Erschienen im Oktober 2012, drei Jahre vor dem offiziellen Anbruch der sogenannten Flüchtlingskrise, im Magazin DATUM

MIGRANTEN SIND SUPERHELDEN

Mir schwirren zurzeit lauter Wörter mit „M“ durch den Kopf. „M“ wie „Mitteleuropa“, „Mittelschicht“, „Minderheit“, „Migration“ und „Menschen“. Alle diese Wörter kommen ja häufiger in den Nachrichten vor. Und je länger die „M“-Wörter mir im Kopf herumtanzen, desto mehr wächst da der Gedanke: Der Migrant ist der einzig wahre Superheld unserer Tage. Und wir mauligen Mitteleuropäer in unseren mäßig interessanten Mischwaldgebieten sollten uns ein Beispiel an ihm nehmen.

Meist werden Migranten ja als a) „Störfaktor“ oder b) „Opfer“ behandelt und besprochen. Während a) eindeutig feindlich gemeint ist, soll b) wohl Empathie signalisieren. Aber jene Empathie ist faul! Jemandem den Status „Opfer“ zuzuweisen, bedeutet, ihn klein zu machen. Das Gegenteil wäre aber richtig! Denn Migranten sind uns weit voraus. Sie sind viel stärker und mutiger als wir Sitzenbleiber. Wir sollten zu ihnen aufschauen. Ja, es ist höchste Zeit, Migrantengeschichten ganz anders zu erzählen!

„Sich neu erfinden“, „das Schicksal in die Hand nehmen“, „flexibel sein“: Niemand nimmt sich diese zeittypischen Befehle so beherzt vor, wie die Millionen Menschen, die täglich irgendwo auf diesem Globus ihre Taschen packen und sagen: „Okay, so geht es nicht mehr weiter. Ich muss sehen, dass ich anderswo durchkomme. Jetzt ist also der Moment gekommen: Ich verlasse alles, was ich kenne. Tja.“ Manche werden von Geheimdiensten oder Prügeltrupps verfolgt. Viele wollen einfach dorthin, wo die Chancen auf ein erträgliches Leben besser sein sollen, dem Hörensagen nach. Die reine Vernunft ist das – gefolgt von konsequentem Handeln.

Avantgarde im wahrsten Sinne

Der Sozialtypus „Migrant“ ist kein Hinterherhinkender, sondern ein Voranschreitender – die am meisten entwickelte Form des selbstverantwortlich handelnden Individuums, ein Ausbund an Autonomie, Gründergeist und Gestaltungswillen. Wir sollten den wandernden Menschen mit Hochachtung und vor allem: mit Lernwillen begegnen. Migranten sind eine Avantgarde. Jawohl – sie führen uns vor, was womöglich schon bald auch auf uns oder unsere Kinder und Kindeskinder zukommt.

Es fängt schon damit an, dass jemand zum Beispiel die Steiermark verlässt, weil es dort nichts weiter zu tun gibt, und versucht, im Großraum Wien anzudocken. Unterdessen verdingen sich arbeitslose Menschen aus Ostdeutschland saisonweise auf alpenländischen Almen, um dort als Kellner oder Zimmermädchen ein Auskommen zu finden. Tausende Fachkräfte – vom Arzt über die Altenpflegerin bis zum Elektroinstallateur – verlassen jedes Jahr unser nieselregennasses Kerngebiet, um in Skandinavien, Kanada oder Australien an der eigenen Zukunft zu basteln. Etlichen Prognosen zufolge ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Wanderungsdruck auch die apathischeren Teile der hiesigen Mittelschicht erfasst.

„Unsere Autos“ und „unsere Computer“ werden sowieso längst woanders gebaut. Wie kann man ernsthaft annehmen, dass all die Menschen, die derzeit noch in Sweatshops unsere H&M-Pullis oder Apple-Apparate zusammenfrickeln, sich mit diesem Brotkrumen-Rang zufriedengeben? Warum sollten sie nicht versuchen, ihren Kindern eine bessere Ausbildung zu ermöglichen? Warum sollten sie kein Interesse daran haben, langsam, aber sicher selbst zu einer Mittelschicht zu werden, genauso wie unsere Vorfahren es sich einmal vorgenommen haben, als sie noch zwölf bis 16 Stunden am Tag an den Hochöfen und in den Großwebereien schwitzten? Wer glaubt, dass unsere heutigen Zuliefersklaven noch lange Lust auf dieses Spiel haben, der spinnt. Wir werden dankbar sein müssen, wenn ein paar von uns vielleicht an ihrem Aufstieg mitarbeiten dürfen.

Abgesehen davon ist dieses ganze Mitteleuropa sowieso ein einziges Durchzugsgebiet – schon immer gewesen. Kaum ein mitteleuropäischer Familienstammbaum lässt sich finden, der nicht ein Migrations-Stückwerk ist. Bei mir zum Beispiel steckt ein Viertel dessen drin, was wir heute „Polen“ nennen. Niemand wollte meinen Opa dort nach dem Zweiten Weltkrieg mehr haben – so logisch und so einfach war das. Zwischen Schlesien und dem Rhein-Main-Gebiet liegen ungefähr 900 Kilometer. Zwischen Sri Lanka und Hessen liegen rund 11.500. In der TV-Sendung „Goodbye Deutschland“ sehen wir jede Woche brutal naive bis überhebliche Mitteleuropäer, die etwa nach Mallorca auswandern – obwohl die Arbeitslosenquote in Spanien derzeit bei 24 Prozent liegt – und völlig unangemessen selbstbewusst in die Kamera sagen: „Außer ,olé‘ kann ich noch nicht viel. Aber hey, diese lustigen Spanier werden mich schon verstehen und an meiner Brezel-Bude Schlange stehen. Ich meine: Die haben hier ja sonst fast nichts …“

Keine Ahnung, wie oft ich an mies entlohnten orientalisch aussehenden Wachschutzmännern vorbeigelaufen bin, die früher irgendwo mal Ingenieure waren. Oder wie oft ich meinen Abfall Müllmännern anvertraut habe, die mal Architektur studiert haben. Oder wie oft ich über Bahnhofsfußböden gelaufen bin, die von ausgebildeten Erdkunde-Lehrerinnen gereinigt wurden. Jeder Migrant ist ein Kollege und Verwandter – so sieht es aus.

Fairer Kaffee am Teakholztisch

Wissen Sie, warum ich das alles jetzt gerade aufschreiben muss: Weil ich dachte, dass „Leute wie ich“ – sympathisch und weltoffen sich gebende, belesene Großstädter – sich längst selbst als potenzielle Migranten sähen und respektvoll mit Zugereisten umgingen. Aber langsam dämmert mir … dass dem nicht so ist. Ich kenne einen Mittdreißiger, der für „authentische“ African-Jazz-Combos schwärmt. Neulich haben wir zusammen ein solches Konzert besucht. Der Mittdreißiger beschwerte sich, dass das Ticket 27,50 Euro kostete. „Ganz schön viel, dafür, dass sie kaum einer kennt.“ Die Combo bestand aus 14 afrikanischen Musikern, die alle vom Musikmachen in drittklassigen mitteleuropäischen Hallen leben wollen.

Als wir uns auf der Heimfahrt ein Taxi teilten, wollte der Mittdreißiger zahlen. 14,80 Euro zeigte die Uhr. Er drückte dem schwarzafrikanischen Fahrer 15 Euro in die Hand und sagte: „Der Rest ist für Sie.“ Worauf der Fahrer gefasst und akzentfrei antwortete: „Vielen Dank.“ Als wir ausgestiegen waren, behauptete der Mittdreißiger, der Fahrer habe nach Schweiß gerochen. Was nicht stimmte. Es war der Mittdreißiger selbst, der schwitzte. Das sagte ich ihm auch. Worauf dieser erwiderte, es sei ja nur ein Scherz gewesen, und er finde meinen Gegenscherz auch nicht schlecht, „Chapeau!“.

Folgendes habe ich mir nun vorgenommen: Wenn ich das nächste Mal diese eine bestimmte Bekannte besuche, diese flotte Akademikerin, die eine ghanaische Reinigungskraft namens „Perle Aisha“ beschäftigt, für acht Euro die Stunde, „schwarz, haha, also: ohne Steuer, weil Aisha es so lieber ist, die Behörden und so“, wenn diese Frau mir wieder erzählt, dass ihr Erstgeborener Chinesisch lernt, „falls er mal nach Schanghai muss, hihi“, und dann erwähnt, dass ihre Tochter nicht als einziges „normales“ Kind in einen „Migrantenkindergarten“ gehen soll, weswegen das Kind jetzt jeden Tag quer durch die Stadt gefahren werden muss, wenn ich also das nächste Mal auf meine Leute treffe und die einen vergleichbaren Schund von sich geben, dann werde ich den fairen Kaffee, den sie mir servieren, auf ihre mit exotischen Bastmatten geschmückten Dansk-Design-Küchentische spucken.

Und ich glaube – darauf wollte ich ja hinaus –, das ist schon mal eine ziemlich gute Nachricht.