Daniel Haaksman hat schon Rapper aus den brasilianischen Favelas weltbekannt gemacht, jetzt fördert er Clubsound aus Afrika

Gespräch für den Freitag, Februar 2016.

Mit seinem Label Man Recordings bringt der DJ, Produzent, Musik-Verleger und -journalist Daniel Haaksman von Berlin aus beharrlich und mit Leidenschaft Musik aus aller Welt in Umlauf. Erst verhalf er Rappern aus den brasilianischen Favelas zu weltweiter Aufmerksamkeit. Jetzt hat der 47-Jährige ein Album produziert, das aus dem Afrika der Gegenwart erzählt. Auf African Fabrics (siehe Info) sind Musiker aus Mosambik, Angola und Uganda zu hören. Und es klingt nach sehr guter, sehr moderner Tanzmusik.

der Freitag: Lieber Daniel, wir sollten kurz erklären, warum wir uns duzen: Wir wurden beide in Frankfurt am Main groß, sind uns oft im Nachtleben begegnet. Nach 20 Jahren treffen wir uns jetzt in deinem Berliner Studiobüro wieder. Du bist gerade aus Brasilien zurückgekehrt. Müde?

Daniel Haaksman: Geht schon. Der Temperatursturz von 30 auf 5 Grad ist härter als der Jetlag.

Was hast du in Brasilien gemacht, wie lange warst du jetzt dort?

Es waren wieder vier Wochen. Seit 2004 fahre ich jedes Jahr mindestens für einen Monat rüber. Ich treffe mich mit Musikern, Sängern, DJs, besuche Konzerte und Partys, immer auf der Suche nach Sounds und Kollaborationen. Ich stehe mit den Leuten eng in Kontakt und kenne das Land inzwischen gut.

Auf deine Arbeit kommen wir natürlich gleich. Aktuell drängt sich erst die Frage auf: Was ist da mit dem Zika-Virus? Gibt es Panik?

Nein. Die Medienhysterie ist in Europa viel größer. In Brasilien gibt es ständig irgendwelche Katastrophen, seit Längerem etwa eine Denguefieber-Epidemie, die auch von Moskitos übertragen wird. Die Zika-Sache ist, auch wenn sie für hiesige Ohren dramatisch klingt, für Brasilianer just another drama, eine weitere Facette der Härten, mit denen die Menschen leben müssen. Viel dramatischer ist das politische System, die Korruption.

Das klingt, als ob es mies läuft unter der sozialdemokratischen Regierung von Dilma Rousseff. Im Sommer kommen die Olympischen Spiele nach Brasilien. Gegen die FIFA WM gab es 2014 Proteste, jetzt wirkt es eher still.

Soweit ich das einschätzen kann, herrscht einfach eine große Ernüchterung. Im Moment fällt gerade alles in sich zusammen, was Lula über acht Jahre aufgebaut hat.

Ja, Luiz Lula da Silva von der Arbeiterpartei regierte von 2003 bis 2011 das Land und soll das Leben für viele verbessert haben — so las man es jedenfalls hier.

Das stimmt auch. Unter Lulas Wirtschaftspolitik konnten 20 Millionen Brasilianer aus der untersten Schicht um eine Schicht aufsteigen, durch neue, wenigstens kleine Jobs. Sie bekamen Kredite und konnten damit ihre Häuser ausbessern, sich ein Motorrad, einen Fernseher oder Computer leisten und damit besser am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Aber jetzt zeigt sich, dass auch dieser Aufschwung eine Blase war. Es wurde nie richtig investiert, weder in die Bildung noch in die Infrastruktur. Und jetzt ist auch noch der Ölpreis im Keller. Das viele Geld, das zuletzt erwirtschaftet wurde, mit Ölexporten, aber auch mit Gas, Holz, Fleisch, wanderte in die Taschen der politischen Kaste.

Das Wort Kaste klingt eher nach einem Entwicklungsland als nach einem demokratischen, hoffnungsvollen Schwellenland.

Die brasilianische Gesellschaft ist knallhart, sie ist wie ein soziologisch definiertes Kastensystem in fünf Schichten aufgeteilt: die superreiche Oberschicht, die obere Mittelschicht, die Mitte, die untere Mittelschicht. Und eben die Ärmsten, die oft in den Favelas leben.

Mit genau jenen Leuten arbeitest du zusammen. Du produzierst und verlegst eine Musik, die als Favela Funk bezeichnet wird.

Es ist ein harter, schneller, sehr direkter Sound, der in den Armenvierteln von Rio entstanden und dort bis heute zu Hause ist. Elektronische Beats, schlicht, sehr roh. Dazu eine Art Rap, auf Portugiesisch natürlich. Man könnte es mit dem vergleichen, was wir im Norden unter Gangsta-Rap verstehen.

Es geht also um Gewalt, Drogen?

Vor allen Dingen geht es um Sex, in allen Varianten. Aber – ja: oft auch um Morde, Polizeiterror, Bandenkriege oder andere Neuigkeiten aus der Nachbarschaft. Ich habe die Musik schon als Favela CNN bezeichnet, weil die Texte oft wie ein lokaler News-Kanal funktionieren. Der eigentliche Name dieses Sounds, der Name, den auch ich benutze und unter dem die Sache langsam, aber sicher bekannter wird, ist Baile Funk. Das „Baile“ kommt vom Verb bailar, tanzen, und „Funk“ bezeichnet etwas, das groovig ist. Favela Funk ist eher ein Schimpfwort. Die brasilianische Mittel- und Oberschicht findet diese Musik unmöglich.

Wie hast du diesen Sound von Europa aus entdeckt? Und warum fasziniert der Baile Funk dich so?

Ich kam über einen Freund darauf, der 2003 zum Studieren nach Brasilien ging. Bei seinen Besuchen in Deutschland brachte er mir CDs mit und sagte: „Hör dir das mal an, das ist die Musik, die in Rio auf den geilsten Partys läuft.“ Damals war ich schon lange hauptberuflich als DJ unterwegs. In Frankfurt hatte ich mit Funk und Downtempo angefangen, 1999 war ich nach Berlin gezogen und legte mittlerweile als Resident DJ im Cookies in Mitte auf. Mit einem Frankfurter Kollegen, Stefan Hantel, hatte ich auch schon ein erstes eigenes Label gegründet, Essay Recordings.

Ja, bei euren Club-Abenden konnte man oft Musik aus anderen Ländern hören, die sonst nirgends gespielt wurde. Stefan Hantel hat als „Shantel“ später dann Musik aus dem Balkan neu gemixt und herausgebracht. „Bucovina Club“ hieß seine Reihe.

Frankfurt war immer ein globaler Ort, auch subkulturell. In den 80ern spielten die amerikanischen G. I.s den neuesten Hip-Hop im Funkadelic, die ersten Chicago-House-Sachen hörte ich in der Music Hall, und in Frankfurt liegen die Ursprünge von Techno: Da war das EBM-Zeug, da waren Sven Väth, das Dorian Gray, das Omen. Als ich Ende der 90er nach Berlin zog, langweilte ich mich musikalisch anfangs sehr. Berlin war ein Dorf, hinkte mindestens fünf Jahre hinter der internationalen Szene her, das vergessen oder verdrängen heute viele. Ja, es gab die Post-Punk-Nische noch, aber die war ja auch schon 20 Jahre alt! Und was in Berlin an Techno lief, kannte ich längst aus dem Frankfurter Underground. Na ja, ein anderes Thema.

Du bist eher ein Musikforscher als einer, der es sich in gut eingeführten Stilen gemütlich macht – könnte man das so sagen?

Das wäre charmant. Ganz unsentimental kann man es so formulieren: Ein guter DJ hat den Ehrgeiz, Dinge zu spielen, die sonst keiner auflegt. Neue Sounds auszugraben, ist im Idealfall das Alleinstellungsmerkmal eines DJs, damit wird er bekannt, dafür wird er gebucht. Für mich ist das der Kern: Neues zu entdecken, Ungewohntes ans Ohr zu lassen. Und darüber auch etwas über andere Lebenswelten erfahren. Ich bin ein digger, würde man im Fanjargon sagen. Als ich die ersten CDs aus Rio hörte, war ich überrascht. Ich hatte mir eine elektronische Bossanova-Variante vorgestellt, wie die Sachen, die Kruder & Dorfmeister hier produzierten. Aber es war viel stärker, energetischer. Im Internet fand ich dazu nichts. Also fuhr ich hin.

Und dann?

Der Baile Funk wird dort an jeder Staßenecke verkauft, auf Bootlegs oder heimgebrannten CDs, meist ohne Labelangaben. Ich kaufte einfach erst mal alles, was ich bekommen konnte. Und ich besuchte meine ersten Partys. Baile-Funk-Veranstaltungen finden an öffentlichen Orten statt, auf Fußballplätzen zum Beispiel, ohne Eintritt, für jedermann in den Favelas zugänglich. Jemand, der in Rio wohnte und sich auskannte, begleitete mich. Allein sollte man als Gringo nicht durch eine Favela spazieren. Man wird als Alien erkannt, auch wenn man aus dem offiziellen Teil der Stadt kommt, aus dem Asfalto, wo die Mittelschicht lebt. Die Gangs und die zivilen Ermitler sind misstrauisch, das kann unangenehm oder gefährlich werden.

Heute dürfte man dich dort aber kennen. Du legst jetzt selbst dort auf und hast schon einige Künstler von dort herausgebracht.

Ja. Es sind zwei große Compilations bislang, die erste erschien im Sommer 2004, ein halbes Jahr nach meinem ersten Besuch in Rio. Sie hieß Favela Booty Beats, und das Überraschende war: Sie verkaufte sich aus dem Stand weltweit 30.000-mal, obwohl kaum jemand den Sound bis dahin kannte.

Das ist wirklich viel.

Ja, heute, zehn Jahre später, wo kaum noch jemand Tonträger kauft, klingt es noch beeindruckender. Interessanterweise war ich nicht der Einzige, der damals darauf kam. Diplo, ein US-Produzent, mit dem ich Mitte der nuller Jahre dann auch zusammenarbeitete, war damals fast zur selben Zeit wie ich in Rio unterwegs. Mit der britischen Musikerin M.I.A., deren Eltern aus Sri Lanka stammen, produzierte er einen Track, der auf einem Baile-Funk-Stück basiert und in europäischen Clubs voll einschlug: Bucky Done Gun.

Wollte man dir Böses unterstellen, könnte man sagen: Da kommt einer aus dem reichen Teil der Welt, reißt sich die Klänge anderer Leute unter den Nagel und macht damit Geld.

Ja, das höre ich oft, vor allem seit ich mein Label Man Recordings, gegründet habe. Dieser Vorwurf kommt aber ausschließlich von Menschen von der Nordhalbkugel. Für die Künstler ist es anders: Erst seitdem Gringos wie ich ihre Musik in größerem Maßstab herausbringen, werden sie international wahrgenommen. Sie haben jetzt größere Auftritte, auch in den USA und Europa, und verdienen damit natürlich auch mehr. Und spätestens seit die New York Times groß über den Baile Funk berichtete, kam auch die brasilianische Mittelschicht mal ins Grübeln: „Es muss ja irgendwas dran sein, wenn die Gringos so ausflippen.“ Durch den Blick von außen wurde diese Musik quasi nobilitiert, zu etwas Wertvollem, zum „Neuen Sound aus Rio“, wie ein französisches Magazin vor ein paar Jahren jubelte.

Aktuell hörst du jetzt Afrika ab: Das Album „African Fabrics“, das du gerade produziert hast, ist toll.

Danke. Ich sehe mich jedenfalls nicht als kolonialen Ausbeuter, wenn du darauf anspielst. Sondern als jemand, der sich mit dem Im- und Export von Klängen beschäftigt. Die Musiker und ich basteln gemeinsam an den Stücken. Ich bin sicher: Unsere Hörgewohnheiten werden sich noch stark verändern. Das Durchschnittsalter in Deutschland beträgt 45. In vielen afrikanischen Ländern liegt es bei 18. Ohne eine kritische Masse von jungen Leuten entsteht in der Popmusik nichts Neues. Es wird spannend, woher die Sounds der Zukunft kommen und wie sie klingen werden. Und ich finde es schön, daran teilzuhaben.

GLOBALE GROOVES GEGEN DAS KOLONIALE ERBE

<strong>Noise since 2005, „Krach seit 2005“, lautet das Motto des Labels Man Recordings, das Daniel Haaksman vor elf Jahren in Berlin gegründet hat. Die Musik, die er darauf herausbringt, kommt, wie fast jede Musik, krachend laut natürlich am besten. Vor allem ist sie voll Club-tauglich, sehr gut tanzbar – und immer hochinteressant. Haaksman gelingt es, europäische und angelsächsische Hörgewohnheiten so geschickt mit Klängen aus anderen Erdteilen zu verbinden, dass etwas ganz Neues daraus entsteht. Von „Hybridmusik“ spricht er selbst. Den Begriff Weltmusik lehnt er ab, denn diese Genrebezeichnung habe Künstler aus anderen Regionen in eine folkloristische Schublade verbannt.

African Fabrics heißt sein gerade erschienenes neues Album. Elf pulsierende Stücke finden sich darauf, alle sind in Kollaboration mit Musikern etwa aus Uganda, Simbabwe, Südafrika, Mosambik und Angola entstanden. Gesungen wird teils in Englisch, teils in afrikanischen Sprachen, auf Luganda oder Zulu. Das Stück Rename the Streets nimmt Bezug auf die koloniale Vergangen-heit Deutschlands, konkret auf Berliner Straßen, die bis heute nach deutschen Kolonialherren benannt sind. Unser Anspieltipp aus der Redaktion: Track Nummer sechs, Black Coffee, auf dem die mosambikanische MC Dama do Bling rappt. Die Release-Party zum Album findet am 25. Februar im Acudmachtneu in Berlin-Mitte statt. Im Radio legt Haaksman als regelmäßiger DJ samstags von 23 bis 0 Uhr in der Sendung Luso FM im WDR-Funkhaus Europa auf (funkhauseuropa.de/sendungen/lusofm).