Dieser Text entstand für und erschien im Literatur-Kunst-Kultur-Magazin METAMORPHOSEN (No. 37 – “Böhmische Dörfer” / Okt.-Dez. 2014).

 

Lieber*) Konstantin Perker,

verzeihen Sie bitte, dass ich Ihnen schreibe. Vielleicht freuen Sie sich auch darüber. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn es kein Fehler ist (mich bei Ihnen zu melden). Vor einiger Zeit, es ist vier Monate und relativ genau zwei Wochen her, haben wir uns kennengelernt. Es war bei Anita Schellmanns und Thorsten Ronkes Wohnungseinweihungsparty in der Kleiststraße 37. Ich bin die Frau im blauen Kleid. (Sie sagten: „Dieses Blau. Ozeanisch.“) Wir sprachen über den Mars, unter anderem. (Sie sagten: „Der Mars ist doch auch wieder nur eine Chiffre.“) Ich will Sie nicht belästigen. Ich hoffe wirklich, dass es Sie nicht stört, wenn ich mich an Sie wende. Normalerweise tue ich so etwas nicht. Sie glauben gar nicht, wie viele Menschen ich kennenlerne, allein schon aus beruflichen Gründen. Es ist manchmal fast zu viel. Ihnen geht es bestimmt ähnlich. Jedenfalls habe ich Ihren Namen auf dieser Seite entdeckt, bei dieser Firma, es war nicht schwer. (Sie sagten ja, dass Sie in der Beratung tätig sind.) Falls Ihnen mein Name nicht mehr geläufig ist, ich bin also die Frau in Blau und heiße Jana Hinrichmeyer. Nun haben Sie meine E-Mail-Adresse. Ich fand es wirklich schön, wie wir uns unterhalten haben.

Mit freundlichen Grüßen,

Jana Hinrichmeyer

*) = Über diese Anrede, „Lieber …“, könnte man sich bestimmt auch sehr gut mit Ihnen unterhalten. Sie hätten sicher etwas Interessantes dazu zu sagen. Man weiß ja oft gar nicht, ob derjenige, den man als „Lieber …“ anredet, tatsächlich „lieb“ ist. Darüber hinaus wäre zu erörtern, was „lieb“ eigentlich bedeutet, etwa in unterschiedlichen Kulturräumen und -Zeiten. Dessen bin ich mir bewusst.

 

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Lieber Konstantin Perker,

hier sende ich Ihnen noch einen Link: www.spacetribes-unlimited.org/martian_files/abstract17. (Es ist auf englisch, aber das sprechen Sie sicher sehr gut, Sie sagten ja, dass Sie noch in diesem Jahr in Venezuela beschäftigt sein werden, aber kein Spanisch sprechen, und wie kann man so etwas erledigen, ohne Englisch?) Der Link fasst die wesentlichen Spuren zusammen. Die „sogenannten Fußspuren“, wie Sie es nannten. Man hat zum Beispiel verblüffend ordinäre Plastikringe oder etwas Ähnliches gefunden. (Die exakte Übersetzung ist etwas schwierig, finde ich. Es geht um Gegenstände, vor allem um Muster.) Vieles ist unter dem Link gesammelt, Fotos, Geräuschdateien. Sie kennen das alles sicher schon. Ich will Sie nur wissen lassen: Ich teile Ihre Auffassung. Auch ich gehe davon aus, dass längst ein geeigneter Ort gefunden ist. (Es war so lustig, wie Sie das aussprachen: „erdähnliche Planeten“. Sie haben das auf eine sehr spezielle Art betont. Man merkte gleich, dass Sie sich sowohl ernsthaft damit auseinander setzen, als sich auch darüber amüsieren.) Ich halte es sogar für möglich, dass es die ersten Umzüge schon gegeben hat, dass mit der Besiedelung schon begonnen wurde.

Ansonsten wünsche ich Ihnen alles Gute.

Mit freundlichen Grüßen,

Jana Hinrichmeyer

 

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Lieber Konstantin Perker,

es muss natürlich „auf Englisch“ heißen, mit großem „E“ (in meiner letzten Nachricht, in der zweiten Zeile). Den Fehler bitte ich zu entschuldigen.

Mit freundlichen Grüßen,

Jana Hinrichmeyer

 

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Lieber Konstantin Perker,

einige Tage sind vergangen. Vielleicht haben Sie in absehbarer Zukunft („Zukunft“, was für ein Wort, wenn man länger darüber nachdenkt, nicht wahr?), vielleicht finden Sie noch Zeit, sich das Mars-Material einmal anzusehen. Vielleicht lassen Sie mich wissen, was Sie davon halten. Zeit: Sind vier Monate eine lange Zeit? Im kosmischen (haha) Maßstab sicher nicht. Es war im Juni … jetzt haben wir schon Oktober. (Ich mag den Herbst. Sie auch?) Verzeihen Sie also bitte, dass ich mich erst jetzt bei Ihnen melde. (Oh, ich entschuldige mich zu häufig.) Mich würde auch interessieren, was aus Ihren Plänen geworden ist, öfter auf die Pferderennbahn zu gehen. Sie äußerten das als Scherz, ich weiß, aber ich möchte Ihnen sagen: Das ist eine gute Idee. Falls Sie mal eine Begleitung brauchen: Ich wette gern! Immer wenn es in den Wissenschaftsnachrichten (kennen Sie den Filter bei news.google?) eine neue Nachricht zu „erdähnlichen Planeten“ gab, dachte ich an unser Gespräch (an Sie). Ich habe versucht, die Meldungen seit Juni zu zählen, es sind 53. Vermutlich gibt es viel mehr. Massen von Material. Man gönnt uns ohnehin nur die Spitze des Eisbergs. Das scheint mir vollkommen ersichtlich zu sein, inzwischen. Ich glaube, Sie sagten etwas Ähnliches. Und ich gebe Ihnen Recht. In der Hoffnung, nicht zu aufdringlich zu sein (das mit der Rennbahn muss ja nicht sein), sende ich sehr freundliche Grüße,

Jana Hinrichmeyer

 

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„Bad timing“ sagt man da wohl. Sie sind bestimmt ausgerechnet jetzt in Venezuela. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich habe Zeit. Viele gute Erfahrungen dort, wünsche ich Ihnen, lieber Konstantin Perker.

Ihre Jana Hinrichmeyer

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Lieber Konstantin Perker,

finden Sie, dass man Stanislaw Lem heute noch lesen muss? Und wie geht es Ihnen sonst?

Ihre Jana Hinrichmeyer

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Keep calm and carry on. ;-)

JH

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Lieber Konstantin Perker,

nicht, dass Sie auch schon umgesiedelt sind … ;-) Ich habe ebenfalls sehr viel zu tun. Man kommt oft zu gar nichts. Fast acht Tage sind wieder vergangen. Was ich Ihnen aber sagen will (falls Sie es bei Ihren vielen Reisen verpasst haben): Die NASA hat die Zahl der Exoplaneten jetzt nach oben korrigiert. Mehr als 1.400 sind es inzwischen, ganz genau will man sich nicht festlegen (ich auch nicht). Es ist einweiterer astrobiologischer Kongress angesetzt, in Washington. “Ad hoc”, heißt es. Na bitte. Dieses Grundsatzpapier habe ich gefunden: (www.nasa.gov/sites/default/files/files/Archaeology_Anthropology_and_Interstellar_Communication_TAGGED.pdf) Folgenden Satz habe ich darin markiert (es geht um die Eventualität eines Außerirdischen-Kontakts) „In any case, humans need to be cautious. They need to be perceived neither as naïve prey nor as threatening predators – especially if they try to portray themselves as altrustic creatures.“ ;-) ;-) ;-) Was ich außerdem feststellte, schon vor eineinhalb Jahren ungefähr: Man streut verstärkt entsprechende Computerspiele. Kepler 186f und andere: Die Besiedelung lässt sich zu Hause durchspielen, an Zehntausenden von Geräten, auf NASA-Niveau. Meine Theorie: Dafür hält man HartzIV-Empfänger. Ich habe nichts gegen HartzIV-Empfänger. (!!!) Letztlich wissen diese schon weit mehr als wir. Mit den Spielen sollen sie ihre Tage verbringen, sie sollen sich einer Aufgabe widmen. Sie tragen Verantwortung, zum Beispiel für Ackerbau und Viehzucht auf Kepler 186f. Und man untersucht damit, erst einmal nur psychologisch, wie der Mensch sich als Pionier verhält. (Es ist schließlich lange her, dass der Mensch zuletzt in die Gelegenheit kam.) Generell gesprochen: Man bereitet uns vor, in kleinen Dosen. Die Beiläufigkeit, mit der die Neuigkeiten hier und da erwähnt werden, ist doch so auffällig! Perfide: Das ist das Wort, das mir dazu einfällt. Man tut alles dafür, dass wir die Dinge überlesen. Man erzählt uns von Finanzkrisen, schmelzenden Polkappen und lässt Terroristen freie Hand, nur um uns a.b.z.u.l.e.n.k.e.n., nur damit wir b.e.s.c.h.ä.f.t.i.g.t. sind. Und man macht es natürlich so, dass man später sagen kann: „Wieso? Wir haben doch alles immer veröffentlicht. Das Internet ist voll mit Informationen zum Thema. Ihr habt es euch nicht anschauen wollen, ihr habt lieber den Wetterbericht studiert oder Spaßportale besucht.“ (Ich sage nur: Online-Dating! Und natürlich auch: Poker und diese Ritterspiele.) Wer geht als erstes? Man wird normale Menschen brauchen, nicht nur Genies. Werden wir dabei sein? Sie und ich? Menschen unserer Generation? Es wäre so schön, wenn wir uns darüber (und über anderes) unterhalten würden. Sie denken jetzt bestimmt, dass ich übertreibe. Oder denken Sie wie ich? Da fällt mir ein: Sie haben meine Nummer noch gar nicht. Wie konnte ich das vergessen!?! 0134-77877265. Ich bin eigentlich rund um die Uhr zu erreichen. Always on the spot.;-)

Ihre JH

 

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Wissen Sie, ich bin ein anderer Typ. Bei mir ist das nicht nur eine Floskel, das können Sie mir glauben. Ich respektiere es, wenn jemand Zeit für sich braucht. Ihr Unternehmen ist auf Personalentwicklung spezialisiert, las ich. Mit Menschen kennen Sie sich aus. Das gefällt mir.

JH

 

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Lieber Konstantin Perker,

sitzen Sie lieber am Fenster oder am Gang? Sind Ihnen gerade oder ungerade Zahlen sympathischer? In welcher Jahreszeit wurden Sie geboren? Haben Sie Geschwister? Wenn ja, sind Sie der Älteste, der Jüngste, ein Mittlerer? (Ich würde auf „Mittlerer“ tippen ….) Ihr Foto. Sie sehen aus, wie Sie in der Kleiststraße aussahen, aber doch ganz anders. Die Bowle-Flecken habe ich übrigens nicht mehr aus dem Kleid bekommen. Ja, das ist schade.

Ihre JH

 

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Vielleicht sollte ich dazu schreiben, dass ich verheiratet bin, mit Kind. Aber das wäre eine Lüge. ;-) Ich bin erst 37. (Das stimmt.) Kinder mag ich sehr, aber eigene Kinder passen nicht in mein Leben. (Dazu gäbe es einiges zu sagen. Es ist jedenfalls nicht so, wie es klingt.) Naja, vielleicht wollten Sie das wissen.

 

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P.S.: Wie gut kennen Sie Anita Schellmann und Thorsten Ronke eigentlich? Ich: nicht sehr gut.

 

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Hallo.

Wollen wir uns am 12.12. um 12.12 Uhr in einer Flughafenlounge Ihrer Wahl treffen?

(Kleiner Scherz)

 

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Lieber Konstantin Perker,

für Ihre Zuwendung danke ich Ihnen. Es tut gut, sich mit einem Gleichgesinnten auszutauschen. Ihr Verständnis (etwa dafür, dass ich mich erst nach Monaten gemeldet habe) ist wunderbar. Sie sind ein sehr toleranter Mensch, das spürt man schon im ersten Moment, in dem man Ihnen begegnet. Wir haben hier ein neues Produkt entwickelt, dass ich Ihnen gern einmal … Nein. Verzeihung. Verzeihen Sie bitte.

Schöne Grüße wollte ich Ihnen senden. (Das ist alles.)

JH

 

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Die Consulta 15. Sie werden dort sein! Gerade sah ich es. Ich dachte schon … ich dachte … Nun werden wir uns wiedersehen! Sie werden einen Vortrag halten? Nun haben Sie mir gar nicht Bescheid gegeben … Sie müssen doch nicht denken, dass … Das müssen Sie doch nicht denken! Sicher stehen auch sehr viele Meetings in Ihrem Kalender. Sicher werden Sie sehr viele Experten treffen. Mit Rohstoffen haben Sie zu tun? Ich dachte eher: mit Human Resources. ;-) Jedenfalls bin ich so froh, dass ich es einrichten kann, zu kommen. Es wird klappen! Ich werde etwas Blaues tragen (wenn es Ihnen recht ist). Noch drei Wochen. Ich freue mich so.

Ihre JH

 

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Heute nur das: ….

;-)

 

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Lieber Konstantin Perker,

glauben Sie ans Schicksal? Darf ich das so direkt fragen? Ich weiß, es klingt sehr (!) albern. Ich möchte Sie nicht verschrecken. Ich sage ganz klar: Ich selbst würde das nie so zugeben. ;-) “Da kann man sich ja gleich ein Glücksbändchen ins Handgelenk implantieren lassen!” (Das sagte, also das sagte immer jemand, den ich mal gut kannte. Aber es ist ein bisschen schwer zu erklären, wenn man den Kontext nicht kennt, das gebe ich zu. ) Die Astrologie überzeugt mich jedenfalls nicht. Vielleicht ist Ihnen das aufgefallen, dass ich kein einziges Mal über Sternzeichen gesprochen habe an jenem Abend, und ich habe auch nie eine Zeile dazu geschrieben. Da dürfen Sie mir vertrauen, dass ich das nicht verwechsle: Astronomie und Astrologie. Am liebsten würde ich die Frage auch gleich wieder zurücknehmen. Aber übermorgen ist der Tag … und HEUTE lese ich, dass der Malaye sich auf den Start vorbereitet! (Oder sagt man “Malaysier”?) Was ist das nun? Zufall? Warum sollte man an den Zufall mehr glauben als an das Schicksal? Das frage ich Sie jetzt doch ganz ernsthaft. Philosophisch. Verstehen Sie. Warum also? Ob Sie auf Englisch sprechen werden? Meine letzte Präsentation hatte ich … oh, es ist schon länger her, es war Ende August. Werden Sie ein Mikrofon tragen, um den Hals? Ich werde Ihnen etwas mitbringen. (Aber: Halt – das soll man nicht verraten. ;-) ) Es ist erst der zweite Malaye/Malaysier in der Geschichte der Raumfahrt. (Sein Vorname ist “Shakir”. Ich glaube: Das ist Absicht. Es soll alles genauso wirken. Genauso! Wie ein … Sie wissen schon, was ich meine.) Was ich erstaunlich finde: Er ist angeblich erst 32. Und ich habe eine Sitzplatzreservierung. Am Fenster. (Ja, jetzt wissen Sie auch das schon von mir: Ich bin der Fenstertyp ;-).) Ich werde um 13.37 Uhr am Hauptbahnhof Hannover ankommen. Dann habe ich noch 53 Minuten. Ich werde pünktlich sein.

Ihre Jana (Hinrichmeyer)