Exklusiv für Sie fotografiert (4)

FRANKFURT AM MAIN, wie es sich in den späten Apriltagen des Jahres 2015 zeigte.

I’ll do that in English. I don’t know why.

First of all: It has the sickest skyline you can get in Germany (and, most probably, the sickest rather-small-town-skyline worldwide).

The local food is famous for it’s strong taste and it’s rather fatty quality. (They do gross things with meat, I mean: really gross things, which turns out to be quite delicious, if you consume it in reasonable proportions.)

Here is the chief, the Master of Ceremony (of all kinds of ceremonies): Give a warm welcome to Sir Mister Lord Hans Romanov (photographed in his latest – fabulous – bar, club, etablissement Neglected Grassland).

To secure their top-position in the “Sickest Skyline”-ranking for all times they keep building buildings, like mad.

It is a business city.

It is a city of art, as well.
Art 1:

Art 2:

It has a rich history.
History 1:

History 2:

The next two things are personal.

1. A place that taught me intriguing things (when I was between 15 and 19 years old):

2. Another place that taught me a lot, i.e. all the lofty essentials (think of Frankfurter Schule and alikes). The picture shows the lot where the FB3-Turm, the Frankfurt University Tower, was standing from 1973 until 2014. From age 21 to 26 I spent considerable amounts of time there. Apart from that, it was a legendary building anyway. They tore it down 15 months ago. Which evokes funny thoughts and feelings in me. I mean: I have reached an age in which I outlive even the most significant buildings. I mean: My past ist so past that they decide to clear it away.

In a way, I will always stick to that city. I will never get rid of it completely.
(And I like it that way.)

Here are a few sentences I wrote somewhere else last year:

Amerika ist alles, von Anfang an, und Frankfurt am Main die erste durchglobalisierte Stadt im Land. Die Hochfinanz ist schon damals da, Bänker und Mafiosi, die international besetzte Laufhäuserökonomie, Flüchtlingsdramen am Flughafen. Ganz Frankfurt ein antipodisches, der Zauber der alten Bundesrepublik: Frankfurter Rundschau vs. FAZ – Frankfurter Schule vs. Börsenparkett – Club Voltaire vs. Frankfurter Hof. Das Kaufhaus Schneider! Hier nahm das mit der RAF seinen Lauf. Paulskirche sowieso. Der Sponti-Schmus. Die G.I.s, die Quandt-Familie, die Deutsche Bank. Drogen. Wenn man in den frühen 80er Jahren mit der S-Bahn aus dem Vordertaunus hineinfuhr, in die spiegelglasblinkende Stadt, fiel man, ob man am Hauptbahnhof ausstieg, an der Hauptwache, der Galluswarte oder der Taunuslanlage, über Junkies. Denen steckten die Nadeln in den Armen, die bluteten die Betonstufen voll, bis in die B-Ebenen hinunter. Das roch immer auch nach Urin, und auf der Freßgass‘ gab’s Austern und Weinbergschnecken mit Knoblauchbutter.

“Rein in die rauen Winde” – Das K-Wort & die Literatur

Jetzt im neuen FREITAG (und im Archiv): ein paar Überlegungen zum Thema Literatur & Kapitalismuskritik, zusammengetragen beim und inspiriert vom Symposium Richtige Literatur im Falschen?, das vor einigen Tagen im Brecht-Haus zu Berlin stattfand.

Roisin Murphy

Es gibt NUR Wahnsinnsfotos von ihr, jedes ist ein Kunstwerk, auf allen sind sie einfach unfassbar fantastisch gut aus. Dieses hier zeigt RM in sehr jungen Jahren, mit ihrem MOLOKO-Kollegen Mark Brydon. (Foto von RMs Facebook-Seite ausgeliehen)
Es gibt NUR Wahnsinnsfotos von ihr, jedes ist ein Kunstwerk, auf allen sieht sie unfassbar fantastisch aus. Dieses hier, mein liebstes, zeigt RM in sehr jungen Jahren, mit ihrem MOLOKO-Kollegen Mark Brydon.
(Foto von RMs Facebook-Seite ausgeliehen)

Kurz & knapp: Ich bin ein Fan. In jeder Hinsicht. Seit ich sie 1999 (oder 2000?) mit Moloko live sah. Das war in Köln. Im Mai kommt ihr drittes Soloalbum heraus, Hairless Toys. Hier ein erstes Stück daraus. SO ein intelligenter Sound. I’ll buy that. Ende der Durchsage.


Exklusiv für Sie fotografiert (3)

Autorin bei der Arbeit, Aufgabenfeld Produktpräsentation, beim Vorlesen eines fertigen Textes aus der aktuellen DRECKSACK-Ausgabe, Samstag, 11. April, gegen 21.45 Uhr in Berlin. (Foto ganz unten, am Ende dieses Beitrags: courtesy by Florian Günther).

NACHTRAG vom 17.April:

Unter der Überschrift SEX UND HIRN UND DRECKSACK hat die Zeitung Junge Welt eine kleine Notiz zur neuen DRECKSACK-Ausgabe gebracht. Hier ist der Beitrag in Gänze zu lesen. Die Stelle, die mir aus vielleicht verständlichen Gründen, nun ja, am allerbesten gefällt:

Und Katja Kullmann hat eine brillante Miniatur-Berlin-Studie verfasst, in de(r) sie in einem als Cafe getarnten Imbiss an der Ecke Rosenthaler / Neue Schönhauser einen Kaffee für 3,10 Euro konsumiert: »der kleinste Kaffee nennt sich ›tall‹, also ›groß‹«. Sie belauscht ein Gespräch zweier jüngerer Berlin-Mitte-Schwachmatinnen. Die eine tauft sie »Mia«, die andere Elisabeth und vermutet, das(s) letztere bis 15 »Lisa« gerufen wurde, doch dann gab es auf einmal zu viele Lisas in ihrem Umfeld, so dass sie auf »Lizzy« umschwenkte und weil auch die immer mehr werden, wird sie wahrscheinlich bald wollen, dass man sie »Lisbeth« ruft. Schiebt ein Mann einen Rollstuhl vorbei, fragt sie: »Wie fertig kann man eigentlich sein, ey?«

Starkes Buch: ROMAN MIT KOKAIN

Da dachte ich neulich, bei einer kleinen Expedition durch den Gebrauchtwarenhandel eine Art Geheimfund gemacht zu haben. Und stellte nach der Lektüre – locker hatte ich nur mal reinlesen wollen, klebte dann sofort fest und hatte vor, das mickrige 2-Euro-Büchlein (ohne jede Verlagsangabe drinnen oder draußen) hier im Blog vorzustellen, und wollte deshalb einige Informationen dazu zusammengoogeln – , und stellte also fest: Haha – wieder mal etwas Interessantes verschlafen. Der Roman mit Kokain, 1934 von M. Agejew erstmals veröffentlicht, ist hierzulande schon 2012 wiederentdeckt und bei Manesse neu aufgelegt worden. Und alle großen Feuilletons berichteten damals darüber, die F.A.Z. und die N.Z.Z., die ZEIT und der Deutschlandfunk. Bei den Damen und Herren RezensentInnen können Sie alle Einzelheiten über das Buch erfahren. Ich sage hier – mit drei Jahren Verspätung – nur dies: starker Text, starker Protagonist. Und erlaube mir, drei Auszüge aus den drei Abschnitten des Romans anzufügen, es geschieht allein aus Begeisterung über den Text.

Aus dem ersten Abschnitt – der Held, Wadim, ist noch ein adoleszenter Oberschüler – und ringt mit einer Mischung aus Sozialscham und Klassenneid – er verachtet zum Beispiel seine ärmliche, ältliche Muttter – und hofft, dass seine (eher bourgeoisen) Schulfreunde die Frau nie sehen.

Ich sah sie die Suppe essen, ich sah sie mit zittriger Hand den Löffel heben und die Hälfte wieder in den Teller verschütten, sah ihre kleinen, gelblichen Wangen und ihre von der heißen Suppe gerötete Nase, ich sah, wie sie sich nach jedem Schluck mit ihrer weißlichen Zunge das Fett ableckte, und ich haßte sie mit glühendem Haß.”

Aus dem zweiten Abschnitt – Wadim, mittlerweile Student, hat sich, nachdem er die eine oder andere junge Frau übel verar***t hat, in die (hoch interessante, sehr coole, wirklich bemerkenswerte) Sonja Mintz *) verliebt, und das so heftig, dass er das Verliebtsein (auch) als hochanstrengend empfindet (selten habe ich das so klar irgendwo gelesen):

Die Kraft, die mich zu Sonja hinzog, verdoppelte sich. Ich empfand in ihrer Gegenwart den ständigen, heftigen Wunsch, ihr zu gefallen, und eine grausame Furcht, sie könnte sich mit mir langweilen, und wenn die Nacht kam, war ich immer so gerädert, daß ich einen Seufzer der Erleichterung ausstieß, wenn Sonja endlich unter dem Tor ihres Hauses verschwand und ich allein war. Doch bevor ich noch zu Hause angekommen war, fing ich schon wieder an, mich nach ihr zu sehnen.

Aus dem dritten Abschnit – das mit Sonja ist nichts geworden (sie hat Schluss gemacht) – und auch aus anderen Gründen schmeißt Wadim schließlich sein Jurastudium und endet (wörtlich: er endet) als Extremkokser:

Gewisse eigenartige Manien ergriffen eine Stunde nach der ersten Prise von mir Besitz: wenn manchmal keine Streichhölzer mehr in der Schachtel waren, die Manie, alles durchzuwühlen, Möbel zu verrücken, Tischschubladen auszuleeren, alles abzusuchen, obgleich ich wußte, daß es keine Streichhölzer im Zimmer mehr gab, aber trotzdem suchte ich endlos lange weiter, ohne Unterlaß und wollüstig.

Spät, aber herzlich: eine eindeutige Leseempfehlung.

*) Ich erwäge, meinen bisherigen DJ-Namen Alva Starr aufzugeben und fortan als SONJA MINTZ aufzutreten.

Schickes Buch: MORAL PHOBIA

Ein verführerisch glänzendes, dickes, schweres Buch: MORAL PHOBIA (Gudberg Nerger Publishing, 2015), herausgegeben von Bitten Stetter und Judith Mair (letztere kann man hier im Interview kennenlernen). Lektoriert wurde es (u.a.) vom geschätzten Thorsten Schulte. Inhaltlich bietet der Band ein umfangreiches A-Z aus unterschiedlich langen Texten zu Gegenwarts-Begriffen – konkret: zu derzeit aktuellen Diskurs-, Mode-, Polit- und weiteren Blabla-Begriffen – mit dem Ziel, für ein fettigeres, ungezogeneres, laktose-, alkohol- und nikotinhaltiges Lustleben zu werben. Es geht los mit Anarchie und Avocado und endet mit Zukunftsdesign und Zuckerverbot. Darin aufgeschnappt habe ich u.a. die ziemlich interessanten Vokabeln Health Goth und Paradeszenz. Freudig darf ich zudem vermelden, dass unter dem Buchstaben “K”, genauer unter dem Eintrag “Kapuzenpulliverbot” (S.179, f.), einige Kullmann-Sätze zitiert sind, aus diesem Freitag-Text. Schön, schön. Und was will das Buch also genau? Der Verlagstext formuliert es so:

Moral Phobia ist unnatürlich, unbekümmert und undiszipliniert. Es raucht und trinkt, isst Fleisch, treibt kaum Sport und war gestern Nacht wieder der letzte Gast. Moral Phobia vernachlässigt soziale Netzwerke und Selbstoptimierungsangebote und plädiert für das Alberne und Abseitige, Faule und Fremde, Undurchsichtige, Unbequeme, Überflüssige und Verstörende – in der Hoffnung auf weniger aufgeräumte, vielfältigere Zeiten.

HIGH TECH SOUL – Detroit: der Sound, die Geschenke, der Rausch

Blick in eine Vitrine in der Empfangshalle des UNDERGROUND-RESISTANCE-Headquarters in Detroit, Michigan (Oktober 2011)
Blick in eine Vitrine in der Empfangshalle des (für Fremde kaum zugänglichen) UNDERGROUND-RESISTANCE-Headquarters in Detroit, Michigan (heimlich fotografiert im Oktober 2011)

Superkrasse Rührung, superextremes Angefixtsein: Wieder einmal geht es hier um Detroit, wieder einmal geht es auch um Geschenke, Geschenke. Zwei überaus großzügige und aufmerksame Menschen ließen mir nämlich unlängst, präsentehalber, folgendes zukommen: die Dokumentation HIGH TECH SOUL. The Creation of Techno Music von Gary Bredow aus dem Jahr 2006 (danke, lieber M. aus F!) – und das Doppelalbum DETROIT TECHNO. Sound of the new dance aus dem Jahr 1988, eine Platte, die es mittlerweile nur noch als SammlerInnenstück gibt (danke, lieber U. aus HH!). Die Schenker kennen sich überhaupt nicht – beide berechneten aber völlig korrekt, dass ich mich über nämliches Zeug sehr freuen würde – et voilà: Nunmehr bin ich eh voll am Haken – am Techno-Haken – merci, merci – und frage mich, wie es eigentlich passieren konnte, dass ich vor gut 20 Jahren, als diese Musik, Techno, sich hoch und breit waberte, so dermaßen schlafen konnte. Wie es sein kann, dass ich nicht wirklich dabei war. Hätte ich all das früher für mich entdeckt, wer weiß, was aus mir geworden wäre. (Im schlimmsten Fall vielleicht ein Ex-XTC-Druffi mit Haustherapeut und Psychopharmaka-Abo, zur lebenslangen Behandlung des auf 1000 Dancefloors mit dümmlichem Grinsen erworbenen Borderline-Syndroms, nun ja, wollen wir also mit dem Schicksal nicht zu sehr hadern.) Film & Platte sind jedenfalls spitze! Schauen Sie mal:

Geschenke, Geschenke! Links aus Frankfurt (merci lieber M!), rechts aus Hamburg (gracias, werter U.!)
Geschenke, Geschenke! Links ein Film aus Frankfurt (merci, M!), rechts eine Platte aus Hamburg (gracias, U.!)

Tatsächlich musste ich also die 40 überschreiten, um 2011 live und in echt und in Detroit – u.a. beim Besuch des Underground Resistance-Hauptquartiers – zu begreifen, was ich vorher nur ahnte: Dass nämlich Techno eine Fortschreibung von Motown ist, gewissermaßen – oder, wie einer der wichtigen Techno-Pinoiere, Derrick May (ich sah ihn in Detroit einmal von Weitem in einem Café, meine Detroiter Begleitung raunte: “Schau’ nicht hin, da hinten sitzt Derrick”), es im Film sagt: “Techno ist nichts anderes als High-Tech-Soul.” Das charmant Verrückte, irr Verschränkte ist: Im Film sprechen die altgedienten Techno-Hirsche von exakt der Platte, die mir zeitgleich ebenfalls zuflog. Juan Atkins umreißt sie als ein Schlüssel-Album für die “neue Musik”– und als Ur-Markierung für den großen Erfolg, den Techno fortan vor allem in Europa hatte.

Techno-Pionier Juan Atkins spricht (im mir geschenkten Film) über die (mir in echt geschenkte) Platte
Techno-Pionier Juan Atkins spricht im (mir geschenkten) Film über die (mir geschenkte) Platte

Was mich auch sehr gefreut hat (und was wiederum ans ganz echte Detroit, wie ich es kennenlernte, anknüpft): Stacey “Hotwaxx” Hale kommt in der Doku kurz zu Wort – eine ganz und gar reizende Frau, eine, hm, Legende noch dazu, denn sie war eine der Ersten, die einst mit dem “Mixen” anfingen und sich als DJ damit einen Namen machte, in den 80ern. Wie ich Stacey traf, das ist eine dieser typischen Detroit-Geschichten: Ich saß an einem sonnigen Nachmittag in dieser Detroiter Bäckerei, trank einen Kaffee, vervollständigte in einem Notizbuch gerade meine jüngsten Beobachtungen, da sprach die Frau mich an: Was ich denn da täte, woher ich denn käme, ob ich neu sei, in Detroit? Wir kamen also ins Plaudern, ich erzählte ihr, dass ich den Vortag quasi komplett mit Mike Banks, dessen Pitbulls und Muskelprotzkumpels verbracht hatte, dass ich erwägen würde, ein kleines Buch über Detroit zu schreiben, pipapo. Sie erzählte daraufhin von sich und lud mich für den nächsten Tag zu sich nach Hause ein. Dort zeigte sie mir unter anderem ihr kleines Studio, und sie sprach ausführlich über die Unterschiede von House und Techno (und stellte beim Reden fest, dass sie selber eher am House hängt). Es war jedenfalls eine ganz herzliche, superinteressante Begegnung (eine von Dutzenden, die dann nicht mehr ins Buch passten).

Stacey "Hotwax" Hale, eine (Achtung – auaaah) HOUSE-Frau der ersten Stunde, ein schwer okayer Mensch. Foto links: aus dem Film von 2005Foto rechts: Bei Stacey zuhause, in ihrem kleinen Studio, Detroit/Michigan, Oktober 2011
Stacey “Hotwaxx” Hale, eine (Achtung – auaaah) HOUSE-Frau der ersten Stunde. Links: im Film von 2006 / Rechts: Bei Stacey zuhause, wo sie mir ihr Studio zeigte (Detroit, Michigan, Oktober 2011)

Fest steht nun also: Ja – ich stehe auf Techno. Es ist ein Genre, bei dem ich vor drei, vier Jahren fast bei Null anfing – keine Chance mehr, da jetzt noch etwas zu reißen, weder als Tänzerin, noch als Connaisseurin – was auch eine sehr angenehme, entspannte Ausgangslage ist. ExpertInnen gibt’s da genug. Mir macht es einfach brutal Spaß, mich da hineinzuhören, ganz locker durch diesen Dschungel zu stochern und hier und da (praktisch überall) Zeugs zu finden, das mich anmacht. Im Film jetzt neu entdeckt (bislang sagte mir der Name nichts, auch wenn ohne den Mann in jenem Fach fast gar nichts ginge): Kevin Saunderson, DJ, Produzent. Hören Sie hier meine zwei vorläufigen Lieblingsstücke von ihm. Als erstes ein 1988 von ihm produzierter Track, supersexy gesungen von Mia Hesterley (auf der geschenkten Platte zu hören). Darunter ein Stück aus den späten 90ern. 20 bis 25 Jahre alt sind diese Sachen. In meinen Ohren klingen sie unglaublich frisch. Echt also: Ich steh’ drauf, total.


Tatsachen

Leider steht die Rezension, die mich zur Lektüre dieses Buches – MÖBELHAUS. Ein Tatsachenroman von Robert Kisch – verführte, nicht online. Volker Weidermann schrieb vor einigen Wochen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung groß darüber, und da war zu erfahren, dass ein einstmals erfolgreicher, preisgekrönter Journalist jenen Roman geschrieben habe – ein Journalist, der in Wahrheit gar nicht “Robert Kisch” heiße – und der mittlerweile, mit Anfang 40, in einem Möbelhaus als Verkäufer auf Provisionsbasis arbeite, statt Texte zu schreiben – weil er, trotz allen Renommees, keine Festanstellung in seinem Beruf mehr finde, und weil er von den mittlerweile absurden freien journalistischen Honoraren nicht leben könne, er habe eine kleine Familie, mit Sohn im Kleinkindalter, zu versorgen. Darüber schreibe “Robert Kisch”.

Schon klar, dass ich das zügig lesen musste, im ECHTLEBEN habe ich mich ja mit Ähnlichem beschäftigt. Ein Unterschied zum MÖBELHAUS ist, dass meines unter meinem Klarnamen erschien. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass “Kischs” Verlag die Erzählung als Tatsachenroman präsentiert, während meine Geschichte als Sachbuch(Essay) herauskam. Auch beim ECHTLEBEN stand die Roman-Form zur Überlegung. Aber die Entscheidung fiel dagegen aus, was auch daran lag, dass ich einfach nicht … die Zeit für einen Roman hatte – so kam es mir damals jedenfalls vor. Niemand schien damals, vor einem halben Jahrzehnt, etwas über die erbärmliche Zwangs-Tagelöhnerei in den schönen Branchen hören zu wollen, die Sache brannte mir sozusagen unter den Nägeln, es musste dringend mal eine(r) aufschreiben, fand ich – das ganze mittelschichtige, gut und besser ausgebildete Existenzangst-Topic. Als das ECHTLEBEN fertig war, dachte ich: “Ein Spitzenromanstoff steckt da drin. Schade, eigentlich.” Und ich bereute es zeitweise ein bisschen, der Aktualität und Dringlichkeit den Vorzug vor der, nun ja, künstlerisch elaborierteren Form gegeben zu haben. (Der innere Frieden ist da aber längst wieder hergestellt, ich kann mich nicht beschweren, alles gut.)

Was nun “Kischs” MÖBELHAUS angeht: Auch jenes Buch scheint mir schnell geschrieben zu sein. Über das Lektorat kann man sich da ein bisschen wundern, denn es gibt viele Redundanzen – vieles wird da auch verschenkt – leider ist auch hier aus einem sensationell guten Stoff (den Tatsachen eben) kein überzeugender Roman geworden. (Jemand hätte den Mann anders ermutigen und ihm eben mehr Zeit, Zeit, Zeit einräumen müssen.) Aber diese Einschätzung bitte ich sogleich wieder zu vergessen – bzw. nicht als Vorwurf an den Autor misszuverstehen – es ist eben anzunehmen, dass es ihm einfach nicht möglich war, unter den gegebenen Umständen alles in künstlerisch elaborierterer Form aufzuschreiben – weil die Sache vermutlich auch ihm unter den Nägeln brannte, weil womöglich auch er das Gefühl hatte, dass das dringend raus muss. Weil er sich vielleicht auch in großer Eile sah, zudem sehr unsicher … und weil er eventuell einfach froh war, überhaupt einen Verlag gefunden zu haben, und der Verlag machte Druck … – also, hm: Ich glaube, ich kann den Mann da verstehen, vielleicht sogar zu 98,8%. Und ich erkläre: Das MÖBELHAUS ist unbedingt lesenswert – vor allem, weil “Kisch” aus jener ihm neuen Arbeitswelt berichtet, aus dem Alltag eines Sofa- und Regal-Verkäufers auf Provisionsbasis eben. Bevor ich das las, hatte ich kaum eine Ahnung, wie jene Arbeit sich so gestaltet. Nun weiß ich: Auch das Möbelverkaufen ist eine Hölle.

Zitieren möchte ich hier ein paar MÖBELHAUS-Sätze zum Journalismus:

(Ohne meinen Sohn würde ich) genau dieses gleiche Leben zelebrieren, wie all die hundert oder tausend Verrückten, die ich in den vergangenen Jahren in Köln, Berlin oder Hamburg kennengelernt habe. Dieses Durchwurschteln, dieses Betteln um Aufträge, um dreihundert Euro, die dir inzwischen gönnerisch offeriert werden, als sei es die Eintrittskarte in ein Leben voller Freiheit und Abenteuer. (…) Gleichgültig, was passiert, dachte ich, du bist ein vielfach prämierter Schreiber, du wirst immer eine Möglichkeit finden, dein Auskommen zu finden. Du bist klug, originell, du bist kreativ. Auch wenn überall um dich herum Magazine und Zeitungen eingestellt oder Redaktionen entlassen werden – du bist prämiert. (…) (Bis ich) bald zwei, zehn, zwanzig Anrufe benötigte, um einen Auftrag einzutreiben. Und sich die Empfängnisbeeitschaft für Originalität reduzierte. Das war deutlich spürbar. (…) Ich hatte nicht damit gerechnet, irgendwann einer von vielen zu sein. Einer von vielen Bewerbern, von vielen Bittstellern. Von zu vielen Schreibern. (…)

Und dann, nach einigen Monaten im Dienst der Schrankwand-Kundschaft:

Mittags lese ich manchmal tatsächlich noch im Feuilleton. Wenn eine Zeitung kostenlos herumfliegt. Selten also … Es ist eine besonders perfide Form des Masochismus, denke ich, sich in diesem Umfeld, bei diesen Arbeitsverhältnissen, mit einer neuen Ausstellung in einem Museum zu beschäftigen. Das ist so fremd alles, so weit weg. Diese affektierte Hysterie, dieses universitäre Aufregen und Beklagen über Dinge, die so fremd sind. Inzwischen. Dabei war das mal meine Welt. Und ich vermisse diese Welt. Aber als Teil der arbeitenden Bevölkerung durchpflügt ein einziger, schrecklicher Virus mein Denken: Wer braucht so einen Scheiß?

In diesem Interview berichtet der Autor von “höhnischen” bis nicht vorhandenen (Ex-)-Kollegen-Reaktionen auf sein Buch. Im Wesentlichen erntet er jetzt Verachtung oder Schweigen – so “Kisch”s Fazit. (Was nicht ganz stimmt … immerhin gab es ja den Feuilleton-Aufmacher der F.A.S., auch die taz berichtet über das Buch.) Solidarisch mit “Kisch”s Furcht vor Verachtung zitiere ich hier jedenfalls aus dem ECHTLEBEN – eine Szene, in der das Erzählerinnen-Ich mit einer Freundin darüber berät, ob sie sozusagen “offen” mit ihrer Existenznot umgehen soll, oder ob sie die Sache besser für sich behält:

»Es gibt nur zwei Regeln«, sagte sie. »Erstens: Du wirst die Sache für dich behalten. Zweitens: Du wirst niemandem davon erzählen.« (…) »Glaubst du denn wirklich, es wäre schlimm, wenn es doch herauskäme?« – »Ja. Sie werden in dir eine mögliche Variante ihrer eigenen Zukunft sehen und sich gruseln, sie werden fürchten, dass es ansteckend ist. Jedes von dir vergessene Komma werden sie als weiteren Beleg dafür nehmen, dass es dich wohl komplett aus der Bahn gekegelt hat, und, wer weiß, vielleicht werden sie stolz darauf sein, dass sie endlich auch einmal etwas aus erster Hand zum Gossip beitragen können. Jeden Themenvorschlag, den du anbringst, werden sie als Betteln um Geld interpretieren. Und sie werden dir noch weniger bezahlen als vorher – wenn sie dich, wie gesagt, überhaupt noch beschäftigen.«

Zur Lage des Journalismus, des sogenannten Printmarkts, und darüber, dass das Honorar-Dumping keine natürliche Wetterlage ist, sondern wirtschaftlich schon auch so gewollt, noch ein halbwegs aktueller Link: NULLEN UND NADELSTEIFEN (ein Freitag-Text von mir aus dem November 2014). Dem Kollegen “Kisch” – ich weiß nicht, wer er ist – wünsche ich jedenfalls alles Gute (er möchte auch wieder vom Schreiben leben können, sagt er). Und schließlich, falls hier jemand noch mehr über Arbeit, die es nicht (mehr) gibt lesen möchte, auch in anderen Branchen, noch drei Buch-Tipps – von links nach rechts:

D.W. Gibsons NOT WORKING. People Talk About Losing a Job and Finding Their Way in Today’s Changing Economy (Penguin, 2012)

Frank Hertels KNOCHENARBEIT. Ein Frontbericht aus der Wohlstandsgesellschaft (Hanser, 2010), die Tatsachengeschichte eines filigran ausgebildeten Geisteswissenschaftlers, der als Hilfsarbeiter in einer Fabrik arbeitet, weil es anders nicht geht.

Und ein geschätzter Klassiker aus dem Hilfs- und Notjobbermilieu (huch, auch schon wieder 10 Jahre alt): Jürgen Kiontkes LITTLE CLASS (Verbrecher Verlag, 2005)

Neuer DRECKSACK – Lesung am 11.4. in Berlin

Eine neue Ausgabe des DRECKSACK, der Lesbaren Zeitschrift für Literatur, ist erschienen. Diesmal wieder mit einem Kullmann-Text (s.o.), außerdem mit einem Nachruf auf Kim Fowley, geschrieben von Matthias Merkelbach, und Beiträgen von Jan Off, William Cody Maher, Bastienne Voss, Daniela Maria Ziegler u.v.a..

Die DRECKSACK-Homepage
Der DRECKSACK-Facebookseite
Ein DRECKSACK-Porträt (aus dem Freitag)

!!! LESUNG am Samstag, 11. April, 20.30 Uhr, in Berlin, in der Rumbalotte Continua, mit Eric Ahrens, Erik Steffen, Florian Günther, Bert Papenfuß und KK.

Exklusiv für Sie fotografiert (2)

Und zwar fotografiert von der geschätzten A. Manske, und zwar in der vergangenen Nacht, und zwar bei dieser sehr tollen Soul-Veranstaltung, bei der ich meine Scheiben mal wieder rotieren lassen durfte, und zwar bis – huh – etwa 5.30 Uhr in der Früh’. Ich wusste gleich, dass es eine tolle Nacht werden würde, als eine mir bis dato unbekannte Frau mich, kaum war ich im Saal angekommen, mit den Worten begrüßte: “Hihi, in diesem Kleid siehst du ja aus wie Minnie Maus!” (Ich sagte darauf, wie immer makellos höflich: “Oh, danke.” – und dachte: “Boah, Schätzchen. Wart’s nur ab. I will make you sweat, und zwar so, dass du drei Tage nicht wirst laufen können.” Und genauso war’s dann auch bzw. wird’s jetzt sein.)

Es rotierte unter anderem das hier (gelbe Platten sind oft die besten):

Interview bei den Krautreportern: “Welches Tier wären Sie, wenn Sie ein Gemüse wären?”

(c) Troy Holden
(c) Troy Holden

Das tolle Foto oben wurde von dem Fotografen Troy Holden aufgenommen, der seine Arbeiten – er fotografiert am liebsten Passanten in seiner Heimatstadt San Francisco – als snapshots bezeichnet. Das Motiv “Papptüte überm Kopf” passt gut zu unserem Tagesordnungspunkt Interviews und Ähnliches – womit ich hier jetzt ausnahmsweise Interviews mit mir meine – Situationen, in denen ich befragt werde, statt zu fragen. Eigentlich an odd situation, wie man in Amerika sagt. Umgekehrt ist es mir deutlich lieber (siehe etwa hier und hier).

Passiert ist jetzt jedenfalls ein Gespräch mit Marcus Ertle, der u.a. für die Krautreporter und das Interview-Magazin Galore Menschen (etwa Hermes Phettberg, Martin Sonneborn, Kathrin Bauerfeind, Joachim Lottmann) zu allem Möglichen befragt, bevorzugt am Telefon, und, wenn ich es richtig verstanden habe, auf jeden Fall immer mit der einen Frage: “Besitzen Sie eine Brotzeitdose?” Was das alles sollte, verstehe ich, bei aller Ehre, noch immer nicht, lustig war’s allerdings doch, unter anderem plauderten wir über blutige Steaks, über die Faktoren Verständnis und Neid, über Wölfe, Seidenkrawatten, Michel Houellebecq, Antonia Baum und Hans-Olaf Henkel. Bei Galore erscheint das Gespräch bald auch auf Papier.

>>> Bei den KRAUTREPORTERN kann man das Ganze schon jetzt ONLINE LESEN.

Joan, Gentlewoman. Style is politics, too.

Links: Modefoto aus der aktuellen Ausgabe des Magazins Gentlewoman / Rechts: die US-amerikanische Publizistin Joan Didion, 80, in einer Werbekampagne des Modelabels Céline

Nicht, dass es wieder heißt, Menschen, die sich mit dem Marxismus beschäftigen, hätten keine Freude im Leben und-oder keinen Sinn fürs, äh, Ästhetische oder was noch alles. Ich zum Beispiel: Sehr gern studiere ich ab und an gezielt die Sphäre der schönen Dinge, oder sagen wir: die Welt des schon nicht mehr ganz realen Wohlstands. So habe ich gerade im Magazin The Gentlewoman (über das es einiges Ernsthaftes zu sagen gäbe, jedenfalls lese und betrachte ich es wirklich gern; allein der Titel springt mich schon an, da gehe ich dem Naming voll auf den Leim, genau wie bei der Sendung Goodbye Deutschland, die ich schon wegen ihres Titels so oft einschalte, wie es geht) – jedenfalls sah ich im Magazin Gentlewoman nun zweierlei abgedruckt: Eine Werbeanzeige des Modelabels Céline – das für seine aktuelle Kampagne die US-Publizistin Joan Didion, 80, gebucht hat (siehe oben rechts). Das Foto wurde im Netz schon viel besprochen, und ich bin echt erschrocken, als ich es entdeckte. Denn ich habe vor, im Alter von 80 in etwa exakt so auszusehen wie Joan Didion hier, vom Styling und der Frisur her. Das Foto oben links wiederum zeigt ein Motiv aus einer Gentlewoman-Modestrecke zum Thema Hosenanzüge. Was man weiß, wenn man ein Magazin wie Gentlewoman aufblättert (es beginnt mit – ungelogen – 80 Seiten doppelseitiger Hochglanzwerbung, bevor der erste redaktionelle Beitrag kommt): “Nie im Leben werde ich mir auch nur ein Stück der hier abgebildeten Verschönerungswaren leisten können!”. Dann sah ich den Hosenanzug links oben – und … fiel. Ich meine: DAS will man doch genauso unbedingt sofort anziehen – oder etwa nicht? Keine Ahnung, was das kostet. Ich werde auch keine Sekunde darauf verschwenden, den Preis zu recherchieren (so viele Bahntickets oder Gin Tonics oder Duschgels, Haargummis, Sekundenklebertuben und Spannbettlaken könnte man sich stattdessen leisten). Jedenfalls las ich im Kleingedruckten dann: Der Anzug ist von Céline. Und das finde ich gerade sensationell: Dass ein Modelabel (!) mich vorübergehend mal so fasziniert. Ich springe da ja auf alles an! Waaah, ich bin da voll ein Zielgruppentier! Ist das nun Werbung hier? Neiiin! Kaufen Sie das bloß nicht! Ist das jetzt ein Modeblog? Neiiin! Alles, was ich zum Modeblogging zu sagen habe, ist längst aufgeschrieben. Aber eines ist eben auch wahr: STYLE IS POLITICS, TOO. Auch ohne Zugriff auf nennenswerte Geldreservoirs ist er herzustellen: ein Stil, der bisschen politisch ist, womöglich. Ach, was soll’s: Mir gefällt das. Schwarz scheint zudem das neue Schwarz zu sein. So hat alles seine Ordnung.
Weitere Durchsagen folgen.
Immer die Ihre: KK

DAVID HARVEY im Interview: “Gedanken wie Dynamit”

Mit dem amerikanisch-britischen (Neo-)Marxisten David Harvey unterhielt ich mich über sein soeben erschienenes Buch Siebzehn Widersprüche und das Ende des Kapitalismus. Zu lesen ist das Gespräch seit heute beim Freitag (online & Print) und ab dem 17. März auch bei Analyse & Kritik.

>>> DAS GESPRÄCH BEIM FREITAG
>>> DAS GESPRÄCH IM ARCHIV
>>> DAS GESPRÄCH BEI ANALYSE & KRITIK

Lieblingszitat Harvey:

Ich würde gern überall herumgehen und den Leuten sagen: Ihr seht doch, was geschieht. Ob wir die Entfremdung nehmen oder von Enteignung sprechen: Ihr spürt es in euren Nachbarschaften, in der Arbeit, im Alltag – alles, worüber Marx schrieb, passiert gerade in euren Vorgärten.

JIMMY SOMERVILLE im Interview: “Ich hatte immer ein Faible für Discodivas”

Motiv gefunden bei: Discoball rental Pittsburgh, PA (pghsoundrental.com)
Motiv gefunden bei: Discoball Rental Pittsburgh, PA (pghsoundrental.com)

Mit Jimmy Somerville, der vielen sicher noch als “Smalltown Boy” (Bronski Beat) bekannt ist, sprach ich über sein soeben erschienenes Album Homage, über die Essenz des Disco-Prinzips, über Glasgow, über das Schwul-, Lesbisch- und Heterosein, über Schoßhunde, dunkle Stunden und Optimismus. Nachzulesen im aktuellen Freitag (Printausgabe 11/2105) und online bei uns im Archiv. Eine Hörprobe vom Album: Travesty.

>>> HIER GEHT’S ZUM GANZEN GESPRÄCH

So fängt es an:

Herr Somerville, es ist leider ganz schlechter Journalismus, wenn ein Interview so beginnt, aber ich muss es Ihnen gleich sagen: Sie waren sehr wichtig für mein Heranwachsen, eine Identifikationsfigur.

Wirklich? Das ist doch nicht schlimm, dass Sie das sagen. Das freut mich.

Aber ich bin eine Frau, noch dazu heterosexuell. Als Sie in „Smalltown Boy“ vom Aufbruch eines Provinzjungen sangen, war ich 14, verstand kaum Englisch und wusste gar nicht genau, was „schwul“ bedeutet. Ich hatte den Eindruck, sie singen von mir.

Das ist doch toll. In Smalltown Boy geht es um die Enge in der Provinz. Um Leute, die einen beobachten und einem sagen, wie man zu sein hat. Ich glaube, der Song fing ein Gefühl ein: Wer bin ich? Wer will ich sein? Es gibt zwei Sorten von Menschen: Diejenigen, die bleiben, wo Sie aufgewachsen sind. Und diejenigen, die rauswollen. Der Song handelt von dem Moment, in dem man den Schritt wagt. Da ist auch Angst im Spiel. Man lässt hinter sich, was man kennt. Selbst auf die negativen Dinge kann man sich ja immerhin verlassen.

(c) Chateau de Pop / James Kemmenoe
(c) Chateau du Pop / James Kemmenoe

OH MY TROUBLED SOUL
28.3.: Alva Starr an den Plattenspielern

Martha Reevs (rechts) & The Vandellas (c) Motown
Martha Reevs (in Längsstreifen) & The Vandellas (c) Motown

Alva Starr heißt die Hauptfigur in dem amerikanischen Working-Class-Film Dieses Mädchen ist für alle (This property is condemned), den Sydney Polack 1966 gedreht hat, auf der Basis eines Bühnenstücks von Tennesse Williams, mit Natalie Wood als Alva und Robert Redford, Charles Bronson, Kate Reid und anderen.

Alva Starr ist auch mein Tarnname, wenn ich als DJ im Einsatz bin.
So wie demnächst wieder mal:

Am 28. März, ab 23 Uhr beim
OH MY TROUBLED SOUL-Northern-Soul-Nighter
Great DJanes, baby powder on the floor, cheap booze, cheap entry
Bei Ruth, Ziegrastraße 12, 12057 Berlin (Neukölln), S-Bahn Sonnenallee

Kommen Sie – tanzen Sie – bewegen Sie sich wie eine Erdnuss-Ente!

Konzession an das Smartphone

Erneut ein neues, äh, Webseitendesign hier. Jetzt ist aber auch mal Schluss. Es soll jetzt wirklich die letzte Umgestaltung für mindestens … 21 Monate sein. Mein PR-Team, mein Management, meine PraktikantInnen, meine 400 400-Euro-MitarbeiterInnen und ich reagieren damit auf VebraucherInnenbeschwerden: Dass man das einzigartige Informationsangebot von katjakullmann.de auf einem Smartphone nicht richtig genießen könne, weil da alles immerzu verrutsche, so vom Layout her, es sehe sozusagen sch***e aus. So erzählte man es uns, mehrfach. Da in diesem Unternehmen Smartphone-Verbot herrscht, konnten wir das nie so ganz glaubwürdig überprüfen. Dennoch haben wir nun alles rutschfest programmiert (hoffen wir jedenfalls), denn: Sicher ist sicher, außerdem wollen wir uns ja nicht technik- oder fortschrittsfeindlich geben. Alle Foto-Galerien (und anderes) aus der früheren Programmierung sind nun allerdings auch wieder verrutscht. So haben wir sie vorerst in eine Lagerschublade zurückverlegt (ein Blog ist ohnehin etwas Flüchtiges), alles andere haben wir liebevoll umgeräumt. Fortan bloggen wir hier jetzt also Smartphone-kompatibel weiter. Was den Blog, die Euphorie im Alltag sonst angeht: Sie finden sie weiterhin oben rechts im Menu, unter “Blog” oder unter diesem Link. Sie können genauso gut einfach auf die Startseite gehen und dort nach unten scrollen, da laufen jetzt immer die neuesten News hoch. Falls Sie das hier jetzt auf einem Smartphone lesen: Es müsste eigentlich total attraktiv aussehen. Sollte es das nicht tun: Beschweren Sie sich bitte bei Ihrem persönlichen Gerätedings. Immer die Ihre: KK

Koeppen

Eine Trilogie des Scheiterns hat er geschrieben – und einige andere Texte. Wolfgang Koeppen (1906-1996) zählt ganz unbedingt zu meinen Lieblingsschriftstellern. Über den Jahreswechsel habe ich ihn wieder bzw. neu gelesen. Und er hat mich diesmal, in meiner zweiten großen Koeppen-Welle, noch eindringlicher überzeugt als beim ersten Kennenlernen, vor zehn, fünfzehn Jahren.

Gerade für dieses Jahr mit der Nummer 2015 ist er zu empfehlen – denn am 8. Mai jährt sich nun ja zum 70. Mal die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht, das Ende des Naziterrors und des Zweiten Weltkriegs. Ebenjene Zeit bildet, sozusagen, die Ursuppe für Koeppens Schreiben.

Seine Trilogie des Scheiterns (so weit ich weiß, stammt diese Benennung nicht von Koeppen selbst) besteht aus drei Romanen: Tauben im Gras (1951), Das Treibhaus (1953) und Der Tod in Rom (1954). Alle drei Romane beschäftigen sich mit dem sozialen und politischen Klima im Wiederaufbaudeutschland, dem Westdeutschland der Nachkriegsjahre eben. Koeppen schildert quasi das Vorspiel beziehungsweise den Auftakt der (alten) Bundesrepublik, anhand sehr unterschiedlicher (Sozial-)Figuren und Charaktere. Und das geschieht irre dicht: Die Romane spielen jeweils nur an einem oder wenigen Tagen, strecken sich über einen ziemlich kurzen Zeitraum, gehen aber, sozusagen, nah ran. Von “Fräuleins”, die sich mit (schwarzen) GIs verbinden und dafür als Huren beschimpft werden, über stramme SS-Witwen und deren Käsekuchengelage, über Altnazis, die Bürgermeister werden, über verarmte Industrie-Erbinnen, über das frühe Lobbyistentum in der Hauptstadt Bonn und junge Künstler oder Intellektuelle, die am Land verzweifeln: Ein extrem lebendiges, vielschichtiges Panorama fährt Koeppen auf. Und er braucht nicht mal allzu viel Platz dafür: Superangenehme 180 bis 240 Seiten fassen die Romane jeweils – das ist ohnehin das absolut eleganteste (meist auch intelligenteste) Format, muss ganz klar gesagt werden.

Was man aus seinen Büchern lernen kann (was mir wirklich erst mit Koeppen so richtig klar wurde), ist zum Beispiel dies: Wie stark die sogenannte Wiederbewaffnung des Landes umstritten war – wie heftig sie vor allem von den jüngeren Erwachsenen des Nachkriegsdeutschlands abgelehnt wurde – von jenen, die in den Nazi-Jahren geboren worden und mit Nazi-Eltern im Krieg aufgewachsen waren und all das nun, da sie volljährig waren, auf gar keinen Fall noch einmal erleben wollten.

Biografisch ist Koeppen (geboren in Greifswald, gestorben in München) auch recht interessant – vor allem in zwei Punkten.

1.): Auch wenn seine Nachkriegsromane von einem extrem scharfen, ultragenauen Hass auf den Nationalsozialismus und dessen Protagonisten, mehr noch: Hass auf Doitschtümeleien aller Art zeugen – während der Naziherrschaft hat Koeppen sich, anders als eben viele andere Schriftsteller, doch duckmäuserisch, unklar, opportunistisch, erfolgswillig, letztlich also: feige verhalten.

2.) Und er ist der vielleicht größte Meister der Schreibblockade. Sein Verleger Siegfried Unseld finanzierte Koeppen mit allerlei Zuwendungen, treu und zuversichtlich, immer in der Hoffnung, in größter Gelduld auf ein neues Koeppen-Werk wartend, das dann bei Suhrkamp hätte erscheinen sollen. Unseld wartete (und finanzierte) nicht acht oder zehn Jahre. Auch nicht 13. Unseld fütterte Koeppen sagenhafte 17 Jahre durch – ohne dass etwas wirklich Markantes dafür zurückkam, jedenfalls kein “großer Roman” mehr. (Diese Geschichte finde ich toll, beide Leute darin. Unseld, weil er eben tatsächlich so Suhrkamp-ig und Unseld-haft war, wie es das heute, logisch, nicht mehr gibt, weder bei Verlagen noch sonstwo. Und Koeppen, weil er all das Geld ernsthaft angenommen hat. Unterdessen schrieb er schon auch irgendwie weiter, brachte aber eben fast zwei Jahrzehnte lang nichts Rechtes mehr dabei zustande. Dennoch nannte er sich weiterhin “Schriftsteller”. Und glaubte auch daran.)

Genug geworben, genug doziert.
Hier noch drei Soundproben:

TAUBEN IM GRAS (1951):
Die Szene: US-Soldaten fahren mit ihren (zivilen) Autos durch eine deutsche Nachkriegsstadt:

(…) (S)ie lachten, sie winkten, sie lenkten die schönen das Lied des Reichtums summenden Automobile geschickt zwischen die schon parkenden Fahrzeuge. Die Deutschen bewunderten und verabscheuten den rollenden Aufwand. Einige dachten ,unsere marschierten’. In ihrer Vorstellung war es anständiger, in einem fremden Land zu marschieren, als zu fahren. (…) Deutsche Offiziere, die sich als Stadtreisende durchschlugen und mit ihrem Musikköfferchen auf die Straßenbahn warteten, ärgerten sich, wenn sie gewöhnliche amerikanische Soldaten wie reiche Touristen in bequemen Polstern grußlos an ihren Vorgesetzten vorbeifahren sahen. Das war Demokratie und Unordnung.

DAS TREIBHAUS (1953)
Die Szene: Der Bonner Bundestagsabgeordnete Felix Keetenheuve, Mitte 40, trifft Fraktionskollegen der SPD:

Keetenheuve hatte sich verspätet, der Diplomat hatte gespeist, der Träumer war herumgeirrt, und die Mitglieder des Ausschusses guckten ihn nun vorwurfsvoll an. Die Fraktionskollegen Heineweg und Bierbohm blickten mit dem Ausdruck der Strenge und der Mißbilligung auf den Eintretenden. Ihre Mienen sagten, daß Keetenheuve in diesem Gremium, in dem er noch keine Stunde versäumt hatte, in diesem Beratungszimmer, in dem er fleißig und produktiv gewesen war, ihre Partei in nun nicht wiederguzumachender Weise bloßgestellt und geschädigt habe.

DER TOD IN ROM (1954)
Die Szene: Eine SS-Witwe namens Eva Judejahn steht in einem Nachkriegssommer in Rom an einem Hotelzimmerfenster:

Sie wartete. Sie wartete allein. Niemand half ihr, zu warten, verkürzte ihr mit Gesprächen die Wartezeit, und sie wünschte auch nicht, daß ihr die Zeit verkürzt werde und daß sie sich um sie kümmerten, denn nur sie allein grämte sich, nur sie trug Trauer (…), nicht um verlorenen Besitz, verlorene Stellung, verlorenes Ansehen weinte (sie), und schon gar nicht um (ihren Gatten) Judejahn, den sie als Held in Wallhall gesehen hatte, bleichte ihr Gesicht, sie trauerte um Großdeutschland, sie beweinte den Führer, beweinte die durch Verrat und Tücke und widernatürliches Bündnis niedergerungene germanische Weltbeglückungsidee, das tausendjährige Dritte Reich. Aus der Halle des Hauses drang Lachen durch Treppengewind und Gänge, aus dem Hof stieg mit Essensdunst ein amerikanisches Tanzlied, von einem italienischen Küchenjungen gesungen, zu ihrem Fenster hoch; doch sie erreichten nicht Lachen und lustiger junger (Song) italisch belacantisch erhellt, sie stand schwarzgewandet in ihrem Zimmer, einem Käfig aus Steinen, Wahn, Verkanntheit und dahinschwindender Zeit, stand vergeltungsschwanger wolfsrachig umnachtet im Mythos, dem erschwindelten, ertüftelten und geglaubten, den Urängsten preisgegeben, den echten von Wehr und Wolf, das angegraute verblichene strohblonde Haar, Garbe auf dem Felde gebliebenen Weizens (…), dies Haar zu strengem Frauenknoten gebunden über dem bleichen Gesicht Langschädelgesicht Eckkinngesicht Harmgesicht Schreckgesicht (..) Sie wirkte wie ein Gespenst, keine Eumenide, ein nordisches Gespenst, ein Nebelgespenst, das ein Verrückter nach Rom gebracht und in ein Hotelzimmer gesperrt hatte.