Erschienen im März 2012 in der taz anlässlich des Internationalen Frauentags

Taktik einer Mittelmutigen

Viele Frauen beugen sich dem Alltagssexismus und setzen auf strategisches Schweigen. Aus Pragmatismus? Oder aus Angst um Status und Ansehen?

Stellen wir uns eine Frau vor, die in der gesellschaftlichen Mitte lebt und sich als heterosexuell begreift. Sagen wir, sie ist Mitte 30, interessiert sich für Politik, Wirtschaft, Kultur und zählt zur Mehrheit derjenigen, die sagen: „Frauen sind heute glücklicherweise emanzipiert. Also jedenfalls: Ich bin emanzipiert.“ Wenn sie sehr gute oder sehr schlechte Laune hat, spricht sie es offen aus: „Ich bin eine moderne Feministin und stehe dazu!“ Sie weiß, dass es nie zuvor eine Welt gab, in der sie so stark hätte leben können. Natürlich weiß sie auch, „dass es noch viel zu tun gibt“. Sie zählt zu den Privilegierten und leugnet es nicht. Und sie ist sehr froh über ihr aufgeschlossenes urbanes Umfeld.

Früher hatte sie die Emma abonniert, ihr Exfreund machte schmierige Witze darüber. Heute liest sie das Missy Magazine, ihr neuer Freund blättert interessiert darin. Den Begriff „Gender Trouble“ muss sie ihm nicht groß erklären. In der Werbungsphase hatte er einen Satz gesagt, der eigentlich verboten ist: „Wow! Für eine Frau bist du ganz schön tough!“. Demonstrativ unsicher hatte er sich über seinen Jesusbart gestrichen und gegrinst. Es war natürlich dreiviertelironisch gemeint, augenzwinkernd retroesk. Sie verstand das sofort, nahm es als Kompliment an ihre vielschichtige Einzigartigkeit, musste sehr lachen – und fiel in Liebe.

Wenn man sie fragen würde, wie sie persönlich den Kopf oben behält – obwohl sich an der Geschlechterungleichheit seit Jahrzehnten nichts Wesentliches geändert hat, weswegen wir etwa über „Macchiato-Mütter“ schimpfen, nicht aber über „Bionade-Papis“ – wenn sie auf all die Widersprüche der Gegenwart eine Antwort suchte, dann müsste sie sagen: „Meine Geheimwaffe ist das strategische Schweigen.“

Bloß nicht zur Wutbürgerin werden

Der Begriff „strategisches Schweigen“ ist im Topmanagement zu Hause. Die entsprechende Taktik wird in Erfolgsratgebern empfohlen und beruht darauf, in heiklen Momenten den Mund zu halten – nicht aus „Feigheit“, sondern aus Gründen der bewussten Kriegsführung. „Mache ich mich zum Affen/Opfer/Problemfall/Wutbürger/Gutmenschen, indem ich aus Prinzip widerspreche – oder bin ich klüger und konzentriere mich konstruktiv auf das, was ich durchsetzen will?“ Das ist noch immer das Schwierigste am Feministin-Sein, denkt die emanzipierte Frau von heute: dass man leicht zur Ziege oder Furie pathologisiert wird. Wie die meisten Menschen möchte auch sie gemocht werden.

Wir leben in einer ideologiebefreiten Welt, man muss die Dinge pragmatisch angehen – das hat die mittelschichtige, mittelalte, mittelmutige Feministin von heute voll und ganz verinnerlicht. Drei Jahrzehnte neoliberaler Lebenserfahrung haben sie gelehrt, bestimmte Dinge besser nicht eins zu eins und ungeschützt zu kommentieren.

Twitter-Witzbildchen von übergewichtigen Unterschichtsfrauen („Look at that monster-ass!“); Angela-Merkel- und Claudia-Roth-Stilkritik; Hipstermagazine, die 14-Jährige zu Fashionfräuleins aufrüschen; die unterbezahlten „Putzfrauen“, die abends die Büros in der Firma reinigen; die unbezahlten Langzeitpraktikantinnen in der von Männern budgetierten Grafikabteilung: All das nimmt sie wahr. Kein Mensch kann aber immer sofort auf alles reagieren, denkt sich die emanzipierte Frau – jedenfalls nicht, wenn man beziehungsweise frau beziehungsweise mensch in den entscheidenden Momenten ernst genommen werden will.

Sie arbeitet in einer Firma, die sich mit Kulturmanagement befasst, in einer Position, in der die Luft schon mal dünner wird: als eine von zwei Frauen im sechsköpfigen Vorstand. Selbstverständlich weiß sie sich im Team durchzusetzen. Erst muss das Gegockel der Jungs ertragen werden, eine Viertelstunde lang. Das kennt man/frau/mensch ja schon. Dann geht es irgendwann ums jeweilige Thema. Oft ist sie unterwegs, zu Tagungen und Symposien. Ihre Mutter, die nie eine Fremdsprache erlernt und keine nennenswerte Rente zu erwarten hat, ist sehr stolz auf sie. Und die emanzipierte Tochter weiß, dass ihre Art zu leben ein Geschenk ist, für das sie Verantwortung trägt.

Nach einer Weile des Liebesglücks ist die Kinderfrage doch wieder interessant. Im Geiste geht sie ihren Freundeskreis durch. Da ist die Exmitbewohnerin, die sich als Erste hat wieder scheiden lassen. Das ehelich gezeugte Kind versorgt sie nun zu vier Fünfteln als Alleinerziehende. „Er holt das Kind alle zwei, drei Wochen zu sich, es geht nicht anders, er ist ja umgezogen.“ Mit langwierigen Diskussionen wolle sie „das Verhältnis nicht noch weiter belasten“, sagt die Freundin.

All die Ex-Freunde

Da ist Exfreund Nummer zwei, der sie einst zur Abtreibung überredet hatte, weil nicht genügend Geld da gewesen war, wie er fand. „Prekär bedingter Nachwuchsaufschub“ hatten sie das genannt. Kürzlich ist er 40 geworden und in einer Agentur für irgendwas ein paar Stufen nach oben gefallen. Jetzt ist er mit einer Volontärin liiert, die 14 Jahre jünger ist als er und binnen dreier Monate schwanger wurde. Stolz postete er den schwellenden Bauch der hübschen jungen Frau bei Facebook, mit seinem Ohr an ihrem Nabel.

Und dann ist da noch die Exkommilitonin, die früher konsumkritische Low-Budget-Filme gedreht, sich seit der Geburt ihrer Zwillinge aber auf das Übersetzen von Reisetexten verlegt hat. „Von zu Hause aus geht das prima.“ Gut – es sind ja Zwillinge. Außerdem verdient ihr Partner in seinem Bikeshop mehr und ist gerade dabei, eine Flüchtlingsinitiative aufzubauen. Während er Dutzende neue Menschen kennen lernt und nächtelang unterwegs ist, backt die Freundin daheim Kuchen für die Sitzungen und entwirft Sprüche für Mahnwachen-Transparente.

Unsere Fallbeispiel-Frau, die immer noch daran glaubt, dass das Private politisch ist, findet das alles etwas merkwürdig. Da sie aber ausschließlich mit „ambitionierten und interessanten Frauen“ befreundet ist, weiß sie, dass all diese sich „freiwillig und ganz bewusst“ für ihre jeweiligen Partnerschaftsmodelle entschieden haben. Was soll sie also groß dazu sagen? Soll sie den Freundinnen etwa ein schlechtes Gewissen einreden?

„Ein paar Jahre habe ich ja noch, und bis dahin müssen wir das ausdiskutieren, er und ich“, denkt sich die moderne Feministin. Manchmal trifft sie sich mit anderen kinderlosen modernen Feministinnen zu einem „Mädelsabend“, weil „Frauen-Netzwerke“ wichtig sind und man nirgendwo sonst so offen reden kann. Hier bespricht sie schon mal zur Probe die Familienplanung: all das, was sie, in homöopathischen, soft-diskursiven Folkrock-Dosen, demnächst auch mit ihrem Freund besprechen will.

Wenn eine berufliche Veranstaltung ansteht, zieht sie etwas Attraktives an, aber nichts, was ihre Knie unbedeckt lässt. Sie ist nicht so blöd, die Wirkungsmacht des „Schönheitshandelns“ (Nina Degele) zu unterschätzen – und bleibt sich dennoch treu. Fällt einmal das Patschehändchen eines Investitionspartners auf ihren Oberschenkel, weiß sie diese brutal anachronistische Geste charmant zu kontern. „Wir Frauen müssen die Klappe aufreißen!“, hat sie neulich in einem „Mädchen“-Blog kommentiert.

Liegt allerdings eine ganz reale Schwitzehand auf ihrem Schenkel, macht sie kein großes Fass auf. Was würde das jetzt bringen – außer Ärger? Sie hat die Sprüche über die „frigide Fregatte“ aus der Konkurrenzagentur noch im Sinn – und betrachtet die Männerhand auf ihrer blickdichten Strumpfhose als Kollateralopfer auf dem Weg in die Zukunft. Sie steht da drüber. „Innerhalb jeder sozialen Klasse gibt es noch einmal eine Unterschicht: die Frauen“, hatte sie an der Uni mal gelesen.*( )Genau das wird sie verhindern: Sie wird sich nicht mehr weg- und unterschichten lassen.

Nachts träumt sie oft von rauchenden Ruinen und Sirenengeheul. Schweißgebadet wacht sie dann auf und weiß nicht, ob sie erregt oder verängstigt ist. Ihr Freund schläft ruhig und sicher. Wenn sie, im Licht der anbrechenden Morgenröte, seine langen, seidigen Wimpern betrachtet, spürt sie eine Unruhe, die ihr übertrieben vorkommt.

* Regina Becker-Schmidt: „Frauen und Deklassierung“. In: Ursula Beer (Hg.): „Forum Frauenforschung. Klasse Geschlecht. Feministische Gesellschaftsanalyse und Wirtschaftskritik“ (1987)