Erschienen im Februar 2014 im gedruckten FREITAG 9/14

Sein neues Album steht auf Platz 1 – aber sein Hauptwerk steht in Brandenburg: Hier hat Bushido eine Siedlung saniert.

Die erste menschliche Begegnung in Bushidoland: eine Frau mit goldbraunen Fellohren. Genauer gesagt: Frottee-Ohren. Sie stehen aufrecht und laden zum Dranherumknubbeln ein. Man kennt solche Ohren von Kinderbademänteln. Solche Ohren machen Kinder noch niedlicher, als sie eh schon sind. Die Frau trägt freilich eine Kapuzenjacke für Erwachsene. Und die daran befestigten Stofftierohren lassen sie aussehen wie eine schlecht gelaunte 30-Jährige, die aussieht wie eine mäßig gelaunte 40-Jährige, die aussehen möchte wie ein Eichhörnchen.

Wir befinden uns in Brandenburg, Landkreis Märkisch-Oderland, in Rüdersdorf, an einem Werktag im Februar, in einer Siedlung namens Bergmannsglück. Zu sehen gibt es folgendes: Sieben Wohnblocks à zweieinhalb Etagen. Blassgelber Putz. Neun Briefkästen pro Haus. Aluminiumbalkone. Gelbe Müllsäcke, die straff verschnürt zur Abholung bereit stehen. Fertigvorhänge, die in Möbelmitnahmemärkten als „Kaffeehausgardinen“ verkauft werden. Und hinter jedem dritten Fenster Orchideen. Die Orchidee ist die meistverkaufte Topfpflanze im Land, sagt der Zentralverband Gartenbau. Ihre „emotionalen Blüten“ kämen gut an, weil sie „ein wohliges Gefühl im Menschen hinterlassen“. So deutsch ist die Importblume inzwischen, dass 2011 eine Orchideenart nach der Kanzlerin benannt wurde: „Dendrobium Angela Merkel“.

Die Orchideen-Dichte ist hoch

Da, wo die Orchideen blühen, ist man grundsätzlich schon mal richtig, denkt die Reporterin. Das ist das wahre Deutschland: Es liegt nicht in Berlin oder im Schwarzwald, sondern zwischen zwei grob hingeklotzten Autobahnkreuzen. Genau darum hat es die rätselhaft filigrane Orchidee so gern. Will man Deutschland besuchen, kommt man an taubengrauen Gewerbegebieten vorbei, an Großhandlungen für Tiernahrung und Rudimenten von Restindustrie, an Baumärkten, Autowaschanlagen und Grabsteinausstellungen. Die Mehrheit der Deutschen wohnt in einer Nicht-Fisch-Nicht-Fleisch-Zone wie dieser, in einem „halbstädtischen oder mitteldicht besiedelten“ Gebiet, wie die Soziologie es nennt. Rüdersdorf und Umgebung lebten einst vom Kalksteinbruch. Im KC Glückauf Rüdersdorf wird noch immer gekegelt, am Ufer des örtlichen Kalksees steht jetzt ein modernes Altersheim. Rund 15.000 Einwohner zählt der Ort heute. Die Siedlung Bergmannsglück wurde zwischen 1935 und 1938 von den Nazis hochgezogen. 200 bis 300 Menschen haben hier Platz. Zwanzig Jahre nach der Wende, Ende der nuller Jahre, standen drei Viertel der Wohnungen leer. Verwahrlosung, Müllberge: Lokalpolitiker sprachen von einem Schandfleck.

Dann erbarmten sich doch noch ein paar Westinvestoren und steckten rund sieben Millionen Euro in die Anlage. Einer dieser Investoren ist Bushido, der böseste Bube, den das Medien-Land zur Verfügung hat. Gerade ist sein neues Album erschienen, sein zwölftes. Sonny Black heißt es – und es schoss sofort wieder auf die Premiumränge in den Charts und Feuilletons Charts. Was wohl auch daran liegt, dass Bushido gerade wieder einmal vor Gericht stand, diesmal wegen einer schlagzeilentauglichen „Turnschuh-Attacke“.

Natürlich „fickt“ Bushido auch diesmal wieder Gott und die Welt. Außerdem rappt er von Fischstäbchen und von sich selbst als „Immobilienhai“. Unter seinem bürgerlichen Namen Anis Mohamed Youssef Ferchichi ist er xxxxxxxxxxxxxxxx (aus rechtlichen Gründen ge-x-t) Bushido xxxxxxx sagt, dass er mit dem Kauf und Verkauf von Wohnungen binnen zehn Monaten eine Million verdient habe. Ebenso gern erzählt er, dass er Angela Merkel, die Orchideen-Kanzlerin, bewundert – und dass er davon ausgeht, dass die Bewunderung auf Gegenseitigkeit beruht.

Bushidos Musik und seine bescheuerten Satzfetzen sind völlig unerheblich, findet die Reporterin. In Bergmannsglück steht sein wahres Werk – ein Werk aus Stein. Hier sind all die Millionen hingeflossen, hier materialisieren sie sich zu etwas von bleibendem Wert. Nach einer halben Stunde des investigativen Herumlungerns ist sie sehr froh, dass endlich die Kapuzenfrau aus einem der Häuser kommt und auf einen Kleinwagen zugeht. „Hallo, Entschuldigung, wohnen Sie hier?“ „Ja, warum?“ „Ich habe gehört, dass diese Siedlung Bushido gehört …“ Die Frau nickt, die Frottee-Ohren wippen. „Und? Wohnt es sich schön hier?“ „Nichts zu meckern“, sagt die Frau und stellt ein Bein schon in die Fahrgastzelle „Mit WBS? Sozialschein? Oder ohne?“„Ganz normal“, antwortet die Eichhörnchenfrau, jetzt sichtbar misstrauisch. „Ich bin Reporterin“, sagt die Reporterin, als ob das die Unterhaltung noch retten könnte. „Stimmt es dass Bushido hier mal ein großes Fest gab? Lässt er sich mal blicken?“ „Ja, das mit der Party stimmt. Aber ich bin erst danach eingezogen. Ich hab’ den hier noch nicht gesehen“, sagt die Frau. Dann: „Hier ist nichts Besonderes.“ Und noch mal: „Alles ganz normal.“ Dann fährt sie davon.

Hakenkreuz und Irish Dance

Ohne Auto braucht man von Berlin aus eine knappe Stunde nach Bushidoland. Mit der Regionalbahn Richtung Frankfurt/Oder geht es bis nach Erkner, wo das Bakelit herkommt, der Vorläufer des Plastiks. In Erkner steigt man in einen Bus, der eine weitere Viertelstunde bis zur Haltestelle Bergmannsglück braucht. Er fährt werktags genau einmal stündlich, am Wochenende seltener, und das erste, was man an der Haltestelle sieht, ist ein Hakenkreuz. Jemand hat es an einen Pfeiler gekritzelt. Es ist klein und ziemlich schief. Plakate werben für eine „Irish Dance Night mit Live Musik “ und für den Berufsinformationstag „Bit – nächster Halt: Ausbildung“.

Im Dorfkern ein kleiner Martkplatz mit Kirche. Ein Nagelstudio, ein Allianz-Büro, das Geschenkeland Tham Tham, die Fahrschule Lissi Feicht, das Sport-, Sonnen- und Massagestudio Björn Breitschaft, eine Sparkasse, ein China-Restaurant und die Bäckerei Friedrich. Sie offeriert zwei Frühstücksvarianten: Frühstück und Deutsches Frühstück. „Guten Tag, einen Kaffee und ein stilles Mineralwasser bitte.“ „Wasser ham wir nur normales.“ „Also mit Sprudel?“ „Normal – sag’ ich doch.“ Auf die Frage nach Bushido folgt Achselzucken. „Interessiert uns nicht so.“ Wieder draußen entdeckt die Reporterin ein Spielautomaten-Casino. Drinnen ein junger Mann an der Kassentheke, vielleicht arabischer Herkunft, jedenfalls spricht er gebrochen Deutsch. „Bushido?“, fragt er hell zurück, mit geweiteten Augen, und schüttelt engagiert seinen Kopf. Er weiß von nichts, er wohnt ganz woanders, er macht nur seine Arbeit.

Zurück in Bergmannsglück: Eine ältere Dame mit Kleinkind: „Alles ganz normal. Früher in der DDR waren die Wohnungen aber auch nicht schlecht.“ Ansonsten halte sie sich lieber zurück, da wisse der Herr S. mehr, der sei der Hausmeister. Herr S., hager, lange graue Haare, beide Unterarme voller Tattoos, lächelt verlegen. „Ich kann nichts sagen, das müssen Sie bitte verstehen.“ „Ich will ja gar nichts Schlimmes schreiben. Nur mal wissen, was das Wohnen hier so kostet. Es sieht ja alles ganz hübsch aus …“ „Ja, alles ganz normal“, sagt Herr S.

Vor zweieinhalb Jahren, als Bushido das frisch gepimpte Bergmannsglück besuchte, sagte er, das Quartier solle die „Seele seiner Menschen spiegeln“. Damals hob ein Sprecher des Sanierungsträgers BSG den „Beitrag Berliner Investoren für das Ortsbild“ hervor. Jetzt will dort niemand mehr Genaueres wissen. Auch der involvierte Bauträger Aestas Campus Immobilien GmbH will sich nicht äußern. „Keine Information, auch wenn Sie in zwei Stunden noch mal anrufen.“ Beim Bauamt Rüdersdorf heißt es: „Schwierig. So viel vielleicht: Ihre Annahme, dass Herr Bushido an der Siedlung beteiligt ist, ist nicht ganz falsch.“

Die Reporterin ist nach all dem verwirrt. Eigentlich wollte sie nur eine harmlose Durchschnittsdeutschland-Story schreiben, kleines Hakenkreuz inklusive, das schon – ist ja aber völlig normal, oder? Doch dann scheint der ganze Ort, scheinen alle Ämter und Geschäftsleute ein Theaterstück aufzuführen. „Bushido? Huhuhuh – gefährlich!“ Fellohren – damit fing es schon an. Schließlich kommt die Reporterin auf Notfalltrick 17: Sie sucht im Internet nach einer Wohnung in Bushidoland. Und wird fündig: 70 Quadratmeter, Alubalkon, Laminat, mittlerer Mittelschichtsstandard, 6,39 Euro kalt pro Quadratmeter. So brutal normal, dass man ganz ruhig bleiben kann.