Drei Pop-VeteranInnen, drei Bücher: Susan Sontag – Thomas Meinecke – Detlef Kuhlbrodt.
Sammel-Rezension, unter dem Titel “Engel in der Verweishölle” im Oktober 2013 im FREITAG erschienen.

Es begann vor einem halben Jahrhundert als eine Art Geheimwissenschaft, aber inzwischen ist es Gemeingut: das Denken und Sprechen in der Pop-Matrix. Ganz selbstverständlich bewegen wir uns in der Zeichensprache des Populären. Werbesprüche, Skandalkleider, Suppendosen: Wir können diese Dinge lesen, können ihre Botschaften entziffern, je nach Kontext. Wir wissen zum Beispiel, dass eine Lederjacke nie nur eine Lederjacke ist. Ein- und dieselbe Jacke wird zu etwas völlig anderem, wenn sie statt von Jonathan Meese von Daniela Katzenberger getragen wird. Und wenn die CDU zu ihrem Wahlsieg einen Song der Toten Hosen spielt, erkennen die meisten Zuschauer sofort, dass das ein Riesenproblem ist. Nicht für die CDU, sondern für die Toten Hosen. Es lässt sich schwer in Worte fassen, aber jeder versteht es. Genau das ist: Pop.

Drei neue Bücher erlauben jetzt einen Blick in diese Gehirnmechanik. Im Hanser Verlag erscheint der zweite Band der Tagebücher von Susan Sontag (1933-2004), der amerikanischen Ur-Mutter der Pop-Theorie. Der Verbrecher Verlag hat eine Kolumnensammlung des Schriftstellers und Musikers Thomas Meinecke (*1955) aufgelegt. Und der Suhrkamp Verlag bringt eine Art Alltags-Journal des taz-Kolumnisten Detlef Kuhlbrodt (*1961). Es sind drei Bücher mit Skizzen-Charakter, und alle drei erzählen von den Freuden, aber auch von den Grenzen des Pop-Denkens.

„Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke“ ist der Titel, unter dem Sontags Notizen jetzt vorliegen, herausgegeben von ihrem Sohn David Rieff. Der Band streckt sich über die Jahre 1964 bis 1980. Es ist die Zeit, in der Sontag sich als „Femme des lettres“ schon etabliert hatte und ungeheuer produktiv war. Aber auch eine Zeit, in der sie sich in unglücklichen Liebesgeschichten aufrieb und vielleicht mehr Amphetamine schluckte, als ihr gut taten.

Susan Sontags “Anti-Schwulst”

Oft knallt Sontag in jenen Jahren nur hastige Zweizeiler aufs Tagebuchpapier. Es wirkt, als ob sie sich beim Denken anfeuern wollte, und es liest sich etwa so: „William Colgreve – symmetrisch (wie Billiard): Leidenschaft A, Leidenschaft B. Molière?“ Oder so: „Neuer Stil: Anti-Schwulst“. Oder: „18. Jh. – keine Schuld, Atheismus, philosophisch, polemisch. 19. Jh – Schuld, Grauen“. Das Lese-Vergnügen stellt sich ein, wenn man an ein Stichwort anknüpfen kann, wenn man, ganz banal, die erwähnten Namen und Referenzen kennt. Dann begreift man, dass in jedem Sontag-Zweizeiler fünf bis acht ellenlange Essays stecken, die womöglich nie geschrieben wurden.

Wenn Susan Sontag über Susan Sontag nachdenkt, treibt sie ihre Selbstbefragung oft bis zur Selbstzerfleischung. Aber ausgerechnet an einer der persönlichsten Stellen ihres Tagebuchs scheint der Kern des Pop-Prinzips am deutlichsten auf. Es handelt sich um einen Eintrag aus dem August 1977. Sontag ist da als Essayistin weltweit respektiert und immerhin schon 44 Jahre alt – und notiert, in aller Ernsthaftigkeit, folgendes: „Was ich nicht mag: Fernsehen, baked beans, haarige Männer, kaltes Wetter, den Geschmack von Lakritze, Taschenbücher, flache Kissen, Katzen, Regenschirme, Sommersprossen, Umschläge ablecken, Nasentropfen, Hackbraten, Duschen, Stehen, Kartenspiele.“ Und sie ergänzt: „Was ich mag: Venedig, Tequila, große Langhaarhunde, Babys, Stummfilme, Stiefel, Sushi, Mikroskope, im Schneidersitz sitzen, Taxi fahren, große Räume, Pullover, Listen aufsetzen.“

Sie erstellt Film-Listen, Literatur-Listen,„Mutanten“-Listen (von Kaspar Hauser bis Superman). Und schon 1967 erklärt sie sich selbst, was es mit ihrem „Drang, Listen aufzusetzen“ auf sich hat: „Ich erkenne Wert, ich verleihe Wert, ich schaffe Wert. (…) Die Dinge existieren erst dann, wenn ich mein Interesse an ihnen kundtue, indem ich zumindest ihren Namen aufschreibe.“ Sie notiert weiter: „Es gibt keine neutrale Oberfläche.“ Das Wort „Pop“ nimmt Sontag damals, in den 60er Jahren, nicht in den Mund. Sie spricht von „der neuen Wahrnehmungsweise“. Eine junge amerikanische Künstler- und Denker-Generation versuchte, sich die Welt auf neue Art zu erschließen – und die Sontagsche Liste ist dabei ein Schlüssel-Instrument, denn sie hilft, den Zeichen-Wust zu ordnen. Heute spielen wir mit To-do-Listen, Must-Have-Listen, So-hot-so-not-Listen. Oder wir machen uns gleich selbst zu einer Liste, etwa bei Facebook: Bevor man sich dort mit einem Fremden befreundet, kann man dessen Lieblingsbands und -Bücher studieren. Um sich dann, auf Listen-Basis, zu entscheiden: Sympathie oder Antipathie?

Thomas Meineckes “Verweishölle”

Was für Sontag die Liste, ist für Meinecke die Kiste. Der Band „Analog“ enthält eine Sammlung kurzer Kolumnen, die Meinecke zwischen 2007 und 2013 für das Musikmagazin „Groove“ verfasst hat. Meinecke spielt mit seiner Partnerin, der Künstlerin Michaela Melián, in der Band FSK, ist als House-DJ unterwegs und schreibt sonst hochkomplexe Quasi-Romane. Als Pop-Intellektueller der zweiten Generation begreift er das Musikhören als „kulturelle Lesetechnik“ und denkt „in sonischen Bezügen“. Er nennt sich selbst einen „Popisten“ und berichtet von seiner Liebe zum Vinyl. Und von dem „bibliophilen Gefühl“, das sich einstellt, sobald er in einer Plattenkiste blättert. Oft ist die „Kiste“ einfach zu klein für all das, was vom Kopf her hinein müsste: „Es passen nun einmal nur 90 Vinyl-Scheiben in meine Kiste (ich reise mit der Bahn).“

Als „Verweishölle“ hat Meinecke das Denken in Pop-Mustern einmal bezeichnet. In „Analog“ schreibt er über Voodoo-Kulte und den „Reinhold Messnerschen Schnauzbart“, über Bässe, Disco, Jazz und House, und das so ideenreich und super-assoziativ, dass auch symbolisch aufgeladene Wörter wie „Stalingrad“ und „Dufflecoat“ noch hineinpassen. Nie geht es ihm nur um die Musik. Oder, wie Meinecke es ausdrückt: „Ich glaube nicht ans Vordiskursive.“ Er interessiert sich für Geschlechterkonstruktionen und wie diese sich in der Club-Szene, in Tanz- und Mode-Stilen wiederspiegeln oder gebrochen werden, als „sexuelle Dissidenz“. Das ist die die gute alte Sontag-Schule: die Zeichen auf ihren politischen Gehalt abzuklopfen.

Öfters bekomme er zu hören, dass er „unverständlichen Scheiß“ schreibe – merkt Meinecke selber an. Manchmal weiß er einfach zu viel. Aber nie dröhnt er sein Wissen wie ein Herrschaftswissen heraus. Eher breitet er es aus wie einen Spielteppich, von dem jeder sich ein paar Flusen zupfen kann, nach dem Prinzip: Sharing is caring. Meinecke denkt auch laut über die „Ambivalenz des Connaisseurtums“ nach, und darüber, wie Pop-Theorie auch mal an der Praxis vorbeireden kann. Einmal sitzt er mit dem Techno-Veteran Jeff Mills auf einem Podium – und stellt fest, „dass ich bereits im Ansatz badengegangen bin, als ich ihm erklären wollte, wie politisch seine destruktive Musik doch sei.“

Wie gut solche Selbstironie dem Journal von Detlef Kuhlbrodt getan hätte. „Umsonst und draußen“ heißen die Episoden, die er zwischen 2006 und 2008 zusammengetragen hat, als „Dokumentarist“, wie es im Klappentext heißt. Vor allem schreibt Kuhlbrodt über sich selbst. Seit den 80er Jahren arbeitet er als freier Film- und Musikjournalist, hauptsächlich für die taz. Und das Problem mit seinem Buch ist, dass er darin wie die Karikatur von jemandem erscheint, der seit den 80er Jahren als freier Film- und Musikjournalist arbeitet, hauptsächlich für die taz.

Detlef Kuhlbrodts Kiffereien

Der erzählte Kuhlbrodt bewegt sich zwischen seiner Wohnung und ein paar Kneipen – wo er kiffen kann, so viel er will. Manchmal besucht er sein Elternhaus oder sitzt als prekärer Autor in einer Redaktion – wo er nicht so ungezwungen kiffen kann. Er schaut WM-Fußballspiele in türkischen Lokalen (Kiffen nicht erwünscht) und besucht Open-Air-Veranstaltungen, die nach dem titelgebenden „Umsonst und draußen“-Prinzip funktionieren (wo das Kiffen dann wieder voll in Ordnung ist). Nicht, dass gegen das Kiffen etwas Nennenswerter einzuwenden wäre. Es ist nur nicht so wahnsinnig interessant. Wenn man bei der Lektüre den zehnten oder elften Joint hat anglimmen sehen, vor dem inneren Leserinnenauge, ist man selber schon ganz fluffig. Und es stellt sich ein bleischweres „So what?“-Gefühl ein, das bis zur Ende des Büchleins nicht mehr verfliegt.

Womöglich ist es nicht ganz fair, die Kuhlbrodtsche Identitäts-Arie in einem Zug mit Sontag und Meinecke zu lesen. Er spielt einfach in einer, nun ja, anderen Liga. Das Reflektieren ist nicht so seine Sache, er ist wohl eher der „fühlende“ Typ. Eine Menge populärer Symbole flicht er ein, von Che Guevara über Guido Knopp bis zur RAF. Vor allem beschäftigt er sich mit den „Höhepunkten der Hippiekultur“ – und ist auch damit das Gegenteil von Meinecke, der den Hippie-Kult stets als „rockistischen“ Kitsch abgelehnt hat. Kuhlbrodt umreißt ein „Juste Mileu“, wie ein älter werdender Großstadt-Kiffer es sich offenbar erträumt: „Wir erkannten uns als Mitglieder im Club der Enttäuschten.“. Und die Mitglieder dieses Clubs denken, ganz ungebrochen und sehr von sich überzeugt, dass es „doch gut sei, auf der Seite der Andersdenkenden zu sein.“ Meinecke – hilf! Sontag – erlöse uns!

Einige ernste Themen reißt Kuhlbrodt an, etwa den Tod seines Vaters und die Krebserkrankung eines Freundes. Aber das ändert nichts an der anachronistischen Floskel-Haftigkeit des Texts. Mit „Umsonst und draußen“ führt Kuhlbrodt vor, was im schlimmsten Fall mit der Zeichensprache des Populären geschieht: Sie kann auch einfach für eine sehr aufdringliche Selbstvergewisserung missbraucht werden – als Folie über der Folie. „Wie angenehm sich das doch anfühlt, eine Jeansjacke zu tragen!“, heißt es bei Kuhlbrodt. Oder: „Die Buchstaben auf dem Bildschirm sahen billig aus“. Und es bleibt dabei: „So what?“

„Ästhetik allein reicht nicht“, schreibt Susan Sontag in ihren Tagebüchern. Je älter sie wird, desto kritischer sieht sie „die neue Wahrnehmungsweise“. 1980 notiert sie: „(Die Ideologie der Moderne) rückt das Spektakel an die Stelle einer komplexen Gesamtheit.“ Und sie schimpft: „Keine Lösung? Keine Probleme? Unsinn! Modernistisch-nihilistischer Klugscheißerquatsch!“

Merkwürdigerweise gibt es noch keinen Pop-Song über Susan Sontag. Das wäre doch ein schönes Projekt für Thomas Meinecke. Mit seiner Band FSK hat er einmal ein Stück über Beate Klarsfeld aufgenommen, Titel: „Eine Ohrfeige für Kurt Georg Kiesinger“. Und eigentlich müsste der Song „Susan, tell us all about it“ doch auch schon längst komponiert sein.