Erschienen (leicht gekürzt) im Juli 2014 im Freitag

Mit Lyrik kann ich nicht viel anfangen. Ob es sicht reimt oder nicht: diese angestrengte Formgebung immer. Warum so seltsame Zeilenumbrüche? Warum nicht einfach sagen, was zu sagen ist – Subjekt, Prädikat, Objekt? Wie macht man das überhaupt, einen Lyrikband lesen? Immer ein Gedicht, dann Pause, nachdenken, nachfühlen, nachatmen? Ich bin der prosaische Typ. Und so hätte ich es fast schon aufgegeben mit der Poesie. Bis ich zweierlei entdeckte: den Hamburger Elbstrand – und die Gedichte von Wolfgang Dietrich.

Was Menschen, die Hamburg nur von Wettergerüchten kennen, unterschätzen: Erstens geht dort, aufs Jahr gerechnet, weniger Niederschlag runter als in München. Zweitens ist der Elbstrand tatsächlich ein Strand, mit Sand und Fischbuden. Alle paar Minuten rollt ein Containerschiff vorbei, aus Brasilien, China oder Nigeria, voll beladen mit Maschinenbauteilen, Babynahrung oder Diamanten. Wenn überhaupt, kann man genau dort sehr gut Lyrik lesen: immer abwechselnd ein Gedicht, dann einen Tanker studieren. Text, Tanker, Text.

Wolfgang Dietrich hat mit Hamburg nichts zu schaffen – er stammt aus München und lebt heute in Dresden –, aber seine Texte passen extrem gut an jenen Ort. Denn sie sind schön kantig, wunderbar metallisch. Dietrich ist Jahrgang 1956, die meisten seiner Gedichte stammen aus den 80ern, und es steckt der ganze Post-Punk-Furor jener Jahre drin. Zornige Konsum- und Sozialkritik, mit satirischer Garstigkeit rausgeballert. Schon die Kapiteltüberschriften lesen sich wie Songtitel einer 80er-Avantgardeband wie Palais Schaumburg. Manchmal erinnern sie auch an das, was Dietmar Dath heute schreibt: Entschuldigung, schneit’s schon wieder den Neutronenschnee, den süßen, heißt es etwa bei Dietrich.

Warum man heute wieder Texte aus den frühen 80ern lesen sollte? Weil es die Zeit war, in der unser Gegenwartswahnsinn wurzelt; die Zeit, in der Margaret Thatcher die Grundlagen für die Neoliberalisierung schuf. Und eine Zeit, in der Ironie oft noch schwer politisch war. Es ist verblüffend, wie modern sich viele Dietrich-Texte genau jetzt lesen. NSA und NSU? Im Gedicht Mahlzeit heißt es: „Seit sich immer wieder / fingerlang eingebackene / Verfassungsschützer / im Brot finden, / besteht mein Frühstück / aus Fisch.“ Gentrifizierung? Ich empfehle Dietrichs Stanze des Spekulanten: „Ich rupf ein Bündel / Hochhäuser aus / schäle sie, schlürf / aus den Lichtschächten / die fetten flüssigen / Bürger. Ah, / wieder ein / Stadtteil weniger.“

In einem Gespräch mit dem Spiegel-Journalisten Thomas Huetlin sagte Dietrich 1984: „Die Literatur der sensiblen Katzenpfoten nützt nichts mehr. (…) Wir wollen eine Art Brutalismus finden, wollen darauf hinweisen, dass es einen Existenzkampf gibt.“ Und: „Im Jahr 2010 will niemand mehr was von einem Schickeria-Roman wissen.“

Leider wollten die Kritiker aber auch nie etwas von Dietrich wissen. Im selben Interview beschwert er sich, dass ihm „15 Jahre lang alle Literaturpreise unterschlagen wurden.“ Heute versucht er, sich als Bildhauer und Steinmetz durchzuschlagen. Einen Roman hat er auch mal geschrieben, Berliner Sterben, und der ist leider wirklich nicht sehr gut. Aber Dietrichs Gedichte: messerscharf – und irre kühl. Sozusagen die optimale Erfrischung für schwül verschwitzte Strandstunden.

Wolfgang Dietrich: Hauptstadt der Arbeit. Gedichte und Satiren Kirchheim Verlag, 96 S., 11,50 €