Sicher haben Sie es schon mitbekommen, es war gestern Topnews auf allen hiesigen Kanälen: Deniz Yücel kam nach 367 Tagen sogenannter Untersuchungshaft im türkischen Gefängnis Silivri plötzlich frei. Und zwar in dem Moment, in dem die türkische Staatsanwaltschaft sich endlich dazu durchgerungen hat, Anklage gegen ihn zu erheben (und bis zu 18 Jahren Haft zu fordern). Klingt irre, ist irre. Jedenfalls hat der Mann jenes Land nun sofort verlassen, ist gestern Abend in Berlin Tegel wieder gelandet.

Die taz am wochenende ist heute mit dem oben gezeigten Cover erschienen. Nur drei Tage zuvor hatte die taz noch diese Titelseite:

Das #FreeDeniz-Engagement war im taz-Kollegium über jenes gesamte Jahr auch deshalb so groß, weil Yücel lange Jahre als Redakteur bei der taz arbeitete, bevor er 2015 als Türkei-Korrespondent zur Springer-Zeitung Die Welt wechselte. Viele taz‘lerInnen kennen Yücel also persönlich, haben seine Arbeit jahrelang begleitet, viele sind nicht nur kollegial, sondern auch freundschaftlich mit ihm verbunden. Allen voran die überaus geschätzte Doris Akrap, die Yücel schon vom gemeinsamen Heranwachsen im hessischen Flörsheim kennt und zuletzt z.B. gerade diesen Yücel-Solidaritäts-Reader im Nautilus Verlag herausgegeben hat: Wir sind ja nicht zum Spaß hier. Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte.

Ich selbst bin ja erst seit gut vier Monaten bei der taz zugange, habe Deniz Yücel bislang nicht kennen gelernt, habe natürlich dennoch diesen Fall die ganze Zeit über aufmerksam verfolgt – zuletzt auch deshalb besonders aufmerksam, weil ich im Hause taz u.a. mit den KollegInnen der taz gazete immer wieder eng zusammenarbeite, die auch jetzt wieder diejenigen waren, die als erste all die entscheidenden Neuigkeiten erfuhren, die am nähesten an allem dran waren bzw. sind. Über taz gazete – die ursprünglich als taz.eksil an den Start ging, im Wesentlichen begründet vom früheren Cumhuriyet-Kollegen Ali Celikkan – heißt es in der Selbstbeschreibung:

taz.gazete ist ein zweisprachiges Webportal, das als Projekt von taz.die tageszeitung und der taz Panter Stiftung Anfang 2017 initiiert wurde. Mehrmals die Woche werden hier Artikel, Kolumnen, Interviews, Analysen, Reportagen veröffentlicht, die sich mit den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in der Türkei und der Diaspora beschäftigen – auf Türkisch und auf Deutsch. (…) Unser Anliegen ist es, die Meinungsvielfalt zu Türkei-bezogenen Themen zu stärken, und den Dialog mit Journalist*innen vor Ort aufrecht zu erhalten.

Da eben noch weit über 150 andere JournalistInnen und eine unklare Zahl von PolitikerInnen, AktivistInnen, Intellektuellen und anderen unter dem Erdogan-Regime inhaftiert sind, haben die gazete-KollegInnen auch weiterhin genug Stoff zu berichten, kritisieren, analysieren, kommentieren.

Jedenfalls war es gestern ein aufreibender, sozusagen elektrisierender Nachrichtentag am Newsdesk der taz, das dürfen Sie mir glauben. Yücels Anwalt Veysel Ok twitterte um die Mittagszeit plötzlich dieses Foto, es zeigt Yücel und seine Frau Dilek in dem Moment, in dem er sie vor den Gefängnistoren wieder in die Arme schließen konnte, mit einem Strauß Petersilie in der Hand (die Petersilie als Symbol für die Freiheit, sozusagen, damit hatte Dilek Yücel zuvor die Briefe an ihren inhaftierten Mann geschmückt).

Womöglich ein Anwärter auf das Pressefoto 2018. Was aber ganz egal ist, eigentlich.

EINER FREI.
Glückwunsch! Jubel! Freude!

Abgesehen davon werden JournalistInnen weltweit weiterhin ihre Arbeit machen.

Wenn sie nicht deswegen eingesperrt, verfolgt, getötet werden.

Wie aktuell in der Türkei eben noch ca. 155 KollegInnen festgesetzt, ausgeschaltet, stumm gestellt sind.

Worüber andere, sich in Freiheit befindende JournalistInnen zu berichten haben.

Journalismus ist ein Job.

Nicht immer der gemütlichste, gelegentlich sogar lebensgefährlich.

Oft – und gerade im ganz unspektakulären, eher ungefährlichen hiesigen Alltag – auch einfach ein Drecksjob (wie man es umgangssprachlich ausdrücken könnte).

Nun ja.

Grüße von ebendort!

Immer die Ihre, KK

PS vom 23. Februar: AfD – Deniz Yücel – Bundestag – taz: Die AfD brachte im Bundestag einen Antrag zur Missbilligung von Kolumnen ein, die Deniz Yücel für die taz schrieb, als er noch taz-Redakteur war. Heftige Debatte dazu gestern Abend. Die Tagesschau meldet: “In namentlicher Abstimmung lehnte eine große Mehrheit der Abgeordneten den Antrag der AfD ab: 552 stimmten dagegen, 77 dafür, einer enthielt sich. Die AfD-Fraktion hat 92 Abgeordnete.”

February 17, 2018