Im Herbst 2012 für EMMA geschrieben.

„Gleichbleibend schön“ heißt der verstörende Mittelschichts-Roman, den die britisch-tasmanische Schriftstellerin Helen Hodgman 1976 veröffentlicht hat – und der jetzt erstmals in deutscher Sprache erscheint. Er erzählt die Geschichte eines Hausfrauen-Lebens aus den Siebziger Jahren und führt uns einen Horror vor Augen, der bis heute nichts von seinem Schrecken verloren hat.

Wir befinden uns ganz nah bei uns und dennoch ziemlich weit weg: in Tasmanien, einem australischen Bundesstaat auf einer abgelegenen Pazifik-Insel. Britische Kolonialsiedler haben hier vor rund 200 Jahren Tausende Ureinwohner umgebracht. Die Spuren der Aborigene-Kultur löschten die neuen Herren aus, so gut es ging. Bis heute gilt auf Tasmanien die Herrschaft der milchgesichtigen Mittelklasse mit all ihren neurotischen Ritualen.

Und genauso wirkt auch die Wohnsiedlung, die wir in Helen Hodgmans Roman Gleichbleibend schön kennenlernen: aggressiv sauber. Die Vorgärten: aufgeräumt. Die Autos: gewaschen. Ein pastellfarbener Holzbungalow reiht sich an den nächsten. Ein perfektes Werbespot-Idyll für fettarmen Brotaufstrich. Ein ideales Setting auch für ein saftiges Kettensägenmassaker. Und tatsächlich: Mitten im Bungalow-Paradies haust der Horror. Er trägt den Namen Langeweile. Und er stinkt.

Das Grundstück, auf dem der Horror wohnt, liegt am Ende einer ruhigen Wohnstraße. Dort leben die Protagonisten des Romans: eine junge Kleinfamilie in der Bilderbuchbesetzung „erfolgreicher attraktiver Vater – junge attraktive Mutter – gesundes attraktives Kind“. Die Nachbarn grüßen sich mit Namen, und auf den ersten Blick wirkt bei der Kleinfamilie alles wie bei den anderen, geruhsam und geregelt, sozusagen: glücklich. Bis die Hunde aus der Nachbarschaft lüstern um das Grundstück streichen. Bis der Gestank sich wie eine Wolke ausbreitet. Bis „die Doppeltür der Garage sich nach außen zu wölben begann.“

In der Garage lagert Müll. Berge von Abfall hat die junge Hausfrau und Mutter, Hodgmans namenlose Roman-Heldin, zusammengetragen. „Als erstes waren die Hochzeitsgeschenke dort gelandet.“ Später kamen „alte Zeitungen und Zeitschriften“ dazu, außerdem „Kaputtes, das vielleicht noch zu reparieren war“. Unbedingt möchte sie all das Zeugs loswerden, das sie – als Verwalterin der gepflegten Häuslichkeit – eigentlich behalten, wertschätzen, dekorativ arrangieren und täglich abstauben sollte. Binnen weniger Wochen ist die Garage voll. Als das Ungeziefer sich ausbreitet und der Gestank sich nicht mehr leugnen lässt, ruft die Frau einen Entrümpelungsservice. „Für zwanzig Dollar hatte ich meinen Seelenfrieden und ein Gefühl von Tugendhaftigkeit erkauft.“

Die Hochzeitsgeschenke landen im Müll

Das Müll-Dilemma bildet den irritierenden Auftakt zu Hodgmans Roman, der erstmals 1976 unter seinem Originaltitel Blue Skies herauskam. Dreimal wurde er seither neu auflegt. Nun erscheint er zum ersten Mal in deutscher Sprache – und wirkt einerseits historisch, andererseits erschreckend gegenwärtig. „Zeitlos“ wäre der passende Begriff. „Vielleicht ergibt sich die Zeitlosigkeit daraus, dass sich für Frauen bis heute nur sehr wenig geändert hat“, sagt Helen Hodgman, die mittlerweile 67 Jahre alt ist, geschieden, mit mehreren Literaturpreisen bedacht und an Parkinson erkrankt. Fest steht: Wenn man den Roman als mitteleuropäische, mitteljungalte Mittelschichtsfrau der Jetztzeit liest, kriecht einem unweigerlich ein Schauer über den Rücken, in den Geist und die Seele.

Der Schauer rührt daher, dass “Gleichbleibend schön” in einer Vergangenheit spielt, die man sofort wiederzuerkennen glaubt. Wie verblasste Polaroids aus einem Schuhkarton wirken die Bilder. „Filterzigaretten rauchende Sekretärinnen“ kommen vor, Babywindeln „mit bunten Plastikrüschen“ und eine Küchen-Einrichtung aus „weißer Resopaloberfläche mit Silbersprengseln“, eine „Frühstücksbar – so nannte man das in den Möbelkatalogen.“ Automatisch sieht man als Jetztzeit-Leserin auch gleich die orangefarbenen Markisen einer Siebziger-Jahre-Kindheit vor sich. Vielleicht sieht man sich selbst mit Plastikförmchen Sandkuchen backen, in genauso einer Vorgartenlandschaft. Vielleicht sieht man die eigene, noch „unemanzipierte“ Mutter, wie sie mit ernsthafter Miene Müllsäcke zur Garage schleppt, während Papa „auf Arbeit“ ist. Vielleicht – und das wäre das Allerschaurigste – denkt man sich: „Ich bin anders als meine Mutter, ich lebe im neuen Jahrtausend. Das alles hat überhaupt nichts mit mir zu tun. Oder … doch?“

Der Roman-Ehemann heißt James, er ist fleißig, geht nach Büroschluss in der Stadt zwar unzweifelhaft fremd, kümmert sich ansonsten aber nonchalant um seine Vorstadt-Gattin, die die Seitensprünge leidenschaftslos übersieht. Freitagabends führt er sie gern zum Großeinkauf in den Supermarkt aus, ab und an plant er ein „romantisches Wochenende“. Er „arbeitete hart, um das Darlehen abzubezahlen“ und „wollte wie immer alles richtig machen“: So spricht die Gattin über den Ehemann. In ihren Gedanken gibt sie ihm den bös ironischen Namen „Clark Kent“ – so heißt Superman, wenn er incognito ist, wenn er nicht gerade Frauen und Kinder aus brennenden Hochhäusern rettet, makellos gescheitelt und stark.

Das gemeinsame Kleinkind, ein Mädchen namens Angelica, nennt sie „die Tochter von James“ oder einfach nur „das Baby“ – so als sei das Kind ein fremdes Ding, oder vielmehr: als sei sie selbst ein Fremdkörper in dieser Familienaufstellung. Bevor das Kind kam, war die Roman-Heldin berufstätig, als Hilfskraft im Restaurant eines Freundes. Nach der Geburt der Tochter „wartete ich immer – halb sorgend, halb hoffend – darauf, dass ihr Atem stehen blieb.“ Aber die Tochter schreit, spuckt und pupst weiter. Und so „legte (ich) die Hände in den Schoß und wartete wie die Schildkröte auf den Tod.“

Das lähmende Drei-Uhr-nachmittags-Gefühl

Warten, aber nicht wissen auf was: Das ist die Alltags-Agonie, in der die Heldin zu ertrinken droht. Sie hat alles. Und hat nichts. Jedenfalls hat sich nichts zu tun, was ihr ein Gefühl von Lebendigkeit schenken würde. Nichts, was außerhalb des ewigen, immer gleichen Kreislaufs von Reproduktion und Aufzucht läge. Nichts, was einen Funken geistige Anregung verspräche. Auch wenn der Hausarzt schon bald eine postnatale Depression bei ihr diagnostiziert und ihr stimmungsaufhellende Psychopharmaka – mother’s little helpers – verschreibt: Es sind „endlose Tage, an denen die Uhr immer drei Uhr nachmittags zeigte, egal, was man mit ihr anstellte.“

Es ist ein Leben, das schon damals ein privilegiertes war und dem die meisten jüngeren Frauen heute skeptisch gegenüber stehen – obwohl manche es sich insgeheim vielleicht auch wieder ersehnen. Es ist ein Leben am passiven Ende des Einernährer-Modells und die Geschlechterrollen sind in dieser Aufstellung klar verteilt: Er funktioniert draußen in der scharfkantigen Welt als bread winner, während Sie, als home maker für ein behagliches Zuhause sorgt, beziehungsweise: sorgen soll.

Nur ein paar Hundert Jahre ist jenes Arbeitsteilungsmodell alt, das zu Zeiten des 50er- und 60er-Jahre-Wohlfahrtskapitalismus voll aufblühte, und eigentlich scheint in der westlichen abendländischen Welt längst ein Konsens zu herrschen, dass es überholt ist. Andererseits reißt die Faszination für das „Hausfrauen-Schicksal“ nicht ab. Noch immer ist es ein möglicher weiblicher Biografie-Entwurf, der trügerische Belohnungen birgt. Sowohl die Politik kommt neuerdings darauf zurück – etwa mit dem Entwurf der so genannten Herdprämie -, als auch die Unterhaltungsindustrie. Da sind die Desperate Housewives – und das unsichere, quasi-ironische Augenzwinkern, das sie bei medienbelesenen Zuschauerinnen provozieren. Da ist die erregte Debatte um Glanz und Elend sogenannter Macchiato Mütter. Da sind die Haushaltsgeräte-Werbespots von Vorwerk, in der eine offensichtlich rundum erfüllte Hausfrau und Mutter als „Familienmanagerin“ auftritt. Und da ist die US-Fernsehserie “Mad Men”, in der Männer noch „echte Männer“ und Frauen appetitlich verschnürte Deko-Objekte sein dürfen. Das leading housewife in der Serie “Mad Men” heißt Betty Draper. Sie erfüllt das Bild der fürsorglichen Sex-Bombe annähernd perfekt. „Du kleine Hausfrau sei glücklich“, sagt Bettys Vater, als er ihr einmal im Traum erscheint. „Du bist sehr wichtig und Du hast wenig zu tun.“

Aber Bettys Ticks und Ausfälle nehmen zu, und eines Tages, als die Psychotherapie nicht mehr hilft, nimmt “Mad Men”-Betty sich einen Liebhaber. Genau dasselbe tut auch die Heldin aus “Gleichbleibend schön”, besser gesagt: Sie nimmt sich zwei. Dienstags und donnerstags gibt sie das Kind zur Schwiegermutter. Der eine Liebhaber heißt Jonathan; er ist ein fantasievoller Koch, dem jede „typisch männliche“ Geschäftstüchtigkeit abgeht. Der andere Lover heißt Ben, ist Kunstmaler, Kiffer und liebt es, sich in alte Kostüme zu hüllen. Beide Männer verweigern, je auf ihre Art, den klassischen Männlichkeitsentwurf, den die milchgesichtige Mittelklasse-Norm vorsieht. Sie sind bekennende Außenseiter in der engen postkolonialen Kleinstadtwelt. Über ihren Liebhaber Ben sagt die Heldin: „Ich wusste, dass er wusste, was ich tat: mein Leben in seinem suchen.“

Eine Fehlbesetzung im eigenen Leben

Wie eine Fehlbesetzung im eigenen Leben kommt die Protagonistin sich vor: „Die anderen Bewohnerinnen dieses Naturreservats für Frauen erfanden etwas, um sich die Zeit zu vertreiben. Kreative und entspannende Beschäftigungen, wie sie von den Frauenzeitschriften vorgeschlagen wurden, den Placebos, deren Einnahme das Dasein versüßte und die eine Hälfte der Bevölkerung ruhig und gefügig machte.“ Insbesondere die ältliche Nachbarin Olive geht ihr auf den Geist. Denn die Witwe hat keine Familie mehr zu versorgen, und so malträtiert sie tagein tagaus das Grün in ihrem Garten mit einem elektrischen Rasenmäher. Unkraut killen gegen die Inhaltsleere, Gartenzwerge aufstellen für den „schöneren Anblick“: Solcherlei erfordert Energie und ein Bedürfnis nach einer „sinnvoller Tagesgestaltung“, räsonniert die Heldin – und kommt zum Schluss: „Beides fehlte mir.“ Nichts Anklagendes ist der Heldin zu eigen, nie betrachtet sie sich als wehrloses „Opfer“, kein Lamento über ihre etwaige „Unterdrückung“ stimmt sie an, kein „Männerhass“ bemächtigt sich ihrer. Vielmehr beobachtet sie aufmerksam die Spielregeln ihrer Welt, erkennt sich selbst darin und seziert die Überlebensrituale der sie umgebenen Wohlstands-Frauen, „die mit ihren kleinen, sparsamen Zweitwägen Staubwolken aufwirbelten.“

“Gleichbleibend schön” erschien fast zeitgleich mit Alice Schwarzers Schlüssel-Pamphlet “Der kleine Unterschied” und mit der Neuauflage von Betty Friedans Essay “Der Weiblichkeitswahn”. In einer überraschend modernen, unprätentiösen Sprache und Haltung erzählt der Roman die Geschichte einer verdrucksten, beschämten bis belustigten Bewusstwerdung. Es geht um den heterosexpatriarchalischen Kern der white supremacy – und um die weibliche Mitarbeit an diesem Spiel. Hodgmans Heldin betrachtet sich nie als Obekt. Sie ist stets ein Subjekt – ein kindisches, schwaches, misanthropes, narzisstisches, trauriges, passiv-aggressives Subjekt – das partout auf keine Idee kommt, wie, wo und mit wem es anders leben könnte.

„Der Roman ist ganz sicher an feministischen Prinzipien orientiert, aber ich würde es nicht als explizit ,feministisches Buch‘ beschreiben“, sagt Helen Hodgman im Gespräch via E-Mail. „Dazu ist mir die Sprache zu wichtig. Ich würde nie einen guten Satz zugunsten eines politischen Arguments opfern.“ Eine heterosexuelle Ehe, aus der zwei Kinder hervorgingen, hat die Autorin hinter sich. Heute ist Hodgman mit einer Frau liiert. Sie wehrt sich gegen die Frage, ob eine gleichgeschlechtliche Beziehung ein glücklicheres, souveräneres Zusammensein ermöglicht. „Es ist vielleicht so, dass Frauen ein größeres Bedürfnis haben, die Dinge voreinander auszusprechen. Sie versuchen, Dysfunktionalitäten von Anfang an zu erkennen und zu vermeiden.“ Allerdings wolle sie diese Aussage auf keinen Fall „generalisieren“.

Am Ende von Gleichbleibend schön sind vier ganz reale Opfer zu verzeichnen: Zwei Männer werden verschwinden, zwei Frauen werden sterben.

Unterdessen keimt hier bei uns, weit weg vom Tasmanien der Siebziger Jahre, eine neue Verachtung für so genannte Karrierefrauen auf. Als „Heiratsverliererin“, die keiner haben will, kennzeichnet sie die Soziologie. Andere holen die Neoliberalismus-Keule aus dem Schrank: Jede Frau, die sich freiwillig in die Eiseskälte der Erwerbswelt begebe, sei selber Schuld – und wieder nur ein „Ausbeutungs-Opfer der Verhältnisse“, diesmal eben der kapitalistischen. Derweil entdeckt die Kohorte der wirklich Gut- und Besserverdienenden in der alten Rollenaufteilung plötzlich wieder einen Statusgewinn: „Meine Frau hat es nicht nötig zu arbeiten“, sagen frisch gebackene Familienväter neuerdings wieder gern, wenn sie sich damit von prekären Altersgenossen abgrenzen können, die auch mit zwei Gehältern nicht wissen, wie sie über die Runden kommen sollen. Ungebrochen entwickeln sich auch die altbekannten „Placebos“ fort: Eine Renaissance des Selber-Kochens, Selber-Strickens, Selber-Pflanzens wird in so genannten Frauenzeitschriften abgefeiert, auch in solchen für die „ganz junge Zielgruppe“. „Do it yourself“ heißt der neumodische Begriff für Häuslichkeit. Backen, Basteln, Baby-Talk – statt Coaching, Burn-Out, Mobbing: Welche Linderung, welch Wohlgefühl! Wer Helen Hodgmans Roman liest, versteht jedoch: Das Idyll ist vergiftet. Wir wissen zu viel. Es führt kein Weg zurück an den Herd.

Gleichbleibend schön. Roman von Helen Hodgman, in der Übersetzung von Anne Rademacher, Knaus Verlag, 192 Seiten, 17,99 €