Salut,

heute gehen wir gleich in medias res.

1.) Wiederentdeckung: HEINRICH HEINE

Oben sehen Sie besagten Mann auf einem Ölgemälde von Moritz Daniel Oppenheim aus dem Jahr 1831. Heinrich Heine tauschte die (deutsche) Romantik gegen die (kosmopolitische) Ironie – deswegen ist er ein Freund und Lehrer. Ich besann mich vor einigen Tagen wieder einmal auf Heine, im Zusammenhang mit einer aktuellen (Feuilleton-)Diskussion über, nun ja, die deutsche Romantik, vielmehr: über die deutsche Romantik und das Hier, Heute & Jetzt, eine Diskussion, die mein aktuelles politisches Unwohlsein, meine zunehmende politische Unruhe, ja, meine Befürchtungen, nochmals ein wenig verstärkt hat. Ausführen mag ich das hier jetzt nicht, auch aus Zeitgründen, darum also lediglich der freundliche und ohnehin stets gültige Tipp: Kurz mal wieder im Heine geblättert, seinen Lästereien nachgelauscht – und man ist, jedenfalls in (deutsch)romantischer Hinsicht, sofort wieder ganz erfrischt, doch doch.

2.) Die Architektin  MARGARETE SCHÜTTE-LIHOTZKY (1897-2000)

Wohnen als (auch) Soziologisches – Möbel als quasi-Politisches: Das interessiert mich, ist sozusagen ein Hobby von mir. Räume. Höhen, Tiefen, Licht. Ästhetik, Stil. Funktionalität, Ornament. Ich sag’ mal: Anthropologie und so weiter. Ich sage: angewandte Soziologie. In Phasen finde ich das unterhaltsam, dann blättere ich Entsprechendes durch oder schaue mir Entsprechendes an, einfach nur so, ohne direkten Verwertungsgedanken, zur freiwilligen, bloß privatinteressegeleiteten Fortbildung. Wie hier jetzt gerade dieses Buch und diese DvD:

Über den Deutschen Werkbund wusste ich freilich vorher schon etliches, auch den Namen Margarete Schütte-Lihotzky kannte ich, sie war mutmaßlich die erste Frau, die in Österreich jemals Architektur studierte und dann auch in jenem Beruf arbeitete. Sie entwarf in den 1920er Jahren die Frankfurter Küche, die erste Einbauküche, wenn man so will, zuerst für einen Wohntypus namens Frankfurter Kleinstwohnung.

So sah Schütte-Lihotzky als junge Avantgarde-Architektin aus:

Und so ist sie in einem Interview in ihren 80ern zu sehen (auch dies ein Still aus der DvD-Dokumentation, von meinem alten Null-HD-TV-Gerät abfotografiert):

Es ist jedenfalls recht interessant, was Schütte-Lihotzky und ihre früheren Werkbund-Kollegen so alles erzählen, aus welchem Geist, mit welch radikaler Intellektualität sie an Designfragen herangingen. In der Architectural Review kann man auch etwas über sie lesen, in Wien gibt es offenbar einen Schütte-Lihotzky-Raum zu besichtigen und hier scheint man eine Original-Frankfurter-Küche von 1926 für 22.000 Euro kaufen zu können – hui – sehr schick. Leider aber leicht über meinem Budget. Zumal ich ohnehin nicht sonderlich gut und ausgedehnt zu kochen pflege (was ich oft bedauere!), es wäre also Verschwendung.

3.) 3 geschätzte Schriftstellerinnen

Falls Sie die folgenden drei Bücher bzw. Autorinnrn noch nicht kennen: uneingeschränkte Leseempfehlung meinerseits, zum Erst- oder Wiederentdecken. Aus Zeitmangel hier nur ganz auf die Schnelle, aber mit Soundproben – von rechts nach links.

Lucia Berlin: WAS WIRST DU TUN, WENN DU GEHST. Stories (Arche Verlag)

Lucia Berlin (1936-2004) hieß wirklich so, sie war eine Bergarbeitertochter, die später zur Schriftstellerin wurde – aber Zeit ihres Lebens eher verstreut hier und da mal etwas veröffentlichte, Kurzgeschichten vor allem, etwa im Magazin The Atlantic, nie ein großes Hauptwerk. Sie hatte gelegentlich Jobs als Literaturdozentin, aber immer wieder auch als Reinigungskraft, Krankenpflegerin oder Telefonistin, sie trank (zu) viel und zog ihre vier Kinder weitgehend alleine groß. Erst vor Kurzem wurde sie in den USA wiederentdeckt (und gefeiert) – 2016 hat der Zürcher Arche Verlag eine Sammlung ihrer Geschichten auf Deutsch aufgelegt, ausgewählt und übersetzt von Antje Rávic-Strubel. Jenen ersten dicken Band, Was ich sonst noch verpasst habe, erwähnte ich hier im alten Blog schon.

Jetzt las ich, nicht minder begeistert, den deutlich schmaleren Nachfolge-Band Was wirst du tun, wenn du gehst. Für die taz hat Klaus Bittermann den Band rezensiert: Rosen, Brandy, vier Flugtickets heißt der Zeitungstext.

O-Ton-Probe Lucia Berlin:

Jeden Sonntag liest Henrietta die rosa Seiten. Zuerst das Horoskop, immer auf Seite 16, das ist die Gewohnheit der Zeitung. Gewöhnlich haben die Sterne flotte Sachen über Henrietta zu sagen. “Vollmond, sexy Skorpion, du weißt, was das bedeutet! Mach dich darauf gefasst, dass es knistert!” An Sonntagen, nach dem Saubermachen und dem Bügeln, bereitet Henrietta sich etwas Besonderes zum Abendessen zu. Gebratenes Stubenküken. Instant-Füllung und fertige Cranberrysoße. Erbsen in Sahne. Und zum Nachtisch einen Schokoriegel.

Heike Geißler: SAISONARBEIT (Spector Books)

Heike Geißlers Buch SAISONARBEIT erschien schon 2014, im kleinen Leipziger Verlag Spector Books, der das Buch auf seiner Website in englischer Sprache bewirbt, doch der Text, die Prosa ist deutsch – und ungeheuer faszinierend. Erst im jetzigen Winter, mit großer Verspätung, las ich also endlich diesen Band, von dem ich bis dato einiges gehört hatte, und diese SAISONARBEIT ist defintiv eines meiner Lieblingsbücher der Saison.

Heike Geißler erzählt darin, hochstilisiert, auf ziemlich eigenwillige, keineswegs aber überkandidelte, sondern komplett einleuchtende Art literarisiert – also höchst gelungen – von einer temporären Aushilfsarbeitszeit in einem Leipziger Großlager von Amazon. Es ist sozusagen ein In Between-Buch (wie ich es hier mal formulierte kürzlich), literary non-fiction, oder non-fictional literature – wie auch immer: Literatur. Eine ziemlich starke, wie ich finde.

Heike Geißlers ersten Roman, Rosa von 2002 las ich damals, aber, hm, er sagte mir nicht viel, und bei einem der Umzüge habe ich ihn dann wohl aussortiert, ich fand ihn jetzt nicht mehr im Regal, kann es gerade nicht rücküberprüfen. Seit diesem Buch hier, seit dieser literarisierten Arbeitswelt-Reportage, steht Heike Geißler nun aber wieder auf meiner Leseliste.

Als Soundprobe die Titel der ersten drei Kapitel.

Als LeserIn wird man in diesem Buch durchgängig gesiezt:

Eins
Ein Job wird gebraucht und gefunden. Sie sind ganz grundsätzlich aus dem Häuschen. Und eventuell geht es um Leben und Tod.
Zwei
Sie besuchen eine Schulung oder sehen ein Stück. Noch ist niemandem zum Weinen oder Wüten zumute, aber keine Sorge, das kommt schon noch.
Drei
Sie wissen etwas über Beleidigungen und machen den Mund auf. Sie sind viel stärker als ich und reden noch nicht in Arbeitnehmersprache vor sich hin.

Ein guter Stoff, ein Wille, etwas zu sagen, eine tolle Form, ein sehr gutes Buch.

Anke Stelling: BODENTIEFE FENSTER. Roman (Verbrecher Verlag)

“Mit vierzig Jahren und als Mutter zweier Kinder ist aus (der Protagonistin Sandra) eine Art Kassandra vom Prenzlauer Berg geworden. Sie sieht, dass die Ideale der Elterngeneration im Alltag verloren gehen, auf dem Spielplatz versanden, im Plenum der Hausgemeinschaft ad absurdum geführt werden. Alles auszusprechen, ist offenbar keine Lösung, weggehen kann sie jedoch auch nicht, außerdem genießt sie ihre Privilegien” – so heißt es im Klappentext zu diesem verblüffenden Gegenwartsroman, der auch schon vor einer Weile erschienen ist (2015), den ich also ebenfalls mit großer Verspätung erst jetzt gelesen habe – und das sehr gern.

Einer der hochinteressanten Stränge in BODENTIEFE FENSTER ist tatsächlich das Thema Mutterschaft heute, mir gefällt, mich beschäftigt, wie Anke Stelling darüber schreibt. Etwa über das Verhältnis der Roman-Mutter Sandra zu Tochter Lina, die kurz vor der Pubertät steht:

Je älter sie wird, desto mehr ähnelt ihre Stimme meiner eigenen. “Halt dich raus und zieh dich fertig an.” Sie bedenkt mich mit einem Blick, den sie vor dem Spiegel geübt hat. Noch ein Jahr, höchstens zwei, dann wird sie endgültig alles, was ich sage, in Zweifel ziehen. Bis dahin muss ich wissen, was ich will und woran ich glaube. Von da an wird mir jeder Fehler und jede Widersprüchlichkeit gnadenlos vorgerechnet werden.

Oder vom Verhältnis der Ich-erzählenden Mutter zu ihrem Sohn im Kindergartenalter, der Bo heißt:

“Pscht!”, mache ich. Drinnen singen sie das Lied von den vier Jahreszeiten. Bo bleibt stehen und sieht mich an. “Als nächstes kommt der Herbst”, sagt er, mit erhobener Hand und seiner wichtigen Ich-weiß-was-Miene; ich kann ihn nicht leiden, wenn er so guckt.

Nur Menschen, die zugeben, dass sie nicht alle kleinen Kinder zu jeder Gelegenheit immer nur mögen, bringen es fertig, Kinder insgesamt wirklich zu schätzen – behaupte ich. Behauptet womöglich auch die Sandra aus dem Roman. Oder sogar Anke Stelling selbst. Sollten Sie als Frau hier und heute persönlich näher mit Bälgern zu tun haben: Das hier würde ich Ihnen zur Lektüre empfehlen, ganz eindeutig. Auch bei Anke Stelling gilt: ab sofort eine feste Größe auf meiner Leseliste.

4.) BONUSTRACK

Zur Not muss man den Frühling halt erzwingen.
Zur Not muss man wenigstens vor sich selbst schon mal so tun als ob.
Zur Not auch mit sowas:

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Das war’s für heute.
Immer die Ihre: KK

February 12, 2018