Dies ist ein Auszug – konkreter: der Anfang – des Buchs ECHTLEBEN. Die hier geschilderte Episode hat sich mehr oder minder tatsächlich so zugetragen, im eiskalten Januar 2008, ein halbes Jahr, bevor es zum symbol- und wirkungsmächtigen Lehman-Brothers-Crash kam – und sie markiert den Moment, in dem ich beschloss, fortan alles mitzuschreiben.

Es war eine klirrend kalte Winternacht am Ausgang der sogenannten nuller Jahre. Tiefschwarz hatte der Himmel sich zugezogen, kein Mondstrahl erreichte die Erde. Stattdessen klickerten Eiskörner herab. Ich fror bis auf die Knochen. Vielleicht war es auch umgekehrt, vielleicht ging die Kälte von meinem Mark aus und kroch mir von innen nach außen. Wo auch immer das Zittern seinen Ursprung hatte, ganz ohne Zweifel sah ich gut dabei aus, in meinem eng anliegenden schwarzen Etuikleid mit den bourgeoisen weißen Pünktchen, darüber mein taillierter Nadelstreifenblazer mit dem granatapfelroten Innenfutter, unten die sexistisch hohen Absätze meiner Sonntagspumps aus glattem, schwarzem Ziegenbabyleder. Es war der am geschäftstüchtigsten daher kommende Frauen-Look, den meine Garderobe hergab. Allerdings waren die Kleidungsstücke zu leicht, zu flatterhaft und dünn, um damit im Freien herumzustehen, bei solch einem Wetter. Meine Unterlippe spannte von den Wunden, die ich über die vergangenen Wochen hineingebissen hatte. Alle fünfzehn bis zwanzig Minuten kontrollierte ich, ob der Lippenstift aus dem mittleren Preissegment noch hielt, wozu ich einen Taschenklappspiegel zur Hand nahm, der zwei Euro in einem Charlottenburger Chinashop gekostet hatte. Und ich sah: Weder klebte die Farbe an meinen Zähnen, noch lagen die wunden Stellen bloß. Ich konnte mich auf den Longlast-Effekt verlassen. Das war selbstverständlich mehr, als ich von den meisten anderen Dingen des Lebens sagen konnte.

So verbrachte ich auch jene zugigen Stunden wie die meisten Tage und Nächte der Saison: mit einem diskreten Schmerz (nicht nur auf den Lippen), dem Zittern, einem Rattern (oben, in meinem Twenty-four-seven-Gehirn) und einem ungeduldigen Blick, der mal hier-, mal dorthin flog. Ich tat, was ich am besten konnte, ich wahrte Fassung und Form. Instinktiv folgte ich dem, was die strenge Frau Tschuchaslow mir beigebracht hatte, meine Ballettlehrerin von 1974 bis 1981, damals die einzige echte Russin in unserer hessischen Kleinstadt: Bauch rein, Brust raus, Schultern gerade, Spannung in Schenkel und Arme legen, das Kinn recken, die Nase hoch tragen, aber nicht so hoch, dass es Nackenschmerzen gibt, bloß hoch genug, um der Welt mit angemessener Herablassung zu begegnen. Stolz vorzeigen, egal, wie erbärmlich es läuft, ganz gleich, ob deine Füße in den Spitzentrippelschühchen bluten, ob dir schwindelig wird, ein Wolfshund sich gerade in deine linke Wade verbeißt oder deine Elementarteilchen kurz vor der Explosion stehen vor lauter Hass. Was immer geschieht: Haltung bewahren. Nur so kommst du durch.

Deutschland hieß der Ort, genauer gesagt: Stuttgart. Ich lungerte vor dem Eingang eines Vier-Sterne-Hotels herum. Ein Fernsehsender hatte zu einer Talkrunde zum Thema „1968 und die Folgen“ geladen, die Aufzeichnung war gelaufen, und zum Dank an die Gäste hatte der Sender alle zum späten Dinner gebeten. Alle, das waren zum Beispiel der Sexualaufklärer der Nation, Oswalt Kolle (†), und Krista Sager von den Grünen. Auch Ex-Industrieboss Hans-Olaf Henkel war dabei. Und eben ich, die nervöse Gesellschaftswissenschaftlerin aus einem halbwegs jüngeren Jahrgang. Die Einladung hatte mich überrascht, und sofort hatte ich zugesagt, es gab nichts dabei zu gewinnen, aber noch weniger zu verlieren. Eine Stunde lang war dann vor- und zurückgeplaudert worden, und am Ende war wieder einmal bewiesen: Die 68er waren Schuld. Mit ihrem vollbehaarten Gruppensex hatten sie die bürgerlichen Traditionen in Grund und Boden kopuliert, jetzt hatten wir den Salat: Keiner kannte sich mehr aus. Irony war auch over. Wir brauchten neue Werte. Wäre ich zu Hause beim Zappen hineingeraten, hätte ich sogleich weggeschaltet und mir lieber eine RTL II-Reportage über vergnügungswahnsinnige Erdgasmilliardäre angesehen.

Der schlimmste Talkgast war ich selbst gewesen. Es war klar, warum man mich eingeladen hatte, ich sollte etwas über „meine Generation“ sagen. „Meine Generation“, das waren die Töchter und Söhne der Revolution. Nun schlingerten sie auf die statistische Mitte ihres Lebens zu, und ich sollte berichten, was sie dabei so dachten und fühlten, wie die Stimmung so war bei den Ego-Taktikern und Ich-Lingen, den Pragmatikern und Weicheiern, den First Movern und Job-Nomaden, bei den traurigen Strebern, den in die Jahre gekommenen Konsum-Kids, der grau werdenden Heiapopeia-Jugend, der durchflexibilisierten Gestaltungsmacht von nebenan. Vor der Sendung hatte ich gedacht, ich könnte das. Einfach ein paar bewährte Tricks aus dem Arsenal der Aufmerksamkeitsökonomie abfackeln: von Sinnsuche und Sehnsucht sprechen, eine neue Ernsthaftigkeit beschwören und vor allem ganz oft „Wir“ sagen. Ein Klacks. Erst als ich mit Antishine-Zeugs abgepudert auf dem Talksofa saß und die Kameras längst liefen, fiel mir auf: Ich kannte all jene Leute gar nicht. Die mehr oder minder Gleichaltrigen: Ich hatte keine Ahnung, was die dachten, fühlten oder wollten. Ich wusste ja nicht einmal, wer ich selbst gerade war. Aufgefallen ist es, glaube ich, niemandem.

Nun stand ich also, gut eine Stunde danach, im Graupel vor dem Hotel-Restaurant, statt drinnen einen dieser herrlich wärmenden baden-württembergischen Obstbrände zu kosten. Es war mein freier Wille, und ich war nicht allein. Das Schicksal hatte mir beim Essen Hans-Olaf Henkel als Tischnachbar zugespielt, und schnell hatten wir fest gestellt, was ihn, die Führungskraft, und mich, die Vertreterin des Bodenpersonals, verbindet: eine ausgeprägte Nikotinsucht. „Kommen Sie mal mit raus, vor die Tür?“, hatte zwischen Amuse-Gueule und Vorspeise der Industrie-Lobbyist gefragt und seine Zähne gezeigt, „wir können unsere Unterhaltung doch bei einer Zigarette fortführen?“ Schlimm unter Entzug leidend, hatte ich „Ja, sehr gern“ geantwortet. Wir entschuldigten uns für einen Augenblick von der Nichtraucherrunde, mit Schwung, vermutlich heißt es „galant“, hielt Henkel mir die Tür auf, und als er sah, dass ich schauderte, bot er mir sofort sein Jackett an. Dankend lehnte ich ab und bat um Feuer, worauf er eine beeindruckende Flamme aus dem Handgelenk schüttelte.

Er ging auf die 70 zu, ich auf die 40, taufrisch waren wir also beide nicht mehr. Doch noch immer hielt Henkel sich wacker auf den Laufstegen der Erregungsindustrie. Als Verfasser euphorischer Schriften wie Die Ethik des Erfolgs und Die Macht der Freiheit wurde er häufig ins Fernsehen geladen, um Worte der Aufmunterung und des Zupackens zu streuen. Ein Routinier des „Kopf hoch!“-Totalitarismus. Ich hingegen war kurz davor, nur noch im Bett zu liegen und zu schlafen. Die SPD, die ich einst im Wahlkampf unterstützt hatte, war vorläufig in die Bedeutungslosigkeit abgetaucht, während ich mich zur Staatskundin gemorpht hatte. Es war die gerechte Strafe für meinen unbedachten Flirt mit der Politik: Seit einigen Wochen ritt ich tatsächlich auf Hartz IV, dem Hilfsgeld, das Gerhard Schröder einst eingeführt hatte. Niemandem hatte ich von dieser Einkommensquelle erzählt. Sie passte zu keinem der um die hundert Entwürfe, die ich seit meinem sechzehnten Lebensjahr von meiner Person gezeichnet hatte. Vermutlich war ich verzweifelt, verwendete aber viel Energie darauf, es mir selbst möglichst wenig anzumerken.

Henkel und ich, wir verstanden uns ziemlich gut, wie wir da gemeinschaftlich unsere Gesundheit sabotierten, in gegenseitigem Einvernehmen, in einem geteilten Klassenfahrtgefühl. Zügellos, egoistisch, ohne jede Rücksicht, ohne jeden Gedanken an die Solidarität und die Sozialsysteme genossen wir unser privatisiertes Lebensrisiko. Gut über 80 Millionen unschuldige, arglose, mehrheitlich leistungsbereite Einwohner der tapferen Bundesrepublik Deutschland würden eines Tages als Beitragszahler und mies entlohntes Pflegepersonal für unsere Herzrhythmusstörungen und Raucherlungen aufkommen müssen. Es kümmerte uns einen ausgehusteten Schleimklumpen. Wir zahlten schließlich Tabaksteuer. Herzlosen, kalten Hedonisten-Rauch lachten wir in die sowieso schon zufrierende Atmosphäre.

Wenig später wurden drinnen Jakobsmuscheln, Edelrind und Exotikfisch serviert, finanziert von GEZ-Gebühren, auf öffentlich-rechtliche Cassa. Die Speisen waren auf altmodische Art „modern“ dekoriert und schmeckten hervorragend. Das Fleisch: ganz vorzüglich zart, von vornehmem Altrosa. Der Wein: herrlich golden und nass. Der Alte und ich, wir bekleckerten die Damast-Servietten auf unseren Schößen mit Trüffeljus, jeder die eigene Serviette auf dem jeweils eigenen Schoß, und führten unsere Konversation fort. Inzwischen ging es um das Für und Wider des Modells „Elite-Universitäten“. Henkel vertrat das Für, ich das Wider. Die Premium-Getränke hatten mich etwas aufgelockert, und ich erzählte von meiner Herkunft, dass ich die erste und bislang einzige im Familienkreis sei, die je studiert habe. Und dass ich dies ganz wesentlich dem barrierefreien, öffentlichen Uni-System der alten Republik zu verdanken habe. Dass ich dankbar sei, wem auch immer, meine Jugend in einer Zeit verbracht zu haben, in der der familiäre Stallgeruch keine allzu große Bedeutung zu haben schien, in einer Ära, in der ich als Nichtakademiker-Kind aus dem einfachen Kaufleute-Milieu zur Vollakademikerin werden konnte, ohne jegliche Schwellenangst, ohne Verwandtschaft zu irgendeiner Stiftung, zu keiner Loge, keiner Palastetage, keinem Geheimorden, ohne jede Eliten-Ehrfurcht, ohne irgendein Casting, ohne die geringste Spur von Vitamin B in meinem Blut. Ich lobte, und es überraschte mich selbst, mit welcher Verve ich das tat, ich pries meine Heimat: die mittlere Mittelgebirgs-Mittelschicht.

Henkel wiederholte, obwohl es an dieser Stelle gar nicht passte, was er zuvor so ähnlich schon in die Kameras gesagt hatte: Auf seine Art sei er ja auch ein 68er, da würde er oft verkannt. Wilde Tage habe er einst auf der Hamburger Reeperbahn erlebt, es gebe da noch Bilder mit Astrid Kirchherr, der damaligen Stern-Fotografin und Beatles-Freundin. „Wir waren uns einmal sehr nah, haben dann aber leider den Kontakt verloren“, sagte Henkel. „Schade“, antwortete ich, obwohl ich genauso gut „Lügner!“ hätte rufen können oder „Selbst wenn!“ Womöglich hätte er sich dann von mir weggedreht. Doch das wollte ich nicht. Ich wollte mich unbedingt weiter mit Hans-Olaf Henkel unterhalten. Ich wollte Krista Sager gegenüber sitzen und Oswalt Kolle zuzwinkern. Ich wollte ein öffentlich-rechtlich geladener Fernsehgast sein, an diesem Abend, ich wollte mich beruhigen und außerdem das Dessert nicht gefährden, ein federleichtes Mousse-Ensemble von sieben verschiedenen Importfrüchten.

Bald standen wir erneut draußen, er sog gieriger an seinem Zigarillo als ich an meiner Zigarette, dafür rauchte ich gleich zwei hintereinander. Beide fanden wir es unverschämt kalt, beide sprachen wir uns für die sofortige Wiedereinführung klimakillender Heizpilze aus und stimmten außerdem darin überein, dass es einem Wirt selbst überlassen sein sollte, ob er eine Raucher- oder eine Nichtraucherkneipe führte, immerhin lebten wir in einem freien Land und in einem liberalen Zeitalter. Schließlich erklärte mein mir zugelaufener Kapitalanlegerfreund, warum nicht nur die Freiheit ein hohes Gut sei, sondern auch Leistung sich wieder lohnen müsse. Er riss ein paar Kapitalisten-Kalauer: Wir alle trügen Verantwortung, jeder zuerst für sich selbst. Warum auch nicht? Wenn jeder für sich selber sorgte, ginge es doch allen gut! Diese Kalauer trafen mich aus verständlichen Gründen an einem wunden Punkt. Es war der Moment, in dem ich aus dem Gespräch ausstieg, wenigstens innerlich. Wie gesagt: Ich wahrte die Form. Henkel redete weiter, und ich rechnete im Stillen noch einmal nach, ob ich es mit den für diesen Monat verbliebenen 210 Euro tatsächlich bis in den Februar schaffen könnte. Mit der rechten Pumps-Spitze kratzte ich im Kies herum, zeichnete das Illuminaten-Auge der Dollar-Note nach oder etwas in der Art. Von Weitem, von oben, von wo aus auch immer sah ich uns da stehen, im Halbdunkel einer schwäbischen Winternacht, vor einem blank polierten First-Class-Portal. So wie wir schmauchten, rauchten sonst nur noch Totalverlierer. Der Oldschool-Kapitalist und ich, das ironische Proletariat neuen Stils, wir lungerten da herum wie zwei echte Problemfälle, wie ein abgeschriebenes Schwarzfahrerpaar an einer demolierten Bushaltestelle.

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