Ein Vorwort für Fauser

Der Klub, in dem wir alle spielen heißt ein schöner, rund 400 Seiten starker Hardcoverband, der im Herbst 2020 im Schweizer Diogenes Verlag erschienen ist, mit 38 Texten von Jörg Fauser (1944-1987) und einem Vorwort von mir. In der Verlagsinfo heißt es:

(Hier sind nun) 38 (Fauser-)Texte zu Autoren, zu Büchern und zum Literaturbetrieb im Allgemeinen vereint. Und dies in chronologischer (von 1963–1987) und doch vielfältig bunter Art: Beginnt der Band mit Besprechungen über Texte von Andreas Gryphius, Else Lasker-Schüler und Günther Eich, wird zwischendurch der Literaturbetrieb und das »deutsche« langweilige Schreiben zerpflückt, um dann wieder die Zeit mit und das Werk von Charles Bukowski, Joseph Roth und Hans Werner Kettenbach zu feiern. Die Auswahl von Katja Kullmann zeigt die vielen Einflüsse, die Jörg Fauser prägten, verweist auf seine Vorbilder und Antihelden und spiegelt seine unterschiedlichen Schaffensphasen.

Eines meiner liebsten Fauser-Zitate aus dem Buch stammt aus dem Text Fallada über den Schriftsteller Hans Fallada (1893-1947). Als Fauser vierzig war, reiste er in die schleswig-holsteinische Kleinstadt Neumünster, wo Fallada – einer seiner trinkenden und schreibenden Helden – einst lebte und unter seinem bürgerlichen Namen Rudolf Ditzen als Anzeigenverkäufer für die Lokalzeitung arbeitete. Fauser hängt in einer örtlichen Kneipe, dem Fleckenkieker, herum, beobachtet und belauscht die Leute und fragt sich:

Was hatte ich mir eigentlich gedacht, nach Neumünster zu fahren, fünfzig Jahre, nachdem Ditzen die Stadt für immer verlassen hatte? Eine literarische Entdeckungsreise – Spurensicherung im Hinterland? Das war ja lächerlich. (…) Ich hockte im Fleckenkieker, starrte nach draußen, starrte nach drinnen, ich saß mir gegenüber und starrte auf mich selbst. Wer bist du? Was hast du zu sagen? Und wenn du es gesagt hast, bist du dann davon erlöst? Ich räusperte mich. Schreiben als Erlösung, also, mein lieber Scholli, sagte ich zu meinem Gegenüber, jetzt kommen wir aber ganz schön ins Schleudern. Wenn wir jetzt noch das Heil und den Himmel dazutun, dann läuft es uns aber als Fußschweiß aus den Löchern in den Socken, es wird hier wohl nicht auffallen, aber stinken tut es doch.

Gegen Ende des (ziemlich langen) Vorworts schreibe ich: „Jörg Fauser konnte nicht nur motzen, er konnte auch sehr großzügig sein. Statt seine Quellen, Stichwortgeber, Inspirationen geheim zu halten, hat er sie freimütig in die Welt gestreut, sozusagen nach dem Prinzip sharing is caring. Seine Texte über Literatur sind Anregungen, da weiter zu lesen, wo er selbst intensiv geforscht hat, seinen Faden aufzunehmen, den Jörg-Fauser-Kanon fortzuspinnen, die Jörg-Fauser-Schule am Laufen zu halten.“