2008 bei ZEITonline erschienen

Betet den Blues

Die Stimme knarzt und gurgelt, die Finger schrammen hart über die Gitarrensaiten, gleichförmig gibt die Kick-Drum den Takt vor, und ab und an scheppert ein Becken. Wenn Reverend Beat-man aus Bern als Ein-Mann-Orchester auftritt, klingt es nach verwunschener Sumpf-Landschaft, manchmal nach offener Prärie, nach Voodoo-Ritualen und bösen Flüchen. Fans schätzen die Konzerte des Schweizers als Messen der «Blues Trash Church». Und ebendies ist des Reverends Mission: Den Geist, den rohen Kern des Blues so lustvoll zu zelebrieren wie eine Rock ‘n’ Roll-Religion. Die Songs heißen «Jesus Christ Twist», «Back In Hell», «I’ve Got The Devil Inside».

Was so durch und durch amerikanisch klingt, stammt tatsächlich aus dem Herzen der Schweiz. Kaum zu glauben, dass dieser «kreischende Trash-Rock-a-Boogie» in einem Land entstehe, in dem Kuckucksuhren zu Hause seien, wunderte sich ein US-Kritiker. Als «Gesamtkunstwerk» haben eidgenössische Medien den Exzentriker beschrieben, der am liebsten Anzüge im Priesterstil trägt und die Haare kurz, bis auf eine ölige Strähne, die ihm bei Konzerten ins verschwitzte Gesicht fällt.

Sicherlich könnte er auch in New York oder Los Angeles arbeiten, sagt der 41-Jährige. «Aber ich gehöre einfach hier her, ich mag die Natur, und ich liebe meine Stadt.» Auf seiner Myspace-Seite im Internet zeigt er sich selbstironisch in Berner Tracht, und als Heimatort gibt er «Burn in hell» an, was, laut ausgesprochen, sowohl «Brenn’ in der Hölle» als auch «Bern in der Hölle» bedeuten kann.

Seit bald 25 Jahren ist der selbst ernannte Reverend im Geschäft, und seine «Kirche» zählt mittlerweile Jünger in aller Welt. Der Schweizer ist ein oft gebuchter Gast in Deutschland, Spanien, Russland, Japan und spielte auch schon in Las Vegas. Sein Publikum stammt aus den verschiedensten Subkulturen: Rockabillys, Psychobillys, Soulfans und junge Hip-Hopper sind dabei. Das schönste Kompliment hätten ihm aber die schwarzen Angestellten eines US-Hotels nach einem Auftritt gemacht: «Die fanden meinen Sound einfach gut.» Im Blues gehe es um schlichte Wahrheiten, die überall auf der Welt verstanden würden: «Liebeskummer, besoffen sein, kein Geld haben.»

Gut 30 Platten hat der Berner aufgenommen, darunter viele mit der bekanntesten Schweizer Garagen-Punk-Band The Monsters, die er Ende der 80er Jahre mitgegründet hatte. Die Musik verlegt der gelernte Elektroinstallateur selbst, auf seinem 1992 gegründeten Plattenlabel Voodoo Rhythm Records, das er von einem kleinen Berner Büro aus betreibt und auf dem er auch befreundete Musiker aus dem Ausland veröffentlichen lässt.

Mit der Plattenfirma, als Solo- und Band-Musiker, als DJ und Konzertagent betreibt der Schweizer ein voll ausgelastetes Ein-Mann-Unternehmen – mindestens so umtriebig wie der aus den Charts bekannte DJ Bobo. «Schade, dass viele bloß diesen einen Namen mit der Schweizer Musik-Szene verbinden», sagt der Beat-man. Er sei froh, kein chart-taugliches «Massenprodukt» zu sein. Große Musikkonzerne behandelten Musiker als «Marken». Und das passe weder zu seinem Temperament, noch zu seiner Auffassung von Musik: «Es muss einfach Krach machen. Gute Musik ist rau und echt sie zeigt Dir die Seele».

Am Revers trägt er einen Haustier-Orden

An beiden Armen tätowiert, mit ungezählten Pinups auf seinen Plattencovern und Begleitmusikern, die etwa The Church of Herpes heißen, wirkt der Beatman auf den ersten Blick wie ein ziemlich rüder Zeitgenosse. In Wahrheit zieht er jedoch als Single-Vater seinen sieben Jahre alten Sohn auf, Musikerkollegen und Konzertveranstalter schwärmen von seiner unkomplizierten, freundlichen Art. Auch der Metallorden, den er an seinem Anzug trägt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen nicht als martialisches Emblem, sondern als Haustier-Orden: «Das ist eine Medaille des Kaninchenzüchtervereins», sagt der Beat-man und grinst.

Nicht zuletzt sein Künstlername steckt voller Ironie: Eigentlich heißt er Beat Zeller. «Beat ist ein typischer Schweizer Vorname, aber irgendwann fiel mir auf, dass es ganz gut klingt, wenn man das englisch ausspricht.» Mittlerweile rufen ihn nicht nur Fans und Freunde, sondern auch die ganze Verwandtschaft bei seinem Pseudonym, und auch seine Geschäftskorrespondenz unterschreibt er als «Beat-man».

Einst ist er mit Maske und ansonsten weitgehend unbekleidet als musikalische «Wrestling Show» aufgetreten, hat sich dabei die Nase gebrochen und «Salat vom Buffet in den Saal geschleudert». Heute hält er alles etwas schlichter. Auf seiner Homepage listet er auf, was für eine gute Show nötig ist: eine Kick-Drum mit Pedal, Gitarrenverstärker der Marken Marshall oder Fender, zwei frische Handtücher, ein kaltes Bier, eine Flasche Kräuterlikör, eine Bibel in der örtlichen Landessprache und ein Verzeichnis mit den besten Platten- und Trödelläden der Stadt.