Erschienen im Februar 2016 im Freitag

Irmgard Keuns Roman „Kind aller Länder“ wurde neu aufgelegt – genau das richtige Buch in Zeiten der Migration

Sie ist gerade zehn Jahre alt und hat schon sehr viel gesehen von der Welt: Frankfurt am Main und Lemberg in Polen, Nizza, Paris, Brüssel, Amsterdam. Dann geht es per Schiff auch noch über den Ozean, nach New York. Aber kaum irgendwo angekommen, erklären die Eltern dem Mädchen, dass die Koffer bald schon wieder gepackt werden müssen. Mutter, Vater und Kind sind auf der Flucht. Was es mit Pässen, Visa und Grenzkontrollen auf sich hat, versteht die Kleine schon recht gut: „Ein Pass ist ein kleines Heft mit Stempeln und der Beweis, dass man lebt. Wenn man den Pass verliert, ist man für die Welt gestorben. Man darf dann in kein Land mehr. Aus einem Land muss man ’raus, aber in das andere darf man nicht ’rein.“

Kully heißt dieses aufgeweckte, gehetzte Kind aller Länder. Es ist kein heutiges Mädchen aus Syrien oder Afghanistan, sondern die Erzählstimme in Irmgard Keuns fast vergessenem sechsten Roman, der jetzt bei Kiepenheuer & Witsch neu aufgelegt wurde. Kind aller Länder erschien erstmals 1938 im Querido-Verlag, der sich in Amsterdam auf deutsche Exilliteratur spezialisiert hatte, während nebenan, jenseits der Grenze, der Naziterror zum Schrecken Europas heranwuchs.

Wie das Kind Kully im Roman, floh auch Irmgard Keun vor den Faschisten. 1936 fand sie, wie andere verleumdete und verbotene Künstler, eine vorübergehende Zuflucht im belgischen Ostende. Dort wurden sie und der Schriftsteller Joseph Roth ein Paar. Ihre Verzweiflung ertränkten die beiden oft in Alkohol. Und sie feuerten sich in der Arbeit an: Während der zweijährigen Liaison schrieb Keun drei Romane, der bekannteste davon heißt Nach Mitternacht. Kurz nach der Trennung von Roth – und kurz bevor Keun kurzzeitig in den USA Zuflucht suchte – stellte sie Kind aller Länder fertig.

Riskante Perspektive

Die Geschichte der kleinen Kully kann man als Verarbeitung von Keuns eigener Unbehaustheit lesen. So hat es die Schriftstellerin in ihren späten Jahren selbst angedeutet. Literarisch ist der Roman vielleicht nicht ihr stärkstes Werk. Aber wenn man die Lage der Autorin mitdenkt, gewinnt die Kinderstimme im Buch eine zusätzliche Farbe – eine noch dunklere als ohnehin schon. Das Mädchen ist gewitzt, hintergründig, von den Umständen zu einem hohen Maß an Selbstständigkeit gezwungen: „Man muss dafür sorgen, dass man alles auf der Welt allein ’rausfindet. Ich habe auch schon viel herausgefunden“, denkt Kully. Erwachsenen gegenüber hegt sie Misstrauen: „Ich weiß nicht, ob es wahr ist (was sie mir sagen). Manchmal werde ich auch angelogen.“

Der Roman-Vater trägt Züge von Joseph Roth: ein trunksüchtiger, einst angesehener Schriftsteller, der in seinem Heimatland nicht mehr veröffentlichen kann. Die Mutterfigur ist nicht nur von der Flucht, sondern auch von der mutmaßlichen Untreue ihres Gatten erschöpft. Während das Paar mit der Tochter verzweifelt eine sichere Nische sucht, zieht sich die Schlinge fester zu: Österreich feiert seinen „Anschluss“, auch im Beneluxraum wird es eng, der Krieg beginnt. „Meine Mutter möchte Zimmermädchen sein und arbeiten, damit sie Geld verdient. Aber die Länder erlauben ihr nicht, dass sie ein Zimmermädchen ist“: So analysiert Kully, was mit ihrer Familie gerade passiert.

Es ist ein literarisches Risiko, einen Roman für Erwachsene aus der Sicht eines Kindes zu erzählen. Im schlimmsten Fall gerät das unerträglich niedlich – und langweilig. Der Kinderblick ist naturgemäß naiv, das Reflexionsvermögen einer solchen Erzählerfigur hat enge Grenzen. Andererseits kann, im besten Fall, genau damit eine überraschende und erhellende Perspektive gelingen. Wie gut das manchmal geht, hat zuletzt 2013 Lisa Kränzler mit ihrem Roman Nachhinein (Verbrecher Verlag) gezeigt: Zwei Schulmädchen von heute sind dort die Protagonistinnen, die eine wächst in einer Sozialsiedlung auf und erlebt Misshandlungen, die andere wird in einer Mittelschichtsfamilie mit Klavierstunden groß. Kränzler schreibt in der Sprache dieser Heranwachsenden und schafft es damit, den Klassengraben, der die beiden trennt, höchst eindringlich zu beleuchten.

Während der Nazizeit war die Kinderperspektive für manche Autoren eine letzte Möglichkeit, sich überhaupt noch schreibend auszudrücken. Hans Fallada etwa verkroch sich 1933, nachdem er bei der SA denunziert worden war, mit Frau und Kindern in ein Landhaus in Mecklenburg-Vorpommern, in die „Welteinsamkeit“, wie er es nannte. Für seinen scharfen Blick auf soziale Schieflagen war er bekannt geworden. Nun, unter den Nazis, ging er in die innere Emigration. Hoppelpoppel – wo bist du? und Geschichten aus der Murkelei hießen die Kindergeschichten, die Fallada 1936 und 1938 veröffentlichte. Er versank in Alkohol- und Morphinsucht. Kaum war der Terror beendet, begann Fallada mit dem Buch, das er eigentlich die ganze Zeit hatte schreiben wollen: Jeder stirbt für sich allein rechnete mit der denunziatorischen Nazi-Gesellschaft ab. Es entstand 1946 binnen weniger Wochen. Fallada lag da schon in einer Nervenklinik. Wenige Monate, nachdem das Manuskript fertig war, starb er, 53-jährig, an Herzversagen.

„Wir sind Emigranten, und für Emigranten sind alle Länder gefährlich“, sagt die kleine Kully. „Viele Minister halten Reden gegen uns, und niemand will uns haben, dabei tun wir gar nichts Böses und sind genau wie alle anderen Menschen.“ Es ist unmöglich, heute solche Sätze zu lesen, ohne die Bilder von Kindern vor Augen zu haben, die genau jetzt, in diesen Tagen, mit oder ohne Eltern an einen Grenzzaun gedrückt, in eine Warteschlange gequetscht oder verstört von einem wackeligen Boot geborgen werden. Oder eben: tot an einen Strand gespült werden.

Irmgard Keun lässt uns in Kind aller Länder in die Seele eines solchen Kindes blicken. Allerdings schläft Kully nicht im Freien, sondern oft in edlen Hotelbetten. Ein Trick ihrer Eltern: Man checkt in eine Luxusherberge ein und tut einfach erst mal so, als hätte man Geld – das macht einen weniger verdächtig. Bevor die Rechnung kommt, wird einem schon irgendetwas einfallen. Kully, die lange keine Schule mehr von innen gesehen hat, denkt unternehmerisch: „Ich habe mir überlegt, dass ich vielleicht aus Zigarettenschachteln Lesezeichen kleben und auf der Straße verkaufen kann.“

Kunstseidener Duktus

Geldsorgen quälten auch Irmgard Keun. Ihre ersten beiden Romane waren Bestseller, von Publikum, Kritikern und Kollegen gelobt. In Gilgi – eine von uns (1931) und Das kunstseidene Mädchen (1932) hatte sie einen sehr eigenen, humorvollen, aber auch kritischen Ton angeschlagen und ganz neue literarische Heldinnen gefunden: moderne junge Großstadtfrauen, mit wechselnden Liebschaften und Einnahmequellen. Ab 1933 zählten die Nazis Keuns Texte zur schädlichen „Asphaltliteratur“. Ihr Werk sei gekennzeichnet von einer „geistreichelnden, beweglichen Intellektualität“, die in ihrer „Standpunktlosigkeit ohne Bindung an die Werte ist, auf denen das völkische, sittliche und religiöse Gemeinschaftsleben beruht.“ Die Aufnahme in den Reichsschriftstellerverband wurde ihr verweigert, was einem Berufsverbot gleichkam. Sie ging – um nirgends neu Fuß fassen zu können. 1940 meldete eine britische Zeitung irrtümlich ihren Selbstmord. Ab- und ausgebrannt nutzte Keun den Moment, um mit falschen Papieren bei ihren Eltern in Deutschland unterzuschlüpfen. Zum Schreiben fand sie nie mehr richtig zurück.

Wie Keun dann ebenfalls in die Alkoholsucht stürzte und für lange Jahre in die Psychiatrie kam, bevor sie kurz vor ihrem Tod um 1980 wiederentdeckt wurde, skizziert die Lektorin und Autorin Katja Kulin in der Romanbiografie Irmgard Keun: Nach Mitternacht ein Leben, die kürzlich in der Herder-Spektrum-Reihe erschien. Kulin hat einen erzählerischen Ansatz gewählt, wie auch Volker Weidermann 2014 in seinem Buch Ostende: 1936. Sommer der Freundschaft. Auch bei Kulin liegt der Schwerpunkt auf der Liebe zwischen Keun und Roth. Was man an ihrer Erzählung leider schnell erkennt: Es ist mindestens so gewagt, eine Biografie in romanhafter Form zu schreiben, wie ein Kind zur Hauptfigur eines Romans zu machen. Bei Kulin geht das Experiment einigermaßen schief. Die Autorin bemüht sich, Keuns Sound und Mentalität aufzunehmen, ihren kunstseidenen Duktus. Leider verrutscht das oft in Stilblüten. Oder es wirkt übergriffig, etwa wenn die Biografin sich vorstellt, wie Keun sich in dieser oder jener Situation gefühlt haben mag. Das klingt dann etwa so: Irmgard Keun gibt einer Freundin ihre erste Kurzgeschichte zum Probelesen, wartet auf deren Reaktion – und Kulin weiß: „Wie ein schüchternes kleines Mädchen bei ihrem ersten Liebhaber kommt sie sich vor. Sie kennt sich so nicht.“ Als Irmgard einen Mann in einem Café kennenlernt, stürzt sie sich – natürlich – „kopfüber ins Gespräch“. Was den Band gerade noch so rettet, ist sein Stoff: Das Leben der Irmgard Keun ist hochinteressant und tragisch. Wer bislang (noch) nicht viel über sie wusste, erfährt bei Katja Kulin etwas über die entscheidenden Volten in diesem Leben. Und das könnte immerhin neugierig machen, Keun im Original zu erforschen.

Das Kind aller Länder gehört jedenfalls dringend in die Schule. Ernsthaft: In vielen Schulklassen sitzen jetzt Kinder mit einer Kully-Geschichte. Kleine Menschen, die eine Flucht hinter sich haben, sitzen neben solchen, die hier geboren sind. Beide werden gemeinsam groß, beide sind die Erwachsenen von morgen. Keuns kleiner Roman würde sich als Lektüre im Deutschunterricht, irgendwo zwischen Klasse 5 und 8, gut eignen. Nicht nur, um das Erbe dieser prächtigen Autorin weiterzutragen. Sondern auch, um den Kids einen Erfahrungsraum aufzuzeigen, den viele ihrer neuen Mitschüler hinter sich haben dürften. Und damit sie besser verstehen, worüber die Erwachsenen in den Nachrichten die ganze Zeit reden.

Kind aller Länder. Roman Irmgard Keun Kiepenheuer & Witsch 2016, 224 S., 17,99 €

Irmgard Keun: Nach Mitternacht ein Leben. Romanbiografie Katja Kulin
Herder Spektrum 2015, 256 S., 14 €