Exklusiv für Sie fotografiert (2)

Und zwar fotografiert von der geschätzten A. Manske, und zwar in der vergangenen Nacht, und zwar bei dieser sehr tollen Soul-Veranstaltung, bei der ich meine Scheiben mal wieder rotieren lassen durfte, und zwar bis – huh – etwa 5.30 Uhr in der Früh’. Ich wusste gleich, dass es eine tolle Nacht werden würde, als eine mir bis dato unbekannte Frau mich, kaum war ich im Saal angekommen, mit den Worten begrüßte: “Hihi, in diesem Kleid siehst du ja aus wie Minnie Maus!” (Ich sagte darauf, wie immer makellos höflich: “Oh, danke.” – und dachte: “Boah, Schätzchen. Wart’s nur ab. I will make you sweat, und zwar so, dass du drei Tage nicht wirst laufen können.” Und genauso war’s dann auch bzw. wird’s jetzt sein.)

Es rotierte unter anderem das hier (gelbe Platten sind oft die besten):

Interview bei den Krautreportern: “Welches Tier wären Sie, wenn Sie ein Gemüse wären?”

(c) Troy Holden
(c) Troy Holden

Das tolle Foto oben wurde von dem Fotografen Troy Holden aufgenommen, der seine Arbeiten – er fotografiert am liebsten Passanten in seiner Heimatstadt San Francisco – als snapshots bezeichnet. Das Motiv “Papptüte überm Kopf” passt gut zu unserem Tagesordnungspunkt Interviews und Ähnliches – womit ich hier jetzt ausnahmsweise Interviews mit mir meine – Situationen, in denen ich befragt werde, statt zu fragen. Eigentlich an odd situation, wie man in Amerika sagt. Umgekehrt ist es mir deutlich lieber (siehe etwa hier und hier).

Passiert ist jetzt jedenfalls ein Gespräch mit Marcus Ertle, der u.a. für die Krautreporter und das Interview-Magazin Galore Menschen (etwa Hermes Phettberg, Martin Sonneborn, Kathrin Bauerfeind, Joachim Lottmann) zu allem Möglichen befragt, bevorzugt am Telefon, und, wenn ich es richtig verstanden habe, auf jeden Fall immer mit der einen Frage: “Besitzen Sie eine Brotzeitdose?” Was das alles sollte, verstehe ich, bei aller Ehre, noch immer nicht, lustig war’s allerdings doch, unter anderem plauderten wir über blutige Steaks, über die Faktoren Verständnis und Neid, über Wölfe, Seidenkrawatten, Michel Houellebecq, Antonia Baum und Hans-Olaf Henkel. Bei Galore erscheint das Gespräch bald auch auf Papier.

>>> Bei den KRAUTREPORTERN kann man das Ganze schon jetzt ONLINE LESEN.

Joan, Gentlewoman. Style is politics, too.

Links: Modefoto aus der aktuellen Ausgabe des Magazins Gentlewoman / Rechts: die US-amerikanische Publizistin Joan Didion, 80, in einer Werbekampagne des Modelabels Céline

Nicht, dass es wieder heißt, Menschen, die sich mit dem Marxismus beschäftigen, hätten keine Freude im Leben und-oder keinen Sinn fürs, äh, Ästhetische oder was noch alles. Ich zum Beispiel: Sehr gern studiere ich ab und an gezielt die Sphäre der schönen Dinge, oder sagen wir: die Welt des schon nicht mehr ganz realen Wohlstands. So habe ich gerade im Magazin The Gentlewoman (über das es einiges Ernsthaftes zu sagen gäbe, jedenfalls lese und betrachte ich es wirklich gern; allein der Titel springt mich schon an, da gehe ich dem Naming voll auf den Leim, genau wie bei der Sendung Goodbye Deutschland, die ich schon wegen ihres Titels so oft einschalte, wie es geht) – jedenfalls sah ich im Magazin Gentlewoman nun zweierlei abgedruckt: Eine Werbeanzeige des Modelabels Céline – das für seine aktuelle Kampagne die US-Publizistin Joan Didion, 80, gebucht hat (siehe oben rechts). Das Foto wurde im Netz schon viel besprochen, und ich bin echt erschrocken, als ich es entdeckte. Denn ich habe vor, im Alter von 80 in etwa exakt so auszusehen wie Joan Didion hier, vom Styling und der Frisur her. Das Foto oben links wiederum zeigt ein Motiv aus einer Gentlewoman-Modestrecke zum Thema Hosenanzüge. Was man weiß, wenn man ein Magazin wie Gentlewoman aufblättert (es beginnt mit – ungelogen – 80 Seiten doppelseitiger Hochglanzwerbung, bevor der erste redaktionelle Beitrag kommt): “Nie im Leben werde ich mir auch nur ein Stück der hier abgebildeten Verschönerungswaren leisten können!”. Dann sah ich den Hosenanzug links oben – und … fiel. Ich meine: DAS will man doch genauso unbedingt sofort anziehen – oder etwa nicht? Keine Ahnung, was das kostet. Ich werde auch keine Sekunde darauf verschwenden, den Preis zu recherchieren (so viele Bahntickets oder Gin Tonics oder Duschgels, Haargummis, Sekundenklebertuben und Spannbettlaken könnte man sich stattdessen leisten). Jedenfalls las ich im Kleingedruckten dann: Der Anzug ist von Céline. Und das finde ich gerade sensationell: Dass ein Modelabel (!) mich vorübergehend mal so fasziniert. Ich springe da ja auf alles an! Waaah, ich bin da voll ein Zielgruppentier! Ist das nun Werbung hier? Neiiin! Kaufen Sie das bloß nicht! Ist das jetzt ein Modeblog? Neiiin! Alles, was ich zum Modeblogging zu sagen habe, ist längst aufgeschrieben. Aber eines ist eben auch wahr: STYLE IS POLITICS, TOO. Auch ohne Zugriff auf nennenswerte Geldreservoirs ist er herzustellen: ein Stil, der bisschen politisch ist, womöglich. Ach, was soll’s: Mir gefällt das. Schwarz scheint zudem das neue Schwarz zu sein. So hat alles seine Ordnung.
Weitere Durchsagen folgen.
Immer die Ihre: KK

DAVID HARVEY im Interview: “Gedanken wie Dynamit”

Mit dem amerikanisch-britischen (Neo-)Marxisten David Harvey unterhielt ich mich über sein soeben erschienenes Buch Siebzehn Widersprüche und das Ende des Kapitalismus. Zu lesen ist das Gespräch seit heute beim Freitag (online & Print) und ab dem 17. März auch bei Analyse & Kritik.

>>> DAS GESPRÄCH BEIM FREITAG
>>> DAS GESPRÄCH IM ARCHIV
>>> DAS GESPRÄCH BEI ANALYSE & KRITIK

Lieblingszitat Harvey:

Ich würde gern überall herumgehen und den Leuten sagen: Ihr seht doch, was geschieht. Ob wir die Entfremdung nehmen oder von Enteignung sprechen: Ihr spürt es in euren Nachbarschaften, in der Arbeit, im Alltag – alles, worüber Marx schrieb, passiert gerade in euren Vorgärten.

JIMMY SOMERVILLE im Interview: “Ich hatte immer ein Faible für Discodivas”

Motiv gefunden bei: Discoball rental Pittsburgh, PA (pghsoundrental.com)
Motiv gefunden bei: Discoball Rental Pittsburgh, PA (pghsoundrental.com)

Mit Jimmy Somerville, der vielen sicher noch als “Smalltown Boy” (Bronski Beat) bekannt ist, sprach ich über sein soeben erschienenes Album Homage, über die Essenz des Disco-Prinzips, über Glasgow, über das Schwul-, Lesbisch- und Heterosein, über Schoßhunde, dunkle Stunden und Optimismus. Nachzulesen im aktuellen Freitag (Printausgabe 11/2105) und online bei uns im Archiv. Eine Hörprobe vom Album: Travesty.

>>> HIER GEHT’S ZUM GANZEN GESPRÄCH

So fängt es an:

Herr Somerville, es ist leider ganz schlechter Journalismus, wenn ein Interview so beginnt, aber ich muss es Ihnen gleich sagen: Sie waren sehr wichtig für mein Heranwachsen, eine Identifikationsfigur.

Wirklich? Das ist doch nicht schlimm, dass Sie das sagen. Das freut mich.

Aber ich bin eine Frau, noch dazu heterosexuell. Als Sie in „Smalltown Boy“ vom Aufbruch eines Provinzjungen sangen, war ich 14, verstand kaum Englisch und wusste gar nicht genau, was „schwul“ bedeutet. Ich hatte den Eindruck, sie singen von mir.

Das ist doch toll. In Smalltown Boy geht es um die Enge in der Provinz. Um Leute, die einen beobachten und einem sagen, wie man zu sein hat. Ich glaube, der Song fing ein Gefühl ein: Wer bin ich? Wer will ich sein? Es gibt zwei Sorten von Menschen: Diejenigen, die bleiben, wo Sie aufgewachsen sind. Und diejenigen, die rauswollen. Der Song handelt von dem Moment, in dem man den Schritt wagt. Da ist auch Angst im Spiel. Man lässt hinter sich, was man kennt. Selbst auf die negativen Dinge kann man sich ja immerhin verlassen.

(c) Chateau de Pop / James Kemmenoe
(c) Chateau du Pop / James Kemmenoe

OH MY TROUBLED SOUL
28.3.: Alva Starr an den Plattenspielern

Martha Reevs (rechts) & The Vandellas (c) Motown
Martha Reevs (in Längsstreifen) & The Vandellas (c) Motown

Alva Starr heißt die Hauptfigur in dem amerikanischen Working-Class-Film Dieses Mädchen ist für alle (This property is condemned), den Sydney Polack 1966 gedreht hat, auf der Basis eines Bühnenstücks von Tennesse Williams, mit Natalie Wood als Alva und Robert Redford, Charles Bronson, Kate Reid und anderen.

Alva Starr ist auch mein Tarnname, wenn ich als DJ im Einsatz bin.
So wie demnächst wieder mal:

Am 28. März, ab 23 Uhr beim
OH MY TROUBLED SOUL-Northern-Soul-Nighter
Great DJanes, baby powder on the floor, cheap booze, cheap entry
Bei Ruth, Ziegrastraße 12, 12057 Berlin (Neukölln), S-Bahn Sonnenallee

Kommen Sie – tanzen Sie – bewegen Sie sich wie eine Erdnuss-Ente!

Konzession an das Smartphone

Erneut ein neues, äh, Webseitendesign hier. Jetzt ist aber auch mal Schluss. Es soll jetzt wirklich die letzte Umgestaltung für mindestens … 21 Monate sein. Mein PR-Team, mein Management, meine PraktikantInnen, meine 400 400-Euro-MitarbeiterInnen und ich reagieren damit auf VebraucherInnenbeschwerden: Dass man das einzigartige Informationsangebot von katjakullmann.de auf einem Smartphone nicht richtig genießen könne, weil da alles immerzu verrutsche, so vom Layout her, es sehe sozusagen sch***e aus. So erzählte man es uns, mehrfach. Da in diesem Unternehmen Smartphone-Verbot herrscht, konnten wir das nie so ganz glaubwürdig überprüfen. Dennoch haben wir nun alles rutschfest programmiert (hoffen wir jedenfalls), denn: Sicher ist sicher, außerdem wollen wir uns ja nicht technik- oder fortschrittsfeindlich geben. Alle Foto-Galerien (und anderes) aus der früheren Programmierung sind nun allerdings auch wieder verrutscht. So haben wir sie vorerst in eine Lagerschublade zurückverlegt (ein Blog ist ohnehin etwas Flüchtiges), alles andere haben wir liebevoll umgeräumt. Fortan bloggen wir hier jetzt also Smartphone-kompatibel weiter. Was den Blog, die Euphorie im Alltag sonst angeht: Sie finden sie weiterhin oben rechts im Menu, unter “Blog” oder unter diesem Link. Sie können genauso gut einfach auf die Startseite gehen und dort nach unten scrollen, da laufen jetzt immer die neuesten News hoch. Falls Sie das hier jetzt auf einem Smartphone lesen: Es müsste eigentlich total attraktiv aussehen. Sollte es das nicht tun: Beschweren Sie sich bitte bei Ihrem persönlichen Gerätedings. Immer die Ihre: KK

Koeppen

Eine Trilogie des Scheiterns hat er geschrieben – und einige andere Texte. Wolfgang Koeppen (1906-1996) zählt ganz unbedingt zu meinen Lieblingsschriftstellern. Über den Jahreswechsel habe ich ihn wieder bzw. neu gelesen. Und er hat mich diesmal, in meiner zweiten großen Koeppen-Welle, noch eindringlicher überzeugt als beim ersten Kennenlernen, vor zehn, fünfzehn Jahren.

Gerade für dieses Jahr mit der Nummer 2015 ist er zu empfehlen – denn am 8. Mai jährt sich nun ja zum 70. Mal die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht, das Ende des Naziterrors und des Zweiten Weltkriegs. Ebenjene Zeit bildet, sozusagen, die Ursuppe für Koeppens Schreiben.

Seine Trilogie des Scheiterns (so weit ich weiß, stammt diese Benennung nicht von Koeppen selbst) besteht aus drei Romanen: Tauben im Gras (1951), Das Treibhaus (1953) und Der Tod in Rom (1954). Alle drei Romane beschäftigen sich mit dem sozialen und politischen Klima im Wiederaufbaudeutschland, dem Westdeutschland der Nachkriegsjahre eben. Koeppen schildert quasi das Vorspiel beziehungsweise den Auftakt der (alten) Bundesrepublik, anhand sehr unterschiedlicher (Sozial-)Figuren und Charaktere. Und das geschieht irre dicht: Die Romane spielen jeweils nur an einem oder wenigen Tagen, strecken sich über einen ziemlich kurzen Zeitraum, gehen aber, sozusagen, nah ran. Von “Fräuleins”, die sich mit (schwarzen) GIs verbinden und dafür als Huren beschimpft werden, über stramme SS-Witwen und deren Käsekuchengelage, über Altnazis, die Bürgermeister werden, über verarmte Industrie-Erbinnen, über das frühe Lobbyistentum in der Hauptstadt Bonn und junge Künstler oder Intellektuelle, die am Land verzweifeln: Ein extrem lebendiges, vielschichtiges Panorama fährt Koeppen auf. Und er braucht nicht mal allzu viel Platz dafür: Superangenehme 180 bis 240 Seiten fassen die Romane jeweils – das ist ohnehin das absolut eleganteste (meist auch intelligenteste) Format, muss ganz klar gesagt werden.

Was man aus seinen Büchern lernen kann (was mir wirklich erst mit Koeppen so richtig klar wurde), ist zum Beispiel dies: Wie stark die sogenannte Wiederbewaffnung des Landes umstritten war – wie heftig sie vor allem von den jüngeren Erwachsenen des Nachkriegsdeutschlands abgelehnt wurde – von jenen, die in den Nazi-Jahren geboren worden und mit Nazi-Eltern im Krieg aufgewachsen waren und all das nun, da sie volljährig waren, auf gar keinen Fall noch einmal erleben wollten.

Biografisch ist Koeppen (geboren in Greifswald, gestorben in München) auch recht interessant – vor allem in zwei Punkten.

1.): Auch wenn seine Nachkriegsromane von einem extrem scharfen, ultragenauen Hass auf den Nationalsozialismus und dessen Protagonisten, mehr noch: Hass auf Doitschtümeleien aller Art zeugen – während der Naziherrschaft hat Koeppen sich, anders als eben viele andere Schriftsteller, doch duckmäuserisch, unklar, opportunistisch, erfolgswillig, letztlich also: feige verhalten.

2.) Und er ist der vielleicht größte Meister der Schreibblockade. Sein Verleger Siegfried Unseld finanzierte Koeppen mit allerlei Zuwendungen, treu und zuversichtlich, immer in der Hoffnung, in größter Gelduld auf ein neues Koeppen-Werk wartend, das dann bei Suhrkamp hätte erscheinen sollen. Unseld wartete (und finanzierte) nicht acht oder zehn Jahre. Auch nicht 13. Unseld fütterte Koeppen sagenhafte 17 Jahre durch – ohne dass etwas wirklich Markantes dafür zurückkam, jedenfalls kein “großer Roman” mehr. (Diese Geschichte finde ich toll, beide Leute darin. Unseld, weil er eben tatsächlich so Suhrkamp-ig und Unseld-haft war, wie es das heute, logisch, nicht mehr gibt, weder bei Verlagen noch sonstwo. Und Koeppen, weil er all das Geld ernsthaft angenommen hat. Unterdessen schrieb er schon auch irgendwie weiter, brachte aber eben fast zwei Jahrzehnte lang nichts Rechtes mehr dabei zustande. Dennoch nannte er sich weiterhin “Schriftsteller”. Und glaubte auch daran.)

Genug geworben, genug doziert.
Hier noch drei Soundproben:

TAUBEN IM GRAS (1951):
Die Szene: US-Soldaten fahren mit ihren (zivilen) Autos durch eine deutsche Nachkriegsstadt:

(…) (S)ie lachten, sie winkten, sie lenkten die schönen das Lied des Reichtums summenden Automobile geschickt zwischen die schon parkenden Fahrzeuge. Die Deutschen bewunderten und verabscheuten den rollenden Aufwand. Einige dachten ,unsere marschierten’. In ihrer Vorstellung war es anständiger, in einem fremden Land zu marschieren, als zu fahren. (…) Deutsche Offiziere, die sich als Stadtreisende durchschlugen und mit ihrem Musikköfferchen auf die Straßenbahn warteten, ärgerten sich, wenn sie gewöhnliche amerikanische Soldaten wie reiche Touristen in bequemen Polstern grußlos an ihren Vorgesetzten vorbeifahren sahen. Das war Demokratie und Unordnung.

DAS TREIBHAUS (1953)
Die Szene: Der Bonner Bundestagsabgeordnete Felix Keetenheuve, Mitte 40, trifft Fraktionskollegen der SPD:

Keetenheuve hatte sich verspätet, der Diplomat hatte gespeist, der Träumer war herumgeirrt, und die Mitglieder des Ausschusses guckten ihn nun vorwurfsvoll an. Die Fraktionskollegen Heineweg und Bierbohm blickten mit dem Ausdruck der Strenge und der Mißbilligung auf den Eintretenden. Ihre Mienen sagten, daß Keetenheuve in diesem Gremium, in dem er noch keine Stunde versäumt hatte, in diesem Beratungszimmer, in dem er fleißig und produktiv gewesen war, ihre Partei in nun nicht wiederguzumachender Weise bloßgestellt und geschädigt habe.

DER TOD IN ROM (1954)
Die Szene: Eine SS-Witwe namens Eva Judejahn steht in einem Nachkriegssommer in Rom an einem Hotelzimmerfenster:

Sie wartete. Sie wartete allein. Niemand half ihr, zu warten, verkürzte ihr mit Gesprächen die Wartezeit, und sie wünschte auch nicht, daß ihr die Zeit verkürzt werde und daß sie sich um sie kümmerten, denn nur sie allein grämte sich, nur sie trug Trauer (…), nicht um verlorenen Besitz, verlorene Stellung, verlorenes Ansehen weinte (sie), und schon gar nicht um (ihren Gatten) Judejahn, den sie als Held in Wallhall gesehen hatte, bleichte ihr Gesicht, sie trauerte um Großdeutschland, sie beweinte den Führer, beweinte die durch Verrat und Tücke und widernatürliches Bündnis niedergerungene germanische Weltbeglückungsidee, das tausendjährige Dritte Reich. Aus der Halle des Hauses drang Lachen durch Treppengewind und Gänge, aus dem Hof stieg mit Essensdunst ein amerikanisches Tanzlied, von einem italienischen Küchenjungen gesungen, zu ihrem Fenster hoch; doch sie erreichten nicht Lachen und lustiger junger (Song) italisch belacantisch erhellt, sie stand schwarzgewandet in ihrem Zimmer, einem Käfig aus Steinen, Wahn, Verkanntheit und dahinschwindender Zeit, stand vergeltungsschwanger wolfsrachig umnachtet im Mythos, dem erschwindelten, ertüftelten und geglaubten, den Urängsten preisgegeben, den echten von Wehr und Wolf, das angegraute verblichene strohblonde Haar, Garbe auf dem Felde gebliebenen Weizens (…), dies Haar zu strengem Frauenknoten gebunden über dem bleichen Gesicht Langschädelgesicht Eckkinngesicht Harmgesicht Schreckgesicht (..) Sie wirkte wie ein Gespenst, keine Eumenide, ein nordisches Gespenst, ein Nebelgespenst, das ein Verrückter nach Rom gebracht und in ein Hotelzimmer gesperrt hatte.