Oh du meine Güte – dies dürfte die erste Gelegenheit sein (womöglich auch die letzte), bei der die Farbkombination Schwarz-Rot-Gold so exponiert, so absichtlich hier auf dieser Internetseite erscheint. Was vor allem daran liegt, dass jene Farbkombination gegenwärtig so oft in so absolut verachtenswerten Zusammenhängen bemüht wird. Es sind ja keine unschuldigen Farben. Nein, nicht nach Chemnitz, zum Beispiel, oder wie all die hilflosen Chiffren, Markierungen dieser Tage heißen. Dennoch veröffentliche ich dieses Foto mit dieser Farbkombination hier jetzt – es entstand heute, am 3. Oktober, dem sogenannten Tag der dtsch. Einheit, am sehr frühen Morgen im Wedding, sozusagen bei mir um die Ecke, eine hiesige türkische Bäckerei hatte die Ballons zu besagtem Tag aufgehängt. (Sie hingen heute Abend immer noch da.) Ich veröffentliche diese an sich potthässlichen Ballons nun, weil auch dasjenige, auf das ich Sie hiermit hinweisen möchte, ziemlich weh tut. Von daher: passt es, gewissermaßen.

D-Land. West. Ost. Ist ja ein großes Thema, seit einer Weile wieder. Wobei speziell das Ostdeutschland speziell das Westdeutschland sehr stark dominiert, wie mir scheint. Ja, anders als es immer wieder zu lesen ist, wird das explizit als solches benannte Ostdeutschland viel eingehender und geduldiger besprochen als das explizit als solches benannte Westdeutschland, in Leitartikeln, Reportagen oder Talkshows, und das nicht seit Wochen oder Monaten, sondern mittlerweile doch seit einigen Jahren, mindestens seit dreien, würde ich sagen. Dennoch heißt es oft: Ostdeutschland komme, wenn es ums D-Land gehe, nicht vor. Ein Paradox! (Wenngleich ich ahne, wie es gemeint sein mag … scheint mir die Behauptung schlicht falsch zu sein. Hm.) Und je öfter und ausführlicher darüber gesprochen wird … desto unbegreiflicher, desto fremder scheint es (mir) zu werden, desto unfassbarer das, was von dort an Nachrichten zu erfahren ist.

Randanmerkung: Ich war in meinem Leben, glaube ich, seltener in Bayern als in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. (Ich glaube: Das stimmt. Ich glaube, das ließe sich nachweisen.) Bayern, zum Beispiel, ist mir auch fremd. Ich wüsste auch nicht, wann ich das Saarland einmal mit meinem Besuch beglückt hätte (ein- bis zweimal für je 24 bis 36 Stunden in 48 Lebenjahren vielleicht?), sicher etwa 5x seltener als Thüringen jedenfalls. Auch Ostfriesland oder der Chiemgau sind für mich praktisch terra incognita. Ich glaube auch nicht, dass es als Bundesbürgerin, die unter derselben Verfassung lebt wie alle anderen, meine Pflicht ist, mit allen Landesteilen sozusagen persönlich eng vertraut zu sein. Wie auch immer: Es wird sehr, sehr viel über “den Osten” gesprochen und geschrieben – und ich verstehe immer weniger, was dort vor sich geht.

Und jetzt wird es noch paradoxer:

Ich lege Ihnen die Lektüre eines Zeitungstextes ans Herz. Eines langen Textes – bei dem aber jeder einzelne Satz zählt. Eines Textes über … Ostdeutschland. Konkret: Über das Aufwachsen als sehr junger Mann, als Teenager, in den 1990er Jahren, in dem Teil des Landes, der kurz zuvor noch DDR genannt wurde.

Geschrieben hat den Text mein geschätzter taz-Kollege Daniel Schulz.

Es ist ein Text, der mich sozusagen umgehauen hat.

Er ist so stark und dicht, sein Stoff so gewaltig, dass ich mich nicht entscheiden kann, welche Stelle ich hier als Zitat, als Teaser herausgreifen sollte. Darum lasse ich es. Und rufe Ihnen zu:

Lesen Sie das mal, wenn Sie fünfzehn ruhige Minuten haben – vertrauen Sie mir. Es ist großartig und fürchterlich zugleich.

WIR WAREN WIE BRÜDER heißt der Text.

Sein Vorspann lautet: Unser Autor ist vor Neonazis weggelaufen und er war mit Rechten befreundet. In den Neunzigern in Ostdeutschland ging das zusammen. Und heute?

So viel sei verraten: Beruhigend … ist das alles nicht.
So wenig wie die Ballons (die an sich nichts dafür können).

Immer die Ihre: KK

October 3, 2018