Guten Morgen, guten Abend,
herzlich willkommen im neuen Jahr!

Oben sehen Sie ein Foto, das ich neulich beim weihnachtlichen Familienbesuch in Hessen in einem alten Fotoalbum wiederfand. Sein Titel lautet:

Ich, 1977, kurz bevor ich die Mülltonne in Brand setzte
und damit einen urbanen Mythos schuf, der sich bis heute hält.

Das optimale Motiv für die Eröffnung meines persönlichen digitalen 2019, fand ich jetzt gerade.

Abgesehen davon steht das einzige, was ich aktuell berichten kann, das Entscheidende und ohnehin immer Gültige, im Leitsatz dieses Internetangebots, Sie können es auf der Startseite von katjakullmann.de lesen:

I hate writing, but I love having written, wie die Freundin Dorothy Parker es einmal formulierte.

It’s bad, I tell you.
Really bad.
I’m not even medium-happy with it, currently.

Ach.
Ach. Ach.

Was war oder ist sonst so?

Zwei Vorgänge, die im weitesten Sinne meine Arbeit berühren, haben mich kurz vor Jahresende noch ein wenig bewegt.

1.)

Da war zum einen der Fall Relotius – das Auffliegen der Lügengeschichten, die ein x-fach preisgekrönter Reporter mit dem nach einem Thomas-Mann-Roman klingenden Namen Claas Relotius u.a. im Spiegel, bei dem er angestellt war, veröffentlicht hatte, aber auch bei etlichen anderen Medien, für die er als Freier schrieb. Die Causa wurde am 19.12. mit dieser ellenlangen Erklärung des Spiegel öffentlich, einer Erklärung, die selbst auch schon wieder im Relotius-Style verfasst ist – mit fürchterlich viel Gefühl, möchte ich mal sagen. Der Verfasser jener Erklärung, Ulrich Fichtner, war als Leiter des Spiegel-Ressorts “Gesellschaft” Relotius’ direkter Vorgesetzter, unlängst hieß es, sein Vertrag (Fichtner sollte zum Jahresbeginn in die Chefredaktion des Spiegel aufsteigen) sei ausgesetzt und ruhe erst einmal, solange, bis die Sache ganz aufgeklärt ist. (Relotius selbst hatte direkt von sich aus gekündigt.)

Die Causa Relotius ging tagelang durch die Tagesschau etc., über denSchaden für den ohnehin schon massiv angegriffenen Journalismus, über das Gewese um Journalismus-Preise generell usw. ist eigentlich alles schon geschrieben worden. Da ich mich selbst ja recht ausführlich mit der Idee des In-between beim Schreiben auseinandergesetzt habe, da ich die mittlerweile auch schon wieder 60 Jahre alte Idee des New Journalism immer noch für eine entscheidende Initialzündung halte und vor rund einem Jahr im Berliner Brecht Haus einen kleinen Vortrag zum nicht unheiklen Prinzip der Non-Fiction-Fiction hielt, hat mich das alles natürlich einigermaßen interessiert.

Und letztlich gefiel mir von allen Texten, die zur Causa Relotius dann veöffentlicht wurden, dieser mit am besten: Die Verkitschung der Wirklichkeit, Daniel Kothenschulte schrieb ihn für die Frankfurter Rundschau, und die meinem Befinden nach entscheidende Stelle lautet:

In den besten Werken des New Journalism wurden gesellschaftliche Phänomene, politische oder soziale Realitäten an Einzelschicksalen greifbar. Die Narrationen wurden aus Tatsachen entwickelt. Der gegenwärtige Trend zum „human touch“ arbeitet in umgekehrter Richtung.

Keine Zeile dem EMO-Schmus!
Genau!
Ganz meine Meinung.

2.)

Zwei Tage nach dem Relotius-Crash, am 21.12., fand der großoffizielle Festakt zur Schließung der tatsächlich allerletzten Steinkohlezeche in D-Land statt: Die Zeche Prosper-Haniel in Bottrop macht(e) dicht. Es war ein Freitag, an dem ich wieder mal in den Zeitungsschacht zur Schicht eingefahren war, bei der taz, und ich sah die Übertragung am Nachmittag jenes Tages live auf einem Redaktionsbildschirm, gemeinsam mit dem Kollegen Pascal Beucker, der selbst aus dem Ruhrgebiet stammt, u.a. auch für Jungle World schrieb und einige politkritische Bücher veröffentlicht hat. Ich selbst hatte vor einigen Wochen ja erst über die Bottroper Protokolle geschrieben, bzw. über eine Begegnung mit der Autorin, Erika Runge.

Na, jedenfalls: Die Bottroper Bergleute sangen zum Abschied ihren Song, das STEIGERLIED, das wohl schon im 16. Jahrhundert entstand und seither, über die Zeiten hinweg, einen recht wechselvollen Gebrauch erlebt hat. Wenn Sie auf das folgende Foto klicken (ich habe es als Screenshot vom ZDF entliehen und hoffe, das geht in Ordnung), gelangen Sie direkt zur finalen Bottroper Gesangsdarbietung – ich fand (und finde) es durchaus berührend.

3.)

Darüber hinaus hänge ich hier noch ein paar Notizfotos aus dem Segment Euphorie im Alltag hin, alle aufgenommen “zwischen den Jahren”.

Und verbliebe mit gefassten und ganz freundlichen Grüßen,
immer die Ihre: KK

January 5, 2019