Oben sehen Sie das Zentralgebäude der Leuphana Universität in Lüneburg. Erst vor gut einem Jahr wurde es eröffnet, kreiert hat es Daniel Libeskind, der auch die ersten Entwürfe für das One World Trade Center auf Ground Zero in New York schuf.

Die Leuphana Universität ist mit Stiftungsgeldern alimentiert, die Finanzierung und die Gestaltung des neuen Zentralgebäudes waren öffentlich arg umstritten. “Protzbau”, “Prestigeprojekt” oder “Schräges Luftschloss” wurde es geschimpft. Ich hatte nun zum ersten Mal an jener Uni zu tun und stieg an der falschen Seite des Campus aus dem Bus, so dass ich von dem Gebäude zunächst gar nichts sah. Ein freundlicher Student wies mir die Richtung, er sagte mit starkem US-Akzent etwas wie: “Sie werden beeindruckt sein.” Als ich dann um die entscheidende Ecke bog, dachte ich: “Woah, ein Raumschiff, am Rand der Lüneburger Heide!”

Wäre es tatsächlich ein Raumschiff, wäre ich mir nicht so sicher, ob es von freundlichen Wesen gelenkt ist. Das liegt vermutlich an seiner Dreieckigkeit. Dreiecke finde ich zwar durchaus interessant (wie hier schon mal flüchtig bebloggt) – aber nicht interessant aus Zuneigung – sondern eher aus tendenziellem Misstrauen. Ich finde Dreiecke sozusagen schwierig, sie liegen mir nicht so.

Beeindruckend ist das Gebäude aber allemal, auch innen. Ganz schön verwinkelt. Man kann sich sehr gut darin verlaufen (bestätigten mir auch Menschen, die regelmäßig dort tätig sind). Mit interessanten Licht-Einfalls-Effekten. In der Eingangshalle erinnert es an eine Kirche oder ein modernes Museum. Also: eindeutig ambitioniert gestaltet. Ich bin mir nur nicht so sicher, ob es mir gefällt, oder ob es mir, wenn ich öfters dort aus- und einginge, eines Tages gefallen könnte.

Innen drin war es dann auch deshalb so interessant, weil ich von der Kulturwissenschaftlerin Simone Jung als Gastsprecherin zu einem Studierendenseminar geladen war, Thema “Zeitgeistjournalismus”. Jung hat Anfang des Jahres das Buch FEUILLETON – Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur mit herausgegeben. Und sie bringt ihren Kulturjournalismus-StudentInnen immer wieder Anschauungsmaterial aus den 1980er und 1990er Jahren mit …

… darunter auch ganz frühe Ausgaben aus der Gründungsphase der Zeitschrift Spex (Wikipedia / Webseite), die damals, 1980-1982, noch ganz wie ein Fanzine auftrat und den Untertitel Musik zur Zeit trug – nicht wie später und bis heute dann Magazin für Popkultur. Noch nie hatte ich eine der ganz frühen 80er-82er Ausgaben in den Händen, keine Frage, dass ich diese hier nun sofort durchblätterte.

Die Post-Punk-Frauen von MALARIA waren drin, angeteasert mit dem aus heutiger Sicht ja doch beachtlichen Schlagwort BERLINEXOTISCHMÄDCHEN:

Und die Preislisten – auch die Single-Preislisten – des Hamburger Plattenladens KONNEKSCHEN waren abgedruckt:

Und eine Werbeanzeige für das berühmte CAFÉ MITROPA, das ja, gar nicht sehr verändert, bis heute existiert, inzwischen als Café M, aber noch immer in der Goltzstraße in Berlin-Schöneberg, und in dem ich den für Spex nicht unerheblichen Diedrich Diederichsen tatsächlich schon zwei oder dreimal gesehen habe, in den vergangenen Jahren. Es ist im M gewissermaßen noch alles beim Alten.

Irgendwann musste ich mich dann losreißen von diesem hübschen Zeitdokument – und mit den Studierenden sprechen – ein, zwei Texte vorlesen, Fragen und Thesen zum Begriff Zeitgeist im Allgemeinen und Besonderen in den Raum werfen, über den Begriff Journalismus natürlich auch reden, über Ich- und aber auch ganz andere Perspektiven, über das Aufnehmen von Witterungen und das große Gespräch, über Themenfindung und -erfindung. Auch zu diesem Anlass hatte ich, als Paten, Talisman, Gewährsmann, wieder mal Siegfried Kracauer dabei, eh klar. Und so las ich den Studierenden eine kurze Stelle aus seinem “Herbarium” aus den Angestellten vor – die Stelle, an der es um das Ausgeh- und Rauschbedürfnis eines jungen Bürofräuleins vom Berliner Gesundbrunnen geht.

Randanmerkung: Dass Siegfried Kracauer auch in den FORTSCHREITENDEN HERZSCHMERZEN vorkommt, hatte ich bestimmt schon mal erwähnt. Falls nicht – hier:

Es waren unterhaltsame drei Stunden, mit Simone Jung und den Studierenden. Es macht Spaß, mit bzw. “vor” jungen Leuten zu sprechen, es ehrt und freut mich (beides im wahrsten Wortsinn), als Ältere ganz eventuell ein paar Kleinigkeiten weitergeben zu können, zumindest ab und an mal darum gebeten zu werden. Das berührt eine gewisse Seite … die mir gefällt. Erwachsensein ist sooo schlecht also wirklich nicht. Und es hält einen auch nicht von kleineren oder größeren Albernheiten ab – etwa der, festzustellen, dass die Universitäts-Lehrkraft Simone Jung und ich, die tapfere Kreuz-und-Quer-Schreiberin, uns für eine ziemlich ähnliche Garderobe entschieden hatten, an jenem Zeitgeist-Tag: helle Hemdblusen, schmale dunkle “absolutely-no message”-Hosen sowie strumpflose Füße in flachen, weichen Lederslippern (Rechts Jungs rechter Fuß in Ochsenblutrot, links Kullmanns linker Fuß in Dunkelkaramell):

Ergänzend zur Raumschiff-Impression muss hier unbedingt noch erwähnt werden, dass Lüneburg als solches ja wirklich ein ungeheuer hübsches, niedliches, in der Innenstadt ganz und gar alt, sogar sehr alt bebautes Städtchen ist:

Na, also – nice war’s.

Immer die Ihre: KK

May 28, 2018