Ahoi.

Nicht nur ein heißer, auch ein ziemlich lebendiger/bewegter/beschäftiger Hochsommer ist bzw. war es, dieses Jahr.

Darum: immer nur punktuell mal so richtig Zeit fürs Internet.

Aber: Bücherliebe!

Kompromisslösung: Ich stelle Ihnen eine kleine Auswahl des Jüngstgelesenen wenigstens kurz vor, alphabetisch nach AutorInnen geordnet, und schreibe jeweils ein Zitat heraus.

Warmes Wort der Woche: Das alles können Sie getrost lesen, je nach Interessenlage.

Immer die Ihre: KK

Andre Dubus
STIMMEN VOM MOND
Roman

Im Original 1984 erschienen – Volk und Welt Spektrum, 1988 / Rowohlt, 1992

Dieses kleine Buch von Andre Dubus griff ich mir einmal in einem Antiquariat irgendwo unterwegs – da es sich um eine ostdeutsche Edition handelt, war es wohl in Greifswald vor drei, vier Jahren. Erst jetzt las ich es endlich einmal – die Geschichte einer Scheidungs-Familie – und war verblüfft, wie stark diese Erzählung um Glaubensfragen, Schuld und Sühne, die Kirche(n) kreist, zumal angesichts der Tatsache, dass dies hier eine DDR-Veröffentllichung ist. Andre Dubus’ Stil ging mir jedenfalls recht angenehm über die, äh, Synapsen. Die folgenden Sätze schildern, wie die Romanheldin Joan, eine geschiedene Frau und Mutter in fortgeschrittenen Jahren, nach der Trennung an ihre Ehe zurückdenkt:

(Es) war eine Zeit gekommen, wo sie – noch verheiratet und jeden Tag mit Richie zusammen – geglaubt hatte, daß sie verrückt werden würde, wenn das Telefon noch einmal klingelte, wenn sie noch ein einziges Mal über den Merrimack zum Supermarkt führe, wenn sie noch ein einziges Essen kochte oder wenn Greg (ihr kleiner Sohn, Anm. d. Red.) noch ein einziges der -zig Dinge täte oder sagte oder auch nur zu tun oder sagen begänne, die sie nur mit einer Gelangweiltheit über sich ergehen lassen konnte, die an Abscheu grenzte.




Klaus Hillenbrand
FREMD IM NEUEN LAND
Deutsche Juden in Palästina und ihr Blick auf Deutschland nach 1945

S. Fischer, 2015

Klaus Hillenbrand ist ein überaus geschätzter Kollege bei der taz, ich arbeite eng mit ihm in der taz-eins-Redaktion zusammen, er betreut federführend das Ressort “Nahaufnahme”, in dem täglich auf zwei Seiten eine Reportage, ein Feature erscheint, neudeutsch auch long read genannt. Hillenbrand schreibt auch immer wieder Bücher, sein Hauptthema ist der Antisemitismus, speziell der Antisemitismus in Deutschland. In diesem Buch hier greift er folgenden Strang auf (Zitat aus dem Klappentext):

Aus ihrer Heimat vertrieben, kamen ab 1933 zehntausende deutsch-jüdische Flüchtlinge nach Palästina. Dort fanden sie sich nur schwer zurecht, die wenigsten sprachen Hebräisch, und man nannte sie spöttisch »Jeckes«. Sie gründeten eine eigene, deutschsprachige Zeitung. Nach 1945 erzählten darin jüdische Autoren, die als Besucher nach Deutschland zurückkehrten, wie Deutsche und Juden ihr Leben neu organisierten – zwischen Verdrängen und Reue, Hoffnung und Verzweiflung, Trauer und Wut.

Im Buch selbst liest sich das dann beispielsweise so – hier aus einem Text vom jüdischen Rückkehrer Hans Tramer, am 23.6. 1950 geschrieben:

Geld ist rar in Deutschland, und doch – wir wagen es nicht zu beurteilen, inwiefern er etwa künstlich erzeugt wird — ist ein dauernder Aufstieg unverkennbar. Es wird gebaut, es wird viel gebaut, geschickt gebaut. Wie Deutschland, wie der einzelne Deutsche den Krieg und was ihm voranging, ungeschehen machen möchte, so baut man.




Stuart Jeffries
GRAND HOTEL ABYSS
The Lives of the Frankfurt School

Verso, 2017

Stuart Jeffries ist ein britischer Journalist, er zählt unter anderem zum festen AutorInnenstamm des Guardian (einer der ausländischen Zeitungen, die ich online regelmäßig lese). In diesem Buch hier erzählt er die Geschichte der Frankfurter Schule, und er tut dies auf unterhaltsame, tendenziell niedrigschwellige Art – so, dass auch einE NichtkennerIn jener Schule gut folgen kann, einen womöglich/hoffentlich neugierig machenden Einblick in die ideengeschichtliche Entwicklung der Frankfurter Thesen bekommt. Außerdem – und das ist dann gewissermaßen der Mehrwert für bereits belesene FrankfurterInnen – plaudert er etliche Alltags- bzw. Privat-Ankedoten aus dem Geflecht um Adorno, Horkheimer, Marcuse, Benjamin et al. aus, die deren intellektuelle Arbeit nochmals etwas anders beleuchten. Erstaunlicherweise ist das 2017 erschienene Grand Hotel Abyss (“Grand Hotel Abgrund”, schimpfte Georg Lukacs einst über die Kritische Theorie der Frankfurter – daher der Titel) schon ins Spanische und ins Portugiesische übersetzt, sah ich gerade, ins Deutsche jedoch noch nicht. Ein Beispiel für Jeffries’ britisch-lakonischen Anekdoten-Ansatz ist diese Stelle, in der es um die Zuneigung Marcuses und Adornos zu Nilpferden (Hippos) geht:

Marcuse shared this fondness (for Hippos) with Adorno who, as noted earlier, in letters to his mother would address her as ,My dear, faithful Wondrous Hippo Cow’ and, occasionally, sign himself off as ,Hippo King Archibald’. Why did the Frankfurt School fetishise hippos so much? We may never know.




Julia Mantel
DER BÄCKER GIBT MIR DAS BROT AUCH SO
Gedichte

edition faust, 2018

Frankfurt die 2.: Julia Mantel ist nicht nur eine geschätzte und schillernde Bekannte aus meinen früheren Frankfurter Jahren (ich wuchs dort auf, im Grunde), sie ist auch eine hoch talentierte, im besten Sinne eigenwillige Poetin. Kürzlich erschien dieser neue Gedichtband von ihr, den ich – wenngleich ich mich mit Lyrik sonst schwer tue – sehr gern hier empfehle. Mantel schafft es immer wieder, sozusagen sozialkritisch zu dichten, also: hart am Material (dem echten), und dabei aber doch auf dunkle Art leicht zu bleiben. Klingt so, als ginge das nicht? Bei Julia Mantel schon! Textprobe – eines der besonders kurzen Gedichte:

tagwerk

ich habe mir alleine
die schuhe zugebunden
und die claqueure
stehen schlange.




Tobias Premper
ICH WAR KLEIN, DANN WUCHS ICH UND WAR GRÖSSER

Steidl, 2018

Die ist schon der fünfte im Steidl-Verlag erschienene Band von Tobias Premper – und dass der Steidl-Verlag die UrheberInnen der bei ihm erscheinenden Bücher KünstlerInnen nennt, nicht AutorInnen, scheint mir Programm zu sein. Premper jedenfalls ist ein Künstler, ein Künstler der kleinen Form: Er schreibt Text-Miniaturen, die oft nur einen Absatz fassen, manchmal auch über 2 bis 4 Seiten laufen – Texte, die zwischen den Formen Gedicht, Aphorismus, Super-short-Short-Story, Notiz, Fantasie changieren. In gewisser Weise betreibt Premper auf seine ganz eigene Art ebenfalls das, was ich (für meinen Teil) als Everything-in-between beschrieben habe. Wie auch immer: Ich schätze seine Kunst (ach, ich nenne es doch lieber sein Schreiben) sehr. Very, very special, kann ich nur sagen. Auch die Bände Durch Bäume hindurch und Mississippi Orangeneis Blues las ich. Nun habe ich mich mit diesem neuen, Ich war klein …, sehr gut und helle unterhalten. Zum Kennenlernen hier einer der mittelkurzen Texte daraus:

DIE TOTALE EMPATHIE

Ich wollte die ganze Welt umarmen, weiß auch nicht warum, einfach so. Angefangen hatte das mit einer Gruppe Obdachloser, die ohne Winterjacken durch die Kälte schlurften. Dann sah ich ein humpelndes Großmütterchen, einen Vater, der seinen Sohn huckepack nahm, und ein blondes Mädchen, das rote Strumpfhosen trug. Ein Stück die Straße runter lag ein Schaschlikspieß, an dem noch Fleischfetzen klebten, auf dem Asphalt. Den hätte ich am liebsten auch umarmt.




Thomas Ramge
MENSCH UND MASCHINE
Wie Künstliche Intelligenz und Roboter unser Leben verändern

Reclam, 2018

Thomas Ramge ist ein Spezialist fürs Digitale, wenn ich das verkürzt mal so sagen darf, er schreibt als Technologie-Korrespondent etwa für brand eins und den Economist, und vor einigen Wochen lernte ich ihn flüchtig bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Hidden Values – die Währungen der Zukunft kennen. Sehr viel ging es dabei um den von Georg Franck 1998 geprägten Begriff der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Thomas Ramge war jedenfalls so aufmerksam, mir bei jener Gelegenheit dieses kleine, von ihm jüngst veröffentlichte Bändchen zuzustecken (er schrieb auch schon einige dickere Bücher). Ramge gibt darin einen anschaulichen Überblick über den Stand der Lage in Sachen KI (Künstliche Intelligenz). Zitat aus seiner Einleitung:

Die Künstliche Intelligenz hat schon mehrere Hype-Zyklen durchlaufen: Großen Versprechen folgten immer wieder Phasen mit großen Enttäuschungen. In den sogenannten “KI-Wintern” kamen dann selbst bei glühenden Anhängern Zweifel auf, ob sie nicht Hirngespinsten nachrannten, angetrieben von den Visionen der Science-Fiction-Autoren, die sie in ihrer Jugend verschlungen hatten.




Holger Schulze
THE SONIC PERSONA
An Anthropology of Sound

Bloomsbury, 2018

Holger Schulze scheint mir einer der interessantesten Wissenschaftler dieser Tage zu sein – auf jeden Fall hat er ein sicheres Plätzchen unter den “Top-3-Interessante WissenschaftlerInnen” in meinem Freundes- und Bekanntenkreis inne. Er lehrt als ordentlicher Professor im Feld Sound Studies an der Universität in Kopenhagen und beschäftigt sich nicht (nur) mit Musik als Musik, sondern verfolgt sozusagen einen sozialpsychologisch-philosophisch-technikkritischen-soziologischen Ansatz: Was erzählen bestimmte Sounds und Hörgewohnheiten über ihre jeweilige Zeit, Gesellschaft, Produktionsbedingungen, Politiken? So in etwa verstehe ich Schulzes Pfad. Vor einigen Jahren führten wir einmal ein interessantes Gespräch über Schallwaffen, seither haben wir uns (glücklicherweise) angefreundet. In seinem jüngsten Buch, bislang nur auf Englisch erhältlich, untersucht er, was eine (“unsere”) Sonische Persönlichkeit ausmacht/ausmachen könnte. Hübsch theoriestark, geeignet für diejenigen, die gern etwas, äh, deeper diggen. Eine Kostprobe – die den Ansatz dieses Buches gut beleuchtet, wie ich finde:

When I enter a space, you can hear my steps, the moving of my hands, my clothes, my jewelry, my hair. If your sensory perception were largely focused on hearing, you would be able to auditorily recognize a rhythm of either more hectic or more relaxed movements that could be symptomatic for my habits right now. You would then interpret or categorize my actions and my habitus according to these sonic practices. The character of a sonic persona is mainly dependent on its particular cultural and historical significance – which is sonically embodied in one’s auditory appearance.




Meg Wolitzer
DAS WEIBLICHE PRINZIP
Roman

Übersetzt von Hennig Ahrens
Dumont,2018

Ein zunächst einmal interessantes Experiment der US-amerikanischen Autorin Meg Wolitzer: Dieser Roman ist angelegt bzw. beginnt wie ein klassischer US-Campus-Roman – nur dass die wichtigsten ProtagonistInnen allesamt Frauen sind. Im Mittelpunkt steht die ambitionierte, aber schüchterne Studentin Greer Kadetsky – die sich sozusagen politisiert, dem Feminismus zuwendet, nachdem sie selbst bei einer Campus-Party einen sexuellen Übergiff eines Mitstudenten erlebt hat (einen #metoo-Moment, sozusagen). Die zweite weibliche Hauptfigur ist die fiktive, altgediente und etablierte Feministin Faith Frank (eine aus der Alice-Schwarzer-Generation, könnte man sagen). Faith Frank wird erst zu Greer Kadetskys Mentorin (und Arbeitgeberin), dann trennen sich die Wege der beiden (auf eher ungute Art).

Die knapp 500 Seiten führen einen durchaus durch verschiedene hochaktuelle gesellschaftspolitische Diskussionen (die v.a. die USA mit sich selbst führen, dieser Tage). Wie der geschätzte Claudius Seidl aber in einer Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung kürzlich richtig anmerkte: Die Figuren sind – leider – zu eindeutig, eindimensional, holzschnittartig geraten, der Roman izu glatt “so weggeschrieben”, als dass er mich dann geschüttelt hätte. (Ich weiß schon, warum ich das Format “Campus-Roman” tendenziell eher fad finde.) Für ein faules heißes langes Badestrandwochenende aber (sollte es jetzt noch einmal um die 30 Grad haben oder so) würde ich es dennoch empfehlen – als ein Stück “intelligent-unterhaltender Sommerlektüre” eben, und immerhin: mit feministischem Gehalt. Soundprobe – die Hauptfigur Greer Kadetsky hat gerade den #metoo-artigen Überfall ihres Mitstudenten Darren Tinzler hinter sich (er hat ihre Brüste hart betatscht):

Sie hatte stumm dagestanden, wehrlos und unfrech. Sie gehörte nicht zu diesen angeblich allgegenwärtigen Mädchen, in bestimmten Filmen und Büchern “Spitfires”, später auch “Kickass” genannt, die trotzig die Hände in die Hüften stemmten. Solche Mädchen gab es bis heute am College, sie strotzen vor rotzfrechem Selbstvertrauen, waren sich ihrer Stellung in der Welt gewiss. Mit unverhohlenem Sexismus oder noch platteren Vorurteilen konfrontiert, stauchten sie ihr Gegenüber zusammen oder verdrehten einfach die Augen und taten so, als wäre es unter ihrer Würde, diesen Schwachsinn zur Kenntnis zu nehmen. Sie vergeudeten keinen Gedanken an jemanden wie Darren Tinzler.



August 15, 2018