Oben (Foto (c) Thomas Müller) sehen Sie einen Programmpunkt des zweitägiggen Digital Bauhaus Summit, einer unvergleichlich leger und spannend und bisweilen auch anspruchsvoll gestalteten Konferenz – die wesentlich auf die Zentrale Intelligenzagentur (Berlin) zurückgeht – und nun schon zum fünften Mal in Weimar stattfand – diesmal unter der Leitzeile HIGH & LOW.

Das obige Foto zeigt eine Auswärts-Folge des fabulösen Pop Salon, den der (Musik-)Journalist und Buchautor Jens Balzer und der (Kultur-)Journalist, Redner, Filmer und Autor Tobi Müller sonst regelmäßig in der Bar des Deutschen Theaters in Berlin abhalten. Im Dezember 2016 hatte ich die Ehre, in Berlin schon einmal als Gast geladen zu sein, gemeinsam mit Tobias Rüther, Feuilleton-Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Nun sehen Sie oben links auf dem Foto also (v.l.n.r.) Tobi Müller, mich, den Essayisten und Publizisten Jens Jessen und Jens Balzer in Weimar auf dem Digital-Bauhaus-Podium – wir sprechen über Musikvideos, die auf je ihre Art an dem Prinzip von High & Low rühren. Zu jenem Pop-Diskurs-Abend gleich weiter unten noch ein paar Sätze.

Hier nun, für einen besseren Eindruck der Konferenz, erst einmal die “Neufert-Box”, einer der Veranstaltungsorte in Weimar – geschaffen nach einem Entwurf des Architekten Ernst Neufert (1900-1986) – der ebenfalls mit dem Bauhaus zugange war – später allerdings kein Problem damit hatte, unter den Nazis zum “Reichsbeauftragten für Baunormung” ernannt und 1944 von Adolf Hitler in die “Gottbegnadeten-Liste” der wichtigsten deutschen Architekten aufgenommen zu werden.

Die VeranstalterInnen des diesjährigen Digital Bauhaus Summits beim Auftakt desselben auf einem angenehm “wild” begrünten Gartengrundstrück im Weimarer Stadtteil Gelmeroda, v.l.n.r.: Cornelius Reiber, Philipp Albers, Jule Hass, Mads Pankow.

Dort wachsen originalechte Kirschen im Garten. Wie alle Teilnehmenden sollte auch ich mir, als Accessoire für meine Namensschildkette, entweder das Wort high oder das Wort low aussuchen. Ich traf meine Wahl sehr schnell und sicher.

So sieht es innerhalb der Neufert-Box aus – hier bei Annekathrin Kohouts Referat ‚High & Low‘ als politisches Werkzeug. (Wenn Sie das Foto durch Anklicken vergrößern und die Reihen der Zuhörenden konzentriert abscannen, entdecken Sie eine entfernte Bekannte.)

Schon 2017 war ich beim Digital Bauhaus Summit dabei, damals trug es die Leitzeile Being Modern, und ich sprach über das Billy-Regal: The Political Impact of Billy: How a Bookshelf Became an Indicator for Socio-Cultural Shifts. Was ich vergangenes Jahr verpasste, diemal aber mitmachte: einen gut halbstündigen Summit-Spaziergang über die Felder am Rande Weimars.

Während des Spaziergangs sprach Nilz Bokelberg (vielen u.a. als früherer Viva-Moderator sicher noch bekannt) über seine “liebsten Google-Bewertungs-Autoren” …

… und der Publizist Jens Jessen (heute hauptsächlich im Zeit-Feuilleton tätig) las drei Folgen seiner Tier-Kolumne vor, über das Nashorn, den Dachs und den Angestellten. Wobei in der Episode mit dem Dachs mehrmals ein Buchenwald vorkam – was Jessen womöglich (fast möchte ich sagen: bestimmt!) absichtlich so gewählt hat, an jenem Ort, zu Füßen des Ettersbergs, auf dem sich das KZ Buchenwald befand (wie hier im Blog kurz erwähnt). Ich vergaß, Jessen darauf anzusprechen, auf das Buchenwald-Motiv, leider, es fällt mir jetzt erst wieder ein, da ich dieses Foto sehe. (Merke auch: Der Mann raucht beim Vorlesen. I like that pretty much.)

Jessen und ich, wir haben uns übrigens recht angeregt und angenehm unterhalten, auf jenem Spaziergang und drumherum – u.a. konnte ich eine Feststellung anbringen, die mich seit ein paar Wochen bzw. Monaten tatsächlich stark beschäftigt: “Die Geschichte der Menschewiki ist untererzählt! So viel wissen wir über die Bolschewisten. Aber … was wäre gewesen, wenn die Menschewiki sich durchgesetzt hätten?” – fragte ich, mehr oder minder rhetorisch, Jens Jessen. Der daraufhin prompt zu erzählen wusste, dass der Historiker Heinrich August Winkler genau diese Frage auch schon einmal zu beantworten versucht habe, vor ca. 20 Jahren. Zu einer Antwort auf meine Frage kamen wir allerdings jetzt auch nicht, so auf die Schnelle.

Das Anregende und Angenehme des lockeren Geplauders mit Jens Jessen stelle ich deshalb hier so heraus, weil er im März einen größeren Text in der Zeit veröffentlicht hat, über die #Metoo-Debatte und über etwas, das er selbst als “totalitären Feminismus” bezeichnet. Der bedrohte Mann heißt jener Text – der sehr umtsritten war bzw. ist und u.a. als “Jammern eines alten weißen Mannes” aufgefasst wird. Die Spiegelonline-Kolumnistin Margarete Stokowski bezeichnete Jessen daraufhin (mit einem durchaus etwas scheppen Bild) als Reichsbürger der #MeToo-Bewegung.

Die Einladung zum Pop-Diskurs mit Balzer, Müller, Jessen in Weimar war älter als jener umstrittene Jessen-Text – wir hatten ein anderes Thema als den Geschlechterzores verabredet – aber von verschiedenen Seiten wurde jetzt die Erwartung an mich herangetragen, dass es in Weimar dann doch bestimmt auch um den #MeToo-Text gehen würde, dass ich Jens Jessen also sozusagen die Leviten lesen würde, wenigstens ein bisschen, oder etwa nicht?

Na – ich tat es nicht. Zum einen, weil ich Jessens zugegebenermaßen an einigen Stellen ungut vibrierenden #MeToo-Gedankengang aus der Zeit nicht ganz so provokant finde, wie andere vielleicht. Vor allem aber aus einem anderen Grund – weil ich nämlich keine Lust hatte, als (einzige) Frau auf dem Pop-Podium nun wieder einmal ganz artig diesen Part zu bedienen: “Feministin regt sich auf, Feministin widerspricht – dafür kennt man sie ja, diese Leute, dafür sind sie ja da, so als Frauen, äh, Feministinnen, also, … nicht wahr?” Nö, dazu hatte ich überhaupt keine Lust. Ich hielt es stattdessen mit dem schönen Wort “trotzfrigide” (das ich erstmals in einem Gespräch mit der Schauspielerin Sophie Rois vor ein paar Jahren aufschnappte) – ich sprang also nicht auf das (Erregungs-)Trampolin, das manche da im Raum vermuteten, um dort eine erwartbare kleine Argumentekette anzufackeln – sondern ging sogar so weit, zwei rein männlich besetzte Musikvideos für diese Pop-Salon-Runde mitzubringen (jeder Gast darf zwei Stücke vorschlagen) – also extra nicht Bikini Kill, Beyoncé oder so – mit Absicht.

Diese Verweigerung der Erregungseinlage erklärte ich auch kurz dem Publikum, mit drei, vier Sätzen, so knapp wie möglich. Dass ich eben nicht den Part des/der ewig Anderen nun hier wieder einnehmen wolle, nicht meine Betroffenheit-als-Frau wieder erwartungsgemäß aufführen und mich darauf dann für den Rest des Abends verbuchen lassen möchte – no way. “Verstehen Sie diese Verweigerung bitte als angewandten Feminismus” sagte ich, und ich meine mich zu erinnern, dass ein paar Menschen da kurz klatschten. Ich meine auch eine gewisse Erleichterung auf dem Podium gespürt zu haben, bei Balzer, Müller, Jessen, vielleicht täusche ich mich da aber auch. Und so unterhielten die drei und ich uns also über das, was im Programm angekündigt war, nämlich:

Eines der beiden Videos, die ich miteinbrachte, ist dieses hier: Smithy Boy & The Crew – eine kleine Gang von ca. 10- bis 19-Jährigen aus dem herbe heruntergekommenen britischen Seebad Blackpool (ca. 15 % Arbeitslosigkeit, ca. 30% der Bevölkerung laut UK-Statistik “ohne qualifizierten Schulabschluss”, rund 70% stimmten dort für den Brexit, von den 20 ärmsten “neighbourhoods” im Königreich befinden sich 8 ebendort, in Blackpool, Drogen und Straßenkriminalität gehören in vielen Vierteln zum Alltag).

Der Grime ist eine Musikrichtung bzw eine Subkultur, die in den 2000er Jahren in London entstand, v.a. im Eastend, eine Kreuzung aus Drum’n’Bass, Techno, Garage, HipHop, mit schnellem, hartem Sprechgesang (“Spittin'”) – als ein typisches, stilbildendes Stück gilt “Wot u call it” von Wiley. Der Grime gilt seinen Fans und KünstlerInnen als der Sound der gegenwärtigen black british identity. Auch wenn es im Grime-Zentrum London inzwischen durchaus ein paar weiße Grime-KünstlerInnen gibt, etwa die aus proletarischen Verhältnissen stammende Lady Sovereign (deren Stück Cha Ching ich ganz schön stark finde): Es ist eine schwarze Musik.

Der Blackpool Grime – praktiziert und verbreitet von überwiegend 10- bis 19-Jährigen Kids aus der weißen Unterschicht – ist UK-weit verhasst, wird als absurde Peinlichkeit aus der Provinz belächelt bis beschimpft, wie man es etwa an dieser ca. 30minütigen Vice-Doku nachvollziehen kann. Tatsächlich eignen sich die Blackpooler Kids ja Sprechweisen, Sounds, Posen und Gesten an, die ursprünglich von ganz anderen Leuten in ganz anderen Kontexten geschaffen wurden. Stichwort appropriation also. Andererseits sind die Kontexte aus Sicht der Blackpooler Kids eben gar nicht sonderlich unterschiedlich, sondern, im Gegenteil, sehr nah beeinander: Auch der kleine Smithy im Video begreift sein Leben als ein Underdogleben, auch er will ein harter, cooler Gangster, Spitter, MC sein – und er hofft insgeheim vielleicht darauf, auch eines Tages über einen bescheuerten Youtube-Kanal entdeckt und ein Top-Checker zu werden.

Es sind keine “süßen Kids”, würde ich sagen. In dem hier gezeigten Video halten sich die rassistischen Beschimpfungen gegen Frauen und Nichtweiße (“Pakis”) noch in Grenzen, es gibt 11-Jährige aus Blackpool (einer heißt “Little T”), die klingen noch viel stärker nach National Front. Der Sprechgesang auf diesem Handyvideo ist offenbar spontan improvisiert. Ein Liam, der nicht zur Crew gehört, hat das Video für Youtube mit einer Untertitelung versehen, er versucht, das Gehörte, zu verschriften – scheitert aber mehrfach daran – weil es teils auch nur fantastisches Gestammel ist – und so schimpft jener Liam in seinen Kommentaren im Video also über das mangelnde Talent dieser nochfast kindlichen “Chavs” (“Prolls”).

Na, das war also einer meiner Beiträge zum Summit-Motto “High & Low”. Es gäbe noch sehr viel dazu zu sagen. Der Guardian berichtet regelmäßig über Grime – auch eine Story über den umstrittenen, “boomenden” Blackpool Grime ist dort zu lesen.

Hier noch ein Link zu einem deutlich professioneller gemachten Grime-Stück und Grime-Video, von einer der vielen starken weiblichen Grime-KünstlerInnen: Die LIONESS findet “Everything mad”.

Und zwei Erinnerungspolaroids vom Digital Bauhaus Summit – alle Teilnehmenden wurden so fotografiert:

Und schließlich ein Standbild vom Vortrag des Autors und Kunsttheoretikers Stefan Heidenreich – sein Vortrag war einer der letzten der zweitägigen Konferenz und er trug den Titel:

Das lasse ich jetzt mal so stehen, als Schlusswort.

Bevor ich mich nun endlich mal wieder in einen (leider kurzen) Urlaub begebe und die üblichen Geräte über die kommenden 14 Tage lustvoll ausgeschaltet lassen werde.

Immer die Ihre: KK

June 10, 2018