufgesogen, sozusagen, wird gesammelt, erst einmal lose eingepackt und mitgenommen. Es gefällt mir so sehr, draußen und in der Welt zu sein.

Aber es gefällt mir auch mindestens so sehr, den Radius für ein Weilchen dann wieder auf eine ganz kleine, vertraute Überschaubarkeit einschnurren zu lassen. Schauen, machen, erleben – sitzen, denken, prozessieren. Anders als in diesem Wechsel geht es (für mich) gar nicht, und vermutlich ist es für die meisten Menschen so, jaja, es ist schon banal jetzt, das gebe ich zu, aber man wird es ja wohl noch mal sagen dürfen: Dass Trubel und Ruhe beide ungeheuer wichtig sind für ein angenehmes Dasein, dass beides sich (und einen als Mensch) befruchtet. Jedenfalls bin ich sehr gern mittendrin – und wirklich sehr gern dann auch mal weg, nicht anruf- oder verabredbar, sondern radikal solitär für ein Häppchen Zeit, hie & da.

(Letzteres war jetzt extra angenehm, weil es, just als ich wieder heimkehrte, draußen noch einmal diese letzte fiese Winterwoge gab, mit Schnee in weiten Teilen des Landes und Eiseswind auch in Berlin, umso lustvoller habe ich mich also für vier, fünf verbliebene freie Tage zu Hause verkrochen. Bevor ich mich übermorgen dann wieder hinein werfe – in den Redaktionsalltag bei der Zeitung, in die nächste Schicht, in Werktage voller Palaver, Aufregung, sozialer Situationen, 10-11 Stunden am Tag. Auch das: sehr geschätzt von mir. Der Kontrast zwischen dem Werkeln, dem Quatschmachen, den Unternehmungen mit und unter Menschen – und dem Denken, Sitzen und Schreiben in solitude. Ich möchte mich niemals für eines allein entscheiden müssen, ich möchte für immer und ewig beides, bitteschön, dankeschön.)

Oben sehen Sie einen Zettel, er liegt auf meinem Bett. Auf den Zettel habe ich über die vergangenen Wochen ein paar Stichwörter notiert, sozusagen: Ideen rund um das Thema X. Immer mal hier eine, und da was, und dann ergibt sich plötzlich, wiederum ein paar Tage später, noch eine Ergänzung, ein weiterer Einwort-Gedanke, so dass sich der Zettel füllt (hier in diesem Fall jetzt zwischen Ende Januar und Mitte März), und dabei nicht unbedingt übersichtlicher wird, aber eben: voller, reicher – vibrierender. Bis die Sache reif für den ersten Aufschreibversuch ist. So sieht’s aus. Der Zettel wartete auf mich, während ich unterwegs war.

Und so ist es, wenn man nach ein paar Tagen die Wohnungstür wieder aufschließt und durch den Flur lugt, Sie kennen es bestimmt, bei Ihnen wird es ähnlich sein: dieser ultrakurze Moment des Fremdelns mit dem Eigenen. Aha – so wohne ich also. Was würde ich über jemanden denken, der so wohnt? Und überhaupt: Alles noch da?

Musik, ich lege als allererstes dann immer eine Platte auf, noch vor dem Kofferauspacken, einen Homecoming-Soundtrack. Aktuell etwas ganz Beschwingtes, einen geliebten Klassiker (das Vibraphon, das Vibraphon!):

Hunger, man hat ja oft Hunger, nach so einer Reise, und hat solange nicht mehr selbst etwas zubereitet, sondern tagelang fremdgegessen, also wird gleich irgendetwas mit Vitaminen zurechtgeschnippelt …

… und etwas Einfaches in den Backofen geschoben (“Ich kann gut Kurzgebratenes. Und Aufläufe!”, sagen Menschen, deren Talente andernorts liegen als in der Küche, aber ach: Hauptsache es ist warm und schmeckt dann nach irgendwas, n’est-ce pas?, nicht wirklich gut, aber auch nicht gerade ungenießbar, so ist es halt, ich werde es in diesem Leben nicht mehr anders hinkriegen, denke ich.)

Während der Backofen backt und die Musik läuft und der Koffer nach und nach ausgepackt wird und es draußen windet, kann man, zur Feier des Moments, ja ruhig an einem Gläschen Wein nippen …

… und kann ganz leicht und praktisch glücklich durch die Wohnung tänzeln … zum Beispiel eben zu Lionel Hampton … und kann quasi-konzentrische, immer enger werdende Kreise ziehen …

… um das Prachtstück, das geliebte, um eines der drei wichtigsten Möbelstücke überhaupt: das Bett. An dessen Seite was genau treu auf einen gewartet hat? Bücher. Logo.

Bett! Bed! Lit! Letto! מיטה! Seng! Embhedeni! кровать! Cama! κρεβάτι! Nivîn! Lectulo! Lůžko! Lito! Giường! ベッド! легло! Säng! Sänky! Kabann! Shtrat! Voodi! Kitanda! Karavot!

Und ich sag’ Ihnen, was das Allerbeste ist:

Demnächst kommt jetzt auch der Frühling.
Jetzt: wirklich!

Ach, alles ganz wunderbar.
Immer die Ihre: KK

March 17, 2018