Eine live mitgeschriebene Szene aus der mehr oder minder realen Welt, Juli 2012 – später erschienen im Literaturmagazin Drecksack

“Wie fertig kann man sein, ey?”

24 Stunden Berlin. Ab und an habe ich dort etwas zu erledigen und fahre dann von Hamburg aus rüber und hoffe, es merkt keiner. Jetzt also: wieder mal. Ich sitze, und finde es zunächst einigermaßen witzig, vor einem dieser durchstandardisierten Coffe-to-go-Läden, um die ich sonst immer und überall einen Bogen mache. „Caras“ heißt der Laden, wie ein dunkelbrauner deutscher Schäferhund. Er liegt an der Grenze von Prenzlauer Berg zu Berlin-Mitte, an der Ecke Rosenthaler/Neue Schönhauser, und zwar mindestens schon seit 2003. Ich finde: Ich kann das jetzt mal machen – in einem solchen Laden einen überteuerten Idioten-Kaffee trinken, an einer abgelatschten Mitte-Ecke. Ich bin jetzt ja eine Berlin-Besucherin, keine Berlin-Bewohnerin mehr. Und so nehme ich mir nun manchmal das Recht heraus (vor mir selber), mich auch genauso durch die Stadt zu bewegen: wie eine Fremde, die dafür bezahlt hat, sich mächtig zu amüsieren.

Unerheblich, was mich gerade an diese Ecke getrieben hat, jedenfalls musste ich zu Fuß dort vorbei und beschloss, weil ich etwas Zeit hatte, sehr spontan: „Okay. Nun setzt Du Dich mal für ungefähr zehn Minuten genau hier hin, Du kannst es jetzt tun, Du trägst keine Verantwortung mehr für diese Stadt.“ 3,10 Euro hat das Abenteuer mich gekostet, so viel wie der kleinste Becher Kaffee, den es dort gibt, wobei sie hinter der Theke auf die Bitte „Einen kleinen Kaffee, bitte“ natürlich nicht reibungslos reagieren, der kleinste Kaffee nennt sich „tall“, also „groß“, aber ach, das hat mit Berlin im Speziellen nichts zu tun, das ist anderswo ja wirklich genau so, nun wollen wir mal fair bleiben, und sie fanden meine hintergründige Bestellung auch überhaupt nicht witzig, es war ja auch wirklich kindisch, sie haben das sofort durchschaut, was ich da für ein uraltes Fass aufmachen wollte, an jener Kaffee-Theke, und sind gar nicht weiter drauf eingegangen, diese Philosophie-StundentINnen, die da bedienen – also: 1:0 für „Caras“.

Und so sitze ich also, draußen, an einem Bürgersteig-Tischlein, und gucke mal so’n bisschen. Was da so ist, an der Ecke Rosenthaler/Schönhauser. Und ich werde nun nichts über die Touristen sagen, die sich an jener Ecke zu freuen versuchen, denn erstens bin ich inzwischen ja wirklich selber eine, in jener Stadt, und zweitens sollen die Berliner einfach mal froh sein, dass die Touristen kommen und zu 100% gewillt sind, es interessant zu finden. „Hier gibt’s echt schöne Sachen“ höre ich jemanden sagen und sehe sehr viele Einkaufstüten an mir vorüberziehen, und auch sonst leuchtet es überall in menschengroßen Aufklebbuchstaben: SALE (an manchen Stellen auch PRE-SEASON-FINAL-SALE oder so ähnlich).

Die Hälfte des Kaffees habe ich schon getrunken, da setzen zwei junge Frauen sich an das Tischlein rechts neben mir. Sie mögen 22 oder 24 Jahre alt sein und offensichtlich in Berlin zu Hause, denn ich schnappe auf, dass sie gerade über die frühere jüdische Mädchenschule in der Auguststraße reden. Bei der früheren jüdischen Mädchenschule handelt es sich um eine frühere jüdische Mädchenschule, in der jetzt russische Multimilliardäre rauschende Medienfeste feiern usw.. Es ist einer jener Orte, zu denen man nicht ohne weiteres Zutritt hat (immer mehr solcher Orte gibt es inzwischen in Berlin), es ist, sozusagen, eine ein klein bisschen insiderige Einrichtung, seit etwa einer halben Saison, naja, und die beiden Frauen sprechen also darüber und es klingt so, als seien sie kürzlich mal drin gewesen, sie scheinen etwas Aufregendes dort erlebt zu haben, aber ich verstehe nicht genau, was. Sie sehen auch sehr nach Berlin aus, ich meine: Sie tragen die örtliche Tracht. Die eine, nennen wir sie „Mia“, hat güldenes, langes Haar, das sie an ihrem Oberkopf zu einem dieser „Please-love-me-I’m-so-cute“-Dutts zusammengepuschelt hat, naja, und sie trägt ein knielanges Stück Stoff, das die Bezeichnung „Hängerchen“ ganz gut vertragen könnte, und obendrüber eine Audrey-Hepburn-stilistische Kastenjacke – so was halt. Die andere ist ein bisschen ehrgeiziger. Ich denke, wir sollten sie „Elisabeth“ nennen, wobei Elisabeth natürlich der Typ ist, der von klein auf „Lisa“ gerufen wurde, weil sie schon bei ihrer Geburt ganz unfassbar einzigartig und niedlich war, also: auf Anhieb, und die inzwischen aber „Lizzy“ gerufen wird, ungefähr seit sie 15 ist, weil es eines Tages so viele Lisas gab, in ihrem Umfeld, dass „Lisa“ einfach nicht mehr zu ihr passte, weshalb sie es also irgendwie sanft gemanaget hat, dass alle sie „Lizzy“ rufen, wobei es jetzt allerdings ein bisschen doof ist, gerade in Berlin, dass auch die „Lizzys“ immer mehr werden, überall wachsen welche nach, weswegen es ihr am liebsten wäre, man würde sie fortan „Lisbeth“ rufen, aber das ist eigentlich eine ganz andere Geschichte, und führt uns jetzt zu weit weg. Lizzy ist jedenfalls die schnellere der beiden Freundinnen, und wer weiß, vielleicht ist ihr Mias mainstreamige Mittelklasse-Frisur sogar etwas peinlich. Lizzy trägt die Haare kurz, seitlich abrasiert und oben lockig irgendwie so halb drüber liegend, kastanienbraun, und ist ganz in Schwarz gekleidet, schwarze Motorrad-Lederjacke, ganz kleine Größe (Lizzy ist sehr schlank), etwas Schwarzes drunter, eine ganz enge schwarze Hose (keine Leggings, nie im Leben), eine schwarze Brille (doppelter Steg) und schwarze, naja, Post-Punk-stilistische Stiefel, ach, es ist nicht ganz leicht in Worten zu beschreiben, ein sauber studierter Konsumprotest-Stil von ungefähr 1982 halt, außerdem sehr schöne, sehr ernste kirschrote Lippen und ein makelloses Muttermal am linken Mundwinkel.

Mia und Lizzy haben, genau wie die anderen Passanten, mehrere große Tüten dabei, eine davon schimmert in bronzefarbenem Karton-Papier, mit schwarzen Lackbuchstaben drauf, Sie wissen schon, was ich meine, wir reden hier nicht von H&M oder so was. Ich seufze kurz in mich hinein: „So jung und schon so schöne Tüten!“ Leider verpasse ich unter diesem Gedanken, wie es weitergeht mit der Mädchenschule, und muss feststellen, dass Lizzy und Mia jetzt über Montreal/Kanada reden. Lizzy will unbedingt mal wieder hin. Mia würde auch mal gerne.

Von links nähern sich seltsame Geräusche, es klingt tierisch, vielleicht … ein kranker … Schäferhund? Ein fiependes Krächzen oder krächzendes Röcheln oder röchelndes Jaulen – ein Mensch! Ein Mann, der mit diesem und jenem geschlagen zu sein scheint, er mag an die 70 sein, klein, untersetzt, rot angelaufener Kopf, kaum noch Haare auf demselben, Jogginganzug, Ohrring rechts. Mühsam, Tippelschritt für Tippelschritt, schiebt er einen zerfleddert wirkenden Rollstuhl vor sich her, als handele es sich um einen, ha, ha, ha, prall gefüllten Einkaufswagen. Der Mann hat kaum noch eine Stimme. Vielleicht hat er zu viel herumgebrüllt, kürzlich, oder er hat eine chronische Halskrankheit, womöglich etwas Ernstes. Jedenfalls gibt er auf Berlinerisch ziemlich böse Beschimpfungen von sich, und die gelten dem Coffee-to-go-Angestellten, einem jungen Mann, der gerade gebrauchte Tassen von den Bürgersteigtischchen einsammelt, Aschenbecher ausleert und so weiter. „Mach Dir jefälligst an die Arbeit, Alter! Sonst hau’ick Dir sonstwohin! Glotz‘ nich so, sonst krie’ste meine Fäuste inna Fresse, klar?“ So zetert sich der Alte an das Café heran, und der junge Kellner nickt ihm zu, lächelt seine Kaffeegäste an, winkt ab und sagt über seine Schulter zum Alten etwas wie: „Sieh zu, dass Du weiter kommst, okay?“ Worauf der Alte erst recht in Fahrt gerät und seine Stimme, Zwergentonlage, sich mehrmals zu überschlagen scheint. „Kurz und klein hau’ick Dir! Schmarotzer! Arschjesicht! Arbeiten sollste! Faules Gesocks!“ So in der Art. Unter Volldruck. Man könnte denken, er platzt gleich. Der Coffee-to-go-Bedienstete verschwindet kopfschüttelnd und grinsend und ameisenemsig wieder nach innen, hinter die Theke, und während ich überlege, ob der Rollstuhl-Zwerg tatsächlich der erste Mensch ohne Einkaufstüten ist, der an dieser Ecke vorbei kommt, seit ich dort Platz genommen habe, schiebt der geh- und brüllbehinderte Macker sich also weiter ran, und keift und zischt und quietscht und keucht, zeterundmordio, aber eben ziemlich leise, weil: Er kann einfach nicht anders. Er strengt sich wahnsinnig an.

Ziemlich genau zwischen meinem Tisch und dem von Lizzy und Mia bleibt er stehen, schnauft, macht ein Päuschen, kann für einen Moment nicht weiter, setzt dann aber gleich zu einer neuen Salve an, noch immer will er dem Kaffeekettenpersonal „auf die Fresse hau’n!“, und steht nun also ungefähr drei Meter von Mia, Lizzy und mir entfernt, als er erneut seine Gewaltbereitschaft ausruft, meint uns aber gar nicht, interessiert sich überhaupt nicht für uns, sondern krächzt über unsere seidig glänzenden Köpfe hinweg.

Dann scheppert es plötzlich, rechts von mir. Lizzy hat, einfach so, ihr Glas Kaffee auf den Unterteller geknallt. Ruckartig steht sie auf, so dass ihr Stuhl fast umkippt, schnappt den Großteil der Tüten, die zu ihren blank polierten post-punkigen Stiefeln lagern, und sagt, zu Mia oder zu sich selbst oder zu mir oder zu Berlin, jedenfalls sagt sie es ziemlich laut, mit irgendwie erhobener Stimme, in schwer genervtem, vorwurfsvollem, beleidigtem Tonfall: „Wie fertig kann man eigentlich sein, ey?“. Dem Rollstuhl-Zwerg wirft sie einen bitterbösen Blick zu. Irgendwie wutschnaubend trampelt sie dann los, überhaupt nicht niedlich jetzt, sie zieht eine richtig fiese Fluntsch, und Mia, die – es ist ihr leider angeboren – tatsächlich immer ein paar Hunderstel Sekunden langsamer ist als Lizzy, wirft einen hastigen Blick auf den Mann (der praktisch mit Lizzys Geschepper verstummt ist), schnappt sich die verbliebenen Tüten und stolpert Lizzy hinterher.

Der schnaufende Jogginghosen-Terrorist und ich, wir schauen uns kurz an, aus Versehen, und schauen dann auf Lizzys Teller. Ihr Bagel liegt noch da, also: die Hälfte davon. Sie hat es nicht aufgegessen. Mehrere teuflisch gesunde Salatblätter, die wesentlich zum Bagel-Gesamt-Preis von 5,90 Euro beigetragen haben, ragen aus dem Teigstück. Und als wir beide wieder hochschauen, treffen sich unsere Blicke erneut. „In die Fresse!“ fiept der böse, böse Mann noch einmal und funkelt mich an, also wirklich: jetzt mich ganz direkt. Ich nicke und mache, glaube ich, große Augen dabei. Dann zieht bzw schiebt er sich weiter, eher grummelnd als keifend.

Ich nehme den letzten Schluck meines fast kalt gewordenen Kaffees und lasse die Tasse dann ebenfalls auf den Unterteller klirren, genau wie Lizzy es getan hat, und gehe, nein, laufe, schnell, schneller, schnell weg hier, von dieser Ecke – Rosenthaler/Neue Schönhauser. Wohin nur? Wohin? Da! Eine U-Bahn-Station! Weinmeisterstraße, die U8! Schon rumpelt eine gelbe Bahn heran, ohne Ticket springe ich hinein, glücklicherweise gehen die Türen gleich wieder zu und das Ding fährt los. Mit jeder Station werde ich etwas ruhiger. Als ich am Hermannplatz aussteige, habe ich das Kaufhaus „Karstadt“ im Rücken, einen mobilen „Chicken Grill“ vor mir und atme tief durch. Ich beschließe, ein bisschen durch die Hasenheide zu spazieren, den berühmten Stadtteilpark, in dem man verbotene Substanzen und Freundschaftsbändchen kaufen kann, will aber kein Geld ausgeben, alles, wirklich alles, nur das nicht! Bleibe dann aber an diesem einen Second-Hand-Musik-Geschäft hängen, das gegenüber des Hasenheiden-Eingangs liegt, gehe hinein und ziehe ruckzuck eine Post-Punk-New-Wave-NDW-Greatest-Hits-Scheibe aus dem Jahr 1982 aus einer Kiste, vollkommen zielsicher, einer Eingebung folgend, Palais Schaumburg, Neonbabies, Foyes des Arts, usw., und lege fünf Euro dafür hin. Es nieselt. So setze ich mich, statt in den Park zu gehen, unter die Markise der “Bäckerei Süß” und trinke dort einen weiteren Kaffee, „Tasse: 80 cent, Pott: 1 Euro“. Ich entscheide mich für den Pott, nicht kleckern, sondern klotzen. “Merci”, sage ich, als die wiederum sehr junge Bäckerei-Theken-Kraft mir mit ihren kräftigen Armen die Tasse reicht. Sie antwortet “Merci beaucoup!” und strahlt.

Das mag ich ja wirklich am meisten an Berlin: das Shoppen und das Kaffeetrinken.