Erschienen im April 2012 im FREITAG

Die tödliche Symbolkraft des Kapuzenpullis
Der gewaltsame Tod des schwarzen Schuljungen Trayvon Martin wirft nicht nur ein grelles Licht auf den Rassismus in den USA

Erschossen, weil er einen Kapuzenpulli trug: Der gewaltsame Tod des 17jährigen Trayvon Martin wirft die USA dieser Tage auf den tief in ihrer Geschichte verankerten Rassismus zurück. Der schwarze Collegejunge war im Nieselregen zu Fuß unterwegs und trug ein Sweatshirt mit Kapuze, im Amerikanischen „Hoody“ genannt. Ebendiese Kombination, „schwarz und Hoody“, war einem selbst ernannten „Nachbarschaftsschützer“ Bedrohung genug, um mit einer Neun-Millimeter-Pistole auf den Jungen zu feuern.

Seit Wochen sorgt der Fall nun für heftige Kontroversen in den USA. Die einen protestieren gegen einen rassistischen Lynchmord; die anderen schimpfen das Opfer einen (potenziellen) Drogendealer und Gangster. Beide Seiten beziehen sich, genau wie der Todesschütze, auf das Hoody als Verdachtsmoment. Aufschlussreich ist, wie hier gleich zwei Hass- und Ausschluss-Prinzipien zusammenfallen: der Rassismus und der Klassismus. Dazu muss man verstehen, dass Hautfarbe und Armut in den USA überauffällig korrelieren. „Schwarz sein“ bedeutet hier sehr oft auch „Unterschicht sein“.

Die Verknüpfung von Kapuze und Kriminalität

In der Tat ist das Hoody ein zutiefst anti-bourgeoises Kleidungsstück, es entstammt der Working class. 1930 wurde es erfunden, um Bau- und Industriearbeiter vor Kälte und Regen zu schützen. In den Siebzigern fand es Eingang in die Rap-Szene und die spätere HipHop-Kultur – als selbstbewusst getragenes Signet des US-Underdog. Inzwischen findet die Verknüpfung von „Kapuze“ und „Kriminalität“ oft auch in Köpfen schwarzer Bürger statt, wie ein Familienvater aus New Jersey US-Medien jetzt zu Protokoll gab: Normalerweise trage er einen Anzug. Als er aber einmal mit übergezogener Kapuze zu Fuß nach Hause lief, weil sein Auto streikte, habe seine Gattin einen Schrecken bekommen und sich gefragt: „Oh je, was macht dieser Typ in unserer Nachbarschaft?“

In Kanada und Australien gibt es Schulen, die das Hoody-Tragen verbieten. In Großbritannien sprach ein Einkaufszentrum 2005 ein Hausverbot für Hoodies aus. Dort gilt der Kapuzenpulli als Erkennungszeichen so genannter Problemjugendlicher. Aber genau wie in den USA oder Großbritannien, wird der Kapuzenpulli auch hier sowohl von normalen Fußball-Fans getragen als auch von Hooligans; in linksautonomen „Schwarzen Blöcken“ ist es so verbreitet wie bei Neo-Nazi-Aufmärschen, Anti-AKW-Demos oder bei der Gartenarbeit in Reihenhaussiedlungen. Das Hoody war – anders als etwa das Anarcho-A im Punk – nie ein stringentes politisches Symbol. Von Anfang an war es mit einer sozialen Zuschreibung aufgeladen – „Proleten-Look“ –, aber sein Mainstream-Gebrauch lief parallel dazu weiter. Man denke nur an Universitäts-Sweatshirts, das Stallone-„Rocky“-Hoody oder rosafarbene Baby-Hoodies. Der Pulli ist originär kein Untergrundsymbol – wird nun aber (wieder) darauf verengt.

Die Tatsache, dass das „Hoody“ aktuell als Erklärungsversuch für einen rassistisch motivierten Mord herangezogen wird, verweist auf einen bitteren Umstand, auf eine zunehmende Misstrauens- und Angst-Kultur, die parallel zur sozialen Segregation wächst. Ob „Kopftuchmädchen“ oder „Macchiato Mütter“: Die Bereitschaft, im jeweils anderen einen potenziellen Feind zu sehen, nimmt zu, je stärker der eigene Status bedroht ist.

Und schließlich wirft der Fall Trayvon Martin auch ein grelles Schlaglicht auf den in Deutschland nun sogar gesetzlich sanktionierten Rassismus: Soeben hat das Verwaltungsgericht Koblenz erklärt, dass die „verdachtsunabhängige“ Überprüfung von Menschen mit dunkler Hautfarbe auf bestimmten Bahnstrecken rechtmäßig ist. „Einschlägige grenzpolizeiliche Erfahrung” rechtfertigten diese Passkontrollen. Ein verheerendes Signal. Ein Staat, der mit willkürlich von einzelnen Beamten festgestellten Wahrscheinlichkeiten operiert, ist kein Rechtsstaat. Ein Gemeinwesen, das seine Bürger zu wechselseitigen Verdächtigungen ermutigt, höhlt sich von innen aus.