Das ruckelige Foto oben zeigt einen Ausschnitt der Petersburger Hängung, der collagenhaft behängten großen Bilderwand in meinem Weddinger Denk-Les-Schreib-Arbeits-Wohn-Lebens-Haupt-Zimmer.

Darauf zu sehen: ein originales, tatsächlich total echtes Exemplar von Jörg Fausers erstem überhaupt jemals selbstständig (also nicht in einem Magazin oder einer Zeitung) veröffentlichten dokumentar-literarischen Text AQUA LUNGE von 1971. Ein ca. 30seitiges, in Schreibmaschinentypo verfasstes Werk, das heute nur noch sehr schwer (und für teuer Geld) zu bekommen ist. Es befindet sich seit ca. 5 Jahren in meinem Besitz. Und um es immer um mich zu haben und es gleichzeitig vor Abnutzung, Abrieb, Verschleiß zu schützen, habe ich es auseinandergeklappt und flach in einen Bilderrahmen, hinter Glas gesteckt.

Ein etwas musealer Umgang damit, das gebe ich zu. Andererseits … ist AQUA LUNGE nicht unbedingt Fausers stärkster Text, ich muss also nicht dauernd hineinblättern und es neu lesen (bei Bedarf kann ich es ja vorsichtig aus dem Rahmen nehmen). Und eben: Ja – es ist unleugbar auch Fantum (bei mir), ein Huldigungswille, ein Verehrungsgestus, das mit dem Aufhängen.

Über den Fauser, Jörg lasse ich mich ja immer wieder aus – seit Jahren (huch: Jahrzehnten inwzischen) komme ich in regelmäßigen Abständen auf ihn zurück. (Das Prinzip Treue hat viele Gesichter.) In einem meiner liebsten (und bislang vielleicht persönlichsten je veröffentlichten) Texte, BEING FAUSER – EIN SELBSTVERSUCH, schrieb ich 2014 z.B.:

Wenn es mal nicht so gut läuft, und das kommt, wie ausführlich angedeutet, öfters vor, lese ich in eines seiner Bücher hinein, egal in welches, egal auf welcher Seite.

Dass ich genau jetzt nun – wieder einmal – kurz und intensiv mit dem Fauser herumschmuse, hat einen Grund.

ES BRAUT SICH NÄMLICH WIEDER WAS ZUSAMMEN.
Sozusagen.

Ja, also – es ist wohl für niemand anderen in diesem Stadium interessant – für mich selbst ist es aber ungeheuer aufregend, elektrisch und ernst: Denn es wird nun wohl wirklich endlich wieder mal ein Buch angegangen. “Erste Vorgespräche” gab es, pipapo – ich habe noch nichts “Richtiges” in den Händen, auf dem Computer, auf dem Block, die ganze Arbeit muss noch getan werden – aber: Die ersten Tippelschritte sind getan, das erste quasi-offizielle Verlags-/LektorInnen-bezogene Reden darüber (ein heikle Schwelle!) ist erfolgt. Es ist nun wieder so ein Moment, wie ich ihn bisher 4x, bei 4 Büchern erlebt habe – ich erkenne den Geschmack, die Vibration wieder: Es muss jetzt aufgeschrieben werden, was mir seit so Langem im Kopf herumgeht, immer wieder gedreht, gewendet, gedanklich, immer noch unsicher, zuletzt, im SammelstadIum, im brutal unsouveränen Unklarheitsstadium, mit x Schreib-Anläufen und erschreckten Textlöschungen (“Was für ein Bullshit! Was für ein übler Sound! Kill das, Kullmann, schnell, bevor es jemand sieht!”). Das war bei jedem Buch bisher so – bis es dann halt wieder einmal stark und dringend und also klar genug geworden ist, dass es eh raus muss, bis es dann wieder so weit ist. Und das ist: jetzt.

Das ist eine wirklich gute Nachricht (für mich jedenfalls).

Und gleichzeitig eine schreckliche (für mich jedenfalls).

Denn:

“I hate writing, but I love having written”, pflegte Dorothy Parker zu sagen.

Insgesamt nenne ich es: einen dieser raren, furchterregenden, aber unumgehbaren Fauser-Momente.

Dazu passt ein Ausschnitt aus einer aktuellen Buchmessen-Kolumne, die die taz-Kollegin Tania Martini jetzt in der Wochenendausgabe der Zeitung veröffentlicht hat – denn Martini berührt hier hübsch deutlich den Faktor PRODUKTIONSBEDINGUNGEN (für SchriftstellerInnen) – sie schildert eine Begegnung zwischen einem Schriftsteller und einem Literaturkritiker bei einem Verlagsempfang vor ein paar Tagen, es geht um Geld:

“Rücklagen, ein Erbe”: Eben! Wenn man darüber nicht verfügt und stattdessen anschaffen gehen muss, in einem Zeit und Kraft kostenden Day-to-Day-Job, dann geht das mit dem Schreiben mitunter nicht ganz so schnell und easy.

Dazu – insbesondere zum Konzept des/der produktionstechnisch und politisch unabhängigen SchrifstellerIn – passen außerdem auch diese zwei Textstellen sehr gut, die aus der bislang einzigen (und sehr lesenswerten!) Jörg-Fauser-Biografie REBELL IM COLA-HINTERLAND stammen, 2004 in der Edition Tiamat erschienen, geschrieben von Ambros Waibel und Matthias Penzel (durch Anklickern vergrößern sich die Bilder):

Sowie, schließlich, im Zuge der Eigen-Musealisierung und zum Zweck der Eigen-Ermahnung bzw. -Ermutigung, dieser Ausschnitt aus dem ECHTLEBEN noch – es geht sowohl um Produktionsbedingungen als auch um Jörg Fauser:

Oh weia – wenn Sie das Obige jetzt wirklich alles gelesen haben, bis hierhin, dann sind Sie wohl das, was man eine treue Seele nennt. Ich fürchte: Diese Blogeintrag ist für jedeN (außer für mich selbst) stinklangweilig, es geht eigentlich auch niemanden etwas an, womöglich. Andererseits: Warum eigentlich nicht? Von der Mühsal mal berichten? Man darf, kann, soll doch ruhig immer mal erzählen, welch Drecksarbeit das Schreiben auch ist, schon bevor es dann überhaupt mal richtig anfängt.

Ruhig die Dinge hie und da mal hübsch entzaubern – meine Meinung.

Und nun …
… was wollte ich sagen …
… ach so, ja, das hier:
Immer die Ihre: KK

October 14, 2018