Erschienen im Oktober 2015 im FREITAG.

In ihrem neuen Buch „Ausgrenzungen“ fragt die US-Soziologin Saskia Sassen, wie Menschen heute unterdrückt und entrechtet werden. Es trifft auch die Mittelschichten

Kaum jemand seziert den Kapitalismus so hellsichtig wie die US-amerikanische Wirtschaftssoziologin Saskia Sassen. Dabei schlägt die 66-Jährige in ihren Schriften meist den ganz großen Bogen: Lange bevor der Begriff der „Globalisierung“ zu einer Standardvokabel in der Ökonomie und den Nachrichten wurde, dachte Sassen schon in weltweitem Maßstab. Im Jahr 2000 prägte sie den Begriff der „global city“, der heute aus den Gentrifzierungsdebatten, sei es in New York, London, Berlin, Stockholm oder Schanghai, nicht mehr wegzudenken ist. Auch in ihrem neuen Buch Ausgrenzungen. Brutalität und Komplexität in der globalen Wirtschaft geht Sassen der Frage nach, wie der neoliberal gespielte Kapitalismus die Lebensräume der Menschen verändert. Ihre Kernthese: Es wird noch viel enger werden. Überall. Und für alle.

Frau Sassen, die Bilder von Menschen an Grenzzäunen und in Flüchtlingslagern in Europa wirken wie eine plakative Bestätigung Ihres neuen Buchtitels: „Ausgrenzungen“.

Ja, das dachte ich auch schon. Tatsächlich haben wir es mit einer Migrationsdynamik zu tun, die schon vor Jahren eingesetzt hat. Aber erst jetzt vermitteln uns diese Bilder mit voller Wucht, was rund um den Globus vor sich geht. Erst jetzt scheint der befriedete und wohlhabende Teil der Welt aufzuwachen. Und wir erleben, wie baff und unvorbereitet die Regierungen darauf reagieren. Noch immer wird nur zögerlich darüber gesprochen, dass viele Länder, die als Sehnsuchtsorte nun diesen Andrang erleben, den Fluchtdruck mitproduziert haben.

Was genau meinen Sie damit?

Die wohlhabenden, sicheren Regionen haben die Länder, aus denen die Menschen fliehen, jahrzehntelang ausgebeutet oder mit Waffen versorgt. Auch die USA und Saudi-Arabien sind maßgeblich daran beteiligt. Europa ist die Region, die ideell am engsten mit dem verbunden ist, was wir „humanitäre Prinzipien“ nennen. Darum ist der Schock dort so groß. Was dort jetzt alles nicht funktioniert, verweist auf die Herausforderungen, denen sich alle entwickelten Länder stellen müssen. Die alten Herangehensweisen an Migrationsfragen taugen nicht mehr, nirgendwo.

Die Reaktionen der Europäer sind zweigeteilt. Die einen fürchten, dass die Sozialsysteme und der Arbeitsmarkt den Zustrom nicht verkraften. Oder sie spüren eine diffuse Angst vor sogenannter Überfremdung. Andere engagieren sich weitherzig für Flüchtlinge. Sie empfinden es als Schande, dass die reiche EU sich so schwertut, Menschen in Not zu helfen.

Mir ist klar, in welchem Aufruhr sich Europa nun befindet. Aber man muss deutlich sagen: Es ist nur eine kleine Minderheit, die jetzt auf dem Weg dorthin ist. Allein seit 2013 wurden weltweit mindestens 50 Millionen aus ihren Lebensräumen vertrieben, und die meisten haben ganz andere Ziele. In Südostasien oder Zentralamerika zum Beispiel gibt es große Wanderungsbewegungen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren niemals so viele Menschen heimatlos. Noch nicht eingerechnet sind diejenigen, die innerhalb ihrer Landesgrenzen unterwegs sind. Wir müssen vor allem auch unterscheiden, warum Menschen ihre Lebensräume verlassen. Krieg ist nur ein Grund von vielen.

Genau diese Unterscheidung prägt die politische Rhetorik in Deutschland dieser Tage stark. Es gibt Kriegsflüchtlinge und sogenannte Wirtschaftsfüchtlinge. Die einen sind vom Tod bedroht, die anderen haben „nur“ eine wirtschaftliche Verbesserung im Sinn. Da wird moralisch argumentiert – wer es „verdient“ hat, eingelassen zu werden, und wer weiter ausgegrenzt bleiben soll.

Beide Gruppen werden auf absehbare Zeit weiter unterwegs bleiben. Die Menschen, die derzeit etwa Syrien oder Somalia verlassen, gehören meist der Mittelklasse an, viele hatten ein gutes Leben. Sie versuchen schlicht, ihr Leben zu retten. Weltweit gibt es viele Kriegszonen, sie sind alle regional begrenzt – und es werden nicht weniger werden. Wir brauchen nicht, wie nach dem Zweiten Weltkrieg, auf einen generellen Waffenstillstand zu hoffen, der von Großmächten an einem Konferenztisch offiziell vereinbart und unterschrieben wird, verstehen Sie?.

Und diejenigen, die aus ökonomischen Gründen fliehen?

Wer Wirtschaftsflüchtling genannt wird, führt ebenfalls einen harten Kampf um seine Existenz. Der Zugang zu einer Scholle Land oder zu einer Behausung in einer Stadt, in der man eine Arbeit finden kann, ist von jeher eine Grundvoraussetzung dafür, dass man ein selbstverantwortliches Leben führen kann. Für viele Menschen ist dieser Zugang mittlerweile versperrt. Nicht nur in ihren Herunftsländern, sondern auch dort, wo sie sich eine Zukunft erhoffen …

Können Sie das etwas erläutern?

Eines der großen Probleme heute ist das Landgrabbing, der staatlich geduldete oder subventionierte Landraub. Konzerne verleiben sich ganze Landstriche ein, zerstören die Umwelt, die ansässige Landwirtschaft, das Kleingewerbe der Bevölkerung. Sie zerschlagen die regionale und letztlich auch die nationale Ökonomie. Weltweit breitet sich etwa der Bergbau massiv aus. Grundwasser wird in großem Stil vergiftet. Zurück bleibt Brachland. Und Menschen, die ihre Existenzgrundlage verloren haben. Allerdings stoßen die Migranten, wenn sie die Kraft gefunden haben, sich auf den Weg zu machen, wieder auf gravierende Probleme.

Nämlich auf welche?

Zugespitzt könnte man sagen: Der Privatisierungsgrad der Welt ist so hoch wie nie zuvor. Es existiert praktisch nirgendwo mehr freies Land, kein Gemeinwesen, dem man sich ohne Weiteres anschließen könnte. Das ist ein kategorialer Wandel. Sie können, um im Bild mit der Scholle zu bleiben, heute nicht einfach irgendwo ihr Gemüse anbauen. Wie schwierig es selbst für angestammte Bewohner einer Stadt sein kann, einen Unterschlupf zu finden, eine bezahlbare Wohnung, wissen Sie sicher auch. Selbst wenn Sie als Migrant also alle möglichen nationalstaatlichen Grenzen überwunden haben, kommen Sie nicht mehr so leicht „rein“. Die Räume werden überall enger. Und die Zahl derjenigen, die draußen bleiben müssen, steigt.

Womit wir beim Kern Ihres Buches sind. Wir alle werden zu „Ausgegrenzten“ – auch wenn wir uns in den reicheren Regionen einbilden, noch immer „mittendrin“ zu stehen. Ließe sich Ihre These so umreißen?

Grob ja. Es geht es um einen gewaltigen systemischen Umbruch. Die Schlüsseldynamik dabei ist die Ausgrenzung von Menschen aus verschiedenen Untersystemen, ökonomisch, sozial, biosphärisch. Mit herkömmlichen theoretischen Ansätzen sind diese Umbrüche nicht mehr zu fassen oder zu bearbeiten. Ich spreche von „unterirdischen Trends“ und gehe empirisch vor. „Nah am Boden“: So nenne ich die Methode. Erst wenn wir verstanden haben, was faktisch heute geschieht, weltweit, an vielen Orten gleichzeitig, können wir alte politischen Theorien weiterdenken. Oder neue entwickeln.

Gleich im Vorwort bezeichnen Sie den alles prägenden Metatrend als „brutales Aussortieren“.

Die kapitalistischen Beziehungen vertiefen sich dieser Tage in ungeahntem Maße. Der alte Antagonismus von Arbeit und Kapital ist ja unbestritten der Wesenskern des Systems, in dem wir leben, auf dem die liberale Demokratie beruht. Mittlerweile haben die Unterdrücker ein hochkomplexes System geschaffen, ich spreche auch von „räuberischen Formationen“: ein schwer zu durchschauendes Geflecht aus mächtigen Einzelpersonen, Maschinen und Netzwerken. Das Finanzsystem ist da nur ein Geflecht von vielen. Russland und die USA sind sich dabei übrigens sehr ähnlich. Auch was die Umweltzerstörung angeht: Die vollzieht sich in Russland oder China heute unter denselben Parametern des Profits wie in den USA. Mit der Unterscheidung zwischen „Osten“ und „Westen“ kommen wir längst nicht mehr weiter. Hier wie dort hält man sich die Unterdrückten vom Leib, indem man sie ausgliedert, sobald sie für die Kapitalakkumulation keine Rolle mehr spielen. Die Gegenwart ist ein gewaltiger Outsourcing-Prozess.

Bitte geben Sie ein paar Beispiele.

Menschen, die versuchen, im Niedriglohnsektor ihr Geld zu verdienen, als sogenannte Billigarbeitskräfte. Arbeitslose, die keinen Zugang mehr haben zu den Versicherungssystemen, die einst von Unternehmen mitgetragen wurden, und die irgendwann auch aus den staatlichen Sozial- und Vorsorgesystemen fallen. Menschen mit niedrigerem Bildungsgrad, die als verzichtbar betrachtet werden. All diese werden zu Fremden im System, sie spielen nicht mehr richtig mit. Und der Neoliberalisms unternimmt nicht einmal mehr einen ernsthaften Versuch, diese Menschen auf irgendeine Art zu integrieren. Eine bislang wenig beachtete Entwicklung ist die steigende Zahl von Häftlingen weltweit. Auch darüber schreibe ich. Vor allem in den USA ist eine regelrechte Gefängnis-Industrie entstanden, private Unternehmen machen damit enorme Profite. Wer Ärger macht oder nicht ohne Weiteres verwertbar ist, wird heute schneller weggesperrt.

Gilt das auch für die Psychiatrie?

Das habe ich noch nicht genauer untersucht, aber es wäre denkbar.

Das Beeindruckendste an Ihrem Buch ist, wie klar Sie die Mittelschichten als die größten Verlierer der Gegenwart skizzieren.

Die Armen waren auch vorher schon arm dran, so hart das klingt. Neu ist, dass der Mittelbau der Gesellschaften jetzt marginalisiert, ausgegrenzt wird. Ich nenne diese Schicht im Buch die „bescheidene Mittelklasse“. Es geht nicht um die obere Mittelschicht oder die Reichen, sondern um das, was gemeinhin „die ganz normale Mitte“ der Gesellschaft genannt wird, Facharbeiter, Angestellte. Diese bescheidene Mittelklasse stellte die Arbeitskräfte und die Konsumenten des 20. Jahrhunderts – und diese waren wichtig, um Gewinne zu erzielen. Nur dafür gab es all die wohlfahrtsstaatlichen Einrichtungen, deren Abbau wir gerade erleben: um den Wohlstand dieser Konsumentenschicht zu sichern. Inzwischen wird Kapital aber auf ganz anderem Wege akkumuliert, durch eine abgehobene Finanzökonomie, die das reale BIP in den USA zum Beispiel um das Fünfzehnfache übersteigt. Es ist einfach unwichtig geworden, wie viel Geld ein Mensch für einen Fernseher oder Möbel ausgeben kann oder will, es spielt keine Rolle mehr.

Ist die Austeritätspolitik, die etwa die „bescheidene Mitte“ in Griechenland plattmacht, eine Manifestation dieser Verschiebung?

Absolut. Die Jüngeren, die Töchter und Söhne der bescheidenen Mitte, stellen fest, dass sie weniger und weniger herausbekommen, egal, wie hart und viel sie arbeiten, wie sehr sie sich auch bemühen, gute Bürgerinnen zu sein. Sie sind von Anfang an arbeitslos oder waren noch nie im Vollzeitmodus beschäftigt. Sie haben gar nicht den Rang, von dem aus sie sich organisieren könnten, ihre Stimme hat gar kein Gewicht. So wendet sich ihre Wut zunehmend gegen den Staat. Das Vertrauen in die Regierungen sinkt, überall.

Frau Sassen, was können wir tun, wie kommen wir da raus?

Die Protestbewegungen der vergangenen Jahre, etwa Occupy!, sind interessant, denn sie gingen von ebenjener bescheidenen Mitte aus, sei es Brasilien, in der Türkei, in Spanien, den USA. Die Mittelklasse ist nicht die klassische revolutionäre Kraft. Aber sie sieht sich zu Recht vom Staat betrogen, weil dieser den sozialen Vertrag mit den Menschen gebrochen hat, mit denjenigen, die den hart arbeitenden, pflichtbewussten Teil der Bevölkerung ausmachen. Darauf versuche ich seit Jahren hinzuweisen: Wir Bürger verlieren Rechte. Seit Jahren, jede Woche ein paar mehr.

Saskia Sassen, geboren 1949 in Den Haag, Niederlande, lehrt als Soziologin und Wirtschaftswissenschaftlerin an der Columbia University in New York und an der London School of Economics. Sie ist verheiratet mit dem US-Soziologen Richard Sennett, die beiden gelten vielen als intellektuelles Traumpaar

Ausgrenzungen. Brutalität und Komplexität in der globalen Wirtschaft Saskia Sassen (Sebastian Vogel (Übers.), S. Fischer 2015, 320 S., 24,99 €