Erschienen im März 2012 im FREITAG, anlässlich Beate Klarsfelds Kandidatur fürs Bundespräsidentinnenamt (in Konkurrenz zur Joachim Gauck)

Alles an ihr wirkt französisch, ganz Grande Dame: die klassische Garderobe, der dezente Schmuck – und vor allem die Sprache. Wenn Beate Klarsfeld Deutsch spricht, verschlingern sich manche Silben ins Nasale. Viele Sätze beschließt sie in ungewohnt hoher Tonlage, der französischen Melodie folgend. Manchmal wirkt es so, als hätten die Sätze ein offenes Ende, als handele es sich eher um Fragen als um Aussagen. Doch Klarsfeld weiß genau, wovon sie redet, und sie nimmt jedes Wort so ernst, dass sie ihre Stirn beim Sprechen leicht runzelt. Fest blickt sie ihrem Gegenüber in die Augen, etwas vorgebeugt, als ob sie sicherstellen will, dass ihre Worte auch tatsächlich ankommen – und verstanden werden.

Sie sei eine „sehr moralische Person“, sagt Beate Klarsfeld, 73, über sich selbst. In einem der wenigen TV-Interviews, die sie seit ihrer Nominierung als Kandidatin fürs Bundespräsidentenamt gegeben hat, bezeichnet sie sich als „Aktivistin“. Im Gegensatz zu ihrem Mitbewerber Joachim Gauck, 72, habe sie im Gefängnis gesessen, auch außerhalb Deutschlands. Bis nach Syrien und Südamerika erstreckt sich das Wirkungsgebiet der Frau, deren Lebenswerk und Wesen von Medien gern auf die griffige Formel „Nazi-Jägerin“ eingedampft wird.

„Ich habe das Image von Deutschland im Ausland verbessert“, stellt Klarsfeld selbstbewusst fest. Die Nominierung für das höchste Amt im deutschen Staat betrachte sie als „immense Anerkennung“. Anders als DDR-Bürgerrechtler Gauck hat sie bislang keinerlei staatliche Ehrung für ihre Leistung erhalten – für ihren unermüdlichen Kampf gegen die dunkelbraunen Rest-Bestände im System „Deutschland“. Zweimal wurde sie fürs Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen, zweimal hat man es ihr verweigert.

Kosmopolitismus statt Klinkerhaus-Klüngel

In Paris wohnt sie, ganz Europäerin, ganz Kosmopolitin – und das Deutschland, das nun doch endlich einmal nach ihr ruft, ist dasselbe, das es immer schon war: ein hochneurotisches Land. Klinkerhaus-Klüngel und Fahrerflucht, Berater-Deals und Fake-Doktoren, Rücktritte, Ausfälle, Flops: Eine ganze Reihe minderbegabter Politik-Darsteller hat das Land zuletzt an den Rand des Nervenzusammenbruchs regiert. Wie sehr es sich nach Orientierung und Anstand sehnt!

Und so hat es, vorauseilend untertänig, Joachim Gauck schon als neues Staatsoberhaupt begrüßt – obwohl der Mann noch gar nicht gewählt ist. Gauck ist, sozusagen, schon im Voraus zum Gauck erklärt worden, zum eilig durchgewunkenen Konsenskandidaten der brutal behaupteten Alternativlosigkeit. Der 18. März war als Termin für die Krönungs-Inszenierung vorgesehen. Aber jetzt platzt unverhofft diese gepflegte, ernsthafte Weltbürgerin in das von Fraktions-Rangeleien und „Krisen“-Pragmatismus verkleisterte Planspiel. Ein interessanter Effekt ergibt sich daraus: Es ist, als träten nun ein “altes” und ein “neues“ Deutschland noch einmal gegeneinander an. Die Frage ist, wer dabei welchen Part übernimmt, was wir alle dabei lernen könnten, und von wem. Aber der Reihe nach.

Klarsfelds Kandidatur ist – abgesehen davon, dass niemand ihr Chancen zurechnet – in zweierlei Hinsicht umstritten. Zum einen ist die LINKE die einzige Partei, die vom Gauck’schen General-Konsens-Verfahren ausgeschlossen war. Ein Akt „von destruktivem Charakter“ sei die Kandidaten-Kür der LINKEN, schimpfte etwa Peter Hintze (CDU). Zum anderen ist die Partei dafür bekannt, dass es leider immer wieder zu antisemitischen Ausfällen innerhalb des „linken“ LINKEN-Flügels kommt. Auch im Auswahlverfahren um Klarsfeld gab es Stimmen, die der „Nazi-Jägerin“ – originellerweise – eine zu „israelfreundliche“ Haltung ankreideten. „Man hat mich einstimmig nominiert, man respektiert und schätzt meine Haltung“, sagt Klarsfeld dazu – und runzelt wieder die Stirn.

Genau wie Gauck ist sie ihr Leben lang parteilos geblieben. Beide sind Vertreter eines politischen Widerstands. Wobei Gauck gegen ostdeutsches Unrecht kämpfte – und jetzt von westdeutsch verwurzelten Parteien favorisiert wird. Während Klarsfeld sich gegen west- beziehungsweise gesamtdeutsches Unrecht einsetzte – und von der einzigen so genannten Ostpartei ins Rennen geschickt wird. Trikot-Tausch, sozusagen.

Als Deutsche fühle sie sich für die Nazi-Verbrechen „verantwortlich, aber nicht schuldig“, hat Klarsfeld einmal gesagt. Bekannt wurde sie 1968 mit ihrer Ohrfeige gegen den damaligen Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger (CDU), der es als ehemaliges NSDAP-Mitglied aufs zweithöchste Amt des Staates geschafft hatte. Die Ohrfeige bezeichnete Klarsfeld stets als „symbolischen Akt“. Tatsächlich hat ihre Hand Kiesingers Wange nur gestreift. Bis heute wabert hierzulande noch der unausgesprochene Vorwurf „Vaterlandsverräterin“ in der Luft, wenn man vor manchen Älteren ihren Namen erwähnt.

Mögen ihre Methoden auch oft grenzwertig gewesen sein, nie haben Beate Klarsfeld und ihr Ehemann und Gefährte Serge sich in ihren Recherchen geirrt. Alle „Gejagten“ wurden schließlich verurteilt, darunter Gestapo-Chef Kurt Lischka, der 76.000 Juden aus Frankreich hatte deportieren lassen; außerdem SS-Mann Klaus Barbie, der als „Schlächter von Lyon“ Massaker an Juden, Katholiken und Widerständlern angeordnet hatte; und schließlich wurde Alois Brunner, der mit Adolf Eichmann die von den Nazis so genannte „Endlösung“ forciert und organisiert hatte, 2001 in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Ohne Klarsfelds Engagement wären all diese zutiefst deutschen Verbrechen nie geahndet worden. Einen exzellenten Dienst hat sie diesem Land erwiesen.

Zwei verschiedene Freiheitsbegriffe

Klarsfeld und Gauck stehen jeweils für einen Aufbruch – aber die Freiheits-Begriffe, die sie geprägt haben, sind sehr unterschiedlich. Gauck, der explizite Antikommunist, ersehnte in den 80er Jahren die kapitalistische Freiheit und begleitete die Restbestände der DDR hinaus auf die neo-liberale Lichtung der Nachwende-Ära. Auf jener Lichtung entwickelten sich diverse Fantasien von „neuer Bürgerlichkeit“ – die neuerdings in die Denunziation des aufmüpfigen „Wutbürgers“ münden, der auch Gauck ein Graus ist.

Klarsfeld, die explizite Anti-Faschistin und, mit ihrem Ohrfeigen-Anschlag, auch ein Proto-Typ von „Wut-Bürgerin“, begann ihren Kampf in einer Zeit, in der um eine andere Liberalisierung gestritten wurde: Um die Befreiung aus Herkunfts- und Geschlechter-Korsetts, Toleranz für verschiedene Lebensentwürfe, erste Ansätze für ein Umweltbewusstsein und die Demokratisierung des Kulturbetriebs. Als kritische Zeitgenossin begleitete sie die Anfangsjahre der Individualisierung – von der der Kapitalismus, den Gauck so verehrt, heute zehrt. Und sie bekämpfte das Terror-Regime, das die Teilung des Landes in BRD und DDR überhaupt erst verursacht hat.

Vor allem aus diesem Grund wäre Beate Klarsfeld als Bundespräsidentin eine gute Wahl: An die DDR werden wir uns noch lange lebendig erinnern können. Aber die Zeitzeugen des Nazi-Regimes, Täter, Opfer, Widerstandskämpfer, sterben aus. Bald wird niemand mehr leben, der aus erster Hand aus dem gefährlich dummen, fürchterlichen „Deutschland“ berichten kann, das es einmal gab. In Zeiten wie unseren, da der braune Terror in Gestalt des NSU wieder grassiert und kein Mensch weiß, welcher Gesinnung die höheren Herren Staatsbeamten in ihren undurchsichtigen, trägen Geheimdienstinstitutionen eigentlich anhängen, sollten wir Beate Klarsfeld endlich für ihre Arbeit danken – und sie für Deutschland sprechen lassen.