Erschienen im Herbst 2011 im Tages-Anzeiger (Zürich)

Ein ehrenwerter Sohn seiner Stadt

Der Street-Art-Künstler Tyree Guyton hat eines der ärmsten Viertel seiner Heimatstadt Detroit in ein knallbuntes Freilichtmuseum und eine Touristenattraktion verwandelt. Jetzt verlegt er seinen Arbeitsplatz für ein Jahr in die Schweiz.

Gross, grau, grimmig: Wäre Detroit ein Mensch, so liefe der in ausgebeulten Hosen herum, im Kapuzenpulli, mit schweren Schuhen und nicht gerade mit einem Zuckerlächeln auf den Lippen. Eher mit gerunzelter Stirn und knurrendem Magen. Gebeutelt von Armut und Gewalt, belegt die US-Metropole regelmässig einen Spitzenplatz im «Forbes»-Ranking der «gefährlichsten Städte der USA». Drogen- und Bandenkriege beherrschen manche Viertel, gut jeder Dritte kann angeblich nicht richtig lesen oder schreiben. 75 Prozent der Einwohner kommen hier ohne Wohlfahrtshilfen wie Lebensmittelgutscheine nicht über die Runden, und das irritierend niedlich klingende «Whoop, whoop» der Sanitätsautos ist die übliche nächtliche Einschlafmelodie für alle diejenigen, die es bis heute innerhalb der Stadtgrenzen aushalten.

Einst lebten zwei Millionen Menschen in Detroit. Das war in den Fünfzigern, als die Autoindustrie brummte und die Fliessbänder bei Ford, Chrysler und General Motors heiss liefen, als ein fleissiger Mann seine Familie noch halbwegs sorglos durchbringen konnte. Heute, nicht mal ein Menschenleben und zahlreiche Entlassungswellen später, zählen die Statistiker weniger als die Hälfte, nur noch knapp über 700 000 Einwohner. Wer es sich leisten kann, zieht weg. Das gilt vor allem für diejenigen, die mit heller Haut geboren sind. «White flight» nennen Einheimische den massenhaften Exodus der gut und besser ausgebildeten Mittelklasse, «weisse Flucht». Auch der Rapper Eminem, der im Film «8 Mile» (2002) von den sozialen Härten seiner Heimat erzählt hat, lebt inzwischen jenseits der Stadtgrenzen, in einem deutlich behaglicheren Vorort. 85 Prozent der verbliebenen Innenstadtbewohner zählen zu der Bevölkerungsgruppe, die in den USA heute African Americans genannt werden.

Dampf aus Gullydeckeln

Tyree Guyton ist einer von ihnen. Er ist tatsächlich geblieben. Obwohl auch er mittlerweile international bekannt ist, nicht als Rapper, sondern als Maler und Aktionskünstler, und sehr gut nach New York passen würde, nach Paris, Berlin, überall hin. Mitten im Moloch, da, wo der Dampf aus den Gullydeckeln steigt und Obdachlose bei Wind und Wetter über die Trottoirs schleichen, hat Guyton (sprich: «Gaiten») sein Atelier eingerichtet. «Ich gehöre hierher, so ist das», sagt er. Bunt, wild, mal roh, mal kindlich-verspielt wirkt seine Kunst, die 2008 auf der Biennale in Venedig zu sehen war, mit Dutzenden von Preisen ausgezeichnet wurde und fast immer an Graffiti erinnert, an Street-Art. Genau von dort kommt Guyton schliesslich her – von der Strasse. Jetzt verschlägt es ihn vom Asphalt an den reichen, grünen Rand von Basel: Gerade packt der 56-Jährige seine Koffer, um ab Ende Oktober in der Schweiz zu leben und zu arbeiten.

Ein ganzes Jahr wird Tyree Guyton in Basel verbringen, auf Einladung der Kunstmäzenin und Schaulager-Gründerin Maja Oeri. Wie alle ausländischen Gaststipendiaten der von Oeri gegründeten Laurenz-Stiftung steht Tyree Guyton das Laurenz-Haus zur Verfügung. Die beschauliche Amselstrasse auf dem Bruderholz – statt Sirenengeheul und Alkoholleichen auf dem Trottoir. «Kontraste sind immer faszinierend. Detroit ist wahnsinnig gross und schmutzig. In der Schweiz ist alles klein, sauber, pünktlich», sagt Guyton, während draussen, nur ein paar Schritte von seinem Atelier entfernt, der Verkehr über eine der achtspurigen Hauptverkehrsadern der Motor City rauscht. Vor Jahresfrist hat er die Schweiz schon einmal besucht und einige Werke in der Berner Galerie für Druckkunst Tom Blaess ausgestellt. «Guten Tag» kann er sagen und «Danke». Dass es eigentlich «Grüezi» und «Merci villmal» heisst, davon hat er schon gehört.

Ein bisschen nervös ist er jetzt, kurz vor der Abreise am 25. Oktober. «Ich freue mich auf die Menschen, die Eindrücke, die Natur. Ich werde darauf warten, dass ‹es› zu mir spricht.» Mit «es» meint er das Fremde, Ungewohnte. «‹Es› wird mich verändern – und ich werde ‹es› mitnehmen und nach Detroit bringen – und ‹es› wird wiederum die Menschen hier verändern», sagt Guyton. «Metaphysik» nennt er das Prinzip. «Die Kunst ist eine mächtige Medizin. Sie hat die Kraft, unsere Einstellung zu verändern, unser Mindset.»

Wie sehr die Kunst tatsächlich alles verändern kann – erst die Wahrnehmung, dann das Selbstgefühl, dann die ganz praktische, handgreifliche Realität –, das hat er selbst erfahren und vorangetrieben: auf «seiner» Strasse, der Heidelberg Street im abgerissenen mittleren Osten Detroits. Hier ist Guyton aufgewachsen, hier hat er Mitte der Achtzigerjahre damit begonnen, ins traurige Grossstadtgrau einzugreifen – mit Pinsel und Pasten, Puppen und Punkten. Verlassene, verfallene, ausgebrannte Häuser hat er bemalt, umgestaltet, dekoriert, hat alte Türen in Pastelltönen gestrichen und zu Installationen zusammengenagelt, hat Kleider, Schuhe und Kinderwagen in Bäume gehängt – und die Anwohner, die Ärmsten der Armen, erst irritiert und schliesslich zum Mitmachen animiert.

Über mehr als zwei Jahrzehnte hat sich das Experiment zum «Heidelberg Project» ausgewachsen, das sich nunmehr über zwei Blocks erstreckt. Fernsehteams aus aller Welt haben die farbenprächtigen Fassaden und Installationen gefilmt, immer wieder kommen Besuchergruppen und bestaunen das urbane Wunder. «Es ist eine Touristenattraktion geworden, vielleicht ist es richtige Kunst, womöglich aber auch einfach nur Punkrock», sagt ein Anwohner des Viertels, lacht und lässt den von der obligatorischen Baseballmütze beschirmten Blick über die Strasse wandern. Während Guyton selbst sich immer mal wieder für Phasen aus dem Projekt zurückzieht, arbeiten die Nachbarn und Gastkünstler weiter an der Be- und Verarbeitung des Viertels – und die Kinder aus den umliegenden Blocks buhlen darum, mitmachen zu dürfen, bitte malen, malen, malen.

Surreale Freiluftinstallation

Acht Häuser umfasst das surreal wirkende Freilichtmuseum heute. Guyton selbst kam 1955 in ebendiesem Block zur Welt, als Sohn kleiner Leute. Damals standen noch gut 60 lebendig und dicht bewohnte Häuser in der Gegend. Polen und Deutsche – daher der Name Heidelberg – hatten sich als Erste hier niedergelassen. Später zogen schwarze Arbeiter aus dem Süden der USA hinzu, auf der Flucht vor rassistischen Übergriffen und angelockt von den Jobs, die der boomende Norden versprach. Als der kleine Tyree neun Jahre alt ist, drückt ihm sein Grossvater Sam, ein Anstreicher, aus einer Laune heraus einen Pinsel in die Hand, nur mal zum Ausprobieren. «Es war, als hielte ich Feuer in meinen Händen», erinnert sich Guyton. Irgendetwas packt den Jungen – und lässt ihn nicht mehr los. Vielleicht ist es schon damals, Mitte der Sechzigerjahre, kurz vor den schweren Rassenunruhen, die Detroit 1967 erschüttern werden, das unwiderstehliche Gefühl, auf sichtbare Art und Weise eingreifen, die eigene Wirksamkeit spüren zu können.

Jahre später, nachdem er als Automechaniker und Feuerwehrmann gearbeitet, Geld gespart und schliesslich ein Kunststudium an der Wayne State University abgeschlossen hatte, bemalte Guyton als Erstes das Haus seiner eigenen Familie mit grossen bunten Punkten, die an Jellybeans erinnerten, die Lieblingssüssigkeit seines Grossvaters, und nannte das Kunstwerk das «Dotty Wotty Haus». Es war der Ausgangspunkt des «Heidelberg Project». Als Fotomotiv besonders beliebt ist mittlerweile das «Party Animal House»: Hunderte Stofftiere sind an dessen Fassade genagelt, vor allem Füchse und Waschbären. «Zum einen sind diese Tiere hier, in der weitgehend verlassenen Gegend, unsere natürlichen Mitbewohner», erklärt Guyton. Zum anderen habe er selbst als Kind solche Plüschtiere als Spielzeug immer vermisst.

Keine der «Heidelberg Project»-Installationen ist «nur» bunt oder «nur» unterhaltsam. Auf subtile, manchmal zart ironische, gelegentlich brutal bizarre Art erzählen die bewohnten, belebten Kunstwerke von den Verhältnissen. Die «Motor City»-Installation etwa huldigt dem Stolz einer untergegangenen Arbeiterkultur und dem Fetisch Automobil. Schuhe, die an Ästen baumeln, erinnern gespenstisch an die Lynchmordopfer des Rassenwahns in den Südstaaten. Zweimal, 1991 und 1999, haben die Behörden das «Heidelberg Project» zwangsgeräumt beziehungsweise weitgehend zerstört. «Wir waren denen zu unbequem, es war Wahlkampf, und so haben sie versucht, es plattzumachen, um von den wahren Problemen abzulenken», sagt Guyton. Und das, obwohl er kurz vor der zweiten Räumung noch offiziell als «ehrenwerter Sohn der Stadt»ausgezeichnet worden war. Mittlerweile hat Heidelberg vor allem eine wichtige soziale Funktion übernommen. «Eines unserer Kinder, ein Knabe aus einer sehr armen Drogenfamilie, geht inzwischen sogar aufs College und schreibt gute Noten. Wir sind so etwas wie seine Mentoren», sagt Guyton. Und: «Kunst ist einfach ansteckend.»

In seinem Schweizer Exil will er sich nun selbst «anstecken» lassen. «Ich denke, ich werde Tage oder Wochen damit verbringen, mir die Berge anzusehen, ‹the Alps›. Gut möglich, dass ich selbst gar nicht so sehr viel malen werde in meiner Schweizer Zeit», sagt Guyton. «Ich will vor allem schreiben, darüber, was Kunst heute ist, was sie kann, was sie bewirkt. Ich will die Kunst noch einmal neu definieren. Ich werde eine ganze Serie relativ kurzer Manifeste verfassen.» Es klingt wie ein ziemlich gut durchdachtes Programm. Dann überlegt er es sich noch einmal anders: «Aber wenn ‹es› dann wirklich zu mir spricht . . . wer weiss, was dann passiert.»