Erschienen im Dezember 2012 in ANALYSE & KRITIK sowie in HAWAII, dem Magazin des Schauspielhauses Hamburg.

Sei ganz Du selbst – und immer für uns da!

Der Mensch ist ein natürlich nachwachsender Rohstoff, das ist das Schöne an ihm. Man muss ihm nur etwas Tageslicht und genügend Auslauf gönnen – dann rechnet sich die Investition ins Humankapital fast von allein. „Sei ganz du selbst – und immer für uns da!“: ein Essay über das neue Bild vom arbeitenden Menschen.

Die Elbe hat ein südliches und ein nördliches Ufer. Auf beiden Seiten des Flusses wird Geld verdient, wird geschafft und geschuftet. Am Südufer tobt die alte Arbeit – am Nordufer die neue.

Unten, am Süd-Ufer, poltert, quietscht und rumpelt es. Tonnenschwere Container werden dort herumgeschoben, Tag und Nacht. „Wie riesig, rau und roh!“, staunen Hamburg-Touristen, wenn sie in zierlichen Barkassen an Tankern entlang schaukeln, die wie schwimmende Hochhäuser wirken. Jede Hafenrundfahrt führt Kräne und Docks vor wie Sensationen. Menschen sind in jener Gegend kaum zu sehen. Sie müssen irgendwo im Metall stecken, wo sie Hebel bewegen, Schrauben festzurren oder andere altmodische, grobe Dinge tun. Vermutlich haben sie Schutzbrillen auf und Plastikhelme. Steht der Wind günstig, trägt er die rostigen Geräusche bis weit in die Stadt hinauf. Man kann dann ganz gemütlich auf einem Ottenser Altbau-Balkon sitzen, ein Glas Wein trinken, ein federleichtes ipad auf dem Schoß liegen haben und fremden Menschen bei der Arbeit zuhören. *

Hell, sauber und ruhig geht es am nördlichen Elb-Ufer zu. Hier hat die Hafencity sich aufgebaut, hier steht seit 2009 das Unilever Haus – „das beste Bürohaus der Welt“, wie eine internationale Architekten-Jury befand. Im Vergleich zu den stumpf lackierten Docks funkelt es wie ein Fake-Diamant. Glasfronten, Lichtspiele: Es könnte auch ein Casino in Las Vegas sein oder eine Shopping Mall in Shanghai. Schon wenn man das Gebäude von weitem sieht, versteht man: Hier wird mit sauberen Händen agiert, auf blank polierten Fußböden. Die Menschen, die hier ein- und ausgehen, sprechen bestimmt fließend Englisch. Sie werden weiße Zähne haben, gute Manieren, klare Lebensziele und auch sonst kaum Sorgen. Manchmal kann man beobachten, wie sie aus dem Glitzerklotz heraustreten und ihn umtraben – joggende Angestellte. „Es gehört einfach zum Arbeiten dazu, diese Entspannung zwischendurch“, sagt ein Unilever Manager. „Arbeiten, Pause, Arbeiten, Pause: Das ist das, was den Kopf wieder frei macht, das ist das, was dazu führt, dass man eine vernünftige Performance bringt.“

Harun Farocki lässt Unternehmensberater plaudern

„Das neue Produkt“ heißt ein aktueller Kurzfilm, in dem das Unilever Haus eine der Hauptrollen spielt. Personalmanager und Unternehmensberater lassen in der Dokumentation ihren Fantasien vom optimalen Büro und vom idealen Arbeitnehmer freien Lauf. Gedreht hat das Werk der Filmemacher Harun Farocki (Jg. 1944)**. Seit 25 Jahren hält er Szenen aus dem Erwerbsalltag fest. „Die Schulung“ (1987) oder „Der Auftritt“ (1996) heißen die zehn- bis dreißigminütigen Filme. In „Das neue Produkt“ (2012) stehen nun nicht die Mitarbeiter im Fokus, sondern die Räume, in denen sie sich bewegen, vielmehr: die Räume, in denen sie sich bewegen sollen.

Unkommentiert lässt Farocki verschiedene Human-Resources-Spezialisten vor sich hinbrabbeln, lässt sie Schaubilder malen und Sprechblasen in die Luft blubbern, die ein Satiriker sich nicht lustiger hätte ausdenken können. Regel Nummer Eins lautet demnach: Weg mit den „Gipskartonzellen“, in denen der Angestellte sich hinter Stofftieren und Stechpalmen verstecken kann! Regel Eins b lautet: Glasfronten sind gut. Weil man durch Glas durchschauen kann. Das gefällt den Menschen. Da fühlen sie sich nicht so allein. Da spüren sie, dass sie Teil eines großen Ganzen sind.

Unilever ist ein Global Player, der Gebrauchsgüter von hoher Künstlichkeit und niedrigem Wert herstellt. Waschmittel, Eiscreme, Tütensuppen zählen zum Sortiment. Gut 165.000 Mitarbeiter beschäftigt der Konzern weltweit. Im Fake-Diamant in der Hafencity wird allerdings nichts produziert; nur die Weiße-Kragen-Abteilungen sind hier eingezogen, das Marketing etwa, und der Verkauf. Das Besondere an dem Gebäude: Auch öffentlich zugängliche Restaurants, Sport-Studios und Veranstaltungsräume finden sich unter seinem Dach. Gäste können sich in Konferenzsäle einmieten, die zum Beispiel „Rexona“ (40 qm), „Lätta“ (66 qm) oder „Cremissimo“ (30 qm) heißen. Jeden Tag kämen rund 2.500 Neugierige vorbei, um sich alles mal von innen anzusehen, erzählt stolz ein Unilever-Manager in die Kamera.

Wenn es nach ihm geht, sind die Angestellten innerhalb der Firmen-Erlebsniswelt so leicht umräumbar wie Schaufensterpuppen. Kein fester Schreibtisch ist dem Mitarbeiter mehr zugeordnet, keine Stamm-Kaffeeküche. Stattdessen soll er sich mal in „Meeting Points“, mal in „kleinen Wabenkästen“ organisieren – mal als Allein-Arbeiter in „Selbstdisposition“, dann wieder als Kommunikationstalent „im Team“. Er soll nicht an einzelnen Möbelstücken oder Kollegen kleben, sondern immer ganz bei sich, ganz er selbst sein – soll sich jederzeit selbst zusammenfalten, mitnehmen und anderswo wieder aus- und entfalten können. „Hier ziehen die Mitarbeiter um – und die Möbel bleiben stehen. Jeder hat den gleichen Stuhl, den gleichen Schreibtisch, das gleiche Sideboard. Nur: Der Mitarbeiter sitzt mal ein Stockwerk höher, mal eins tiefer oder irgendwoanders“, erklärt der Manager. Ein Unternehmensberater, der bei Vodafone in Düsseldorf von Ähnlichem träumt, doziert: „Individualität muss eben anders stattfinden, als dass ich sage: Ich hab hier meine eigenen Blumen und meine eigene Artenvielfalt in Form irgendwelcher Postkarten und Überraschungseier-Inhalten.“

Das durchschnittliche Erwachsenenleben

Von jeher versuchen Menschen, das Ding „Arbeit“ irgendwie festzuhalten, sich ein Bild davon zu machen. Immer erzählen die Bilder der Arbeit auch von Zeittakten und Herrschaftsverhältnissen – von den Rahmenbedingungen eines durchschnittlichen Erwachsenenlebens eben.

Tatsächlich trägt einer der ersten Filme überhaupt den Titel „Arbeiter verlassen die Fabrik“. Er entstand 1895, zu sehen sind Hunderte Arbeiterinnen und Arbeiter, wie sie aus den Toren des Lumière-Werks in Lyon strömen, alle zur selben Minute, alle scheinen es sehr eilig zu haben. Eine Generation später kämpft Charlie Chaplin im Stummfilm „Moderne Zeiten“ als überfordertes Latzhosenmännchen mit Zahnrädern, Stechuhr und Fließband – mit allen möglichen Maschinen, die ihm gnadenlos den Rhythmus vorgeben. Ein typischer Fall von entfremdeter Arbeit: Keine menschliche Wärme ist gegeben, kein Funke von indviduellem Engagement ist gefragt, es kommt allein aufs Funktionieren an. „Fordismus“ nennt sich jenes Prinzip der Arbeitsorganisation, und Chaplin ist sein berühmtester und komischster Held.

Wieder ein paar Jahre später wird aus dem Latzhosenmännchen das Aktenkoffermännchen: Der Angestellte ist geboren. Überall hält die Rationalisierung Einzug, und die muss von kühlen Köpfen in klimatisierten Büros verwaltet werden. Der Soziologe Siegfried Kracauer notierte 1929: „(Es bildet sich) ein Angestelltentypus heraus, der sich uniformiert (in) Sprache, Kleider(n), Gebärden und Physiognomien. (…) Das junge Volk, das in den breiten Schichten zwischen dem Proletariat und dem Bürgertum aufwächst, passt sich mehr oder weniger leicht dem Betrieb an.“*** Nicht mehr körperliche Kraft ist jetzt entscheidend, sondern sprachlicher Ausdruck und Umfangsformen. Der „Fordismus“ wird vom „Taylorismus“ abgelöst: Erste Management-Techniken, die aus der Psychologie entlehnt sind, machen sich breit. Die wertvollste Qualität des perfekten Mitarbeiters besteht fortan in seinem „angenehmen Aussehen“, eine „moralisch-rosa Hautfarbe“ sei unabdingbar, schreibt Kracauer.

Je mehr Waren von den rationalisierten Maschinen schließlich produziert werden, desto anstrengender wird es, den ganzen Krempel unter die Leute zu bringen. Neue Verwertungs-Disziplinen, die etwa Marketing oder Marktforschung heißen, erblühen, und spätestens in den 80er Jahren ist der Arbeitsplatz „Werbeagentur“ so beliebt wie kaum ein anderer. Frei fließende Arbeitszeiten gehören zum Mythos ebenso wie unbegrenzte Spesenkonten und ein legerer bis individueller Dress Code. Schon bald begehren Angestellte aus konservativeren Branchen ähnliches. Und so führt auch das Bankengewerbe in den 90er Jahren „Projektarbeit“ ein, belohnt die Versicherungsbranche Mitarbeiter mit „Incentive Reisen“ und statten Medienkonzerne ihre Belegschaften mit „Think Tank Lounges“, Espresso-Maschinen und Stehtischen auf den Fluren aus.

Lange Zeit wirkt es so, als ob der Arbeitsplatz mehr und mehr zum Spielplatz wird, mit dem Internetunternehmen Google als leuchtendem Vorbild: Hier stehen den Mitarbeitern Rutschbahnen und Tischtennisplatten zur Verfügung.

Der flexible Unilever-Mitarbeiter, der sich auf Firmenkosten fit halten darf und sich auf sieben preisgekrönten Etagen je nach Bedarf verschieben lässt: Er ist so etwas wie die Quintessenz aus all seinen Vorgängern – die perfekte Kombination aus Zahnrad-Männchen und kreativem Team Player. Zwar bewegt er sich in „flacheren Hierarchien“ als seine Vorgänger und bekommt suggeriert, dass er selbst mehr mitbestimmen darf – doch ist das Regiment der Firma über seinen Arbeitsalltag damit keineswegs geschwächt. Im Gegenteil: Das Unternehmen delegiert die schwankenden Anforderungen des Marktes nun einfach direkt an den Einzelnen. „An die Stelle der Steuerung durch Vorgesetze tritt die indirekte Steuerung über Kennziffern“****, stellen die Arbeitssoziologen Nick Kratzer und Dieter Sauer fest. Der draußen tobende Wettbewerb wird direkt an die Mitarbeiter weitergereicht, die mit Zielgesprächen und Monitoring zusehen müssen, wie sie das Soll erfüllen. Zur externen Arbeitsmarktkonkurrenz – dem Kampf um lohnende Jobs – komm ein interner Wettbewerb hinzu. Die Erwartung, dass der Mitarbeiter all seine „lebensweltlichen Ressourcen“ einbringt – dass er seine Leibesertüchtigung, das Shoppen, seine Empathie, mithin seine Gesamtpersönlichkeit dem Unternehmen zur Verfügung stellt – bezeichnen die Soziologen als „systemische Rationalisierung“ und als „neo-fordistisches Prinzip“. Bei Vodafone in Düsseldorf klingt das so: „Theoretisch soll (das Unternehmen) auch der Ort sein, an dem der Mitarbeiter wohnt oder Kaffee trinkt.“

“Genuss mit Schuss” gegen seelische Verödung

Vielleicht haben es die Hafenarbeiter am Südufer der Elbe doch besser. Sie können ihren Job auch mal mit schlechter Laune erledigen, bei all dem Krach dürfte ihr Fluchen gar nicht weiter auffallen. Und so lange sie nicht von einem Kran fallen, interessiert sich wohl auch niemand für ihren Body Mass Index.

„Die Möglichkeiten, die Arbeit geistig zu beleben und interessanter zu machen, damit sie innerlich mehr befriedigen kann, sind begrenzt“, heißt es in einem Zeitungsartikel mit der hübschen Überschrift „Wege zur Arbeitsfreude“ aus dem Jahr 1929. „Deshalb muss nach Hilfsmitteln gesucht werden, die der seelischen Verödung der Arbeitermassen entgegen wirken können.“ Im Unilever Haus erklingt alle paar Tage ein Musik-Jingle. Kaum ist die Melodie zu hören, versammeln sich die Mitarbeiter auf den Freitreppen, auf Brücken und Balkons und lauschen der Ansage der firmeneigenen Entertainment-Abteilung: „Guten Morgen, liebe Kollegen, ich möchte euch herzlich zu unserem Marktplatz einladen. Unsere Themen heute: ,Hilfreich – Bangladesch-Woche im Unilever Haus‘. Und: ,Lecker – Genuss mit Schuss‘. Bis gleich im Atrium!“

„Genuss mit Schuss“ bei den „Bangladesch Wochen“: Für den externen Beobachter werden da sofort Erinnerungen an das „Filettöpfchen San Remo“ wach. Das „Filettöpfchen San Remo“ gelangte in den 80er Jahren zu einiger Berühmtheit, und zwar in einem TV-Sketch von Gerhard Polt: Polt stand an einer Kantinentheke und disktutierte mit einer fiktiven Kollegin das Für und Wider der dubiosen Belegschafts-Mahlzeit.

Für die hoch dotierten Manager aus den edleren Etagen sind die „Bangladesch Wochen“ Teil einer „ganz neuen Unternehmenskultur“: „Das zuzulassen, den Leuten diese Freiheit zu geben, ist genau das Richtige“, sagt einer von ihnen – und man spürt, dass er kein schlechter Mensch ist, tief in seinem Innern; man spürt, dass er aufrichtig und unbedingt glauben möchte, was er da sagt.

Fußnoten:
* leicht abgewandeltes Zitat aus dem Theaterstück „Die Verschwundenen von Altona“ (2012) von Schorsch Kamerun
** Siehe auch www.farocki-film.de
*** Kratzer, Nick und Sauer, Dieter: Entgrenzung von Arbeit. Konzept, Thesen, Befunde (2005). In: Gottschall, Karin et al. (Hg.): Entgrenzung von Arbeit und Leben. Zum Wandel der Beziehung von Erwerbstätigkeit und Privatsphäre im Alltag. (Rainer Hampp Verlag, 2005)
**** Kracauer, Siegfried: Die Angestellten (1929 / 1971, Suhrkamp Verlag)