SÜDHESSEN: WELTGEIST UND MACHT

Erschienen im Oktober 2018 in der taz – gemeinsam mit einem Text von Ambros Waibel zu Nordhessen – unter dem Arbeitsgedanken Unbekanntes Hessen und mit Blick auf die kurz darauf stattfindende Hessen-Wahl

Als Arbeitsmigrantin fahre ich oft mit dem Zug quer durch die Republik – vom schlecht gelaunten Nordosten zur milden mittelgebirgigen Mitte hin. Zwecks Familienbesuch. Um im südhessischen Wohnzimmer meiner Eltern ein Rippchen mit Kraut zu essen, ein wunderbar unmodisches Stück Fleisch, viel zu blass, um es für ein Instagram-Schaufenster ansehnlich fotografieren zu können.

Wenn das Kraut auf dem elterlichen Esstisch in der Schüssel dampft und wir wieder mal dummschwätzend beeinander sitzen – Merke: Beim Dummschwätzen kann es durchaus clever zugehen! Es ist einfach ein südhessisches Idiom für “ins Blaue palavern”, für eine engagierte und ergebnisoffene Unterhaltung –, dann findet der ganze Clan es ziemlich witzig, sozusagen lebensironisch: Dass ich in Berlin anschaffen gehe. Im zittrigen, bekanntlich immer noch armen Zentrum der Thesen-Dreschereien, der Trend-Ausrufungen und des Who-is-Who-Gebabbels. Das dicke Geld sitzt ja ganz woanders – nämlich da, wo ich herkomme und wohin ich nun per Spartarif pendele: Die wahre Macht wohnt in Mainhattan.

Knapp fünf Stunden dauert die Fahrt, sie kreuzt das frühere Zonenrandgebiet, und wenn ich zwischen Kassel und Fulda durch lange Tunnel und an mittelprächtigen Landschaften vorbei rausche, lege ich oft meine Stirn ans Waggonfenster und spüre, wie meine Körperspannung nachlässt. Sattgrüne Hügelchen, grellgelbe Raps-Tupfer dorten und hienieden. Oh, was ist das? Etwa vier Rehe, die Can-Can tanzen? Nein, es ist wohl ein rostiges Ackergerät, dort hinten, unter jenem urgesunden Apfelbäumchen. Hauptsache keine vom Kreiskulturamt geförderte Kunst-Installation!

Je weiter ich so schon gefahren bin, desto lockerer lassen meine Mundwinkel. Etwa ab Hanau, spätestens bei Offenbach, hat mein Nasolabialbereich die angemessene Haltung gefunden. Hängende Mundwinkel sind die Basis fürs Hessischsprechen. Als NichthessIn probiere man es einmal aus – sprechen Sie folgenden Leitsatz nach, mit möglichst schlapper Unterlippe: Da gehd’s de Mensche wie de Leud. Et voilà, you get the feeling. Das ist Menschenfreundlichkeit, gewürzt mit einer Dosis Stoizismus, dargeboten mit unaufdringlicher, die Abgründe schon erahnen lassender Lässigkeit. Das, meine Damen und Herren und andere, ist hessische Existenzphilosophie.

Was HessInnen gern lessisch einstreuen, wenn man ihnen mal wieder grobe Dabbischkeit, also Blödheit unterstellt: Goethe kam aus Frankfurt am Main. So wie das berühmte Würstchen. Die Gebrüder Grimm stammten aus Hanau. Georg Büchner aus Goddelau. Philip Reis erfand das Telefon in Friedrichsdorf. Und Deniz Yücel kommt aus Flörsheim.

Ja, nehmen wir die jüngere Vergangenheit und Gegenwart: In Frankfurt pumperten schon technoide Detroit-Rhythmen durch die Clubs, während in Berlin noch der – rein weiße – Bowie-Neubauten-Lederjacken-Kitsch den Ton angab. In den Bars der U.S.-G.I.S. und bei ihrem Sender AFN lief ohnehin die schärfste Musik. Man denke auch an die Flüchtlingsdramen der 1980er und 90er Jahre am Frankfurter Flughafen. Natürlich auch an die internationale Hochfinanz – jetzt auch mit EZB, Halleluja! Und an die nicht minder globale Schattenwirtschaft zu Füßen der Spiegelglastürme, Drogen, Prostitution, Handel mit vom Laster gefallenen Gütern aller Art. Die Quandt-Familie im Taunus, die Armut am Frankfurter Berg. Die Frankfurter Schule, Adorno un all die annern. Der Häuserkampf, die Antisemitismus-Debatten, Faßbinder, Walser, stets mittendrin: Ignatz Bubis. Und bis heute verlässlich auf Sendung: Anja Kohl mit Börse vor Acht.

Als aus zwei Deutschlands überraschend wieder eines wurde, im Jahr 1989, tötete die RAF den Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen mit einem Sprengsatz, exakt drei Wochen nach dem Mauerfall, 500 Meter von meinem hessischen Gymnasium entfernt (wir bekamen schulfrei). Im selben Jahr entstand in Frankfurt das “Amt für multikulturelle Angelegenheiten”, die bundesweit erste kommunale Behörde, die sich um die Integration und Gleichberechtigung aller BewohnerInnen bemühte. Unlängst ergriff Eintracht-Frankfurt-Präsident Peter Fischer das Wort gegen Rassismus im Sport. Ja, in Hessen, dieser Transitzone in der Mitte Europas, fand die Globalisierung schon statt, wurde Weltoffenheit schon praktiziert, lange bevor andere überhaupt Worte dafür fanden. Und dabei sind die SüdhessInnen keineswegs alle GroßkapitalistInnen, im Gegenteil: Man lästerte schon über Management-Denglisch – Ei em werri bissi, gell? –, lange, bevor man anderswo den bitteren Witz darin erkannte.

Die Frau, der Mann von Welt: Sie sind HessInnen. Das sollte man stets im Hinterkopf haben, wenn man auf die nun anstehende Hessen-Wahl blickt. In Hessen wohnen Weltgeist und Macht, und ich würde sagen: Berlin zittert zu recht.