Oben sehen Sie ein in den späten 1920er Jahren erbautes Mietshaus im Berliner Stadtteil Spandau. Es hat ja wirklich sehr schicke halbrunde Balkone – und gehört zur dortigen Siemensstadt – einer weitgehend denkmalgeschützten, 2008 in die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO aufgenommenen Siedlung, die an das Werksgelände des namengebenden Konzerns grenzt.

Das Foto entstand heute am Nachmittag, als ich einen meiner raren dienstfreien Tage zu einem Spaziergang in und um die Siemensstadt nutzte.

Hä, wieso das denn, wieso dort denn? Wieso nicht Windowshopping & Coffeeschlürfen da, wo’s hübscher ist?

Na, Sie kennen mich und meine Kardinaltugenden inzwischen ja ein bisschen: Immer schön raus an die frische Luft (“Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg”, hihi), immer hübsch die Augen und Ohren offen halten, Feldforschung betreiben, Malschauenwassoist, pipapo.

Die Siemensstadt ist immerhin ziemlich berühmt, ich kannte sie bisher noch nicht aus eigener Anschauung. Berühmt ist sie sowohl aus historischen, als auch aus ganz aktuellen Gründen.

Historisch ist es so, das Adolf H. am 10. November 1933 (also vor fast genau 85 Jahren) ebendort einen als Siemensstadtrede bekannt gewordenen Redefluss über die Leute ergoss. Er hetzte darin wörtlich u.a. gegen eine “kleine wurzellose internationale Clique”, über “Menschen, die überall und nirgends zuhause sind, sondern die heute in Berlin leben, morgen genauso in Brüssel sein können, übermorgen in Paris und dann wieder in Prag oder Wien oder in London, und die sich überall zu Hause fühlen”.

Das klingt verblüffend modern – fast so, wie wenn heute manche zum Beispiel über sogenannte “internationale Hipster” lästern (oder auch über weniger modische Leute wie Sie und mich) – nicht wahr? Oder wie wenn andere, ob in Parteien oder nur als Straßenrudel organisiert, sich ihren Brei über “Volk”, “Heimat”, “Boden” ausschwitzen, n’est-ce pas? (Die ZuhörerInnen damals skandierten an der oben zitierten Stelle mit der “kleinen wurzellosen internationalen Clique” erwartungsgemäß “Juden!” – das Bundesarchiv Koblenz hat die berühmte Rede von 1933, die als eine von Hitlers “Schlüsselreden” gilt, im O-Ton protokolliert – wer es sich in Gänze antun möchte: Es ist hier online zu finden.)

Aktuell plant nun der nicht unumstrittene Konzern Siemens, der kürzlich trotz gigantischer Gewinne an die 700 Stellen an seinem Standort Spandau strich, eine “Smart City”, einen “Innovationscampus”, ein “Zentrum der Digitalwirtschaft”, einen “Stadtteil der Zukunft” im nordwestlichen Berliner Bezirk Spandau, in bzw. an der Siemensstadt zu errichten. Bis 2030 soll die neue Welt auf dem dortigen, ziemlich großen firmeneigenen Gelände entstehen. Weitere Informationen und eine Standort-Karte sind diesem interessanten taz-Artikel von Jonas Wahmko zu entnehmen.

WirtschaftsvertreterInnen begrüßen diesen frisch abgeschlossenen Deal zwischen Siemens und Berlin. Auch ich dachte spontan (und denke immer noch): “Na, womöglich entstehen da ein paar solide Arbeitsplätze in dieser Stadt, das wäre doch gar nicht mal schlecht.” Doch die Bedenken bezüglich sogenannter Gentrifizierung, Mietsteigerungen und ähnlichem, sind bei manchen natürlich auch sofort angesprungen. “Wir müssen Milieuschutz einführen”, sagt etwa die Linken-Abgeordnete Katalin Gennburg in diesem taz-Gespräch mit Antje Lang-Lendorff.

Einstweilen nehme ich diesbezüglich noch eine sozusagen neutrale BeobachterInnenposition ein. Und teile hier nun einfach mal die Eindrücke, die ich heute dort sammeln konnte (in der gewohnten Ritschratschkamera-Qualität).

Für besonders Neugierige noch: Bei Wikipedia findet sich eine Liste der dortigen Baudenkmäler (Industrie- und Kuturdenkmäler). Die meisten dort gelisteten Bauten stammen, wie erwähnt, aus der sehr späten Weimarer Republik – manches wurde aber auch erst unter den Nazis errichtet oder fertig gebaut. Und insgesamt ist es ja leider wirklich so: Dass viele Beispiele des Neuen Bauens, der hiesigen Architektur der Moderne, sehr schnell von den Nazis bezogen und genutzt wurden. Weswegen man eigentlich kaum ein Gebäude jener Ära ungetrübten Blicks betrachten kann. Man möchte ja lieber gar nicht so genau wissen, wer da einmal als Erstnutzer einzog und was diejenigen gedacht, gesagt, gesungen und/oder getan haben. Hm.

Immer die Ihre: KK

November 5, 2018