*** Bildnachweis am Ende dieses Posts.

Geehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger,

aktuell beschäftige ich mich, aus beruflichen Gründen, mit einem Buch, das 1957 erschien, das aber bis heute bekannt ist und auch immer mal wieder besprochen wird: Vance Packards “Geheime Verführer”.

Zu jenen Geheimen Verfühern werde ich beizeiten noch deutlich mehr, äh, ablassen, ich gebe Ihnen dann rechtzeitig Bescheid. Da kommt also noch was.

Einstweilen, für den Moment, möchte ich Ihnen nur diese Stelle hier schon mal zeigen – es dreht sich bei Packard hier um Klimaanlagen — und um die instinktive Abwehr, die viele US-AmerikanerInnen gegen jene Erfindung verspürten, damals, in den 1950er Jahren, als Klimaanlagen in Mode kamen – eine Abwehr, die ich persönlich von jeher, auch im Jahr 2018 noch, voll und ganz teile:

Tatsächlich habe ich mich auf Klimaanlagen komplett eingeschossen. Ich lehne sie ab – als zivilisatorischen Fehlgriff – als totally pathetic, wie eine US-Amerikanerin vielleicht sagen würde.

Es hat nichts mit etwaigen Erkältungen zu tun, die ich mir wegen Klimaanlagen schon einmal zugezogen hätte (ich glaube, das ist mir eher selten passiert, auch wenn die Gefahr immer besteht). Es hat auch nichts mit Energiesparen zu tun (auch wenn ich selbstverständlich dafür bin!). Nein – meine Ablehnung beruht auf der totalen Albernheit und, na, sagen wir, Wehleidigkeit, auf den mental-emotionalen Folgekosten, die, meinem Empfinden nach, an das Institut Klimaanlage gekoppelt sind.

Brachial kurz skizziert: Es ist heiß, der Mensch schwitzt, oho – eine Sensation – Huh, that’s how it feels to be alive! – schau an, was dein body also macht, bei 25Grad-plus – aber statt dass der Mensch den Sommer halt mal auf sich wirken lässt, das Schwitzen sozusagen aushält, es studiert, ihm nachfühlt, statt dass er sich dieses Erlebnis also gönnt, die hochsommerliche Liederlichkeit auch, das lustvolle Verlottertsein, Schlappsein, Faulsein, wirft er die verfluchte Klimaanlage an – sucht er in mittelprächtiger Wohltemperiertheit Zuflucht vor seinen Körperfunktionen – in einer standardisierten Durchschnittstemperatur – nur um dann aber eines Tages eine solch brennende (ha!) Sehnsucht nach echten Erlebnissen zu verspüren, dass er oder sie am Ende dann Erlebnisreisen, Erlebnispackages, Erlebniserlebnisse irgendwo im Internet bestellt (Besichtigungstouren in knall-echten Schwellenländer-Favelas, sauteuer verkloppte “Weekend Retreats” in den letzten verbliebenen WLan-freien Zonen, au wei!, Auspeitsch-Services im örtlichen Bordell, you name it …)

Grrr – schon wieder klinge ich wie eine grumpy old cat.

Dessen bin ich mir bewusst. Es ist mir auch recht peinlich.

Ich räume daher hier noch ein: Ja, in bestimmten Fällen, wenn der Kreislauf, der Stoffwechsel, was auch immer, kurz vorm Zusammenklappen ist, bei über 40 Grd oder so, bei Alten und Kranken zum Beispiel – man möge ihnen eine Klimaanlage zur Verfügung stellen! Unbedingt!

Aber ich persönlich möchte bitte weiterhin im Frühjahr frohlocken, im Sommer schwitzen, im Herbst über den Regen schimpfen und im Winter konstant ein wenig frösteln dürfen. Ich möchte meinen body nicht fliehen, wenn man so will. Ich möchte, wenn ich zum Beispiel mal in einem Auto sitze, die Fenster herunterkurbeln und den Fahrtwind mich streicheln lassen, auch wenn es ein sehr warmer Sommerwind ist. (Deswegen, des Lüftchens wegen, habe ich Ventilatoren ziemlich gern, ja, Ventilatoren lasse ich in meiner subjektiven Stil-, Anstands- und Geschmacksdiktatur voll durchgehen.) Ich lasse mir das Schwitzen also nicht nehmen, no way. Und empfinde es als eine Art von Freiheitsberaubung, wenn etwa Hotelzimmer nur über nicht zu öffnende Fenster verfügen, weil eben die Klimaanlage es nicht verträgt. Erstmals erlebte ich das in Japan, 2003, und dachte damals noch: “Schon schräg irgendwie, diese JapanerInnen.” Mittlerweile ist es aber auch in europäischen Hotels durchaus usus. Interessanterweise aber nur in ohnehin durchstandardisierten Ödnis-Hotels der allergünstigsten UND der allerteuersten Sorte, so kommt es mir jedenfalls vor, in Hotels an den jeweils entgegengesetzten extremen Enden der Preisskala (was eigentlich verblüffend ist).

Let there be sweat!

Möchte ich manchmal rufen.

Und habe selbst unter den irre hohen Temperaturen der vergangenen Wochen schwer gelitten, im Zeitungsbüro, pipapo, das dürfen Sie mir bitte glauben. Aber … trotzdem!

So, nach dieser ausführlichen Anmoderation kommen wir hier jetzt zum Werbeblock. In den gerade frisch wieder aufgelegten FORTSCHREITENDEN HERZSCHMERZEN BEI MILDEN 18 GRAD spielt eine Klimaanlage nämlich eine herausragende Rolle. Sehen Sie das Buch hier in hochsommerlicher Umgebung:

Ja, auch die Heldin der “Herzschmerzen”, Mona-Simone heißt sie, verachtet jenes Gerät mit all ihrer Kraft. Wie dieser längliche, Ihnen hiermit großzügig gratis zur Verfügung gestellte Auszug belegt:

Die Klimaanlage trillerte. Eine Düse, ein Filter, ein Aggregat oder sonst was war kaputt, war falsch eingestellt oder einfach nur abgenutzt. Gelegentlich pfiff es deshalb aus den Schächten, seit Wochen schon. Meist klang das Pfeifen wie ein bösartiges Kleintier, ein fauchender Sittich oder kichernder Hamster, und in manchen langen Stunden, in denen sie Fremden die Wimpern bog oder irgendjemandes Hautunreinheiten quetschte, hatte sie sich ausgemalt, wie sie mit beiden Händen in den Schacht griff und dem Tier den Hals umdrehte.

Jetzt aber, als er vor ihr lag und sein Herz ins Spiel gebracht hatte, war da kein Tier, nur sie und er und das übliche Drumherum, Watte, Wachs, Cremes, Gels, Tiegel, Tücher und die Technik mit ihren bekannten Defekten, welche sie schärfer wahrnahm als sonst, vermutlich, weil sie sich zu konzentrieren versuchte. Ob alles wertvoller glänzte, wenn er vor ihr lag, oder ihr, im Gegenteil, schäbiger entgegenschlug, auch da konnte sie sich nie entscheiden, es war mal so, mal so. In jedem Fall anders als sonst.

Siebzehn Minuten, ungefähr, würden ihr dieses Mal noch bleiben. Die Technik ließ ihr keine Ruhe.

Die Klimaanlage schien eine Melodie zu trällern, einen Refrain, der sich in einem fort wiederholte. Erst pfiff es einige Sekunden leise, kaum hörbar, dann schraubte sich das Geräusch torkelnd in die Höhe, aus dem Innern des Geräts kam ein Rasseln hinzu, von angeknacksten Ventilatoren oder verstopften Zuleitungen vielleicht, bis das Geräusch sich überschlug und abbrach, um nach kurzer Zeit wieder von vorne zu beginnen. Als wäre eine Tonnadel in einer staubigen Schallplattenrille hängen geblieben, auf die altmodischste Art, als wollte die Technik sie auf irgendetwas hinweisen, so kam es ihr vor. In einer aufdringlichen Jammerschleife pfiff es immer wieder von vorne los – und führte doch zu nichts. Die Anlage machte sich lustig über sie, meinte sie in einem Augenblick, im nächsten kam es ihr so vor, als wollte das Gerät sie anfeuern, dann klang es wieder eher wie ein Zurückpfeifen, wie man einen Hund zurückpfeift.(…)

Er auf dem Sessel vor ihr, einmal jede Woche, er in ihren Händen; und sie, die nicht vom Fleck kam mit ihren Gefühlen. Jemand musste draußen auf dem Flur den Technikschrank öffnen. Jemand musste mit der flachen Hand auf die Metallkästen schlagen, kräftig gegen Schaltkreise treten und an Kabelsträngen zerren, damit es aufhörte, dieses Pfeifen. Die Maschinenluft machte die Menschen krank, aber Fenster gab es hier unten nicht, nur Lichtschlitze zum Bürgersteig, die sich nicht öffnen ließen.

Er schien sich an nichts zu stören.

Er ruhte auf dem höhenverstellbaren Multifunktionssessel für wertvolle Kunden, für die Besten der Besten, die gepolsterte Lehne war nach hinten geneigt, in wirbelsäulenschonender Position, damit er sich entspannen konnte. Während sie auf dem Schemel vor ihm hockte und mit ihrer Arbeit fortfuhr, als wäre nichts.

Nun besorgen Sie sich halt endlich dieses Buch (wenn Sie’s nicht eh schon besitzen) – und genießen Sie ansonsten doch die letzten Wochen Restsommer, die es jetzt noch hat, lassen Sie’s doch nochmal ordentlich fließen – bevor der Septemberblues, das nächste Geheule wieder losgeht.

Empfiehlt, immer ganz die Ihre: KK

*** Die obige Zeichnung stammt aus einem US-amerikanischen Warenkatalog aus dem Jahr 1900, ich habe sie von graphisfairy.com entliehen. Das Wort “Eskimo” in der Produktbezeichnung ist heute kein unumstrittenes mehr, es wurde ursprünglich von den Cree und den Algonkin, zwei inidigenen Gruppen, für Menschen verwendet, die ebenfalls im Nordpolarraum leben, aber eine andere Sprache sprechen. Die Inuit, die ebenfalls im arktischen Zentral- und Nordostkanada sowie auf Grönland leben, lehnen dieses Wort (es bedeutet so viel wie “Rohfleischesser”) heute ab und möchten eben lieber Inuit genannt werden.

August 15, 2018