Erschienen im April 2016 im Freitag.

Weltschmerz: Walker Percys Roman „Der Kinogeher“ von 1961 ist wieder da. Zum Glück!

Gestatten, sein Name ist Bolling. Binx Bolling. Er ist noch keine 30, noch unverheiratet, ein Finanzmakler aus Gentilly, einem Vorort von New Orleans. Ein unauffälliges Mitglied der weißen US-Mittelschicht der späten 50er Jahre: „Ich bin Abonnent des Consumer Reports und besitze folglich einen erstklassigen Fernseher, ein (nicht gerade ruhiges) Klimagerät und ein sehr lang vorhaltendes Deodorant. Meine Achselhöhlen stinken nie.“ In einem Tresor bewahrt er seine Papiere auf, die Geburtsurkunde, das Collegediplom und seine Soldatenversicherung, er hat im Koreakrieg gekämpft. „Es ist ein Vergnügen, die Pflichten eines Bürgers zu befolgen und dafür eine Quittung oder eine saubere Kunststoffkarte mit dem eigenen Namen drauf zu kriegen, die einem sozusagen das Existenzrecht bescheinigt.“

Handke hat es übersetzt

Schon in dieser Selbstskizze, gleich zu Beginn des Romans Der Kinogeher vonWalker Percy, klingt ein dunkler Unterstrom an, etwas, das zwischen Neurose und Nihilismus changiert. Und es steckt ein Wort darin, das frontal auf das Problem des Protagonisten verweist: das „Existenzrecht“. Worum geht es im Leben, wozu sind wir hier? Es kann ja nicht sein, dass der Mensch dazu verdammt ist, im Alltagsquark – sauberes Auto, Familienfeiern, Shopping – zu versinken. Oder doch? Sollte er nicht nach Höherem streben? All diese Fragen quälen den äußerlich so aufgeräumt wirkenden Binx Bolling. Die große Sinnfrage nennt er „die Suche“: „Die Suche ist etwas, das jeder unternähme, wäre er nicht in die Alltäglichkeit seines Lebens versunken. Sich der Möglichkeit der Suche bewußt zu werden, heißt: etwas auf der Spur zu sein. Nichts auf der Spur zu sein, heißt: Verzweiflung.“

Auf seine eigene Art ist der Romanheld also ein Existenzialist, ja, er ist gewissermaßen der US-Cousin von Albert Camus‘ Meursault, dem Fremden von 1942. Man könnte sich Binx Bolling auch gut in einem Roman von Jean-Paul Sartre vorstellen, und bei Gustave Flaubert hätte er im Grunde auch schon mitspielen können. Hier die Gemeinschaft mit all ihren Regeln – dort die Freiheit des Einzelnen. Hier die Ablenkung mit Konsum und Unterhaltung – dort der ennui, die Melancholie, die Trauer über einen imaginierten Werteverlust: War früher, als es den ganzen Fortschritt und den Individualismus noch nicht gab, nicht doch alles besser? Das Hin- und Hergeworfensein zwischen diesen Polen prägte das 20. Jahrhundert, es zieht sich wie ein roter Faden durch seine Literatur. Es ist das Leiden an der Moderne – an der „flüchtigen Moderne“, wie es der polnische Philosoph Zygmunt Bauman einmal formulierte.

Die „moderne Malaise“ sei sein Thema, erklärte der Südstaatenschriftsteller Walker Percy (1916 – 1990), und die Leitfrage seiner Arbeit umriss er so: „Warum ist der Mensch im 20. Jahrhundert so traurig?“ Der Kinogeher war Percys erster Roman. Als er 1961 erschien, wurde er in den USA zu einer kleinen Sensation. Beim National Book Award 1962 schlug der Kinogeher Joseph Hellers Catch-22 undJ. D. Salingers Franny and Zooey.Bis heute führen US-Feuilletons den Kinogeher in ihren „100 Bücher, die Sie gelesen haben müssen“-Listen. Der Literaturwissenschaftler Harold Bloom nannte den Roman „a permanent American book“ in der Tradition von Mark Twain. Erst in den 80er Jahren erschien Der Kinogeher auch auf Deutsch, übersetzt von Peter Handke.

Dass der Suhrkamp Verlag den Roman jetzt in der Handke-Fassung wieder in sein Programm aufnimmt – mit dem unveränderten rassistischen N-Wort, das muss auch erwähnt werden –, liegt daran, dass Walker Percy Ende Mai 100 geworden wäre. Aber auch unabhängig von diesem Jubiläum spricht es für ein Lektorat, das seine Fühler am Puls der Gegenwart hat. Wenn man die Geschichte nämlich jetzt, im Jahr 2016, zum ersten Mal liest (wie bei der Rezensentin der Fall), ist man verblüfft, wie „heutig“ das alles klingt. Nicht nur Stil und Sprache, sondern vor allem die Mentalität des Protagonisten: Allzu bekannt erscheint einem der Überdruss am Überfluss – und die Sehnsucht nach „authentischen Werten“. Von „Entfremdung“ ist heute, vulgärmarxistisch beziehungsweise küchenpsychologisch, oft die Rede. Binx Bolling dürfte das Gefühl kennen. Er könnte heute ein Troll sein, der seine Unzufriedenheit mit Wutkommentaren im Internet entlädt: Oft verfällt er „in eine Raserei, die mich starke Meinungen zu verschiedenen Themen äußern und Briefe an Herausgeber schreiben läßt, und dann in eine Niedergeschlagenheit, in der ich stundenlang stocksteif liege und zu dem Stuckmedaillon an der Decke des Schlafzimmers hinaufstarre“.

Kierkegaard ist auch dabei

Im Kino schaut sich der Kinogeher die „Suche“ anderer, fiktiver Leute an. Western, Komödien, Gangsterfilme: Langsam wird ihm klar, dass er auch sein eigenes Leben wie durch eine, nun ja, 3-D-Brille betrachtet, immer auf Distanz. Sein Alltag ist bestimmt von seiner Familie, dem empfindsamen Vater, der pragmatischen Mutter, der dominanten Tante. Sein emotionales Leben speist sich aus lauwarmen Affären mit seinen Sekretärinnen – und aus der Vertrautheit mit seiner Cousine Kate, die ebenfalls eine heutige Zeitgenossin sein könnte, eine junge Frau mit manisch-depressiven Zügen: gerade 25 Jahre alt und schon völlig erschöpft vom „Meer der Möglichkeiten“ (Søren Kierkegaard, 1813 – 1855).

Ja, Søren Kierkegaard: Er zieht heimlich die Strippen beim Kinogeher. Ganz am Ende des Romans, im Epilog, erwähnt Walker Percy beiläufig den „großen dänischen Denker“. Zwar galt Percy in den USA als „katholischer“ Schriftsteller, doch hegte er eine Faszination für den Agnostizismus, für David Humes, Immanuel Kants und eben Kierkegaards Feststellung, dass die Existenz Gottes weder zu beweisen noch zu widerlegen sei. Der Agnostiker sagt: „Ich weiß es nicht“ – ohne sich dafür zu genieren.

An seinem 30. Geburtstag denkt Binx Bolling darüber nach, dass er „gar nichts“ wisse: „Es ist mein einziges Talent, Merde zu riechen (…) in diesem wahren Jahrhundert der Merde, dem großen Scheißhaus des wissenschaftlichen Humanismus, wo die Bedürfnisse befriedigt sind, jedermann eine warmherzige und kreative Person wird und prosperiert wie ein Mistkäfer, und die Leute tot-tot-tot sind (…), und die Angst der Leute nicht die Bombe ist, sondern das Ausbleiben der Bombe.“ Wie vertraut, wie „2016“ dieser Weltekel klingt! Von Binx Bolling lernen wir, auch wenn es etwas schmerzt: Das 20. Jahrhundert ist längst noch nicht vorüber.

Der Kinogeher von Walker Percy (Peter Handke, Übers.) Suhrkamp 1986/2016, 224 S., 22 €