Für den Kölner Stadt-Anzeiger 2009

“So, und nun kommen wir zu einer amerikanischen Gruppe”

Mit ihr erwachte die Jugendkultur im deutschen Fernsehen: „Miss Beat-Club“, Uschi Nerke, wird 65 Jahre alt.

Am Telefon klingt ihre Stimme so jung, dass man meint, eine Schülerin am Hörer zu haben, und als sie die Tür zu ihrem Landhaus vor den Toren Hamburgs öffnet, steht sie in schmalen Jeans und flachen Ballerina-Slippern da. Die Haare sind lang und dunkel, der Pony rockig wie eh und je, und ihr Sweat-Shirt trägt die Aufschrift: „Harley Davidson-Couture“. Heute (14. Januar) wird „Beat-Club“-Moderatorin Uschi Nerke 65 Jahre alt. Von Begriffen wie „Berufsjugendliche“ oder „Die neuen jungen Alten“ will sie nichts hören. „Ich habe keine Zeit, mir über so etwas Gedanken zu machen. Rock’n’Roll ist für mich Freiheit, das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Ich mache einfach so weiter. Punkt.“

Der „Beat-Club“ von Radio Bremen war die erste Pop-Musiksendung im deutschen Fernsehen und Nerke der feuchte Traum einer ganzen Männer-, das Vorbild einer Frauen- und der Schrecken einer Elterngeneration. Sie trug Minirock, Stiefel und toupierte dunkle Mähne, als ordentliche Kochtopffrisuren und frühe Verlobungen noch üblich waren, sprach über E-Gitarren und Drum-Soli, während andere einen Hauswirtschaftskurs besuchten. Inzwischen moderiert sie eine Radiosendung auf Bremen1 und führt in großen Konzerthallen wieder durch Live-Oldie-Shows mit Stars von damals, wie Chris Andrews, Chuck Berry, The Rattles. Im Internet wird ihr Konterfeit, etwa bei Myspace, als „cooles Retro-Bild“ gehandelt. „Ist das tatsächlich so? Das freut mich natürlich“, sagt die gebürtige Tschechin und grinst.

Generationenkonflikt im Wohnzimmer

Ohne Nerke keine Heike Makatsch, keine Charlotte Roche, keine Gülcan. Mit dem „Beat-Club“ hat sie ab 1965 den Pop und den Rock in deutsche Wohnzimmer gebracht, wo zuvor nur Peter Alexander, vielleicht auch Peter Krauss zu hören waren. Besorgte Pädagogen schimpften über die „Urwald- und Hottentottenmusik.“ Rückblickend betrachtet, nahm die Musik-Show den Generationenkonflikt der 68er vorweg: „Wir liefen samstags um 16 Uhr, und da gab es anfangs viele Familienstreits: ‚Beat-Club’ für die Kids oder ‚Sportschau’ für den Papa?“, erinnert sich Nerke.

Auch wer damals noch nicht geboren war, kennt den Vorläufer von „Formel Eins“ und „Viva“ aus Erzählungen der Eltern, als „Youtube“-Clip oder als Wiederholung aus dem dritten Fernseh-Programm: Schwarzweiß-Aufnahmen von The Who, den Kinks, den Liverbirds; tanzendes Teenager-Publikum im Studio und Go-Go-Girls im Vorspann; das „Beat-Club“-Logo, das einem Londoner U-Bahn-Schild nachempfunden ist; die Titelmelodie „A touch of Velvet, a string of bass“ mit dem Frauenchor, der „Wow! Wow!“ singt; und zwischen den Band-Auftritten immer wieder diese zierliche Person mit dem glamourösen Styling, in der einen Hand den Stichwortzettel, in der anderen das Mikrofon, die charmant, aber konzentriert Sätze wie diesen sagt: „So, und nun kommen wir zu einer amerikanischen Gruppe.“

Auch wenn sie damals den Jugendlichen im Land die Pop-Kultur nahe- oder gar erst beibrachte: Anfangs sei sie selbst „ziemlich unbewandert“ gewesen in „dieser englischen Musik“, sagt Nerke heute. Als Architektur-Studentin war sie nebenbei mit einem Gitarristen als Sängerin aufgetreten, etwa in Seniorenheimen. „Und dann ging es damit los, dass mein Telefon geklingelt hat. Das blieb mein ganzes Leben so. Nie bin ich einer Sache hinterher gelaufen, immer hat mein Telefon geklingelt und jemand hat gefragt: ‚Willst Du dies oder das machen?’“

Der erste Anruf kam von Hans Hee, dem Produzenten des Kinderstars Heintje. Ob sie eine Platte aufnehmen wolle? Auf dem legendären Decca-Label, das hierzulande Bands wie die Animals, Small Faces und die Rolling Stones herausbrachte, veröffentlichte sie mit Anfang 20 als „Karina“ ihre erste Doppel-Single mit deutschem Schlager: „Hier ist mein Platz/Ein kleiner Traum.“ Eine Handvoll Fernsehauftritte habe es daraufhin gegeben, und schließlich sei Rudi Carrell auf sie aufmerksam geworden, der damals seine ersten Shows in Deutschland produzierte. Carrell habe den späteren „Beat Club“-Regisseur Mike Leckebusch angerufen: „Hey, lass’ die Kleine doch mal vor Kameras reden, die ist gut.“

Und dann habe man einfach „irgendwie angefangen“, sagt Nerke. Anfangs sei das „Beat-Club“-Team oft „über Land“ gefahren, um neue Bands zu entdecken. „Da gab es dann zum Beispiel einen Tipp, da und da im ‚Dorfkrug’ spielen John O’Hara und die Playboys. Da sind wir hingefahren und wenn es uns gefallen hat, haben wir die Band eingeladen.“ Schnell rochen die Plattenfirmen das Potenzial der Sendung, schickten Vorab-Veröffentlichungen in die Redaktion und sorgten laut Nerke dafür, dass die Scheiben montags nach der Sendung auch direkt in den Läden lagen.

Leckebuschs Visionen

„Leckebusch war ein Visionär“, sagt Nerke über den im Jahr 2000 gestorbenen „Beat Club“-Erfinder. „Der hat Bands ‚gemacht’ und hatte ein unglaubliches Gespür und Lust auf Experimente, auch optisch.“ Zahlreiche Überblendungen, schnelle Zwischenschnitte, Positiv-/Negativ-Bilder und andere Kameratricks waren so zuvor noch nie im deutschen Fernsehen zu sehen gewesen und setzten auch international Maßstäbe: Zeitweise wurde der „Beat-Club“ in bis zu 50 Ländern ausgestrahlt. Auch für ihr eigenes Styling gab es kaum Vorbilder im Showgeschäft. Vom Moderationshonorar, 300 Mark pro Sendung, habe sie auch ihre Garderobe bestreiten müssen. „Vieles habe ich selbst genäht, weil es solche Sachen nicht zu kaufen gab, und sehr oft waren es ‚Stehkleider’, so kurz, dass man sich nicht hätte hinsetzen können damit.“ Damals sei „je kürzer, desto besser“ einfach ein Zeichen des Aufbruchs für junge Frauen gewesen, Widerstand gegen den biederen Mief der Zeit.

Ansonsten könne sie mit dem Thema „Frauen im Musikbusiness“ aber nicht viel anfangen. „Ich war immer einfach ein Kumpeltyp, nie so eine Etepetete-Tante. Klar bin ich als Frau da irgendwie aufgefallen, auch im Studium schon. Man kann sich ja vorstellen, dass es damals im Architektur- und Bauingenieurswesen nicht besonders viele Frauen gab.“ Aber sie habe nie großen Wind darum gemacht oder sich etwas darauf eingebildet, dass sie oft die Erste oder Einzige war, betont Nerke. Auf ihrer Homepage www.uschinerke.de bezeichnet sie sich selbstironisch als „verrückte Steinziege“, und eben das astrologische Wesen des Steinbocks sei typisch für sie: „Ich bin fleißig und ehrgeizig und will immer die Kontrolle über mich selbst haben.“

Kurt Cobain, dieser Drogenkopf!

Allergisch reagiert sie auf die Verklärung der 60er Jahre als Drogen- und Gruppensex-Idyll. „Wenn das so war: Ich war jedenfalls nicht dabei“, sagt Nerke und schenkt sich fast ein wenig trotzig ein Glas Orangenlimonade nach. Mit Roger Daltrey von The Who habe sie in London auf der Fensterbank eines Hotelzimmers „ganz brav“ Bier getrunken und die Nacht durchgeplaudert, und ein einziges Mal habe sie auf einer Party einen Joint mitgeraucht. „Dann musste ich aufs Klo, habe aber den Türgriff nicht gefunden. Und so habe ich mich auf einen Stuhl im Flur neben die Toilettentür gesetzt und die ganze Zeit blöd gekichert“, beschreibt sie ihre einzige Drogenerfahrung. Zu früh habe sie zu viele Musikerfreunde abstürzen und sterben sehen, und die meisten seien gerade einmal 27 Jahre alt gewesen: Jimmy Hendrix, Janis Joplin – und vor nicht allzu langer Zeit Kurt Cobain, der Sänger von Nirvana. „Alle 27!“, sagt Nerke und schüttelt den Kopf. „Nirvana waren eine Superband, die ich durch meinen Sohn kennen gelernt habe. Für ein Konzert hatte ich für uns beide Backstage-Karten besorgt – und kurz vorher jagt dieser Drogenkopf sich eine Kugel in den Schädel! So ein Talent! So eine Verschwendung!“

Was sie an Nirvana mag, ist dasselbe, was sie an Metallica schätzt, oder auch an ihrer Lieblingsband von einst, Led Zeppelin: „Das ist einfach Rock, gut gespielt, der abgeht.“ Dass sie selbst mittlerweile nicht nur von Gleichaltrigen, sondern auch von wesentlich Jüngeren als Retro-Ikone verehrt wird, schmeichelt der 65Jährigen, aber so ganz einordnen kann sie es vielleicht nicht. Wenn Nerke von gestern, heute und morgen erzählt, scheint es sich zeitlos doch um die selbe Ära zu handeln. „Neulich zum Beispiel, in der Grugahalle in Essen: Da waren alle Leute von früher wieder da, Ted Herold, die Lords, die Fans von früher und auch deren Kinder und Kindeskinder.“ Noch heute schlüpfe sie für ihre Fans gerne in den typischen „Beat Club“-Look: Minirock und Stiefel. Allerdings halte sie es wegen des Rheumas nicht mehr lange auf hohen Absätzen aus. „Dann frage ich das Publikum: ‚Leute, habt Ihr was dagegen, wenn ich die Dinger ausziehe und barfuß weiter moderiere?’ Und glauben Sie mir: Noch nie hat sich jemand darüber beschwert.“

Über den Beat-Club:

Die erste „Beat-Club“-Sendung wurde am 25. September 1965 ausgestrahlt. Konzipiert war die Sendung vom damaligen Unterhaltungschef bei Radio Bremen, Michael „Mike“ Leckebusch, und dem DJ Gerhard Augustin. Die Show lief alle vier Wochen im Samstagnachmittagsprogramm, zunächst in Schwarzweiß, ab 1968 in Farbe, dauerte anfangs 30 bis 40, später 60 Minuten. Uschi Nerke war bei allen 83 Folgen dabei und hatte wechselnde Moderations-Partner, neben Augustin auch den Briten Dave Lee Travis und den ebenfalls britischen Musiker Dave Dee. Der berühmte Titelsong stammt von der Band Mood Mosaic und war von Mark Wirtz produziert worden, der als „europäischer Phil Spector“ galt und auch für das Mammut-Rock-Projekt „Teenage Opera“ verantwortlich zeichnete. Nachdem der „Beat-Club“ 1972 eingestellt worden war, moderierte Nerke einige Jahre gemeinsam mit Manfred Sexauer die Nachfolgesendung „Musikladen“. 2002 hat die ARD eine zehnteilige DvD-Box „Best of Beat-Club“ herausgebracht.