Im Oktober 2013 in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG erschienen.

Nach Konzerten oder Kinofilmen geschieht es manchmal: Dass man den Saal angeheizt und aufgedreht verlässt, in einer ganz neuen, unruhigen Stimmung. Bei einer Kunstausstellung kommt das eher selten vor. Gemälde sind ja furchtbar still, und nie weiß man, wie lange man vor ihnen verweilen soll, ohnehin steht meist ein anderer Besucher im Weg. Und dann dieses neurotische Bedürfnis, das Gezeigte „verstehen“ zu wollen, mit Nachhilfe-Kopfhörern auf den Ohren und Rückenreißen, weil man sich zum Kleingedruckten bücken muss. Jeder Museumsbesuch ist immer auch ein Loriot-Sketch, und die meisten sind froh, wenn sie wieder draußen sind, was man daran merkt, dass die Museumscafés und -Shops stets voller sind als die Ausstellungsräume. Das Einkaufen und das Bestellen sind nun mal die Kernkompetenzen des modernen Menschen.

„Gemeine Wahrheiten“ heißt eine Ausstellung, die seit diesem Wochenende in der Weserburg in Bremen zu sehen ist – und wenn man dort drin war, möchte man sofort etwas Unerhörtes, Lautes und Grobes anstellen, am besten gleich mit ausgestrecktem Mittelfinger. Zu sehen sind Gemälde, Skulpturen und Collagen von Werner Büttner. Wie Albert Oehlen oder Martin Kippenberger galt Büttner in den Achtziger Jahren als „Junger Wilder“, auch weil er der Post Punk-Szene nah war. Da herrschte eine aggressive Verachtung für alles (Klein-)Bürgerliche. Da brillierte eine hoch gebildete, eiskalte, jungmännerhafte Arroganz. Da gab es eine messerscharfe „Propaganda gegen alles“ (Peter Weibel).

Friedrich Nietzsche sitzt bei Büttner als gelber Schwellkopf in einer Badewanne. Sich selbst hat er in einem zerknitterten Anzug gemalt, mit einem Finger im Hals einer Bierflasche festgeklemmt, Titel: „Bierfalle“. Aus einem Radio im Volksempfänger-Stil tönt mp3-Musik, „Courtesy by the artist, 2012“. Unordentliche Farbspuren, Kleckse und Striche, ziehen sich über die Werke, als zänkische Verweise auf Jackson Pollock und die etablierte „Qualitäts-Kunst“. Immer wieder spielt Büttner auch mit der Sprache. „Meine Frau liest / Und Deine?“ fragt ein Bild – und klatscht damit nicht nur der wohlfeilen Bildungsungshuberei, sondern auch dem Patriarchat eins auf die Nase.

Die gut 300 Exponate aus dreißig Jahren ergeben eine schöne, kompakte Ironie-Schule. Es geht dabei um eine Ironie, die nicht nur Pose ist, sondern etwas will. Gerechter Zorn und Smartness, Subversion durch Affirmation: Büttner und Kollegen reagierten damit auch auf das konservative Klima der Thatcher-, Reagan- und Kohl-Ära. „Irony is over“, wird heute manchmal geraunt. Hat man die „Gemeinen Wahrheiten“ gesehen, möchte man rufen: „Make Irony political again!“

Heute ist Büttner fast 60, malt, klebt und textet weiter und lehrt an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste. Und es ist zu hoffen, dass er dort noch viele junge zornige Post-Post-Punker ausbildet, die denken und sprechen wie der Meister: „Damals wie heute nahm und nehme ich die Malerei so ernst wie mein Kochgeschirr oder mein Auto“.


Mehr Informationen auf der Homepage des MUSEUMS WESERBURG. Die Ausstellung läuft dort bis zum 23.2.2014 (in Zusammenarbeit mit dem Museum für Neue Kunst (ZKM), Karlsruhe). Katalog: Werner Büttner: Gemeine Wahrheiten. 520 Seiten, 934 Illustrationen. Verlag Hatje Cantz, 49,80 Euro