Ins Stadion haben wir es gestern leider nicht geschafft. Aber vor den Fernsehapparat. Als Proviant für die gut anderthalb Stunden DFB-Pokal-Endspiel stand u.a. originalhessischer Äppler, Ebbelwoi oder eben, hochdeutsch, Apfelwein bereit (siehe Beweisbild). Zwar hatte ich von Anfang an, ach was, schon Tage vorher, ein auffallend gutes Gefühl. Doch äußerte ich anderen gegenüber – vorsichtig, vorsichtig – ungefähr das hier: “Wir ahnen alle, wie es ausgehen mag, jaja, aber ich werde natürlich trotzdem – oder gerade deswegen – dabei sein, jawohl und yeah!”

Und dann … – was soll man sagen?

HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH, EINTRACHT FRANKFURT!

Was für ein sa-gen-hafter Sieg über Bayern München.

Allein die erste Halbzeit schon – mit dieser beeindruckenden Überlegenheit der Eintracht – Fußball wie aus einem freundlichen Paralleluniversum, so kam es mir vor.

Dann die skeptischen Kommentare in der Halbzeitpause: Ob die Frankfurter das auch in der zweiten Halbzeit durchhalten, die Konzentration gepaart mit dieser wachsamen Beweglichkeit?

Und dann all der Tumult in der zweiten – und schließlich Mijat Gacinovics ungebremstes Durchsprinten zum Tor der echt angefressenen Bayern in den allerletzten Sekunden.

Nun habe ich ja wirklich kaum eine Ahnung von Fußball. Aber das hier scheint mir doch mal ein spannendes Spiel gewesen zu sein.

Zu meinem verstärkten Interesse an ausgerechnet diesem Spiel jetzt will ich kurz sagen: Fußballschauen weiß und wusste ich durchaus schon immer zu schätzen – alllerdings immer nur als punktuelles Spezialvergnügen. Also entweder mal bei einem Ausflug in eine Arena, mit labbeligen Stadionwürstchen in faden Plastikbrötchen und lauwarmer Cola fast ohne Bitzel in beschlagenen Plastikbechern. Und immer, wirklich immer, ist es ja auch einen Hauch zu kalt, in so einem Stadion. (Ich war live u.a. bei der Spielvereinigung 05 Bad Homburg, am Bieberer Berg in Offenbach, in Köln in Müngersdorf und auf dem Zürcher Letzi Grund dabei.) Oder mal als seltener Kneipenspaß mit Freunden. Und/oder als Mitspielerin in der einen oder anderen Tipperliga bei internationalen Turnieren, EM, WM. Unvergessen dabei: der grandiose Sieg von Alva Starr (meinem DJ-und Tipperinnen-Alter-ego) bei der EM 2016 – ich holte tatsächlich den immerhin 300 Euronen fassenden Pott in den Wedding, huh.

Aber ein Fan von einer bestimmten Mannschaft – war ich nie.

Denn ich bekam es einfach nicht in den Kopf (oder muss man da sagen: ins Herz?), wie ich Fan von einem Team sein könnte, dessen Mitglieder und Trainer doch ohnehin dauernd wechseln. Da spielt also X heute noch hier, und steht ein halbes Jahr darauf den gleichen Leuten als Gegner gegenüber, weil Verein Y die Summe Z hingeblättert hat. Überhaupt: das ganze Geschachere, die Skandale. Worum geht es also eigentlich beim Fußball-Fan-Sein? – fragte ich mich manchmal. Und kam jedes Mal zum Schluss, dass es mir zu abstrakt ist. Im Grunde kann man ja bloß Fan der Vereinsfarben, Fan einer Fahne sein – und das lässt sich irgendwie nicht mit meinem, äh, Inneren verknüpfen. (Ich stehe nicht sonderlich auf Fahnen, ganz grundsätzlich nicht.)

Geändert hat sich das jetzt erst, als der Präsident von Eintracht Frankfurt, Peter Fischer, sich im vergangenen Winter bei einer Mitgliederversammlung des Vereins so klar gegen Rassismus positioniert hat – und unmissverständlich darauf hinwies, dass eine solche Einstellung sich nicht mit den Werten in der Satzung des Vereins vertrage. Bei den Elf Freunden, zum Beispiel, ist das noch mal nachzulesen und nachzuhören. Da leuchtete für mich plötzlich doch einmal kurz auf, was so ein Fußballverein sein könnte: durchaus etwas Ideelles, etwas mit Inhalt, sozusagen.

Hinzu kommen zwei unleugbare persönlich-lokale Verbindungen:

1.) Ich bin ja selbst in/um Frankfurt groß geworden (und des hessischen Tonfalls durchaus noch mächtig).

2.) UND: Der Wedding, verkörpert durch Kevin-Prince Boateng, spielt bei denen mit!

Woraus sich nun eine Konstellation ergab, in den vergangenen Wochen, die mich erstmalig in meinem Leben also doch zu einem Fan gemacht hat. Die Eintracht Frankfurt ist jetzt mein Verein, sag’ ich mal.

Sie wäre es auch bei einer Niederlage gegen die Bayern weiterhin gewesen. Aber so, mit diesem 3.1, ist es natürlich noch schöner, so bin ich natürlich noch etwas verknallter jetzt.

Die Tore von Ante Rebic und am Ende von Mijat Gacinovic – das Vorbereitende, Treibende von Kevin-Prince Boateng – und, meiner Meinung nach bislang zu wenig gelobt: die Torhüterleistung von Lukas Hradecky – I liked that very much.

Spektakulär am gestrigen Spiel war letztlich dann ja auch das Ausmaß von Arroganz und Unsportlichkeit, das das Team von Bayern München da an den Tag gelegt hat – sich sofort beleidigt in die Kabinen verziehen, statt erst einmal den Gewinnern zu gratulieren und jenen bei der Pokalzeremonie den Respekt zu erweisen. Übel, peinlich, klein. Bei Spiegelonline las ich gerade, dass es dafür einen ordentlichen Shitstorm gab. Allright!

Nun überlege ich gerade, wie sich solch ein Turniersieg auf des Fans Tag danach auswirkt, ob es da irgendwelche besonderen day-after-Verhaltensregeln, Rituale, Gepflogenheiten gibt. Hm.

Womöglich ist es ja auch einfach so: Lebbe gehd weider.

Gell?

In diesem Sinne,
immer die Ihre: KK

May 20, 2018