Bom dia – oder boa tarde, je nachdem, ob Sie gerade in der ersten oder in der zweiten Tageshälfte, vor oder nach 12 Uhr hier vorbeischauen.

Eines sage ich Ihnen gleich: Oooh nein – ich bin nun nicht mit zerzausten Karibikzöpfchen auf dem Schädel und einer geretteten Straßenkatze im Handgepäck aus dem Urlaub zurückgekehrt. Ich trage jetzt keine leuchtend bunten Textilbändchen um meine Handgelenke und auch kein wirr gemustertes, eventuell mit Elefanten oder Sonnensymbolen verziertes Riesentuch um meine Schultern, und ich unterhalte nun auch keine Internet-gestützte Fernbeziehung zu einem Surflehrer / Strandliegenverwalter / Meeresfrüchte-Wirt oder Straßenmusikanten. Wobei gegen Surflehrer, Strandliegenverwalter, Meeresfrüchte-Wirte und Straßenmusikanten überhaupt nichts einzuwenden ist, alles ehrbare Berufe! Ich habe jetzt auch keine südländischen Tanzschritte drauf und spreche auch weiterhin so gut wie kein Wort der schönsten Sprache der Welt. Kurz: Ich bin immer noch so fad mitteleuropäisch wie eh und je, ein kühl funktionierendes Schräubchen mit verhältnismäßig wenig natürlichem Charme, da dürfen Sie mir, bitte, vertrauen.

Aber ich muss einräumen: Eu estou apaixonada. Was, laut Google-Translator, so viel bedeutet wie: Ich bin verliebt.

In das Portugal halt.

Und zwar generell.

Doch, ist schon so.

Zum x-ten Mal war ich jetzt dort, praktisch einen Drieviertelmonat lang, und diesmal nicht in und um Lissabon, sondern wieder einmal an der Südküste, der Algarve. Dort hatten wir, das Portugal und ich, 1993, also vor exakt 25 Jahren, unsere erste Begegnung, ich war 23 und Studentin der Politikwissenschaft in Frankfurt/Main und stieg gerade als freie Mitarbeiterin bei der FAZ ernsthaft in den Journalismus ein und war schon damals ganz verstrahlt von der herben Schönheit jenes Landes, das sah damals so aus:

Was ich am Portugal seither mag, ist so vieles – insbesondere seine Lage am stolzen, weiten, wilden und immer in Bewegung befindlichen Atlantik (und eben nicht am träge vor sich hinsuppenden, viel süßlicher mir vorkommenden und vergleichsweise eingezwängten Mittelmeer) – desweiteren liegt es an der hier schon ca. 1000fach erwähnten Sprache, welche, auch ohne, dass ich sie verstehe, etwas zu transportieren scheint von dem, was man vielleicht die portugiesische Mentalität nennen könnte – es sind tendenziell zurückhaltende und ernsthafte, eher sperrige als auf wüste Art “aus sich herausgehende” Leute, so mein Eindruck – SkeptikerInnen, MelancholikerInnen, SinniererInnen – die einen jedenfalls nicht mit irgendwelchen Gute-Laune-Attacken behelligen, die einem, als Reisender, auch keinen Quatsch von “südländischem Feuer” erzählen oder so was.

Nein, stattdessen erzählen sie einem von der angeblich immer noch nachhallenden Inquisition (die einst in Portugal besonders schlimm wütete), wie etwa mein Vermieter es mir erklärte. Oder von der eigenen (ebenfalls teils brutalen) kolonialen Vergangenheit (ebenfalls ein Gespräch mit meinem Vermieter), oder, natürlich, vom 25. April 1974, von der Nelkenrevolution gegen die seit 1926 herrschende Militärdiktaktur. Ja, sie scheinen politisch recht interessiert zu sein, die Portugiesinnen und Portugiesen. Und sie scheinen mehrheitlich ganz stark als EuropäerInnen zu empfinden. Tatsächlich scheinen nationalistische Tendenzen, wie sie in konzentrierter Form z.B. im benachbarten Spanien (ich sage nur: Katalonien!) und in noch übleren Varianten andernorts in Europa derzeit aufbrechen, in Portugal keine nennenswerte Rolle zu spielen. Auch ist Rassismus offenbar kein virulentes Thema, die Aufgeschlossenheit gegenüber Geflüchteten verhältnismäßg groß, was, alles in allem, eben auch an der kolonialen Vergangenheit liegen dürfte, ein durchaus großer Teil der Portugiesinnen und Portugiesen hat, mehr oder minder sichtbar, afrikanische VorfahrInnen, über die Tönung von Hautfarben scheint man dort jedenfalls kein allzu großes Gewese zu machen, was mir ungeheuer gut gefällt und was stark dazu beiträgt, dass mir dieses Land so weit und menschenfreundlich vorkommt.

Eines der Schlüsselwörter der portugiesischen Sprache, eines, das praktisch unübersetzbar ist, lautet Saudade. Am ehesten kommt es dem deutschen Wort Sehnsucht nahe, man könnte es aber auch als besonders edle Form der Melancholie umreißen – beziehungsweise, das scheint mir eigentlich am passendsten zu sein, als eine Form des Blues – der gemeinschaftlich getragen, gelebt, kommuniziert wird – nicht tränendrüsig allerdings, so kommt es mir jedenfalls nicht vor, sondern eher weise, also lebensklug, unaufgeregt und mit einem ziemlich dunklen Humor – einer entzückend tapferen Life-Death-Ironie. In der Saudade ist alles enthalten, geboren werden und sterben, hinauffliegen und herunterfallen, werden und vergehen, Ankunft und Abreise. Da gehd’s de Mensche wie de Leut – sagt man in Hessen.

Man wird von Protzereien und Schleimereien jedenfalls weitgehend verschont, sogar auch als urlaubende Fremde, es ist, alles in allem, ein Land, das mir persönlich sehr liegt – mehr als jedes andere, womöglich. Es liegt vielleicht daran, dass auch ich selbst einem eher übersichtlichen Lebensstil durchaus zugeneigt bin – da gehe ich mit den PortugiesInnen total d’accord. Hinzu kommt, dass ich in Portugal meine explizite Nicht-Blondheit und meine mittlere Kleinheit endlich doch einmal als phänotypischen Vorteil voll ausspielen kann. Die Physiognomie, der Körperbau, Teint, die, äh, äh, “Ausstrahlung” (??? Hä ???), was auch immer es genau ist, scheint sich quasi reibungslos ins Portugal hineinzumorphen. Jedenfalls werde ich dort immer wieder als Portugiesin angesprochen, es kam auch jetzt wieder mehrfach vor, dass man mir das Nichtportugiesische partout nicht glauben mochte — was mich im jeweiligen Moment dann zwar etwas, nun ja, beschämt, was insgesamt aber den großen Vorteil hat, mich immer direkt hineinschmuggeln zu können und sozusagen nicht aufzufallen und (hoffentlich!) niemanden mit meiner Anwesenheit groß zu stören, denn das wäre wirklich das Allerletzte, was ich wollte.

Als ich zuletzt, im Sommer 2016, zweieinhalb Wochen lang in Lissabon war, behielt ich fast alle (Foto-)Erinnerungen für mich – wie man es eben instinktiv tut, wenn man wirklich verliebt ist. Diesmal … ist mir aber einfach zu wehmütig zumute … diesmal ist mir nach einem melancholischen Fest – diesmal will ich’s vorzeigen. (Auch, um selber immer mal wieder draufschauen zu können, wenn jetzt der deutscherbstige Mist wieder kommt.)

Es folgt hier jetzt also eine ausufernde Dia-Show – jedes einzelne Bild lässt sich durch Draufklicken vergrößern – und als Soundtrack schlage ich dieses wunderschöne Lied von diesen zwei wunderschönen portugiesischen Gegenwartsmenschen vor – es dreht sich wohl … um Liebe, haha. Um eine unglückliche, versteht sich. Es ist ein Stück Saudade, und es umschmeichelt einen in etwa so sanft wie die Atlantikbrise, die auch bei 29 Grad im Schatten dort immer sacht um einen weht:

♫ ♫ ♫ Márcia com JP Simões:
A pele que há em mim (Quando o dia entardeceu)

Wir beginnen unsere Dia-Show mit einer Würdigung der Riffs, Klippen, Felsen und kantigen Buchten, die vor allem die Südküste prägen, aufgenommen an verschiedenen Orten zwischen Faro im Osten und Lagos im Westen. (Die Frau auf dem zweiten Foto, im Bikini, mit Sonnenhut, bin nicht ich!):

Im zweiten Kapitel der Dia-Show ist “meine” direkte Umgebung zu sehen – ich verbrachte die Zeit in einem alten Fischerhäuschen, es wird von einem Mann vermietet, dessen Großeltern es einst als Fischereifamilie bewohnten, der Enkel, heute um die 60, lebt und arbeitet als (mehr oder minder verkrachter) Off-off-Schauspieler und Autor in der größeren Stadt Faro, und er lebt sicher auch von der Vermietung des Häuschens – das nicht über Airbnb zu buchen ist, übrigens, und das auch gar nicht Airbnb-artig ausgestattet ist, sondern, im Gegenteil, komplett Ikea-los, sozusagen “Design”-frei, ziemlich schlicht und traditionell eingerichtet und (juhu!) ohne Klimaanlage, stattdessen mit einem großen Standventilator. Was das Häuschen indes hat: eine Terrasse, die über eine quasi eigene kleine Steilküstenbucht ragt.

Sie sehen auf den Fotos den Blick auf “meine” kleine Steilküstenbucht – von der Terrasse aus, auf der ich oft frühstückte – wenn ich nicht im Dorf in einer der kleinen Pastelarias den Tag begann, mit ein bis zwei Americano, zwischen Handwerkern, Geschäftsleuten, Verkäuferinnen – weiterhin sehen Sie eine Außenaufnahme des Häuschens (es ist das weiße, zweistöckige, mit den schmiedeeisernen Balkongittern) – einen Blick in “meine” Gasse – sowie zwei dortige Nachbarn, den obligatorischen schlafenden Hund sowie einen älteren Herren, der, stets korrekt gekleidet, fast jeden Tag an der selben schattigen Ecke stand und schaute, was so war – außerdem sehen Sie einen der üblichen Sonnenaufgänge (Madrugada heißt “Morgendämmerung” auf Portugiesisch), von “meiner” Terrasse aufgenommen – und Sie sehen das portugiesische Bett, auf dem ich abends viel las – mangels Sprachkenntnis leider nicht das Buch mit dem tollen Titel, das ich in einem kleinen Regal im Häuschen fand (und über das es im Internet praktisch nichts herauszufinden gibt, außer, dass es aus den späten 1950er Jahren stammt):

Fauna und Flora – ich bin eine Freundin davon! In Portugal erst recht. Dort wuchsen wilde Brombeeren auf/an “meiner” Terrasse, und die Bienen, die vorbeischauten, waren nicht schwarz-gelb, sondern schwarz-weiß gestreift. Das Obst und das Gemüse, das man dort in lokal bestückten Läden kaufen kann, sieht aus, wie Obst und Gemüse ursprünglich, vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten wohl einmal aussah (bevor das mit den Klimaanlagen losging, sozusagen, ha!), beispielhaft hier an einer pickeligen, herrlich herb schmeckenden Gurke dargestellt, außerdem an den überall an den Straßenecken wachsenden Feigen.

Hier einige Urbanitäts-Impressionen, wiederum aufgenommen in “meinem” Dorf sowie an verschiedenen weiteren Orten zwischen Faro und Lagos – darunter auch die dunkelroten alten Schlossmauern von Silves, etwas im Hinterland gelegen – außerdem die wunderschönen französischen Autos, die die PortugiesInnen ebenso zu lieben scheinen wie ich – und, natürlich: Cristiano Ronaldo (von den Vorwürfen gegen ihn, den mutmaßlichen sexuellen Übergriffen, erfuhr ich erst nach meiner Rückkehr). Die letzten drei Fotos, die Nachtbilder (nicht: Nacktbilder), stammen auch wieder aus “meinem” Dorf, sie zeigen insgesamt fünf örtliche Fischrestaurants, ebenfalls auf den Klippen gelegen, und in drei davon bin ich regelmäßig eingekehrt, einmal auch bei Vollmond (wobei es eigentlich immer, zu jeder Weltallzeit, ganz köstlich schmeckte):

Strand heißt Praia auf Portugiesisch. Es gibt etwas flachere, belebtere Strände – und ganz verborgene, kleine, die man nur mit viel Gekraxel erreicht, oder die sogar so abgelegen sind, dass man praktisch nur mit einem Geländewagen hinkommt. Für den Tag-zu-Tag-Gebrauch nutzte ich meist ein etwas abgelegeneres Strandstück, das nach einem gut 30minüten Spaziergang in der Brandung erreichbar war, immerhin lagen da schon wieder große Felsbrocken im Wasser, es war sonst recht einsam, ich fand prächtige Muscheln (und Steine mit total flottem Glencheck-Karo!), las hie und da einer Möwe etwas vor und wurde binnen weniger Tage ungeheuer braun (wie man an einem Badewannenfoto sieht, das etwa nach dem vierten oder fünften Strandtag abends beim Abduschen entstand, aus schierer Eigenpigment-Begeisterung). Die lokale Ökonomie unterstützte ich auch damit, dass ich mir im Dorf den schönsten Badeanzug zulegte, den die Welt je gesehen hat, Sie können ihn weiter unten bewundern. Was mir auch wieder einmal auffiel: Körperformen und -Fassons … sieht man ja so einige, an Stränden. Und insgesamt ist das… wie soll ich sagen … sehr, sehr beruhigend. Die Menschen, Männer wie Frauen, sind eben doch ganz anders gebaut, als es im Fernsehen und im Internet meist gezeigt wird. (Um das festzustellen, muss man aber sicher nicht extra nach Portugal fahren.)

Na, nun müssen wir wohl mal ein Ende finden – einen Abschied.

Das letzte Wort überlasse ich den Sardinen. Als Sardinhas Asadas, also kurz gegrillt, mit ein paar Kartoffeln und etwas Grünzeug garniert, sind sie praktisch das Standardgericht dort, das örtliche “Einfache-Leute-Essen” – sehr leicht, ganz anspruchslos in der Zubereitung – und auch darin sehe ich mich den PortugiesInnen aufs Engste verwandt: Eine raffinierte Küche ist die portugiesische eher nicht so. Die auf rötlich beerdeten Feldern oder im türkisblauen Meer geernteten Lebensmittel sind äußerst schmackhaft! Aber man veranstaltet kein übermäßiges Brimborium mit ihnen – sondern schnippelt sie im Wesentlichen einfach klein, haut sie aufs Rost – und genießt. Mehr habe ich persönlich auch nicht drauf, kochtechnisch gesehen, in dieser Hinsicht bin ich also tatsächlich, ganz ungelogen, eine Portugiesin.

SAUDADE!

Obrigada, Portugal!
Nós nos entendemos.
E nos encontraremos novamente, com certeza.

October 1, 2018