Rezension, im Sommer 2013 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, im Zürcher Tages-Anzeiger und in der Wiener Zeitung erschienen.

Amerika löst sich auf

Wir befinden uns im Jahr 2007, in North Carolina. Da, wo der Tabak wächst. Wir sitzen in einem Auto. Mit Matt Orr, 25, soeben aus dem Irak-Krieg heimgekehrt, und mit Matts Vater. Der holt seinen Soldaten-Sohn vom Flughafen ab. Und wie Matt und Dad so durch die Landschaft fahren – die Orte tragen freundliche Namen wie „Welcome“, „Advance“ und „Eden“ – freut sich der junge Mann über die Hügel, die Bäume, das Gras. Im Vergleich zu Wüstengelb, Tarnfarbenbeige und Menschenblutrot kommt ihm das grüngrüne Amerika gerade vor wie die schönste Ecke in Gottes Showroom.

Das Militär hat ihn stark gemacht, findet Matt, und will sofort loslegen mit seinem zivilen Leben. Er findet einen Job in einer Fabrik für Kupferrohre. Als er feststellt, dass man ihm für die schwere Arbeit weniger bezahlt als schwächliche Schüleraushilfen 1980, zwei Jahre vor seiner Geburt, bekamen, sucht er sich etwas anderes. Was nicht so einfach ist. Er landet bei der Einzelhandelskette Kmart, als „Loss Prevention Manager“, Kaufhausdetektiv. Eines Tages muss er dort einen Mann festhalten, der ein Zelt stehlen wollte, ein Arbeitsloser, der keine Bleibe mehr hat. An jenem Tag fällt Matt auf, dass er selbst einfach zu wenig verdient. Er hört sich im Freundeskreis um, verfolgt die Nachrichten. Und kommt darauf, dass niemand im großen Amerika auf ihn gewartet hat. Dass einer wie er, egal, wie fleißig, pünktlich, fit er ist, nie mehr als 8,50 Dollar pro Stunde verdienen wird – gerade genug für sein Untermietzimmer, viel zu wenig, um eine Familie zu gründen, auf ein Auto zu sparen, all die Dinge zu tun, die ein amerikanischer Mann eigentlich tun muss. Die Abende verbringt er vor dem Fernseher, mit ein paar Flaschen Bier. Und mit der Andy-Griffith-Show, einer „Waltons“-artigen Serie aus den Sechziger Jahren. „Damals war es ein besseres Amerika“, denkt Matt, und hat keinen Schimmer, wie es weitergehen könnte, mit ihm persönlich, mit dem großen Ganzen.

Leider gibt es gerade auch sonst niemanden, der Bescheid wüsste. „Jeder sollte einfach Software-Experte oder Finanzmanager werden“, schreibt George Packer in seinem Buch „The Unwinding. An Inner History of the New America“, das dieser Tage in den USA weit oben in den Bestsellerlisten steht und so leidenschaftlich diskutiert wird, wie es geschrieben ist. „Die Eliten nahmen es als gegeben hin, dass es keine Jobs zwischen acht Dollar und einem sechsstelligen Jahresgehalt mehr gab. Sie hatten keine Antworten mehr auf die Probleme der Mittelschicht.“

Der Große-Bruder-Staat, kurz vorm Ausrasten

„Unwinding“ bedeutet so viel wie „Abwicklung“ oder „Auflösung“. Und wer ein kleines bisschen besser verstehen will, was gerade los ist, drüben, im Große-Bruder-Staat, der überall Feinde wittert, obwohl er in sich selbst zutiefst zerstritten, gespalten, sozusagen kurz vorm Ausrasten ist, der sollte dieses Buch lesen. Wenn nicht jetzt auf Englisch, dann in einigen Monaten, wenn das Buch im Fischer Verlag auf Deutsch erscheint. Es ist vermutlich das amerikanischste Buch, das seit mindestens fünfzig Jahren geschrieben wurde – und hat doch auch sehr viel mit Europa zu tun, mit der grotesken Jugendarbeitslosigkeit im europäischen Süden und mit den um Leiharbeit bereinigten Arbeitsmarktstatistiken im Norden. Letztlich hat es auch mit Bangladesh zu tun, vielleicht sogar mit dem Tahrir Platz. „The Unwinding“ holt die Globalisierung zurück nach Hause – zurück in den Schoss des so genannten freien Marktes und der so genannten Krise. Es zeigt, was die Gegenwart im Leben von Menschen anrichtet. Es erzählt also nichts Neues. Aber wie es erzählt ist, ist bemerkenswert. Es ist eines der Bücher, die in zwei- oder dreihundert Jahren helfen werden, zu verstehen, wie das Leben jetzt gerade aussieht.

Die gut vierhundert Seiten lesen sich so spannend wie ein Jahrhundertroman, der den Namen verdient. Von dröhnender Thesendrescherei bleibt man bei Packer, der hauptberuflich für den „New Yorker“ schreibt, weitgehend verschont. Genau das ist vielleicht das Alleramerikanischste an seinem Buch: Er ist stinkwütend, besonders auf die von ihm identifizierten „Eliten“. Aber statt sich selbst zum Experten aufzublasen, erzählt Packer Geschichten. Von realexistierenden Menschen. Stories, die sich mehr oder weniger tatsächlich so zugetragen haben, beziehungsweise: die ihm eben so erzählt wurden.

Jeder, der schon mal in Amerika war und sich etwas näher rangetraut hat als die Touristen-Schutz-Programme „X-Mas-Shopping in New York“ oder „Disney in Florida“ erlauben, kennt das: Wie schnell Amerikaner ins Erzählen kommen, einfach so, spontan, quer über den Kneipentisch. Je schäbiger die Umgebung, desto toller meist die Geschichten. Man verhandelt etwa in einem Kaff in einem muffigen Autovermietungsbüro, ob man das Navi für umsonst dazu bekommt, und prompt erzählt der Automensch, der natürlich Bill heißt: „Ich habe übrigens fünf Kinder in sieben Bundestaaten. Nein – wait a minute. Es sind sieben Kinder in fünf Staaten.“ Wenn Bill dann seinen Goldzahn blitzen lässt, weil er seine eigene Entertainment-Nummer irre komisch findet, weiß man, Bill findet einen sympathisch, Bill macht einem gerade ein Kennenlern-Kumpelei-Angebot. Vielleicht hat er überhaupt keine Kinder, nicht mal ein Haustier. Aber darauf kommt es nicht an! Wer das nicht versteht, dieses narrative Element in der US-Gesellschaft, der versteht das ganze Amerika nicht.

„The Unwinding“ ist voll von solchen Bills. Da ist etwa der störrische Klein-Unternehmer Dean Price. Etliche Tankstellen hat er besessen, bis er pleite ging, weil die Buchhaltung nicht sein größtes Talent ist, aber auch, weil monopolartig aufgestellte Billig-Ketten alles platt machen, was „freies“ Unternehmertum im wörtlichen Sinne ist. Aber Dean ist eben Amerikaner, und so hat er gleich eine neue Vision im Kopf: das gebrauchte Fritieröl aus Fettbratereien einsammeln und Bio-Diesel draus machen! „Warum nicht eine Tauschwirtschaft einführen?“, denkt Dean, keine „Mass Production“ mehr, sondern „Production of the Masses“. Interessanterweise werden solche Überlegungen dieser Tage auch von den Avantgarden der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften angestellt. Dean ist also ganz vorne dabei. Gleichzeitig glaubt er an das Recht auf Selbstverteidigung mit Waffengewalt und kann den Erfolgsratgeber „Denke nach und werde reich“ aus dem Jahr 1937 auswendig. „Im Grunde will ich nur Farmer sein und meine Ruhe haben“, sagt er. Und genau darum geht es doch, wenn das vielfach vergewaltigte Wort „Freiheit“ im Spiel ist.

Oprah, Jay-Z und die Lobbyisten

Auch von Prominenten erzählt Packer, von Oprah Winfrey, Colin Powell, Superausverkaufs-Rapper Jay-Z und PayPal-Gründer Peter Thiel. Jede Story hat ihre eigene Logik. Sogar der Parteispendensammler Jeff Connaughton, der tief ins Lobbyisten-Geschäft abgeschmiert ist, wird halbwegs fair porträtiert: Irgendwann erkennt er sich selbst als Zweite-Reihe-Trottel der „Plutokratie“ – aber: „Wie hätte er die Dinge anders sehen können als die Banker, mit denen er studiert, gearbeitet und gesoffen hat, mit denen zusammen er reich geworden ist?“ Peer-Group-Pressure – auch so eine Mechanik.

Die Stories der Reichen und Schönen verschränkt Packer mit der Geschichte der Occupy-Aktivistin Nelini oder mit den Plots von „Sekretärinnen, die vielleicht 35.000 im Jahr verdienen und mit fünf Anlageobjekten zugleich jonglieren“ und in der „Housing Bubble“ alles verlieren. Heraus kommt eine Collage des Gegenwarts-Irrsinns. Ein O-Ton-Protokoll aus einem Land, dessen Schnellstraßen „gesäumt sind von Werbetafeln, auf denen Abtreibungen und das Jüngste Gericht nebeneinander stehen, gleich neben Werbung für Musterhäuser und Fettabsaugungen.“

Dass man beim Lesen automatisch Partei für die Gebeutelten ergreift, ergibt sich schlicht aus der Logik der Geschichten. Packer deutet selber an, dass er „Kleine Leute“-Schriftstellern wie Raymond Carver oder Dos Passos folgen will. Sozialkitsch kann man ihm allerdings nicht vorwerfen. Indem er das Scheitern, die Widersprüche und die Zynismen aus den oberen wie den unteren Etagen aufschreibt, kommt er dem, was man „Zeitgeist“ nennt oder auch „Sozialpsychologie“, einfach viel näher als irgendeine Statistik es könnte.

Alles schön und gut, es fehlt trotzdem an Theorie, an Analyse, mäkelten einige US-Kritiker, etwa David Brooks, der im Jahr 2000 mit seinem Buch über „Bobos“, gut und besser verdienende „Bourgeois Bohemians“, bekannt wurde. Ebenjene Bobos sind bei Packer jetzt Teil des Problems, vor allem die Bobos, die sich als „links“ verstehen: „New York und Hollywood und das College-Campus-Leben war für sie Jahre lang wichtiger als Washington. Der politische Kampf drehte sich jahrelang nur um Kultur.“ Packer markiert sehr klar den Punkt, von dem an es abwärts ging mit der „goßartigsten Mittelschicht, die die Welt je gesehen hat“. Es war die Clinton-Regierung, die etwa den Glass-Stegall-Act gekippt hat, der seit der Großen Depression das Kreditgeschäft regulierte. Es ist Barack Obama, ein „progressiver Insider, kein populistischer Outsider“, dessen Berater „viel zu freundlich zur Wall Street sind“. Und es sind die Gewerkschaften, die sich von mächtigen Konzernen erpressen lassen, statt zu kämpfen.

„The Unwinding“ ist ein scharfes, ungeheuer US-kritisches Buch. Als Amerika-Hasser kann man es hochhalten und rufen: „Da seht Ihr, was daraus wird!“ Andererseits ist es ein höchst patriotisches Buch. Es ist eine zornige, trotzige Liebeserklärung, eine fast schon verzweifelte Beschwörung des sowieso schon fast zu Tode beschworenen „amerikanischen Traums“. Der ist, wie Packer es sieht, eindeutig nicht in den Hinterzimmern von „Corporate Amerika“ zu Hause, sondern dort, wo manchmal „schon ein geplatzer Reifen oder ein ausgebliebener Lohnscheck das Leben eines Menschen unwerfen kann.“ Also praktisch auch bei uns.

George Packer: The Unwinding. An Inner History of the New America. Farrar, Strauß and Giroux, New York (Mai 2013) – der Fischer Verlag plant eine deutsche Übersetzung.