Hallo, guten Tag.

Niemand kann sagen, dass ich am Ende nicht doch noch irgendwie einlöse, was ich vorher vollmundig in Aussicht gestellt habe! Also: Zeitknappheit is here – ganz wie zu Jahresbeginn versprochen.

Dennoch will ich ja unser Band nicht kappen, werte Leserinnen und Leser, weiterhin will ich Sie auf Möglichkeiten zu Euphorie im  Alltag sowie Intelligenz und Wärme hinweisen.

Das tue ich nun, indem ich Ihnen einige (immerhin liebevoll zusammengestellte) Info-Brocken hinwerfe: paar persönliche Januar-Highlights im Schnelldurchlauf. Alles Weitere dazu müssen Sie dann selbst im Internet nachschlagen.

1) Recht & Liebe

Es beginnt gleich oben mit Ruth Bader-Ginsburg, der mittlerweile auch hierzulande etwas bekannteren Richterin am US-Supreme Court, die demnächst 86 wird und in ihrer langen, beeindruckenden Laufbahn u.a. ganz wesentlich für BürgerInnenrechte gekämpft hat, insbesondere für die Rechte von Frauen. Nun gibt es einen Film zu ihr, über sie, der schlicht mit ihren Initialen betitelt ist: RBG. Julie Cohen und Betsy West haben diese Dokumentation gedreht, in ausgewählten hiesigen Kinos ist sie seit Winterbeginn zu sehen – und ich empfehle den Film hiermit. Weniger wegen des Filmischen (es ist eine ganz normale Doku, könnte man sagen), als vielmehr wegen der Protagonistin, RBG eben, die mich so beeindruckt hat, dass auch ich mir sogleich Fan-Ware besorgt habe: die Ruth Mug, die Richterinnen-Tasse, die Sie ganz oben sehen.

Besonders entzückend: ihr langjähriger Ehemann, Martin D. Ginsburg, der im Film auch immer wieder vorkommt. Leider lebt er nicht mehr. Es muss jedenfalls das gewesen sein, was man sich unter wahrer Liebe gemeinhin so vorstellt – das, was sich zwischen diesem Martin und dieser Ruth abspielte. Die Washington Post widmete der Verbindung einen eigenen Text: ‘My dearest Ruth’: The remarkable devotion of Ruth Bader Ginsburg’s husband. Auch mein Eindruck, nach dem Film: Was für ein mutiger, klarer und witziger Mann! Gibt es alles! Tatsächlich! So kam ich praktisch schockverknallt und von Zuversicht erfüllt aus dem Kino wieder raus und fühle mich seither … ganz beschwingt.

2) Die Brits

Erinnern Sie sich noch an die Podiumsdiskussion Debating Brexit beim HKW in Berlin aus dem August? Vermutlich nicht. Dort sprach ich mit dem Politikwissenschaftler Philip Cunliffe und der Historikerin Rhian E. Jones über diesen katastrophalen, aus nationalistischem Vollidioten-Populismus zusammengemantschten Polit-Bullshit. (Hier der damalige Blog-Post dazu.) Aber selbst ich, die Totalskeptikerin in Sachen Brexit, hätte nicht erwartet, dass es so irre wird, mit den Brits, wie es sich jetzt, dieser Tage, zeigt. Es tut mir alles so leid, meine Verbindung zu UK ist ja durchaus eine altgediente und auch herzliche.

Neulich sah ich mir im hübschen Citykino Wedding ein paar alte Kurzfilme zu Wohl und Weh der britischen Working- und der verängstigten Middle Class an, sie liefen im Rahmen des Berlin-weiten Filmfestivals British Shorts.

Außerdem besorgte ich mir die Biografie der tragischen britischen Lotteriegewinnern Vivian Nicholson, die mit 14 Jahren als Arbeiterin in einer Keksfabrik ins Erwachsenenleben eintrat, früh vierfach Mutter wurde und den üppigen Gewinn mit großem Tempo und großer Lust verjubelte. Spend!, Spend!, Spend! lautete ihre Parole, sie nahm auch einen gleichnamigen Song auf, später gab es eine TV-Serie und ein Musical dazu, und die Slits widmeten ihr ebenfalls einen Song. Im Buch You dont know Viv erzählt einer ihrer Söhne ihre Lebensgeschichte.

Falls jemand das spektakuläre Unterhausgezacker (mit den ulkigen und unterhaltsamen Auftritten von Mr. Speaker, John Bercow) live mit-watchen möchte: der Internetkanal PARLIAMENTLIVE.TV überträgt alles in Echtzeit.

3) Recherchen & Folgen

Das Fachblatt Der Journalist blickte zu Beginn des Jahres noch einmal auf verschiedene größere Recherche-Coups des vergangenen Jahres zurück – in erster Reihe erwähnt: die Aufdeckung des rechten bis rechtsextremen Netzwerks “Hannibal” in Bundeswehr und Polizei. Die taz-KollegInnen Martin Kaul, Christina Schmidt und Daniel Schulz hatten es in monatelanger Arbeit aufgespürt und durchleuchtet und im November im Text Hannibals Schattenarmee an die Öffentlichkeit gebracht. Die Recherche führte, wie Martin Kaul berichtetete, u.a. dazu, dass sich seither der Verteidigungs- und der Innenausschuss des Bundes, das Parlamenarische Kontrollgremium des Bundestages, der MAD und der Verfassungsschutz mit der Sache beschäftigen.

Konkrete Ergebnisse hatten auch die intensiven Recherchen der taz-Kollegin Dinah Riese, die im Spätsommer 2017 damit begonnen hatte, dem zweifelhaften § 219a auf den Grund zu gehen – einem noch aus der Nazizeit stammenden Gesetz, das ärztliche Informationen über Abtreibungen als “Werbung” begreift und unter Strafe stellt. Die taz war die erste Zeitung, die das Thema Ende 2017 auf den Titel brachte, seither blieben Dinah Riese und die taz-Kollegin Patricia Hecht konstant dran. Nun hat die Politik reagiert – mit einer Gesetzesnovelle zu § 219a, die zwar weiterhin enttäuschend ist, aus Frauen- und Ärztinnensicht, aber eben zumindest zeigt: Journalismus kann durchaus eine Wirkung haben. Abtreibungen bleiben ein Tabuthema heißt der vorgestern erschienene Text der Kolleginnen dazu.

In unvergleichlich kleinerem Ausmaß bin auch ich aktuell an einer Sache dran: Der Nazi-Vogel und der Denkmalschutz, lautet der Arbeitstitel meiner kleinen Recherche – die mit einem Reichsadler zu tun hat, dem ich allmorgendlich nun auf dem Weg zur Zeitung begegne. Unten ist er fotografiert – dort sehen Sie auch ein Foto der Vulven im Schaufenster eines Restaurants, das dem Drecksvogel direkt gegenüber liegt. Einen ersten Ultrakurztext zum Thema habe ich auf die Schnelle geschrieben, Und täglich grüßt der Adler, demnächst soll etwas Richtiges daraus werden.

4) Blumen & Musik

Von meiner geliebten Oma Irmgard (1922-2017) lernte ich, Zweiglein zu schätzen: Gebüsch, Gestrüpp, das man sich in die Wohnung stellt – gerade im Winter –, in der Hoffnung, dass es alsbald erblühen möge. Frühling at home also – hier kombiniert mit zwei aktuellen flotten und schlauen Scheiben: Links sehen Sie das unlängst erschienene zweite Soloalbum MASCHINEN UND TIERE des verehrten Chris Imler – rechts daneben das neue Longplaywerk FUCK PENETRATION des ebenfalls schwer gemochten Jens Friebe. Beide Männer zusammen können Sie hier kennenlernen, im Doppel-Interview Die Killerwespen von Berlin bei Kaput, dem Magazin für Insolvenz & Pop.

5) Wortklaubereien – im guten Sinne!

Auf die sehr eigenwillige und von mir arg geschätzte Wortkunst, die literarischen Miniaturen von Tobias Premper habe ich hier schon mehrfach und immer gern hingewiesen (zuletzt im August auf seinen jüngsten bei Steidl erschienenen Band Ich war klein, dann wuchs ich und war größer). Jetzt hatte ich die Ehre und das Vergnügen, eine Art Booklet (Premper selbst nennt es ein kleines Heft) von ihm gesandt zu bekommen, ein dünnes, sagen wir: Hochglanz-Portfolio mit Text-Bild-Collagen, allerlei Wort- und Motivspielen, an denen ich mich echt erfreuen kann (zwei Beispiele sehen Sie unten.)

Ich revanchierte mich für diese Freundlichkeit mit drei Postkarten, die ich dem Künstler sendete (auch diese sind unten zu sehen). Dass Postkarten im Allgemeinen und Besonderen, hin- und hergeschickt an dieseN und jeneN, ja wirklich ein treues Element in Kullmanns Alltag sind, schon immer, hatte ich, glaube ich, schon ein paar Mal erwähnt. Dass ich selbige gelegentlich auch verfremde, sieht man nun hier. Von Mail Art ist das freilich weit entfernt. Eher handelt es sich um das Prinzip Behelfs-Cut-up. Jedenfalls macht es mir Spaß, und ich hoffe, die Karten erreichen ihren Empfänger irgendwann auch tatsächlich.

Ansonsten ist zum Thema Wortklaubereien aktuell noch zu sagen, dass ich den Zauber des Bleistifts seit einer Weile wieder ganz neu für mich entdeckt habe. Dasgleiche gilt für meinen alten, besser gesagt uralten Laptop (“Der rödelt so laut wie Traktor!” merkte mal jemand an). Vor 4.5 Jahren habe ich ihn ad acta gelegt und mir ein neues Gerät besorgt. Immerhin sind zwei meiner Bücher auf ihm entstanden, vor einigen Tagen schaltete ich das Ding wieder mal ein, um etwas Altes, plötzlich Vermisstes in ihm zu suchen. Und war dann ganz gerührt und hätte noch stundenlang in der Vergangenheit stöbern können, wie sie dort in bits’n’pieces auf der Festplatte gespeichert ist. Ausgemusterte Laptops sind womöglich das, was verstaubende Fotoalben früher mal waren.

6) Bücher, Bücher, Bücher (eh klar)

Hier fange ich nun gar nicht erst an, mit den Bemerkungen – sonst komme ich aus diesem Blog-Eintrag, der kurz sein solte, nie mehr raus. Vertrauen Sie mir einfach und glauben Sie mir Folgendes: Alle hier unten auf dem Stapel vorgezeigten Bücher sind kürzlich brandneu erschienen – alle sind von mir gelesen und hiermit aufs Wärmste zur Lektüre empfohlen – jedes pflegt auf seine je eigene Art eine gewisse geniale Garstigkeit. Hier die Direktlinks zur unten fotografierten Auswahl, in alphabetischer Reihenfolge nach AutorInnen gelistet:

Viv Albertine: TO THROW AWAY UNOPENED
Jörg-Uwe Albig: ZORNFRIED
Durga Chew-Bose: TOO MUCH AND NOT IN THE MOOD
Simone Meier: KUSS
Kristen Roupenian: CAT PERSON

Als Vorgeschmack auf die kommenden Wochen sehen Sie unten zudem zwei weitere Bücher, die demnächst erst erscheinen – und bei denen ich wiederum die Ehre und das Vergnügen haben werde, die Premieren in Berlin zu moderieren. Darauf werde ich hier, logisch, noch einmal gesondert hinweisen. Vormerken könnten Sie sich’s ja aber doch schon mal:

Am 21. Februar stellt Romy Straßenburg im Roten Salon an der Berliner Volksbühne ihren Essay ADIEU LIBERRTÉ. Wie mein Frankreich verschwand vor.

Am 13. März liest Dilek Güngör erstmals aus ihrem neuen Roman ICH BIN ÖZLEM, und zwar im Literaturforum des Berliner Brecht-Hauses.

Nun werde ich zur feierlichen Finissage des Januar eine neue Bleifigur gießen, für den Februar dann.

Desweiteren grüße ich Sie ganz herzlich,
immer die Ihre: KK

January 31, 2019