Oben, meine Damen und Herren, sehen Sie West-Germany – a tiny, almost forgotten country, wie ich neulich irgendwo las (oder habe ich das gerade erfunden?).

Tatsächlich ist ja immer wieder viel von Deutschland oder Ostdeutschland die Rede – kaum aber mal noch explizit von Westdeutschland, dem Land, in welches ich zu Beginn des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts überraschend hineingeboren wurde und in dem ich dann auch aufwuchs.

Nun bin ich in jenem Land mal wieder ein wenig herumgekurvt, konkret in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Die Fotos, die ich dabei machte, sind herzzerreißend unspektakulär und überwiegend nieselregengrau. I love them very much.

Wenn Sie mögen: Komm’ Se mit auf die Reise – in 42 Farbdias – und mit diesem Soundtrack.

Kluge Leute fahren mit der Bahn, wo sie z.B. herumfläzen, ganz gemütlich knutschen oder lesen können, statt am Steuer einer Dreckskarre zähnefletschend über deutsche Autobahnen zu hetzen. Hier lese ich, auf dem Weg von Berlin ins Ruhrgebiet, die 18. Ausgabe des Literaturmagazins METAMORPHOSEN zum Thema Arbeit und fühle mich schon beim Aufschlagen persönlich angesprochen:

Westdeutschland ist welbekannt für seine beeindruckenden Kirchen, Dome, Kathedralen:

Der Streckenplan des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr – looks like ÖPNV-Heaven:

The epitome of West-Germany, der Inbegriff des Westdeutschen – das Büdchen, das Wasserhäuschen, die Trinkhalle, der Kiosk – hier, stellvertretend für alle, fotografiert in downtown Oberhausen:

Oberhausen hat eine lange und reiche Geschichte – hier soll auch das biblische Wort vom Scheitern als Chance seinen Ursprung haben:

Zudem ist die Stadt weit über ihre Grenzen hinaus bekannt für ihr reichhaltiges Kulturangebot. (Lassen Sie es mich so formulieren: Der Saal und die letzten Originalausgaben von ECHTLEBEN waren restlos ausverkauft, yeah.)

Auch das Vorlesen ist Arbeit. Und nach der Arbeit kommt der Feierabend. Ich danke dem lieben T., dem geschätzten U. und der sympathischen A. nicht nur fürs aufmerksame Dabeisein und Zuhören, sondern auch für die freundliche after-work-Begleitung in dieses wunderbare Malocherlokal, für das herzliche Palaver bei Ruhrpottbier und ein, zwei Gläsern, oh weh, Dornfelder (weil’s einen Merlot-oder-so dort, tendenziell logisch, nicht gibt):

Apropos “Maloche”: Der westdeutsche F-f-f-leiß ist legendär, doch doch, ja ja, so hört man’s immer wieder.

Touristisch inzwischen ziemlich überrannt, dieses Oberhausen, ich kann es gut verstehen, ich mag es ja auch. Die Ansichtskartenauswahl ist jedenfalls riesig:

Auf der Weiterfahrt vom Ruhrgebiet ins Rheinland las ich – und empfehle es hiermit weiter – Claudia Rankines CITIZEN, eine “Meditation über Rassismus”, wie der sympathische Verlag Spector Books diesen Text nennt:

Dann erreichte ich Köln. Den Hauptbahnhof. Der Ende 2015 mit gewalttätigen Übergriffen männlicher Vollidioten Schlagzeilen machte: Zuerst im Oktober 2015 auf der Ostseite, mit massiver Gewalt von rechten Weißen gegen die Polizei, bei der “Hogesa”-Demo (“Hooligans gegen Salafisten”), dann, im Dezember 2015, auf der Westseite, mit Angriffen zahlreicher arabischer oder nordafrikanischer junger Männer auf weibliche Silvesterbummlerinnen. Männliche Vollidioten aller Hautfarben – es ist ein Kreuz mit ihnen.

Beim Stichwort “Kreuz” kurz die Bekräftigung: Ja, es gibt in Westdeutschland also eine Menge Kirchen, manche auch ganz schön altmodisch im Design:

Über den Rhein führen Brücken. In Köln (nicht nur dort, aber dort ganz besonders eifrig) ketten Menschen sogenannte Liebesschlösser ans Geländer, in die ihrer und der Name ihres/ihrer Liebsten eingraviert sind:

Der Rhein, der Rhein, der kann aber absolut nichts für jene verzweifelt blöde Schlösser-Romantik:

Keine Sorge, es gibt auch KölnerInnen, die sind schlau und haben Geschmack. Jene wissen: Man kann auch einfach nur so hübsch zusammensein, ohne sich gleich anzuketten:

Viele KölnerInnen behaupten gern von sich, sie hätten Humor. Nein, sie behaupten es nicht nur, sie kreischen es einem in ausgewählten Jahreszeiten sogar mit lebensgefährlicher Verve entgegen. Der/die BesucherIN sollte, wenn er/sie Ärger vermeiden will, die penetrante Humor-Behauptung einfach stillschweigend zur Kenntnis nehmen, allerhöchstens mit einem verhaltenen “Aha” kommentieren, auf gar keinen Fall sollte man widersprechen:

Weil dieser Architekturstil gerade (wieder) in Mode ist, weil er derzeit zumindest in der Architektur-Theorie sein Revival erlebt: bisschen Brutalismus-Versatz in Köln (gesehen an der Gladbacher Straße):

Das belgische Viertel, ein nettes Karree in der Kölner Innenstadt, in dem es z.B. diesen und jenen Plattenladen gibt, verändert sich, wie alle großstädtischen Viertel westdeutschlandweit, rasend schnell:

Und dabei hat es jetzt auch das Lokal Hallmackenreuther bis auf Weiterres (mit zwei “r” wie in “vorrrübergehend”) erwischt. Jenes Lokal galt in den 00er Jahren ein bisschen als, nun ja, “Schickimicki-” oder “Hipster”-Lokal – was Köln ja aber gerade sehr gut tat! Auch endlich mal so ein Lokal zu haben, meine ich! Ich mochte es ziemlich gern und ging öfters hin. Im vergangenen Herbst ist jedoch mächtig Zores um den Laden entbrannt, wie ich erst jetzt erfuhr. So wurde es mit dem sentimentalen “Ach, früher …”-Kaffee dort also nichts. Sehr schade.

Ansonsten ist in weiten Teilen der Kölner Gastronomie alles beim Alten: Mallorcafeeling all year. Samstag, Sonntag, Montag, über drei Tage war ich in der Stadt, und an allen drei Morgenden wich ich auf den Bürgersteigen Kotzplacken in verschiedenen Formen und Farben aus (und das nach Karneval, mitten in der katholischen Fastenzeit):

Schließlich fügte ich mich dem örtlichen Brauchtum – what else can you do? – und machte mit den langjährig und herzlichst befreundeten Menschen S., O. und T. (einem anderen T. als dem in Oberhausen) ebenfalls den einen oder anderen drauf:

Saturdaynight in Cologne – im Stadtteil Ehrenfeld, der für dortige Verhältnisse in etwa das ist, was Neukölln heute in Berlin ist:

Die ganze Stadt eine einzige Disco (Unterführung nahe Mediapark):

Das Agnesviertel – hier war ich einmal zu Hause, über mehrere Jahre – und wenn ich wider Erwarten irgendwann doch noch einmal in Köln wohnen müssen sollte (ich strebe es nicht an!), dann käme, glaub’ ich, kein anderes Viertel für mich in Frage (es soll allerdings sehr sehr teuer dort sein, mittlerweile):

Auch hier, im Agnesviertel, ein Nachtlebenlokal– und hier nun auch das Allerfeinste und -sympathischste der ganzen Stadt: der/die/das King Georg – yeah. Vor einigen Jahren las ich dort aus den Rasenden Ruinen – und jetzt unterhält es offenbar auch ein eigenes Büdchen:

Ach, ja – hinter dieser blauen Haustür war ich einmal ziemlich glücklich. Daher versuche ich, ihr, wann immer ich in Köln bin, einmal kurz zuzuzwinkern (its a karmic thing, you know):

In Köln machte ich dann kehrt, zügelte wieder zurück in nordöstliche Richtung und begann dabei mit der Lektüre des zweiten Teils der VERNON-SUBUTEX-Trilogie von Virginie Despentes:

Die Reise führte mich nach Niedersachsen, in ein hutzeliges Örtchen namens Obernkirchen. (Schon wieder: Kirchen!):

Ein Fachwerk-Paradies – über das man auf dem Blog Strull & Schluke mehr erfahren kann:

The Taste of West-Germany – Streuselkuchen und Filterkaffee in der Obernkirchener Bäckerei Achter:

Niedersachsen, haargenau so, wie man es sich vorstellt:

Stimmt’s?

In den Arbeitsräumen von Freund A. (wiederum einem anderem A. als dem in Oberhausen) hängt ein ca. 1,20x80cm großes Gemälde des leider viel zu früh gestorbenen Musikers und Künstlers Nils Koppruch:

Im Wald rund um Obernkirchen gibt es dann auch ziemlich viele echte Bäume. Wald gefällt mir, very much.

Wie gesagt …

In Niedersachsen fand damals übrigens der Urknall statt, so lehrt man es die Kinder dort an den Grundschulen:

Kleiner Fußsohlenvergleich, der Dino, der A. und ich:

Der A. auf dem Dinosaurierplateau auf Spurensuche:

Hier ist eine! Hier war eins! Ein Urviech wanderte hier durch!

Die Schönheit von Steinbrüchen wird oft unterschätzt:

So wie Sonnenuntergänge über dem Weserbergland:

Und das Blau des Abendhimmels über Obernkirchen:

Schön war’s.

Oberhausen, Obernkirchen, Köln: Ich hab’ euch gern.

Immer die Ihre: KK

March 15, 2018