Erschienen im April 2014 in der Rheinland-Spezial-Ausgabe des Kunst-Magazins MONOPOL

Verhangener Himmel, verkachelte Fassaden: Hübsch ist Köln wirklich nicht. Aber so wunderbar alt-west-deutsch, dass man eigentlich Eintritt dafür nehmen müsste.

Köln ist mein Lieblingsmuseum. Tatsächlich. Nicht: In Köln steht mein Lieblingsmuseum. Sondern: Köln als solches, in seiner heiteren Siffigkeit, seiner rührenden Fußgängerzonenhaftigkeit, seiner vollverkachelten Wirtschaftswunderarchitektur und seiner aufs Aufdringlichste behaupteten guten Laune – Plakate und Passanten schreien einen an: wie schön es in Kölle am Rhein doch sei! –, ist das Gesamtmuseum, das ich schätze. Seit ich nicht mehr dort wohne, macht es mir extra viel Freude. Es duftet schon ganz eigen: säuerlich, wie ein Obst- und Kartoffelkeller aus den 50er Jahren. Und an seinen modernsten Ecken sieht es aus wie 1994. Beides ist durchaus als eine Art Kompliment gemeint. Köln ist eine Stadt, in der die alte Bundesrepublik noch sehr gut zu studieren ist. Man kann sie hier besichtigen: all die Ansätze, Improvisationen und Versuche, eine Modernität und Urbanität (wieder) herzustellen, damals, nach dem Krieg, und auch in den drei, vier Jahrzehnten danach noch. Es sollten Schilder an den Ortseingängen stehen: „Freilichtinstallation – Erlebnispark – so war das alte Westdeutschland.“

Bei jedem Köln-Besuch fühle ich mich an meine Kindheit erinnert. Die fand in den 1970er und 80er Jahren statt, in Frankfurt am Main. Dennoch ist Köln eine Heimat – auf der Metaebene. Dort sieht es heute noch so aus, wie es im Rest von Deutschland früher mal aussah: Noch immer tragen verblüffend viele Kölner Männer ihr Haar halblang, ohrläppchenumspielend, während verblüffend viele Kölner Frauen dem Modell „Rassige Löwenmähe“ die Treue halten. In Bars und Kneipen mag feinste, neueste Electromusik laufen – aber zur Einrichtung würde „Eye of the Tiger“ als Klangteppich meist besser passen. Insgesamt changiert der Kölner Grundton zwischen Pressspahnholzbeige und Ocker, flankiert von auffallend uneitel verbautem Beton.

Das Ocker kommt aus der Kölner Bucht. Dort, zwischen Eifel und Süderbergland, bleiben die Wolken oft hängen. Wenn die Sonne sich anstrengt, schillert das Hellgrau des halbfeuchten Himells manchmal gelblich auf. Sommers wie winters ist es lauwarm. So lauwarm wie das – ockergelbe – Kölner Bier. So lauwarm wie der – ockergelbe – Jecken-Urin. Wer zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch in der Stadt spazieren geht, läuft Gefahr, auf einer Bierlache, einem Pinkelfützchen oder einem Kotzplacken auszurutschen. Angestammte Kölner finden das lustig. „Et kütt wie’t kütt“, sagen sie, wenn das Leben ihnen wieder mal eine Spaßladung schmutziges Konfetti ins Glas regnen lässt.

Sechs Jahre lang wohnte ich in Köln. In den späten 90er Jahren war ich hingezogen. Ich machte in Medien, und es war ein Leichtes, einen Job dort zu finden. Medien sind die Zukunft – hieß es damals. Heute wissen wir, dass das ein schlechter Scherz war, schlechter noch als jeder Bütten-Witz. Die Kölner Printlandschaft war italienisch organisiert: Drei Tageszeitungen gab es, und sie gehörten alle dem Verleger Alfred Neven DuMont. Seit den frühen 90ern schossen im Umland Gameshow-Parks aus dem Boden. 1993 nahm der Musiksender Viva seine Geschäfte auf. Ein Jahr später eröffnete der Mediapark, mit künstlichem See und Multiplexkino. Heute gehört Viva dem Weltkonzern Viacom und sendet von Berlin aus. Sein Erfinder, Dieter Gorny, wacht als „Kreativ“-Beauftragter jetzt über Dortmund. Aber Köln hat immer noch Frauke Ludowig. Eben: RTL. Und das hört einfach nicht auf, das Land mit allergrellster Realitätsklitterung zuzusenden.

Als mich erstmals eine Frankfurter Freundin in Köln besuchte, schlug ich vor, ihr vom Auto aus alles zu zeigen. Wir fuhren am sechsspurig asphaltierten Rheinufer entlang, fuhren über die zehnspurige Zoobrücke, über die sich, ganz malerisch, eine Seilbahn spann, und schließlich versuchte ich, uns über eine der vielen Unterführungen in die angeblich „authentische“ Kölner Südstadt zu lenken. Irgendwann brach es aus ihr heraus: „Oh Mann, das ist ja … potthässlich hier!“ Da waren wir gerade auf der Nord-Süd-Fahrt unterwegs, einer Schnellstraße, die sich, teils in Tunneln, quer durch die Stadt zieht, ein Monument des Wachstumsglaubens. Tatsächlich hatte Köln mal eine Phase, da wollte es sein wie Detroit, die Autobauer-Metropole in den USA. Immerhin wurden (und werden) in Köln Fords gebaut. Der „Blue Collar Middle Class“ stellte man auch in Köln Kaufhausklötze hin. Und 1964 wurde der „millionste Gastarbeiter“ in Deutschland wo begrüßt? Am Bahnhof Köln Deutz! Armando Rodrigues hieß der Mann, ein Portugiese. Er bekam ein Moped geschenkt, die Kölnische Rundschau schrieb: „Steif, mit verlegener Miene, übernächtigt und unrasiert, stand er nach 48stündiger Fahrt in blauer Hose und in braunem Rock vor den Kameras – und drehte den Hut in der Hand“.

Die Brutalität der Nord-Süd-Fahrt

Autos und Straßen haben die Kölner Künstler und Intellektuellen des 20. Jahrhunderts stark beschäftigt. Etwa H.A. Schult, der 1991 das Flügelauto schuf, die Skulptur eines bronzefarbenen Mittelklassewagens mit Engelsflügeln, die er auf das Dach des Stadtmuseums stellte. Dort steht das Flügelauto noch heute, allerdings ohne Erlaubnis, nur geduldet. Der Aktionskünstler Boris Sieverts widmete Kölns Straßenwahnsinn den Aufsatz “Nordsüdfahrt 1999 revisited”. Und besonders heftig rieb sich Heinrich Böll am Asphalt: „Ich glaube, dass eine Art Heimatvertreibung durch die Autos stattfinden wird“, sagte er in einem Gespräch über seine eigene Heimat. „Schlimm ist so eine Entwicklung wie die Nord-Süd-Fahrt, die ja praktisch ganze Viertel zu Friedhöfen gemacht hat.” Böll sprach von einem „dreißigjährigen Krieg der Bauplaner” und von der „dreimal heiligen Herrschaft von Gerling und Breker”. Er war überzeugt, dass sich im Kölner Nachkriegsstädtebau der Nazi-Geist spiegelte.

Viele der Nachkriegsbauten stammen von Wilhelm Koep. Er war der „Hausarchitekt“ des Unternehmens 4711 („Kölnisch Wasser“) und hat vor, während und nach der Nazi-Zeit das Kölner Stadtbild geprägt wie kein anderer. Kommt man etwa aus dem Hauptbahnhof und stellt sich frontal vor den Dom – wohin sollte man sich sonst stellen – sieht man rechter Hand das Blau-Gold-Haus, eine Stahl-Glas-Konstruktion Koeps aus dem Jahr 1952. In ihrer Leichtigkeit und Schlichtheit wirken Koeps „Kästen“ heute fast wieder modern. So wie 50er- und 60er-Jahre-Möbel, die auf Dachböden verstaubten – bis sie wiederentdeckt wurden und neuerdings unter dem Spartennamen „Midcentury Style“ als Quasi-Antiquitäten gehandelt werden. Die Gründerzeitbauten in Berlin, Hamburg und München stehen voll mit Sesseln und Sideboards, die nirgendwo besser hinpassen als nach Köln, wo auch die entsprechenden Gebäude stehen, Zeugnisse der mittleren Moderne.

„Sie hätten Köln zerbombt sein lassen sollen und nicht wieder aufbauen“, schrieb der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann in „Fratzen in der Straßenbahn“, seinem berühmtesten Hassgedicht. 1940 in Vechta geboren, war er 1962 nach Köln gezogen – und verabscheute es zutiefst. „Ich brauch mir die Kölner bloß in Kantinen anzukucken. Da kriegt man das Kotzen. (…) Sie sind kleine Arschkriecher“. Und: „Fette, schlampige, schweinsfüßige Kölnerinnen. (…) Eine Pellkartoffelmentalität haben sie hier.“ In Köln hat man Brinkmanns Tiraden immer sehr interessiert gelesen. Erst hoch irritiert – dann von der Aufmerksamkeit doch geschmeichelt. „Et kütt wie‘t kütt!“ Und so vergibt die Stadt Köln seit 1990 alljährlich ein Literaturstipendium, das mit 10.000 Euro dotiert und – Alaaf! – nach Brinkmann benannt ist. Vielleicht ist das Frohsinn. Vielleicht ist es Masochismus. Und vielleicht lässt sich beides – Frohsinn und Masochismus – nur aus dem Katholischen heraus erklären. Vielleicht hat es etwas mit Buße zu tun. Nur: Buße wofür? „Das…“, würde jetzt ein Kölner sagen (und würde aggresivst jeck grinsen), „das weiß nur Gevatter Rhein allein“.

Katja Kullmann ist Journalistin und Schriftstellerin und bittet Köln für die hier veröffentlichten Garstigkeiten um Entschuldigung. Sie hat das alles so Brinkmann-esk aufgeschrieben, weil sie halt auch gern mal ein 10.000-Euro-Stipendium bekommen möchte. Zuletzt erschien von ihr die Städtereportage Rasende Ruinen. Wie Detroit sich neu erfindet bei Suhrkamp.