Erschienen im Februar 2013 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Eine gute Gegend für Drohnen

„Der Mensch lässt nach“ heißt das neue Solo-Album des Goldene-Zitronen-Musikers und Theatermachers Schorsch Kamerun. Ein poetischer Gegenwarts-Furor in vierzehn Akten – Musik für den voll aufgeklärten, aber auch vollkommen erschöpften Empörungs-Patienten von heute.

Jede Zeit bringt ihre eigenen Schwierigkeiten mit sich – und bringt immer auch ihre eigenen Sozialfiguren hervor: mehr oder minder typische Zeitgenossen, die neue Umgangsformen entwickeln und Wörter erfinden. Der Zeitgenosse hinterlässt Spuren in Filmen und Büchern, auf Fotografien und in Fußgängerzonen. Und irgendwann später, wenn wir längst in einer anderen Ära leben, können wir die von ihm hinterlassenen Zeitzeugnisse, seine Neurosen-Belege und Vokabel-Verirrungen, noch einmal in Ruhe betrachten – und können dann im Idealfall etwas verstehen: Wie es zur Gegenwart kommen konnte. Wie wir zu dem wurden, was wir heute sind.

Wir kennen den notorisch tüchtigen Wirtschaftswundermenschen der Fünfziger und den „langhaarigen Bombenleger“ der Sechziger und Siebziger Jahre. Den BWL-Studenten, Werber und Proto-Yuppie der Achtziger. Das ambitionierte Girlie der Neunziger. In den Nuller Jahren betraten das Castingwunder, der Casino-Banker und der Hartz-IV-Empfänger die gesellschaftliche Bühne. Nun, im Hier und Heute, haben wir es mit dem Typus „Patient“ zu tun. Er leidet an einem Aufmerksamkeitsdefizit, an Panik-Attacken und Depressionen. Ein überfordertes Ich, das in populären Magazinen, TV-Talkrunden, Blogs und Tweets von seiner Erschöpfung erzählt. Ein bis an die Schmerzgrenze aufgeklärter Mensch. Einer, der übers Internet an die globalen Informationsströme angebunden ist und genau weiß, dass jeder Turnschuh, den er kauft, das Produkt der Ausbeutung eines anderen Menschen ist. Wenn er sich darüber empört, empört er sich automatisch auch über sich selbst. Eine rund um die Uhr angeschaltete Reflexions-Maschine – ein Alles-Checker, der sich redlich abmüht, das richtige Leben im falschen zu führen – und darüber manchmal fast verrückt wird.

Der Typus des grundempörten Patienten

Ebenjener Typus – der voll vernetzte, grundempörte Patient – ist der Protagonist des neuen Lieder-Albums von Schorsch Kamerun. „Der Mensch lässt nach“ heißt die Platte, auf der vierzehn Musikstücke aus Kameruns Theaterproduktionen der vergangenen zwei Jahre hintereinander geschnitten sind – so schlüssig, dass sich ein wütendes bis verzweifeltes Selbstgespräch ergibt. „Ich weine um Japan und um meine Ernährung / Ich weine um Ägypten / Scheiß Steuererklärung / Ich weine um Chinas Ai Weiwei / Ich weine um Jemen, wegen der Scheiß DB / Ich bin wütend, empöre mich fürchterlich / Ich meine ich weine hier auch um dich“, heißt es zum Beispiel. Oder: „Vom Nichttänzer zum Freelancer / Und gleich wieder zurück / Jeder fühlt sich hier ungelogen / Um seine Zukunft betrogen.“ Der kaum erfüllbare Kreativitäts-Imperativ der Jetzt-Zeit verwandelt sich bei Kamerun in die Zeilen: „Bäcker backe gute Schrippen – und dafür keine Filmfestivalempfehlung/ Bühnenarbeiter baue Bühne – und dafür keine Kunstbuchrezension.“ Ein ziemlich poetisch daher kommender Gegenwarts-Furor ist das – eher Literatur als Musik, eher Moritat, Gedicht oder Ballade als „Songtext“.

Kamerun, der mit bürgerlichem Namen Thomas Sehl heißt und in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiert, reist seit Jahren als viel gebuchter, beweglicher Theatermacher durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Derzeit inszenziert er in Oberhausen eine „Bürgeroper“, wie er es nennt, Premiere ist am 15. Feburar. Einst hat er die Hamburger Polit-Punk-Band „Die Goldenen Zitronen“ mitbegründet, und dieser Bandname ist insofern ein Fluch, als er eben auch wieder einer bestimmten Zeit geschuldet ist: den sprachlichen Gegenkultur-Gepflogenheiten der Achtziger Jahre. „Goldene Zitronen“ klingt für heutige Ohren so ähnlich wie „Tote Hosen“. Während die Düsseldorfer Spaß-Truppe inzwischen im Segment „eingängiger Stadionrock“ reüssiert, hauen die Goldenen Zitronen allerdings überaus verstörende Geräusche hinaus in die Welt, messerscharfe Sprach-Analysen, die von einer beinahe schon atonal zu nennenden Experimentalmusik umspielt werden. „Nervensägensound“, sagen diejenigen, die es nicht mögen.

Über Kameruns neues, sein viertes, Solo-Album, werden manche wieder ein ähnliches Urteil fällen: „Unhörbar!“ Dem läge dann aber ein Missverständnis zugrunde. „Der Mensch lässt nach“ ist kein Rock’n’Roll im Entertainment-Sinne und will es auch nicht sein. Vor Jahren schon hat Kamerun sich auf den Liedermacher Franz-Josef Degenhardt (1931-2011) berufen. Und die Instrumentierung klingt jetzt eher nach dem Brecht-Komponisten Kurt Weill als nach smartem „Diskurspop“, wie ihn vielleicht die Liebhaber der Band Tocotronic schätzen, die zufällig auch gerade eine neue Platte veröffentlicht hat, Titel: „Wie wir leben wollen“.„Neues aus dem Hörsaal“ ist eine Besprechung der Tocotronic-Platte überschrieben.

„Diskurspop“ ist ein ganz und gar fürchterliches Wort, weil es wieder nur ein so verräterischer wie hilfloser Zeitgenossen-Begriff ist, eine aus dem Verwertungskreislauf der Branche stammende Vokabel. Es ist anzunehmen, dass die Männer von Tocotronic das Wort nicht mehr hören können. Und ganz sicher ist, dass Schorsch Kamerun es sogar hasst, dass er sich, wenn er es überhaupt je in den Mund nähme, höchstens darüber lustig machen würde. Man muss das Wort also gleich wieder vergessen. Andererseits könnte es jemandem, der bislang keine Ahnung hat von der verlässlich erfrischenden Qualität des Kamerun-Werks, grob die Himmelsrichtung anzeigen: Es geht immer um knallharte Statements zur Zeit. Es darf gedacht werden.

Während Tocotronic mit smarten Melodien aufwarten und sich gelegentlich in einem Geisteswissenschaftlertonfall äußern, der dem akademischen Proletariat der Großstädte durchaus vertraut ist, klingt bei Kamerun alles etwas rauer, schriller, gröber, sozusagen: näher am Asphalt. Altkluges Augenzwinkern ist sein Geschäft nicht. Das Ironiebedürfnis bleibt so gut wie unbefriedigt. Stattdessen wird der Dekonstruktivismus ganz brutal dekonstruiert. Alles wird recht konkret benannt, man könnte sagen: Alltagssprech-konkret. „Drohne (dem i-phone sein Ohr)“ heißt zum Beispiel ein Stück. Auch Orte – Klassenstandorte – werden klar markiert, als „Köln Ebertplatz“ oder „Babys vom Wiener Yppen-Platz“.

Gegenwartslyrik von Gymnastiklehrerinnen

Es gehe ihm immer um „Zustandsbeschreibungen“, sagt Kamerun, und um den Zuständen auf die Spur zu kommen, belauscht er Passanten, verwurstet Werbeslogans und Marketingdeutsch, lässt „Gymnastiklehrerinnen“ und Arbeitslose sprechen und verdichtet das Geplapper und Gestammel zu einer Jetztzeit-Lyrik , die an Intensität kaum zu übertreffen ist. Ja, man kann durchaus schweißgebadet am Boden liegen, wenn man ein Kamerun-Album vom Anfang bis zum Ende gehört hat.

In jedem Fall wird man danach ein bisschen klüger sein als vorher. Denn seine Technik gewährt immer auch einen Ausblick auf die Zukunft. 1999 brachte er mit den Goldenen Zitronen etwa einen Song heraus, der hieß „00:30 gleiches Ambiente“. Darin unterhalten sich zwei junge Männer, ein Thomas und ein Stefan, an einer Bartheke. „Hast du den neuen Quentin Taran-tei-no schon gesehen?“ fragt einer den anderen. „Du wohnst hier? Ist ne gute Gegend zu wohnen!“ sagt Thomas. „Ja, ich mag Menschen, ich bin in der Werbung“, sagt Stefan. Wenn man diesen Song heute hört, vierzehn Jahre später, erschrickt man fast. Nicht nur, weil wir aktuell schon wieder über Quentin Taran-tei-no reden. Inzwischen haben wir auch neue Zeitgenossen-Vokabeln erfunden, die all das zu fassen versuchen, was der Songtext längst schon vorweg nimmt: „Gentrifizierung“ und „Social Media“, „Kreativwirtschaft“ und „Hipster-Stress“.

„Unabhängigkeit ist keine Lösung“, heißt es jetzt auf dem neuen Kamerun-Album. „Genug empört, nun wird gehandelt.“ Was immer diese Behauptungen uns schon heute sagen wollen: In ein paar Jahren werden wir mehr wissen.