Auszug aus der Anthologie ÜBER ALLES ODER NICHTS. Annäherungen an das Werk von Wolfgang Welt – mit Texten von Moritz Baßler, Marc Degens, Thomas Hecken, Katja Kullmann et al. – August 2013 .

LOCHTIGE WEIBER. Wolfgang Welt und die Frauen

Er will an ihre „Titten“ ran, er will sie „ficken“: Frauen werden in Wolfgang Welts Welt als bloße Sex-Objekte behandelt – könnte man meinen, wenn man seine Texte flüchtig und mit spitzen Fingern liest. Dabei ist der Autor ein verkappter Radikal-Feminist – der den Frauen viel mehr Macht zuspricht als diese vielleicht ahnen oder haben wollen.

Nur wenige Romane beginnen mit einem so markanten, vielsagenden, genialen ersten Satz, dass man, sobald man jenen Satz gelesen hat, fast alles schon weiß, was man wissen muss – worum es in der Geschichte geht, wer sie erzählt und in welcher Stimmung, wo sich Schwierigkeiten andeuten, welche Überraschungen drohen, wie das Buch also, insgesamt, so schmecken könnte. Wolfgang Welts Peggy Sue ist ein solcher Roman. Sein Anfangssatz lässt kein Missverständnis zu. Er ist robust gebaut, auf spektakuläre Art uneitel und so oft zitiert worden, dass er zum Markenzeichen des Autors geworden ist. Der großartige Anfangssatz lautet: „Etwa zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung machte mir Sabine am Telefon Aussicht auf einen Fick, allerdings nicht mir ihr selber, sondern mit ihrer jüngeren Schwester.“

Das klingt nach saftigen Unterleibs-Erlebnissen, da möchte man gleich weiterlesen. Und kaum hat man das getan, ein Dutzend Seiten vielleicht, begreift man: Alles Wesentliche ist tatsächlich schon in den 144 Anfangsbuchstaben enthalten. Peggy Sue ist ein Roman mit Ansage: Es geht um Frauen und Sex – wirklich nicht um viel anderes. Und geht es doch einmal, über ein paar Seiten, um etwas anderes, etwa um den Fußball, die Musik oder das Schreiben, um den Traum, ein „echter“ Schriftsteller zu werden, der ein verdammtes „richtiges“ Buch veröffentlicht, erweist sich schnell: Auch das ist in der Wolfgang-Welt-Logik vor allem Mittel zum Zweck, Vehikel zum Fick, oder, wie es der Drehbuchautor Körner dem angehenden Schriftsteller an anderer Romanstelle rät: „Mach weiter so, dann werden dir alle Frauen der Welt gehören.“

Die Wörter „ficken“, „vögeln“ und „wichsen“ – in ihrem mechanischen Charakter sind sie dem Wort „putzen“ nicht unähnlich – tauchen sechs Mal auf den ersten drei Seiten von Peggy Sue auf. Und hat man bis Seite 20 weitergelesen, ist man schon elf verschiedenen Frauen begegnet: neben Sabine und ihrer „jüngeren Schwester“ Ute auch einer Claudia, einer Susanne, Moni, Christa, Corinna, einer Sue und „Sues kleiner Schwester“ sowie Judy und „Judys kleiner Schwester“. Frauen sind ständig und überall um den Erzähler herum – nur wie nah oder wie fern, das variiert stark, und ob jene Frauen-lastige Umwelt eher ein Himmel, oder doch eher eine Hölle ist, das kann der Erzähler selbst nicht so recht sagen. Tendenziell eher eine Hölle: „(Ich) wusste im Grunde nicht viel über die weibliche Psyche. Männer denken immer irgendwie ans Vögeln. Ich auch. Welchen Stellenwert es für Frauen hatte, davon hatte ich keine Ahnung. Ich war verzweifelt, lag neben meiner großen Liebe, meiner bis dahin größten, und sie wollte nicht. Sie sagte aber auch nichts, nur immer ,ich kann nicht‘, ,ich will nicht‘.“

Feuchte Hände, verwehrte Säfte, vergebliche Erektionen: ein spät-spät-pubertäres Samenkoller-Drama nimmt seinen Lauf. Anstrengung und Enttäuschung ziehen sich von Beginn an durch die Seiten, Ekstase bleibt der rare Ausnahmefall. Immer sitzt dem Protagonisten ein „Wollen“, „Müssen“, „Brauchen“ im Nacken. Doch bei aller sturen Dauergeilheit: Ein „Nein“ ist ein „Nein“ – auch oder vielmehr gerade, wenn eine Frau es äußert. Er ist keiner, der sich über die Frauen erhebt, im Gegenteil: ein Frauenwort ist ihm Gesetz. Kein Stalker, Befummler oder gar Vergewaltiger spricht. Eher ein kleiner Junge, der mit knurrendem Magen auf die Zuteilung einer Scheibe Sauerbraten durch „Mutti“ wartet, ungeduldig, gierig, etwas stumpf vielleicht – nach außen aber brav, bescheiden und beherrscht.

„Wie die Jäger die Geweihe der abgeschossenen Tiere in ihre Wohnhäuser hängen, so hängt Wolfgang Welt die Namen der von ihm ,gefickten‘ Frauen in sein Buch. Viel mehr als das erfährt der Leser nicht von ihrem Wesen, außer wenn sie große Brüste haben. Wolfgangs Welt ist eine Welt der Frauenverachtung“, schrieb einmal ein männlicher Wolfgang-Welt-Leser. Der Leser hat Recht. Was er allerdings verschweigt: Auch die Namen von männlichen Bekannten, Kollegen, Musikern und Verlegern hängt Wolfgang Welt wie „Geweihe abgeschossener Tiere“ in seine Bücher. Auch an den männlichen Figuren verfolgt er im Wesentlichen nur ein Interesse: Was nutzen ihm die Kontakte, wer kann ihn eventuell weiterbringen, wen lohnt es, zu treffen, wer tut sich nur wichtig, wer ist Konkurrenz, wer ist zu respektieren, wer zu belächeln, wer gar zu verhöhnen. So wie er manche Frauen – vor allem solche, die ihm nicht zulächeln – als „Tanten“, „Kleine“ oder „alte Jungfer“ wahrnimmt, so bezeichnet er Männer etwa als „Arsch aus’m Harz“, „Durchschnittstyp“, „so’n Kleiner“ oder „Miesepriem“; manche haben „für ihr Alter schon ziemlich schütteres Haar“ oder sind so „unscheinbar“, dass „(ich) beschloss, ihn zu ignorieren.“

Die „Verachtung“, die der Leser in den Wolfgang-Welt-Texten feststellt, trifft grundsätzlich beide Geschlechter. Vor allem trifft sie den Autor selbst: „Mein Aussehen war eher abschreckend mit meiner Wampe, meiner deformierten Nase und den schlechten Zähnen. Ich würde schon mal die Oberlippe mit dem Schnäuzer nicht hochheben. Vielleicht sollte ich ihn abrasieren.“ Der Ich-Erzähler misst sich an denselben merkwürdig entfremdeten Maßstäben, an denen er auch andere misst – und erklärt sich selbst, ohne mit der Wimper zu zucken, zum annähernd „unfickbaren“ Problemfall. Ein „dickbäuchiger abgebrochener Student, der quasi als Hilfsarbeiter schuftet“ und aussieht „wie aus dem Arsch geschissen“: Das ist drastisch, hart. Aber es ist nicht in erster Linie „frauen“-, sondern genauso „männer“-, mithin latent „menschenfeindlich“.

Tatsächlich zieht sich eine melancholische Misanthropie durch Wolfgang Welts Romane. Zwar wird sie immer wieder von romantischen, manchmal sogar zärtlichen Anwandlungen unterbrochen; im Wesentlichen verhandelt Welt in seinen Texten aber (zwischen-) menschliches Unvermögen beziehungsweise Nichtgenügen. Hunderte Seiten des Hinterherhinkens und Zukurzkommens hat er geschrieben. Das Nichtmithaltenkönnen herrscht nicht nur beim Sex, sondern auch in den Erlebniswelten Aufmerksamkeit, Status, Erfolg. Angesiedelt ist die Welt’sche Versagens-Chronik in einem nieselregengrauen Kosmos der Provinz-Fußballplätze, Working-Class-Siedlungen, in verrauchten Kneipen, mittelgut sortierten Kleinstadtbuchhandlungen, mickrig aufgemotzten Geschäftsreisendenhotels, fies beleuchteten Pressekonferenzräumen, zugigen Bahnhöfen und Fußgängerzonen und irgendwie ockergelb wirkenden Normale-Leute-Wohnzimmern – mitten in Deutschland also. Genauer gesagt: im letzten Jahrzehnt der „alten“ Bundesrepublik, in den 80er-Jahren. Es war eine Zeit, in der die Nachkriegsära noch konkrete Namen und Gesichter trug – etwa in Gestalt von Herrn und Frau Welt, den Eltern des Autors; oder als gütige ältere „Frau Raphael“, die immer Geld aus ihrem Rentnerinnensparstrumpf zaubert und dem jungen Mann zusteckt, wenn der mal wieder klamm ist.

Als „Trümmerfrau“ bezeichnet Wolfgang Welt seine Mutter in einem Text aus dem Jahr 1995 (als er, ganz real, schon 42 Jahre alt ist und noch immer bei ihr wohnt). Und so wie der Typus „Trümmerfrau“ nach dem Zweiten Weltkrieg ganz allein den Schutt zur Seite räumen musste – während der „Soldat“ tot, verschollen oder verwundet war, schuldig, angeschlagen und so gut wie handlungsunfähig –, so hat auch bei der Bochumer Familie Welt die Mutter und Ex-Trümmerfrau das Sagen. Sie ist es, deren Urteil der Erzähler fürchtet, die er nicht enttäuschen will, auf die er angewiesen ist, die ihn mit Güte und Nachsicht versorgt. Sie ist auch diejenige, die irgendwann das Abiturzeugnisdes dreißigjährigen „Sorgenkinds“ hervorkramt und ihm vor die Nase hält, im Gestus: „Tu’ endlich mal was, Junge!“ Papa Welt bleibt bei all dem im Hintergrund. „Ich präsentierte meinen Eltern nur Frauen, von denen ich wusste, dass sie meiner Mutter gefielen. Meinem Vater waren sie eigentlich egal.“ Und hat er dann endlich mal eine Frau aufgerissen und seiner Mutter „präsentiert“ und für eine Nacht mit auf seine Große-Buben-Bude genommen, sorgt Mama am nächsten Tag für Stärkung: „Dann gab’s auch schon bald Mittagessen.Meine Mutter hatte gekocht, was sie am besten konnte: Erbsensuppe – und die schmeckte auch wirklich gut.“

Wolfgang Welt schreibe gar keine Romane, sondern „willkürliche Erinnerungsstenogramme“, bemerkte ein männlicher Kritiker. Ja, er habe schlichtweg sein eigenes Leben aufgeschrieben, bestätigt immer wieder der Autor: „Nichts ist Fiktion. 99 Prozent ist so passiert.“ Will man dieses „zu 99 Prozent passierte“ Leben entschlüsseln, hilft es, die Zeit, in der es spielt, etwas genauer zu betrachten. (Das gilt selbstverständlich für alle Lebensgeschichten, ob fiktiv oder authentisch.) Der Strang des erzählten Wolfgang-Welt-Lebens zieht sich von den späten 70er- bis in die späten 90er-Jahre – über die zwei Jahrzehnte, die sich an die erste große Feminismus-Welle seit dem Krieg anschlossen. Alice Schwarzer war, sozusagen, installiert, und erstmals begann eine ganze junge Frauengeneration, die Idee der Emanzipation lebenspraktisch umzusetzen.

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Text-Auszug aus:
ÜBER ALLES ODER NICHTS. Annäherungen an das Werk von Wolfgang Welt.
Steffen Stadthaus/Martin Willems (HG.) – Aisthesis Verlag – ISBN 978-3895289965 – 186 Seiten – 19,80 €