Was für eine Freude, was für eine Ehre. Das ECHTLEBEN hat nun wider Erwarten noch einmal einen großen Auftritt.

Am 9. März im Literaturhaus Oberhausen.

Es soll dann wirklich der letzte Auftritt damit sein.

Ich hätte gar nicht mehr damit gerechnet, dass es noch einmal eine solche Anfrage dazu geben würde.

Dass sich Menschen über all die Jahre so lebendig damit beschäftigt haben beziehungsweise immer noch darüber nachdenken oder daran hängen, berührt (und bestärkt) mich sehr – oh ja.

Und so möchte ich diesem Buch hier noch einmal ein paar Zeilen widmen – eher persönliche Zeilen, gewiss – es muss ja niemand lesen, den es nicht interessiert.

Bald sieben Jahre ist es her, dass es herauskam. Mein drittes von bislang vier Büchern. Eines, das ich damals mit klammen Fingern schrieb, sozusagen. In den Jahren 2010, als ich noch daran arbeitete, und 2011, als es erschien, war die Agenda 2010 gerade erst fünf Jahre installiert; der Lehman Crash, der rückblickend ja als ein Momentum, als eine Art Sinnbild für den entfesselten Finanzkapitalismus betrachtet wird, war gerade erst drei Jahre her. So wie meine eigene Zeit als, nun ja, Kundin beim Amt erst kurz zurück lag, als das Buch erschien. Auch das schnieke lateinische Wort Prekariat war damals noch einigermaßen frisch im Umlauf, machte sich im politischen Diskurs breit, plötzlich sollte nicht mehr von der Unterschicht gesprochen werden, weil das so hässlich klang – n’est-ce pas?

Ja, so in etwa war das, vor knapp einer Dekade. Man sprach nicht öffentlich über die eigene Zwangslage, wenn man in eine solche hineingeraten war, all die Panels, Podiumsdiskussionen und Outing-Geschichten, all die Geständnisse von SchauspielerInnen und anderen mittellosen sogenannten Kreativen wurden damals nicht so offen erzählt, wie es inzwischen der Fall ist. Von jener Zeit also handelt das ECHTLEBEN. Ich erzähle darin u.a. ganz explizit davon, wie es ist, wenn man mit der Agentur zu tun hat, mit einer Betreuung von Staats wegen, Hunderttausend anderen ging oder geht es ja genauso oder ähnlich. Im ECHTLEBEN nenne ich sie ausdrücklich meine Kolleginnen und Kollegen. Das ist mir – bis heute! – sehr wichtig.

Das Absurde in meinem Fall vielleicht: Währenddessen, während ich also recht allein und recht verzweifelt und irgendwann dann auch recht dünn (so um die 48 Kilo) war, während ich also mit flatterndem Blick und elektrisierten Nerven auf Harz IV ritt und es vor allen anderen verbarg (auch vor meiner Familie, auch vor meinem damaligen Liebhaber), während ich – bestens trainiert – so tat, als flöge ich gleich übermorgen bestimmt mal wieder nach Neu Jork oder sonstwohin, doch doch, saß ich ab und an auf einer glamourös ausgeleuchteten Bühne herum, als geladener Gast – immer schön: Haltung bewahren. Im ersten Kapitel in ECHTLEBEN erzähle ich davon. Sie können es hier lesen: HANS-OLAF HENKEL, DAS NIKOTIN & ICH.

Idiotischerweise hat genau das – Haltung bewahren, bloß nichts rauslassen, die Mimikry des Alles bestens! eisern durchziehen – mich letztlich gerettet, wenn man das so nennen will. Es ist übel, es klingt zynisch – aber es ist wahr. All das steht in besagtem Buch.

Aber vor allem steht darin auch noch vieles mehr, was heute, sieben, acht Jahre später, immer noch oder jetzt erst recht im Gespräch ist: die oft bemühte Schere zwischen Arm und Reich etwa; die damals so genannten Neuen Bürgerlichen, die Vorhut der heutigen AfD und deren Verachtung für alle Nicht-Leistunsgträger, erst recht, wenn selbige keinen deutschen Namen tragen (Thilo Sarrazins Kopftuchmädchen und seine Sozialhilfeempfänger, die beim Heizen die Fenster offenstehen lassen – erinnern Sie sich?). All das ist im ECHTLEBEN verhandelt, all das hat sich seither praktisch nahtlos fortgesetzt oder sogar noch verstärkt.

Das ECHTLEBEN wurde dann ein recht großer Erfolg, die Lesungen, Radio- und TV-Auftritte (nie werde ich vergessen, wie ich in diesem Zusammenhang bei Anne Will in der ARD einmal Jens Spahn gegenübersaß, der damals gerade erst als “junger Wilder” der CDU in die Öffentlichkeit getreten war), die Podiumsdiskussionen, Interviews usw. habe ich nicht gezählt, es waren insgesamt sicher deutlich mehr als einige Jahre zuvor mit GENERATION ALLY (das es immerhin alllerdings bis Japan schaffte).

Ja, diesem Buch habe ich viel zu verdanken. Was ein wenig merkwürdig klingt, schließlich habe ich es ja selbst gebastelt. Im Grunde habe ich damit getan, was man in ruppiger Alltagssprache vielleicht so bezeichnet: Aus Scheiße Gold machen. Das gelingt einem im Leben vielleicht genau einmal – wenn man sehr viel Glück hat. Es geht dir dreckig – und du machst eine Nummer draus, die du verkaufen kannst. Ich nahm diese Billardkugel und schubste sie beherzt ins Loch, sozusagen. Ein Schuss, ein Treffer. Ein zweites Mal wäre dieser Kniff so nicht möglich, dessen bin ich mir voll bewusst.

Dass jetzt das noch recht neu gegründete Literaturhaus Oberhausen das ECHTLEBEN und mich noch einmal einlädt, ist mir tatsächlich eine besondere Ehre. Denn mit dem, was gemeinhin Strukturwandel genannt wird, kennt man sich in Oberhausen und Umgebung ja recht gut aus. “Mit dem Ende der Zeche Prosper Haniel soll ,Schicht im Schacht’ auch zum Thema des Literaturhauses werden”, heißt es etwa in diesem Artikel aus der WAZ, in dem das Haus vorgestellt wird.

Ich freue mich sehr auf den Besuch dort!

Es ist sehr sicher davon auszugehen, dass das nun wirklich die aller-, allerletzte Lesung aus dem ECHTLEBEN sein wird – mit dem ich nun doch ziemlich viel Zeit verbracht habe über die vergangenen Jahre – und das mich gewissermaßen auch nach Detroit begeleitet hat – von wo aus es wieder weiter und wieder ganz woanders hinging.

Und so hänge ich hier, zum großen Finale, noch einmal zwei Aufnahmen von der ECHTLEBEN-Premiere in Berlin hin. Sie fand im Juni 2011 statt, moderiert vom sehr geschätzten Feuilleton-Chef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und Freund Claudius Seidl (Sie sehen ihn links im Hintergrund, während wir beide noch auf den Moment warten, an dem es los geht). Ich trug zur Buchpremiere ein blitzblaues Kleid aus 100% natürlichem Polyester, für das ich etwa 8 Euro in einem Gebrauchtwarenladen bezahlt hatte, es hängt immer noch in meinem Schrank und ich trage es seither ausschließlich zu besonders festlichen Anläsen, logisch, und kassiere auch heute immer wieder etliche Komplimente dafür, oft auch die Frage: “Ui, wie toll – wo ist das denn her?”

Immer die Ihre,
KK

February 23, 2018