Hier sehen Sie den Bauhaus-Künstler und -Lehrer Marcel Breuer mit seinem “Harem”, wie seine Mitkünstlerinnen und Schülerinnen damals, in den frühen 1920er Jahren, scherzhaft genannt wurden oder sich selber nannten – von links nach rechts: Martha Erps-Breuer, Katt Both und Ruth Hollos-Consemüller. Das Foto habe ich von einer Ausstellungswand abfotografiert – in der (sehr kleinen, für Bauhaus-Interessierte aber sicher interessanten) Ausstellung Bauhaus in Bildern, die die Klassik Stiftung Weimar noch bis 24. Juni ebendort, in Weimar, zeigt – in der Stadt, in der das Bauhaus als rasend moderne, sozusagen revolutionäre Kunstschule 1919 von Walter Gropius gegründet wurde.

Nun gehe ich davon aus, dass die Freundinnen und Freunde dieses kleinen Blogs wissen, was das Bauhaus war und wie sich seine Geschichte entfaltete (gegebenenfalls lässt sich heute ja alles schnell nachschlagen).

Faszinierend an der kleinen Weimarer Foto-Ausstellung ist jedenfalls ihre Backstage-Haftigkeit: Zu sehen sind etliche Werkstatt- und Quatsch-Aufnahmen, die die Bauhaus-Leute damals machten – und die sehr deutlich das, naja, Lebensgefühl transportieren, das diese jungen Leute damals trug und an dem sie also arbeiteten: Schluss mit dem kaiserlichen Rest-Mief – Schluss vor allem mit dem Kriegs-Mist, dem Blut-und-Boden-Kitsch – freie Frauen, freie Männer – Licht, Luft, Liebe – Helligkeit, Ideen, Fortschritt, Experimente, Zukunft – und eben auch: Spaß – “Willkommen Moderne!”

Den Nazis war das alles zuwider, eh klar. Das thüringische Weimar war, mit seinem national-konservativen Bürgertum, schon ganz besonders früh und ganz besonders überzeugt NSDAP-freundlich. “Schon im März 1930 war mit Innen- und Volksbildungsminister Wilhelm Frick der erste NS-Minister in einer Landesregierung aufgetreten”: Mehr über Weimar als Schlüsselort für das Erstarken des Faschismus ist, in aller Kürze, bei Wikipedia nachzulesen (anderswo natürlich auch).

Jedenfalls sorgten die Nazis, unterstützt vom sehr speziellen Bürgertum in Weimar, zügig dafür, das Bauhaus zu vertreiben. Nur sechs Jahre nach seiner Gründung zog es nach Dessau um, wo es sich von 1925-1932 noch hielt – 1932/33 folgte eine kurze verzweifelte Phase in Berlin – dann taten die meisten Bauhaus-Leute das, was fast alle ernst zu nehmenden Intellektuellen, insbesondere jüdische Intellektuelle, taten / tun mussten: Sie verließen fluchtartig das Land, emigirierten, wie sehr viele andere, in die USA – wo das Bauhaus dann, in Freiheit, zu internationaler Größe gelangte, weshalb wir heute seine Entwürfe, seine Möbel überhaupt noch so gut kennen (und als lizenzierte Nachbauten erwerben können). In Weimar ist vom damaligen Bauhaus heute jedenfalls nur noch wenig zu sehen, auch wenn sich die Stadt selbstverständlich gern auf jenes große Erbe beruft und auch ihre heutige Universität den Namen “Bauhaus” trägt.

Hier: Martha Erps-Breuer und Katt Both, 1927, schon in Dessau, auf dem Dach des dortigen Atelierhauses – so posierten deutsche Frauen natürlich nicht, genau so etwas war den Nazis unerträglich:

Die Jungs benahmen sich ebenfalls nicht unbedingt wie stählerne deutsche Männer, auch wenn sie hier ein deutsches Junkers-Flugzeug quasi pantomimisch darstellen (Erich Consemüller und Hugo Hoffmann, 1927 in Dessau):

Was für ein schönes Foto von Katt Both (über die nur sehr wenige Informationen im Internet zu finden sind, etwa hier, links in der Spalte unter “About”)

Überbordender Optimismus schlägt einem auch von diesem Bildband des Bauhaus-affinen Fotografen der Neuen Sachlichkeit, Albert Renger-Patsch, entgegen (der D-Land während des Nazi-Terros dann nicht verließ):

Und von fast jedem Punkt in Weimar ist der Glockenturm zu sehen – er steht auf dem Ettersberg, an der sogenannten Blutstraße, dem Weg, den Zehntausende InsassInnen des KZ Buchenwald zwischen 1937 und 1945 nehmen mussten. Der Glockenturm und die naheliegende Gedenkstätte wurden in den 1950er Jahren in der DDR errichtet. Ich habe mir beides angesehen, bei einer früheren Gelegenheit, so wie ich auch Dachau in Bayern und Auschwitz in Polen besucht habe.

D-Land.
Da komme ich also her.

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Harter Schnitt – auf Ré Soupault (1901-1996).

Ihr bürgerlicher Name war Meta Erna Niemeyer. Sie studierte 1921-1925 ebenfalls in Weimar am Bauhaus, betrachtete Johannes Itten (den mit der Farblehre) als ihren wichtigsten Lehrer, machte den letztlich von den Nazis erzwungenen Bauhaus-Umzug nach Dessau dann nicht mit – „Das Bauhaus ist meine Familie, meine geistige Familie. Die einzige, die ich anerkenne“ (O-Ton Ré Soupault) – sondern ging nach Berlin, wo sie unter dem Pseudonym Renate Green als Magazinjournalistin anfing. (Danach wird es noch viel interessanter!)

Dem Verleger Manfred Metzner ist es zu verdanken, dass Ré Soupaults Texte (und ihre späteren Fotografien) heute noch (bzw. wieder) verfügbar sind. Mit dem von ihm 1978 mitgegründeten Wunderhorn Verlag (Heidelberg) ist Metzner so etwas wie Ré Soupaults Nachlassverwalter. Vor einigen Wochen schickte er mir freundlicher- und aufmerksamerweise ein Buch zu der Frau zu, die ich vorher noch gar nicht kannte (hier bloggte ich es kurz an), mittlerweile habe ich mir weitere Wunderhorn-Bände zu Ré Soupault bestellt – jüngst dort erschienen sind etwa ihre Erinnerungen Nur das Geistige zählt, und auch die Biografie Du lebst wie im Hotel, geschrieben von der Literaturkritikerin Ursula März, gibt einen guten Überblick über dieses nervöse, abwechslungsreiche, anstrengende, wache Leben.

Sie war befreundet bzw. verbandelt mit dem DadaistInnen-Lager um Hans Richter, mit Erich Maria Remarque, Man Ray, Fernand Léger, Gisèle Freund, Helen Hessel, Max Ernst. In Paris führte sie für einige Jahre eine eigene Modelinie, “Ré Sport”, mit der sie das Transformationskleid schuf, einen radikal modernen Entwurf für wahrhaft moderne Frauen.

1933 lernte sie in Paris Philippe Soupault kennen, der mit André Breton als Mitbegründer des Surrealismus gilt. Die beiden verliebten sich, heirateten, waren fortan bis zu ihrem Lebensende sehr intensiv, wechselvoll und – zumindest für Erna/Ré höchst schmerzhaft – miteinander verbunden. Aus jener symbiotischen Verbindung zog Erna/Ré dann auch ihren Künstlerinnennamen. Sie war jedoch mehr als nur ein “Anhängsel” Soupaults, bzw. emanzipierte sich stark von ihm – und übersetzte etwa als Erste die Texte des radikalen Pazifisten Romain Rolland und Lautréamonts Gesänge des Maldoror ins Deutsche.

Mit Philippe Soupault reiste sie während des Zweiten Weltkriegs ungeheuer viel herum, er, scharfer Gegner des französischen Vichy-Regimes, war u.a. in Nordafrika als Journalist tätig, Ré begann zu fotografieren – etwa im “Quartier Réservé” in Tunis, einer Art Ghetto für alleinstehende Frauen, die von der dortigen islamischen Gesellschaft als Gefallene bzw. Verstoßene betrachtet und vielfach in einer Art Zwangsprostitution gehalten wurden, zum billigen Vergnügen der wohlanständig verheirateten muslimischen Männer von Tunis. Ja – Ré Soupault, die wissbegierige, lebensmutige und hochpolitische Frau, die einige herbe Jahre im Mahgreb-Raum verbracht hat, lässt weder in ihren Fotografien, noch in ihren Texten einen Zweifel daran, was sie vom Regelwerk einer streng islamisch sturkturierten Gesellschaft hält: nichts.

Kaum war der Krieg beendet, kehrte sie – für eine kurze und auch privat sehr aufreibenden Phase – nach D-Land zurück, wo sie an einer längeren Text- und Bild-Reportage “über Westdeutschlands Vertriebenen- und Flüchtlingsproblem 1950” arbeitete – unter dem Titel Katakomben der Seele bei Wunderhorn verfügbar. Hier sieht man sie bei ihrer Recherche:

Über die Menschen auf der Flucht, überwiegend Volksdeutsche aus nunmehr polnischen Gebieten (so der damalige Sprachgebrauch) schrieb Ré Soupault 1950:

Diese Menschen bilden eine 5. Kolonne der Verzweiflung und sind mit den jugendlichen Flüchtlingen eines der furchtbarsten Sozialprobleme Zentraleuropas. (…) ,Viele, die wir hier gehabt haben’, sagt mir der Leiter eines Jugendheims in Bayern, ,waren unfähig, sich anzupassen. Wir konnten sie nicht behalten.’ Und dann? Sie werden zurückgeworfen in die Ungewissheit eines Daseins, wo es keinen Platz für sie zu geben scheint.

Reichlich irritiert – stellenweise sogar abgestoßen – zeigt sie sich von den sogenannten Landsmannschaften, den politischen Verbänden der Geflüchteten, die bis heute im “Bund der Vertriebenen” organisiert sind (dessen langjährige Vorsitzende bis 2014, Erika Steinbach, 2017 wegen der Politik Angela Merkels aus der CDU austrat, mittlerweile als aggressive AfD-Sympathisantin u.a. bei Twitter aktiv ist und seit März 2018 der neugegründeten, AfD-nahen “Desiderius-Erasmus-Stiftung” vorsitzt). Über ihren Erstkontakt mit den Landsmannschaften schreibt Rè Soupault ebenfalls 1950:

Herr Kraft, ehemaliger Leiter der deutschen Bauernorganisation in Polen (es heißt, er sei SS-Offizier gwesen) ist ein energischer, untersetzter Mann in den besten Jahren. (…) Anerkennung der Oder-Neisse-Linie kommt für Herrn Kraft nicht in Frage.

(…)

,Das letzte Jahrzent’ also ist schuldig? Nicht gewisse Menschen, die einen entscheidenden Einfluss auf das Schicksal der Welt im Laufe des letzten Jahrzehnts und darüber hinaus ausgeübt haben? Ich kann nicht umhin, verschiedenen Vertretern der Landsmannschaften gegenüber diese für die Lösung der heutigen Sozialprobleme sehr wichtige Frage zu berühren. Und begegne nur verständnislosen Blicken.

Ach – an Ré Soupaults Leben und Werk lässt sich einiges herumstudieren. Hier abschließend noch ein Gegenschnitt von zwei Frauen-Porträts, die sie vor gut 70 Jahren fotografiert hat: Links eine “Verstoßene” im “Reservierten Viertel” von Tunis in den 1940er Jahren (entnommen dem vergriffenen Bildband Eine Frau allein gehört allen, die Arbeiten sind aber unter anderem Titel noch zu haben) – rechts eine junge geflüchtete Volksdeutsche in einem westdeutschen Auffanglager 1950.

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Und als Rausschmeißer noch ein paar aktuelle Wackelbilder – in der extrem geputzten Innenstadt von Weimar knallen einem die Klassiker an jeder Ecke entgegen – Weimar ist die Stadt der Gesichter, würde ich mal sagen, oder halt des Klassizismus-Kitschs, Schiller & Goethe gibt es auch als Wachsfiguren, ein Kaufhaus (Schiller) und ein Shopping Center (Goethe) ist nach ihnen benannt, und nachdem ich bei einem früheren Besuch Goethes Sommerhaus im Park an der Ilm besichtigte, nahm ich diesmal Schillers Schreibtisch in Augenschein, in seinem früheren Wohnhaus, in dem es selbstverständlich spukt und von dessen Arbeitszimmer man eine Aussicht auf die aktuelle Bauhaus-in-Bildern-Austellung hat. Es war extrem schwülwarm in Weimar gerade, um die 30 Grad, oft diesig, konstantes Kurz-vorm-Gewitter-Klima, und warum ich jetzt dort hingefahren bin, das erzähle ich hier.

Hier nun also ein paar Postkartenmotive aus Weimar, des touristischen Mehrwerts wegen,
immer die Ihre: KK

June 10, 2018