Juli-Vollmond-Musik

Gestern bzw. heute fand der erste Juli-Vollmond dieses Jahres statt, der zweite kommt am 31.7. und wird ein besonders fetter Blue Moon sein. Was ein Blue Moon ist, steht hier. Was dort auch steht:

Es gibt keine einzige wissenschaftliche Studie, die einen Einfluss des Mondes, zum Beispiel auf Geburten, Unfälle, Operationskomplikationen, Selbstmorde und dergleichen ergeben hat. Dagegen gibt es aber mehrere Studien, die solche behaupteten Einflüsse widerlegen.

Nicht, dass irgendjemand auf die Idee kommt, ich sei eine Eso-Tante. Ich stehe bloß auf Naturschauspiele, that’s all. Und ich stehe mittlerweile eben auf technologische Musik aus dem Großraum Detroit – wie z.B. auf das, was Mike Huckaby gestern bei dieser Party hier bei uns im allerschönsten Berliner Stadtteil überhaupt, dem Wedding, aufgelegt hat. Es folgen zwei qualitativ lächerlich schlechte Beweisfotos (Stimmungsbilder!) und ein schön pumpelnder Huckaby-Track älterer Schule. Juli-trunken, superfaul & herzlich: Ihre KK

Rummel in der Post-Punk-Truhe – Boys & Girls – Partners in crime – Katja lässt die Sau raus

Die Band Malaria in den frühen 80ern (Foto ausgeliehen von monika-enterprise.de)
Die Band Malaria! in den frühen 80ern (Foto ausgeliehen von der Webseite des von Gudrun Gut gegründeten Labels Monika Enterprise)

Juhu, ich habe da einen Schreibauftrag für diesen Sommer, einen unter vielen, und, yeah, in diesem Fall einen, auf den ich heiß bin (auch wenn nur 10.000 Zeichen dafür vorgesehen sind, also wieder mal praktisch nichts). Es soll noch geheim bleiben, logisch – aber ich muss Ihnen einfach schon ein paar lose Brocken aus dem Labor hinknallen, aus unbremsbarer Begeisterung. Im Folgenden werden Sie von ca. 100 Links überrollt. (Dafür werde ich Sie im Monat Juli weitgehend in Ruhe lassen, im Internet und auch sonst, versprochen.)

Unter anderem (vielem anderen) wühle ich für die zu schreibende Geschichte nun nämlich wieder einmal in der Post-Punk-Truhe, in dem, was in den späten 1970ern und frühen 1980ern musikalisch und ideell aus dem Punk hervorging. In jenen Jahren war ich zwischen 8 und 13 Jahre alt, tastete mich an die Adoleszenz erst heran. Nein, ich war eindeutig nicht dabei, gehörte als musikinteressiertes Schulmädchen aber zu denjenigen, die mit dem (völlig bescheuerten) Musikindustrie-Begriff Neue Deutsche Welle (NDW) vertraut waren, via TV und Radio.

Ein sehr geiles Stück aus jener Zeit, es wurde als “NDW” wahrgenommen, ein breit bekannter Chartshit von damals ist das folgende von Rheingold. Musikalisch wirkt es sehr frisch, also: heute, in diesen Tagen wieder. Neulich wurde es hier in Berlin bei einer Rafael-Horzon-assoziierten After-Empfang-Club-Party aufgelegt, und die anwesenden, äh, kunstaffinen Mittzwanziger bis Mittdreißiger, die nochmals jüngeren Brüder & Schwestern der eiskalten Kreativwirtschaftsära gingen extrem darauf ab. (Man beachte: Das zukunftsweisende Instrument, das Keyboard, wurde hier von einer Frau bedient, sie heißt Brigitte Kunz):

Brigitte Kunz am Keyboard – ja – überhaupt war jene Zeit bzw. eben das Post-Punk-Universum ein(e) höchst interessante(s), nicht nur, was die Sounds angeht, sondern auch die Posen, die Haltung(en), die textliche Kritik an den Verhältnissen, insbesondere auch am Geschlechterzirkus. Ganz schlimm verkürzt ausgedrückt (Ausführlicheres folgt dann eben noch): In der Szene (so sprach man damals) versuchten Männer und Frauen, Girls & Boys, partners in crime zu sein. Es war das erste popkulturelle Feld, in dem Männer klar und deutlich darüber sprachen, dass sie keine Lust mehr auf das Nachkriegsgenerationen-Modell “Papa-schafft-mit-dem-Aktenköfferchen-Konsumentenkohle-heran-und-kriegt-zur-Belohnung-einen-Herzinfarkt-zum-60.-Geburtstag” hatten, so wie Frauen Gegenentwürfe zum Panorama “Ich-konzentriere-mich-auf-Wohnungsdeko-Ehegatten-und-Kinder-Verwaltung-und-das-Studium-von-Ernährungstipps-und-Sonderangeboten” formulierten. (Manche Jüngere denken heute interessanterweise wieder genau andersherum, aber ach, das führt hier jetzt zu weit.)

Wie stark mich Duktus und Diskurs jener Tage doch bis heute beschäftigen (da scheint etwas, nun ja, gepflanzt worden zu sein), lässt sich in verschiedenen Texten nachlesen, fällt mir gerade auf. Etwa in einem kleinen F.A.S.-Stück über die Kunst von Werner Büttner – oder in einem kurzen Freitag-Text über die Lyrik von Wolfgang Dietrich – oder in einem schön langen Buch-Beitrag über das Verhältnis des Schriftstellers Wolfgang Welt zu den Frauen der frühen 1980er Jahre.

Sogar in Detroit, wo es ja v.a. um Techno und Soul geht, unterbrach ich meine Recherche für einen Abend, um die gar nicht amerikanische, sondern britische Post-Punk-All-Girl-Band The Raincoats bei einem raren Revival-Auftritt live zu hören und sehen (es ist im Buch kurz angerissen). Überhaupt gab es etliche All-Girl-Bands in jener Zeit und Sparte, einigermaßen bekannt sind z.B. Malaria! aus Berlin und The Slits aus Großbritannien, weniger bekannt vielleicht Östro 430 aus Düsseldorf (denen hier bei Youtube auch das doofe “NDW” aufgedrückt wird, pfff):

Und es gab zahlreiche geschlechtergemischte Bands, in denen Frauen entscheidende Parts übernahmen, etwa die Au Pairs mit der stilprägendenden Lesley Woods, oder die Talking Heads mit Bassistin Tina Weymouth oder (allerdings etwas später und anders, jaja) Sonic Youth mit Kim Gordon. (Im Frühjahr erschien Kim Gordons Autobiografie GIRL IN A BAND auf Deutsch, der Geschlechterzirkus ist auch dort ein Riesenthema, aber ich fand es nur mittelgut.) Zu hiesigen geschlechtergemischten Post-Punk-Bands zählen etwa Bärchen und die Milchbubis, die, haha, so klangen:

Was die Sound-Tendenzen angeht, so wurde und wird vieles aus der Post-Punk-Ära in jüngster Zeit von Bands und Publikum (und mir) also gerade wiederentdeckt – und ich muss dazu schon auch sagen: Ganz entspannt kann ich die Musik nicht sehr lange am Stück hören, es ist schon sehr hektisch und zappelig, das meiste, und die für den Post-Punk typische Verbindung von Punk und Funk oder auch von Punk und Dub/Reggae ist eine … auch … ziemlich schwierige, finde ich – oh ja. Es ist durchaus eine Art Lieblingsmusik für mich, aber eher wegen Pose, Haltung und Idee als wegen des (oft nervötenden) Sounds.

Um langsam die Schlusskurve dieses brutal mäandernden Blogeintrags zu erreichen (tausend Bands sind nicht mal erwähnt!), jetzt kurz noch dies: Die Band FAMILY 5, die sich 1981 um Peter Hein (davor und danach bei Fehlfarben) und Xao Seffcheque (der sich damals schön glamourös fotografieren ließ) formierte, ist eine reine Männerband – eine, die so etwas wie Soul-Punk spielte und in ihren Texten ebenfalls hie und da das geschlechtliche partners-in-crime-Prinzip thematisierte. Auf diesem Foto sehen Sie die zwei Family-5-Platten, die ich besitze – und daran angeschmiegt zwei CDs, die mich erst vor wenigen Tagen erreichten:

Family 5 klangen vor 30 Jahren zum Beispiel so:

Die Family-5-CDs erreichten mich nun über das berühmte blauweiße Sozialportal, nachdem ich auf meiner dortigen, äh, Pinnwand ein frühes Family-5-Stück gepriesen hatte, das sich leider nicht in meinem Regal befand. Xao Seffcheque bekam Wind davon (bedeutet: Ich spielte mich beim Portal penetrant damit auf, es war ein kaum getarnter Erschleichungsversuch meinerseits) und sandte mir die CDs zu (auf der blauen ist das Stück drauf) – wofür dem Mann hiermit ein herzliches muchas gracias! zuzurufen ist.

Der frühe Family-5-Song, der mich all die Jahre (im Kopf) begleitet hat (und jetzt endlich mir gehört), trägt den schlichten Titel Katja. Ein sehr junger Mann nahm es dem sehr jungen mir einmal auf eine Kassette auf. Der Text enthält praktisch alles, was ich hier jetzt spontan und umständlich zusammengenuschelt habe, die partners-in-crime-Sache des Post-Punk eben.

Leider ist Katja im Internet nirgends zu hören, der Text geht jedenfalls so,
und damit so long für heute,
immer euphorisch, immer die Ihre: KK

Tagein, tagaus hing sie mit uns herum
wir soffen zusammen, doch keiner kriegt sie rum
wenns einem dreckig geht weiß sie nen Rat
doch keiner nimmt Rücksicht wenn sie Scheißlaune hat

Lange schon wars um mich geschehn
ich mußte sie einfach jeden Tag sehn
Katja, Katja

Sie hat keinen Job, drum spielt sie mit uns
mancher denkt, sie wär einer von den Jungs

Auch ohne Schicki Fummel sieht sie super aus
und wenn die Musik stimmt, lässt sie die Sau raus

Ist das etwa alles, was ich vom Leben will
sie wiederzukriegen ist mein Ziel
Katja, Katja

Das weiße Stottern

Die Bürgerrechtsaktivistin, Humanwissenschaftlerin und Philosophin Angela Davis (in den frühen 1970er Jahren)
Die in jeder Hinsicht echte Bürgerrechtsaktivistin und Philosophin Angela Davis (in den frühen 1970ern)

Neu in der Zeitung (ab morgen, 25.6.): ein Beitrag zum Fall Dolezal, zur viel diskutierten Geschichte der US-Bürgerrechtsaktivistin Rachel Dolezal, weiß geboren, die sich mit Bräunungscreme und Dauerwelle jahrelang als “schwarze Frau” ausgab, wie nun herauskam. Nur ein paar Überlegungen … die an vielen Stellen ausführlicher hätten ausfallen sollen und müssen … – allein: Es gab in der Zeitung nicht mehr Platz. Ab sofort jedenfalls online beim Freitag oder online im Archiv zu lesen.

Im weitesten Sinne zum Thema noch drei spontan aus dem Regal gegriffene Bücher:

Ein Klassiker: DER SCHWARZE TRIBUN. Malcolm X. Eine Autobiographie – hier in einer Ausgabe, die nur noch antiquarisch zu haben ist – hg. von Alex Haley, mit einem Vorwort von Klaus Harpprecht

Ein irritierendes neues: KRITIK DER SCHWARZEN VERNUNFT von Achille Mbembe

Ein anschauliches: STYLE POLITICS. Mode, Geschlecht und Schwarzsein in den USA, 1943-1975 von Philipp Dorestal

AUTOMAT und die SLEAFORD MODS
Sozusagen Jungsmusik

Dass arglos geschilderte Freizeitinteressen hier in diesem Blog eine große Rolle spielen, haben Sie vielleicht schon mitbekommen. Euphorie im Alltag ist schließlich der Leitgedanke dieses für Sie komplett kostenfreien Internetangebots. Heute: zwei Musiktipps, zwei brandneue Schallplatten in Kullmanns Regal, beide Bands haben wir gerade auch live gesehen. Beide sind nicht gerade supertypisch für unseren Geschmack. Beide Werke könnte man, wenn man mit dem Geschlechterquatsch ankommen wollte, als sozusagen Jungsmusik charakterisieren. Auf dem einen gibt’s so gut wie keine Wörter, auf dem anderen hingegen sehr, sehr viele.

Da ist zum einen das neue (zweite) Album von AUTOMAT, einem Berliner Trio mit prominenter Post-Punk-Industrial-Electro-Dub-Besetzung – nämlich mit Jochen Arbeit, der sonst vor allem ein Bein der Einstürzenden Neubauten ist – mit Achim Färber, der u.a. bei Philip Boa & The Voodooclub und den Krupps trommelte – und mit Georg Zeitblom, der u.a. mit Arto Lindsay und John Zorn E-Bass spielte, einmal einen (akustischen) “Bio-Adapter” (nach John Lilly und Oswald Wiener) baute und sehr tolle Hörspiele macht (etwa dies hier oder das hier). Für den Freitag führte ich, zum ersten Automat-Album vor einem Jahr, dieses Band-Interview.

Genau drei Wörter werden auf dem neuen Automat-Album gesprochen, es ist ansonsten ein instrumentaler, dunkler, deeper Block, ziemlich eigenwillig, es macht mich quasi doped, und mein Lieblingsstück heißt “DMX15-80S”, nach einem analogen Studiogerät. Eine gewisse ideelle Verbindung zum Schwarzen Quadrat von Kasimir Malewitsch ist gegeben. Malewitsch sagte dazu (ich hab’s gerade nur auf Englisch da):

When, in the year 1913, in my desperate attempt to free art from the ballast of objectivity, I took refuge in the square form and exhibited a picture which consisted of nothing more than a black square on a white field. The critics and, along with them, the public sighed, Everything which we loved was lost. We are in a desert … Before us is nothing but a black square on a white background! But the desert is filled with the spirit of non-objective feeling.

Hier der mutmaßliche, äh, Hit aus dem neuen Automat-Album:

Superanders – u.a. weil hier extrem viele Wörter herausgenölt werden –, klingen die SLEAFORD MODS, ein Electro-Punk-HipHop-Duo aus dem britischen Nottingham – zwei stinkwütende prekäre Männer in ihren besten Jahren – mit Bierflaschen in den Händen und explizit polit-proletarischen Texten – und einem krachend schlichten, vom Laptop hineinscheppernden Ungedulds-Sound, der sehr geil punk-t. Die LP haben wir beim Konzert entstanden, es gibt noch mehr Platten von der Band, eine trägt den tollen Titel Austerity Dogs. Aber wir sind uns sicher: Live kommt das am allerbesten. Wir kamen ganz erfrischend aggressiv drauf, beim Konzert, echt wahr. Deutschlandradiokultur hat mal erklärt, woher die  Sleaford Mods kommen:

Sleaford Mods kennt man aus dem Fernsehen. Oder auch aus vielen britischen Filmen: Jugendliche in ausgebeulten Sportanzügen, ohne Job, ohne Perspektive, ohne Aufstiegschancen – ein England, vor dem die Politik gern die Augen verschließt und von dem man hierzulande wenig erfährt. Der britische Filmemacher Ken Loach zum Beispiel porträtiert diese Menschen vom unteren Rand der englischen Sozialskala regelmäßig in seinen Filmen. Der Sozialfrust dieser Gesellschaftsschicht hat nun auch in der Musik eine Stimme bekommen durch die Band Sleaford Mods.

Und auch hier zum Reinhören der potenzielle, äh, Hit der Band (leider nicht auf dem Album, das wir erwarben), Jolly F*cker heißt er. Wegen des Sleaford-Mod-Slangs sind die Texte uns nur zum Teil verständlich, aber F*ck verstehen wir sehr gut, in allen seinen Varianten, und an herausgehörten Formulierungen wie french fancies, fish fingers, digital timebombs, working class rage oder the mechanics of fear können wir uns auch erfreuen. Außerdem schmälert die Unverständlichkeit keineswegs die scharf hingerotzte Attraktivität des Ganzen:

Immer die Ihre, KK

RASENDE RUINEN auf Rügen
Exklusiv für Sie fotografiert (8)

Nachdem wir gestern in Greifswald über Farben diskutiert haben, ist heute zu sagen: Die Farbe Blau hat, auch wenn sie eine Konsensfarbe ist, selbstverständlich ihren Charme. Im Idealfall sieht sie so aus:

In der blau-blauen Ostsee liegt die Insel Rügen. Soeben waren wir erstmalig dort und können nun bestätigen: Ja – es herrschen dort tatsächlich Caspar-David-Friedrich-eske Verhältnisse.

Kreidefelsen von oben betrachtet:

Kreidefelsen von unten betrachtet:

Steine sind der Sand von übermorgen.

Oben auf der Steilküste im Nordosten der Insel liegt der Nationalpark Jasmund, ein Naturschutzgebiet, das man sehr angenehm durchwandern kann. Bäume, Tiere, Felder: Die Urbanistin – grundnaiv wie sie ist – flippt da schier aus vor alleraufrichtigster Begeisterung.

Ich meine: Kornblumen! Wow!

Mit dem sagenhaft berühmten Buch RASENDE RUINEN gastierten wir zwischendrin in der Inselhauptstadt Bergen, bei einer Lesung, auf Einladung der Rosa Luxemburg Stiftung. Dann wollten wir mal sehen, ob sich unsere RUINEN mit den Rügener Ruinen anfreunden können, und brachten sie darum an die oft fotografierte, mehrere Kilometer lange, seit der Wende bis heute (noch) weitgehend leerstehende Monster-Ruine Prora – einst von den Nazis errichtet, später von der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR genutzt. (Wir dürfen vielleicht schon vorwegnehmen: Nein – unsere Detroiter RUINEN und die Monster-Ruine wurden keine Freunde. Da herrschen doch extreme Mentalitätsunterschiede.)

In einem der Prora-Kolosse ist ein privatwirtschaftlich unterhaltenes Museum untergebracht – “20 Fernsehteams bestätigen: Hoher Informationswert. Besucherfreundlich” heißt es auf dem Begrüßungsschild – auf dem die einzelnen Museums-Bereiche in je eigener Typografie gehalten sind – was man nicht unbedingt “feinsinnig” nennen muss. Der Abschnitt “Kdf-Museum” (“Kraft-durch-Freude-Museum”) ist zum Beispiel in Fraktur-Antiqua-Sütterlin-artigen Lettern gehalten, wie sie im Nationalsozialismus gern gebraucht wurden, während der Abschnitt “Wiener Caféhaus” (ein Kapitel für sich, wenn man drinnen war) in jugendstiligen Buchstaben angekündigt wird. Alles in allem, und auch das jetzt schon vorweggenommen: Es ist das mit Abstand absurdeste Museum, das wir je besucht haben. Unbeschreiblich absurd.

Über die vergangenen 80 Jahre sind drei verschiedene Regimes über die Insel Rügen gewalzt. Drei verschiedene Regimes mit drei verschiedenen Plänen für Prora.

Hochgezogen wurde der Monsterkomplex von den Nazis, zwischen 1936 und 1939 – als Massen-Ferien-Standort nach dem “Kraft durch Freude” (KdF)-Prinzip. Wikipedia umreißt jenes Prinzip so: “Die nationalsozialistische Gemeinschaft Kraft durch Freude (KdF) war eine politische Organisation mit der Aufgabe, die Freizeit der deutschen Bevölkerung zu gestalten, zu überwachen und gleichzuschalten.” 20.000 Menschen sollten in Prora gleichzeitig ihre Ferien verbringen können – im “Seebad des deutschen Arbeiters”, wie damalige Werbeprospekte es nannten.

“Feinsinnig” ist, wie gesagt, nicht das Attribut, mit dem die Gestaltung des Prora-Museums zu belegen wäre. Dafür erzählt das Museum womöglich sehr viel mehr, als es eigentlich beabsichtigt. Anders ausgedrückt: Das Prora-Museum konzentriert sich im Wesentlichen auf eine Komplett-Verklärung der DDR-Vergangenheit, insbesondere der NVA – und in der so gut wie unkommentierten, völlig fahrlässigen, grellen Grobheit, mit der sowohl NVA-Devotionalien, als auch Dokumente des Nationalsozialismus ausgestellt sind, ergeben sich … erstaunliche Parallelen in den Eindrücken – vor allem, was die Rhetoriken der beiden Regimes angeht, die sich in Prora sozusagen die Klinke in die Hand gaben. !!! Anmerkung – wichtig wichtig wichtig !!! : Nein – der Nazi-Terror ist mit keinem anderen Terror zu vergleichen, das soll hier keinesfalls behauptet werden! Folglich: Nein – der real existierende Sozialismus, wie er in der DDR gespielt wurde, ist nicht mit dem Nationalsozialismus vergleichbar. Aber es gibt ein Aber: Beide Regimes haben den deutschen Arbeiter brutal missbraucht, in ihren Bildern und Wortspielen, beide haben den deutschen Arbeiter zu ihrem Propaganda-Protagonisten erklärt, beide haben den deutschen Arbeiter insgesamt ordentlich ins Knie gerummst. Im Museum liegen das “KdF-Urlauberzimmer” und das “NVA-Urlauberzimmer” für den jeweiligen deutschen Arbeiter dann auch unmittelbar nebeneinander:

Für den “Schutz der Arbeiter- und Bauernmacht” galt es, die “Bibliothek des Sieges” zu studieren:

Ungezählte farbenfrohe Bildbände laden in allen Ecken des Museums zum gebührenfreien Blättern ein. “Soldat im Osten” heißen die nostalgischen NVA-Epen, oder “Meine Zeit”. Akute Würgegefühle lassen sich angesichts dieses militaristischen Megakitsches nicht vermeiden.

Militaristisch-martialisch mutet auch der Ausweis-, Urkunden-, Ordens-Klimbim an, der den zivilen DDR-Alltag durchzog. Für jeden Mist ein Wimpel, für jeden Belang ein staatlicher Stempel, für jeden Pipifax ein Kader-Sternchen. Puh.

“Der Sozialismus – Deine Welt”. Nö, glücklicherweise nicht. Und dann steht da doch tatsächlich ein Globus daneben, im Museum, ein Erdball mit all den interessanten Orten, die ein DDR-Standardbürger nicht besuchen durfte. (Seine Nationale Volksarmee passte scharf darauf auf.) Und was lernen wir daraus? Irony is not over, auf dem Gebiet der früheren DDR jedenfalls noch nicht.

Mittlerweile hat das dritte Regime die Geschicke von Prora übernommen: der fortgeschrittene Kapitalismus. Der deutsche Arbeiter heißt jetzt Verbraucher oder Konsument (oder, speziell im Immobilien- und Geldanlagegeschäft, Client). Das folgende Foto ist keine Collage – die beiden Haushälften (Prora-Ruinenabschnitt und Prora-Sanierungsabschnitt) stehen so nebeneinander, wie hier zu sehen.

Statt politisch konnotierter Fahnen hängen jetzt aufreizende Vorzugsangebote in Prora. Zoom auf eines der im Sanierungsabschnitt aufgestellten Verkaufsplakate:

Rechts unten: Musterwohnung unter schwarzrotgoldener Flagge – Links unten: Immobilienmakler und Interessentenpärchen auf Segways (sollte ich jemals herausfinden, dass der Mann, auf den ich stehe, auf einem solchen Ding steht, würde ich von jener Sekunde an nicht mehr auf ihn stehen). Makler und Interessenten fahren nach der Musterwohnungsbesichtigung die kilometerlange Anlage entlang, des Gesamtüberblicks wegen. Der Makler spricht, im langsamen Vorbeirollen auch für eine Fußgängerin gut hörbar, von einem “Concierge-Service”, der “Schutz vor der Öffentlichkeit” biete. In einem der eilig eröffneten, noch kaum besuchten Milchkaffee-Cafés im sanierten Teil von Prora führt eine Viertelstunde später ein offensichtlich im Immobiliengeschäft tätiger Mann um die 50 mit westdeutschem Akzent ein Telefonat, das am Nachbartisch wiederum von der sich ausruhen wollenden Fußgängerin mitgehört wird. Es geht um eine “Frau Schleicher”, die unbedingt “den Rolls Royce unter den Brüstungen” haben will, weshalb sie jetzt mit 8.000 bis 10.000 Euro Zusatzkosten rechnen müsse, was besagte Frau Schleicher allerdings nicht einsehen wolle, weswegen demnächst da jetzt noch mal länger telefoniert werden müsse, leider.

Gesamteindruck Prora: alles kurz vorm Burn-out.

Der Ostsee lässt all das Geplapper anstandslos über sich ergehen, die ganzen Regime-Rhetoriken sind ihr tatsächlich piepegal.

Vom (superfantastischen) Proraer-Strand kann man etwa 4-5 Kilometer zum Ortskern Binz spazieren. Je weiter man sich diesem nähert, desto mehr nimmt die Strandkorbdichte zu.

Schließlich folgen Strandbars und -Buden.

Dann ist man drin, in Binz – was man vergessen kann, am besten ganz schnell wieder. Doof, überlaufen, mit solcher Gewalt auf Urlauberparadies gebürstet, geputzt, zusammengeklebt, dass es bei einem erwachsenen Menschen mittelprächtiger Intelligenz nichts außer Beklemmung hervorruft.

(Ganz anders (!) als der Norden der Insel, der Nationalpark, die Kreidefelsen – dort ist es wirklich sehr schön, siehe den Beginn dieses Blogbeitrags.).

Das Beste an Binz ist seine Seebrücke, mit dem Fernglas an der Spitze, mit dem man weit weg gucken kann.

Killerbild zum Schluss: Kein Photoshop – sondern der Sonnenuntergang über dem Kap Arkona ganz im Norden, von gegenüber, vom Örtchen Lohme aus betrachtet. Ja, so ist es da. Guten Abend.

Wolfgang Koeppen in Greifswald
Exklusiv für Sie fotografiert (7)

Motiv gesehen bei: Text & Kritik
Koeppen auf diesem Foto nicht in Greifswald – Motiv gesehen bei: Text & Kritik

Ähnlich wie mit dem soeben be-bloggten Hans Fallada hatten wir auch mit Wolfgang Koeppen schon mehrere Lese-Durchläufe, über die Jahre.

Was beide vereint: 1.) Sie wurden beide rund um die Jahrhundertwende in Greifswald geboren. 2.) Beide teilen sich das, nun ja, Sternzeichen mit Jörg Fauser (und Franz Kafka, Hunter S. Thompson, Alice Munro, Henry David Thoreau, Marcel Proust, George Orwell, Walter Benjamin, Ernest Hemingway, George Sand, Hermann Hesse, Raymond Chandler und Marshall McLuhan). 3.) Beide haben das Nazi-Regime verachtet, haben es aber – auf je ihre Art – ausgesessen, statt in den Untergrund bzw. Widerstand zu gehen oder zu emigrieren.

Was die beiden unterscheidet: Fallada hatte zeitlebens reichhaltig Alkohol und Morphium im Blut – und war ein tendenziell lieblich (allzu lieblich) klingender “Murkel”-/”Lämmchen”-Kinderbuch-Schreiber. Koeppen war in jeder Hinsicht ein nüchternerer Typus – und ein viel schärferer, analytischerer, härterer, modernerer, wagemutigerer Schreiber. Kurzgefasst: Koeppen ist praktisch uneingeschränkt für großartig zu befinden. Soundproben und noch viel mehr Begeisterung finden Sie in diesem Koeppen-Blogeintrag (aus dem Januar).

Hier jetzt nur ein Auszug aus dem Koeppen-Essay Vom Beruf des Schriftstellers. Koeppen befasst sich darin mit der Frage, wie ein schreibender Mensch sich das Schreiben finanzieren kann, mit einem bleischweren Punkt also, der auch uns immer wieder umtreibt. Wie Koeppen es in den folgenden Zeilen beschreibt, versuchen auch wir es ja mit dem Journalismus – und genau wie Koeppen es hier umreißt, wissen auch wir, dass das im Grunde lebensgefährlich ist.

Aus dem Band Wolfgang Koeppen. Gesammelte Werke 6. Essays und Rezensionen (Suhrkamp), S. 48, f.; erstmals erschienen am 19. September 1933 im Berliner Börsen-Courier:

Das Artikelschreiben, der Journalismus, ist meist der Ausweg. Er ist ein Ausweg, der dem Schriftsteller die Mittel gibt, zu leben. Überdies ist er eine Gefahr. Nicht jeder Schriftsteller ist ein Journalist. Ein Buch zu schreiben ist eine Sache anderer Art als das Verfassen eines Artikels. Nicht daß das Letztere geringer zu achten wäre als das andere. Ein guter Artikel ist eine genau so schwierige Sache wie ein gutes Buch. Aber es ist die Gefahr der Handfertigkeit, der Glätte, der Fixigkeit, des Abgeschliffenwerdens, des Vielschreibenmüssens, der Abhängigkeit vom Tag mit seinen Ablenkungen, die den Schriftsteller im Journalismus bedroht. In einer Zeitung muß der Schriftsteller sein Thema anders behandeln. Er muß Stellung nehmen, eine Meinung haben, wo er im Buch vielleicht nur tiefste und zurückhaltendste Skepsis kundtun würde. (…) Der Schriftsteller kann vom Journalismus verschluckt werden.

Wie kürzlich schon erwähnt, ließen wir uns also mit einem goldfarben lackierten Mercedes Benz durch Mecklenburg-Vorpommern chauffieren, um Fallada und Koeppen posthum mal ordentlich zu stalken.

Sehen Sie hier: Rapsfelder, einer der wesentlichen Eindrücke beim Unterwegssein. Die Beifahrerin setzte, während sie dieses Foto machte, zu einem Vortrag über die Farbe Gelb an. Gelb sei nämlich ganz generell unterschätzt, werde sogar weitgehend missachtet, sagte die Beifahrerin. Der Fahrer schoss dagegen: Der Farbe Gelb geschehe es ganz recht, dass niemand sie möge, denn die Farbe Gelb sei fürchterlich. Worauf die Beifahrerin dozierte, dass die Farbe Gelb für die FDP ja aber nun mal nichts könne und dass sie tendenziell eine mentale, womöglich gar eine intellektuelle Farbe sei, die es einem absichtlich nicht so leicht mache, in jedem Fall eine sehr bewegliche, schnelle Farbe, auf ihre helle Art durchaus sperrig, jaja, das schon – aber wieviel interessanter letztlich, in ihrer Ungreifbarkeit, als etwa Blau, die globale Konsensfarbe (tatsächlich geben die meisten Menschen ja an, und zwar weltweit, dass Blau ihre Lieblingsfarbe sei.). Worauf der Fahrer sagte: “Wenn du meinst …”. (Er deutete an, noch einmal in Ruhe darüber nachdenken zu wollen.)

Dass sich beim Erreichen Greifswalds herausstellte, dass das Koeppenhaus ausgerechnet mit gelbem Putz geschmückt ist, erschien der Beifahrerin dann prompt wieder wie ein nachgerade magischer Zufall. Wobei die Beifahrerin einräumen musste: Das Koeppenhaus-Gelb ist in der Tat kein schönes, es neigt viel zu sehr ins Ocker, für ihren Geschmack.


Tatsächlich verbachte Wolfgang Koeppen die meiste Zeit seines Lebens in München (wo er 1996 auch starb). Eine gewisse Zwiebeltürmeligkeit, wie man sie von München kennt, ist auch Greifswald zueigen:

Wobei der nordosteuropäische, quasi-hanseatische, sozusagen fast schon baltische Giebelstil doch dominiert:

Buttermilch, Pralinen, Gänsebrust (und anderes) aus dem nahegelegenen Polen:

Backsteingotik:

Nach Reisen auf 4 Kontinenten in mindestens 25 Länder können wir – in tiefer Zuneigung zu all unseren queeren Freundinnen und Freunden – sagen: In Greifswald gibt es die absolut schwulste Brunnenfigurengestaltung, die wir je irgendwo gesehen haben:

Graffiti hat’s eher wenige, in Greifswald, dafür schreiben sie dort Kalendersprüche ungenannter Provenienz an die Häuser:

Dass die Farbe Rot, anders als die Farben Blau und Gelb, aber nun wirklich eine fast schon blöd zu nennende Farbe ist, ein ganz und gar aufdringliches Ding, das meist sehr billige Effekte und Affekte provoziert und eben vor allem die schlichten Gemüter so richtig anmacht, während ziselierterere Geister Rot nur in klar abgezirkelten, eher geringen Dosen ertragen können, darüber waren der Fahrer und die Beifahrerin sich schließlich einig. Trotz jener mental-intellektuellen (sozusagen gelben) Übereinkunft wechselte die – übrigens im roten Wedding wohnende – Beifahrerin für die Weiterreise von der goldenen Fahrgastzelle in ein Zugabteil der Deutschen Bahn, freilich nicht, ohne dem verehrten Schriftsteller noch einmal zuzuwinken.

Die “Welteinsamkeit” des Hans Fallada
Exklusiv für Sie fotografiert (6)

Der Schriftsteller Hans Fallada (der eigentlich Rudolf Ditzen hieß) ist einer, mit dem ich durchaus meine Probleme habe. Nein, ein Lieblingsschriftsteller ist er nicht. Sein Name, seine Biografie und sein Werk haben mich aber immer wieder mal beschäftigt. Wegen seiner Deutschheit vor allem.

Zum ersten Mal hörte ich von ihm, als ich 8 oder 10 Jahre alt war. Das ZDF zeigte eine mehrteilige Verfilmung eines seiner Romane: Ein Mann will nach oben. Meine Eltern ließen mich das sehen, die Namen des damaligen TV-Personals sind heute wohl nicht mehr so geläufig: Ursela Monn und Rainer Hunold, Günther Strack, Anita Kupsch, Mathieu Carière, außerdem Harald Juhnke und (die kürzlich verstorbene) Edith Hancke. Die Serie bzw. Falladas Roman (von 1941) erzählt das Ringen eines kleinen Mannes (ein schwieriger Begriff, jaja) um den sozialen Aufstieg zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Karl Siebrecht heißt der kleine Mann. Er hadert u.a. mit verschiedenen Obrigkeiten, dem sich Anpassenmüssen, dem Gehorsamkeitsdruck, und im Heranwachsendenalter konnte mich die relative Schlichtheit der Story noch (an den Fernseher) fesseln.

Mit 17, ungefähr, las ich, warum weiß ich nicht mehr, es war jedenfalls kein Schulstoff, den Fallada-Roman Kleiner Mann was nun (1932), der sich um den wiederum kleinen Angestellten Johannes Pinneberg und dessen Frau “Lämmchen” dreht. Die Sprache, die Erzählweise, fand ich unerträglich lieb – und rührte Fallada darauf hin erst mal nicht mehr an. Auch und erst recht nicht, weil ich über die Erscheinungszeit seiner Bücher nachzudenken begann: Fallada schrieb zwischen 1920 und 1947 – erlebte seine schriftstellerische Blüte während des Nazi-Regimes – war, anders als viele andere, eben nicht emigiriert, sondern versorgte die Volks-Leserschaft jener Zeit mit verdrucksten, verhalten kritischen Sozialromanen, mit Geschichten über die Hilflosigkeit des einfachen Menschen – letztlich mit lauwarmem Zeug, könnte man sagen, wenn man streng sein wollte (was gelegentlich ja sehr erfrischend ist). In der DDR, wo bekanntlich nur Anti-Faschisten der ersten Stunde wohnten, ausschließlich moralisch aufrechte Kleinbürger der einwandfreien Sorte, die alle partout nichts dafür konnten – hihi – kamen Falladas Sachen später prächtig an.

Sein Schreiben wird heute der Neuen Sachlichkeit zugerechnet – die ich als literarische Gattung sehr interessant finde und zu der auch Irmgard Keun und Erich Kästner sowie die hochverehrte Marieluise Fleißer und der ebenfalls hochverehrte Ödön von Horváth gezählt werden. Auch jene beschäftigten sich ausgiebig mit dem Kleinbürgertum. Vor allem von Horváth kam indes sehr viel Schärferes als von Fallada – der kein Nazi war … aber eben auch kein klarer Widerstandsschreiber … sondern einer, der in der entscheidenden Zeit wischiwaschi-artig versumpfte (er verkrümelte sich zum Beispiel in das Verfassen von Kinderbüchlein, als es erst so richtig schlächterisch wurde).

Jahre nachdem ich ihn ad acta gelegt hatte, wurde ich doch noch einmal auf ihn aufmerksam – was an Jörg Fauser liegt. Fauser beschäftigte sich stark mit Fallada – vor allem mit dessen extremer Alkohol- und Morphium-Sucht. Der Junkie Fauser sah in dem Morphinisten Fallada etwas, das mir womöglich entgangen war … – dachte ich, und wandte mich Fallada vor 10, 15 Jahren also noch einmal zu. Fauser schrieb über den Adressenschreiber, Morphinist, Erfolgsschriftsteller, Häftling Fallada unter anderem den Text Ich mißtraue jedem. Die biographische Fieberkurve des Volksliteraten Hans Fallada.

Ein Auszug (von 1981, entnommen diesem Jörg-Fauser-Band):

(…) Mit 50 Jahren schreibt der berühmte doch seiner selbst nie sichere Schriftsteller in einem Brief: “Ich mißtraue jedem.” (…) Als Ernst Rowohlt ihn nach Berlin holt, entsteht dort (1931) der Roman, der ihn mit einem Schlag bekannt macht: Bauern, Bonzen und Bomben, von dem Kurt Tucholsky in der Weltbühne sagt: “Hier ist Deutschland.” (…) Fallada, der für ein Leben in der Emigration völlig ungeeignet ist, ist genauso ungeeignet als Märtyrer, und so bleibt ihm, der nur eines will, Geschichten erzählen, auch nur eines übrig – Geschichten erzählen; Geschichten, die ihn immer mehr sich selbst entfremden, weil sie nicht mehr davon handeln dürfen, was zu gestalten er sich vorgenommen hat: die Wirklichkeit.

Ziemlich sanft, überaus nachsichtig ging der Junkie Fauser also mit dem Morphinisten Fallada um.

In dem winzigen Fischerdorf Carwitz in Mecklenburg-Vorpommern unterhält die Hans-Fallada-Gesellschaft heute jedenfalls ein Fallada-Museum – und zwar in dem Haus, in das Fallada sich während des Nazi-Regimes zurückzog – nachdem er von seinem Vermieter im Berliner Umland bei der SA denunziert worden und kurzzeitig in Haft gekommen war. Das Carwitzer Haus, die Einrichtung und alles, ist größtenteils im Original erhalten. Fallada suchte bzw. lebte dort für einige Jahre das, was er Welteinsamkeit nannte. Im Museum nennt man ihn einen “humanistischen Schriftsteller”:

So sieht sie aus, die Welteinsamkeit – das Haus von vorn:

Das Haus von hinten:

Der Blick aus dem Fallada-Garten auf den See:

Der Blick aus dem Wintergarten auf das Imkerhäuschen, in dem die Falladas ihren eigenen Honig züchteten:

Die Fallada-Küche (exakt so sind heute viele Küchen eingerichtet, die man beim Untervermietungs-Portal Airbnb betrachten kann – das ganz natürliche Feldblumenstrauß-Prinzip – der Zauber, der von grob gewebter Baumwolle und unbehandelten Holzoberflächen ausgeht – zurück zum Einfachnatürlichen – zur guten alten Zeit – lalalalala):

Fallada mit seiner ersten Frau Anna im Wohn- und Arbeitszimmer. (Das “Carwitzer Glück”, das er mit Anna und Kindern suchte, im Kleinfamilienidyll am See, zerbrach 1944. Er war letztlich zu dunkel dafür. 1945 heiratete er seine zweite Ehefrau Ursula.)

Er schrieb an einem schwarz lackierten Schreibtisch, auf einer Remington Portable:

1936 erschien Falladas rund 1200 Seiten fassender Roman Wolf unter Wölfen – eines der sehr wenigen 1000-Seiten-Bücher, die ich tatsächlich auch zuende las. Wolf unter Wölfen beschäftigt sich mit der Weimarer Republik. Ein starker Roman – “vielleicht (Falladas) größtes Buch überhaupt”, fand Jörg Fauser. Ja, da stecken etliche Spitzen drin, es ist einer von Falladas schärfsten Texten und wäre dann auch meine Leseempfehlung, für den Fall … (Was allerdings auch ganz klar gesagt werden muss: Zwar betrachteten die Nazis Falladas Werk immer mit Skepsis, zählten ihn nie zu den ihrigen – aber ausgerechnet Wolf unter Wölfen fand einigen Anklang bei den Schlächtern, Joseph Goebbels etwa zeigte sich recht angetan davon – was eben genau auf die Schwächen bzw die Grund-Schwäche bei Fallada verweist: So verdruckst, so vage, so unscharf hat er letztlich geschrieben, dass seine Texte einen gewissen Opportunismus-Effekt haben, dass sie durchaus auch von den, nun ja, Falschen goutiert werden konnten.)

Ein Auszug, eine Soundprobe zur Neuen Sachlichkeit – die ja ein toller Stil ist, von dem man viel lernen kann –, mit einem für jene Zeit allerdings ebenfalls typischen Begriff, dem sorglos und arglos rassistisch so hingeworfenen Wort “Japs”:

Wolf unter Wölfen. Roman. Erster Teil.
Die Stadt der Ruhelosen – 3. Kapitel
Prackwitz findet Berlin ekelhaft

Aber am schlimmsten waren die Mädchen. Überall schlichen sie herum, flüsterten, hängten sich bei jedem ein, liefen mit, lachten. Manche waren schon jetzt angetrunken, und alle – wegen Hitze und Geschäft – waren so weit entblößt, daß es kaum erträglich war. (…) Und zwischen Laster, Elend und Bettelei, zwischen Hunger, Betrug und Gift liefen die jungen, kaum schulentlassenen Mädchen aus den Geschäften mit ihren Kartons und Briefstapeln. Ihren raschen, sicheren Blicken entging nichts, und ihr Ehrgeiz war es, ebenso frech zu sein wie jene (…) Uns imponiert nichts! sagten ihre Blicke. Uns macht ihr Alten nichts mehr vor. Jawohl, sagten sie und schwenkten Mappen oder Schachteln, jetzt sind wir noch Ladenmädchen, Verkäuferinnen, Kontoristinnen. Aber es braucht nur einer ein Auge auf uns zu werfen, der kleine Japs da oder dieser Dicke mit Koteletten, der seinen Bauch in einer karierten Flanellhose schwenkt – und wir lassen unsere Kartons fallen, hier auf der Straße, jawohl, und heute abend sitzen wir schon in einer Bar, und morgen haben wir ein Auto!

 

Blumen bei Falladas:

Einen zweiten Fallada-Roman würde ich noch empfehlen (wenn jemand ihn kennenlernen möchte): Falladas letzes Buch, es erschien 1947, kurz bevor der Autor mit 53 Jahren an den Folgen seiner multitoxischen Sucht starb: Jeder stirbt für sich allein. Der Roman schildert das (reale) Schicksal eines Berliner Arbeiterehepaars, das Flugblätter gegen Hitler verteilt hatte und denunziert worden war. Fallada schrieb den Roman in der Klinik, schon auf dem Weg zu seinem eigenen Tod, innerhalb weniger Wochen, seinen letzten Wochen eben, gehetzt, in einem weiteren Rausch. Betrachtet man seine Lebensgeschichte, handelt es sich wohl um ein letztes Aufbäumen gegen den Terror, den er selbst, na ja, eben irgendwie bloß ausgesessen hat, in melancholisch leidender Privat-Vernebelung. Hm. Hm hm hm.

Aus dem Vorwort des Verfassers, das Fallada dem Roman voranstellte:

Die Geschehnisse dieses Buches folgen in großen Zügen Akten der Gestapo über die illegale Tätigkeit eines Berliner Arbeiterehepaares während der Jahre 1940 bis 1942. (…) Mancher Leser wird finden, daß in diesem Buch reichlich viel gequält und gestorben wird. Der Verfasser gestattet sich, darauf aufmerksam zu machen, daß in diesem Buche fast ausschließlich von Menschen die Rede ist, die gegen das Hitlerregime ankämpften, von ihnen und ihren Verfolgern. In diesen Kreisen wurde in den Jahren 1940 bis 1942 und vorher und nachher ziemlich viel gestorben.

 

Zur Feldberger Seenlandschaft, der Region um Carwitz noch: Sie liegt nur etwa 1,5 Stunden Autofahrt von Berlin entfernt, ist wunderschön und an vielen Stellen ohne jede Funknetzverbindung. (Was jemandem wie mir, jemandem, dem die allgemeine What’s-App-Wuschigkeit an Geist & Seele vorbei geht, eigentlich recht egal ist. Ich schalte öfters mal aus, manchmal tagelang am Stück. Das ist sehr einfach. Aber es ist offenbar eine Kulturtechnik – das Ausschalten –, die kaum noch jemand beherrscht, binnen zehn, zwanzig Jahren scheint diese Schlüsselkompetenz des souveränen Lebens wie vergessen. Angesichts des allgegenwärtigen Vernetzungs-Totalitarismus fand ich es nun einigermaßen bemerkenswert, dass solche Netz-Lücken – Welteinsamkeit – überhaupt noch geduldet werden. Alexander Dobrindt: You missed some parts! Ich hörte, dass manche Reiseanbieter sich auf solche Gegenden spezialisiert haben und diese nun als Wellness-Erlebnis-Oasen vermarkten – “Ohne Anschluss! Erleben Sie das Unsägliche!” Ja, man kann wohl mit Fug und Recht sagen: Die Welt wird und wird nicht klüger; sie schafft es einfach nicht.)

Meine Empfehlung: Fahren Sie mit einem auf krummen Wegen organisierten, zum Beispiel von Freunden ausgeliehenen, goldfarben lackierten Mercedes Benz, Baujahr so um 1982, durch die Region, jedenfalls in einem Automobil mit Landarzt-Familienkutschen-Checker-Appeal, in einem mit mückenverschmierten Scheiben, das einen Feuerlöscher unter dem Fahrersitz hat.

Sie kommen damit an Plätze wie diesen:

Oder diesen:

Wald! Wunderbar! Diese Gestaltung! Er, Sie, Es da oben (oder wo auch immer) ist noch immer der-die-das begabteste DesignerIn-X:

The Kitsch is real:

Wenn eine Urbanistin wie ich das Glück hat, unmittelbar an einem abgelegenen (Feldberger) See zu übernachten, kann sie kaum schlafen, so ungeheuer laut ist es nachts dort. Im Urwald. All die Tiergeräusche: großartig! Dieses Schnarren und Kreischen und Grummeln und Rascheln und Pfeifen und Jodeln. Er, Sie, Es ist echt ein Scherzkeks, eine Ulknudel. I love that!

Das Tollste an den Urwaldgeräuschen und der daraus sich ergebenden Schlaflosigkeit: Man ist auch um 4.30 Uhr in der Früh’ hellwach, kann sich ans Ufer setzen und eine Stunde lang den – traraaa – Sonnenaufgang beobachten, dieses uralte ober-edle Schauspiel. Wooosh. Baaaam. Dingdong.

Amen.

Rekordjackpot

Das kleine Glück am Kiosk
Das kleine Glück am Kiosk

Rekordjackpot ist ein Wort, mit dem man mich kriegen kann. Das weiß ich seit heute. Ha’m Sie’s schon gehört? 90 Millionen Euronen warten aktuell auf Abholung. Beim, äh, Euromillions Eurojackpot halt. Neunzig! Millionen! Bis heute Nachmittag hatte ich ja keine Ahnung! Aber: Im Blut hatt’ ich’s! Vergangene Woche füllte ich zum ersten Mal seit etwa … vier, fünf Jahren einen Lottoschein aus, einen ganz gewöhnlichen, mit Super 6 und Spiel 77, weil: wenn schon, denn schon. Fast hätte ich’s wieder vergessen, bis mir der Schein heute (unterwegs in Charlottenburg) wieder in die Hände fiel. Ich ließ einen Kioskmann die Sache auschecken. Der Kioskmann sagte: “Glückwunsch, junge Frau!” und gab mir ein Zettelchen, auf dem das Wort Gewinnauszahlung stand (siehe oben) – auch ein scharfes Wort. 2,50 kamen ‘rum (bei einem Einsatz von ungefähr 7 Euro, glaub’ ich, aber hey, irgendwie muss man anfangen). Ich setzte jene Summe sogleich in Kaugummis mit Zahnputzeffekt um, freute mich riesig und sah dann eben das andere Wort, auf einem Kioskplakat: Rekordjackpot. Und ich verstand: Die 2,50 laufen unter “Warmspielen”. Eine Lockerungsübung, weiter nichts. Das Eigentliche – nämlich 90 Millionen – kommt jetzt erst, und zwar übermorgen. Es ist Aberglaube-Woche, trust me.

Wie ich den USA, konkret dem Bundesstaat Florida, einmal eine neue Redewendung schenkte

Folgendes fiel mir gestern wieder ein, warum auch immer.
Es ist eine kleine, aber immerhin eine wahre Geschichte.
Wobei sie nicht unbedingt spannend sein mag, das kann durchaus sein.


Vor ziemlich genau 5 Jahren, im Frühsommer 2010, war ich in Miami/Florida, zum zweiten Mal in meinem Leben. Diesmal aus beruflichen Gründen, und diesmal versuchte ich, so viel Zeit wie möglich in, nun ja, Little Havanna zu verbringen, wo ich dann auch eine Wahrsagerin besuchte, spontan und nur mal so (sie saß in einem dieser supertollen Fortune-Teller-Büroläden, die es in den USA, vor allem im Süden, an jeder dritten Straßenecke gibt). Ihre Konsultation war sehr schlecht geschauspielert (ich kann das beurteilen, denn ich war zuvor, über 20 Jahre verstreut, schon bei drei anderen Wahrsagerinnen gewesen, bei einer Nigerianerin in London, einer Griechin in Frankfurt am Main, einer Romni in Hamburg), und die wirklich schlecht dargebrachte, spanisch akzentuierte Konsultation in Miami kostete mich nun 35 US-Dollar, wenn ich’s richtig in Erinnerung habe. Was aber alles mit der Erinnerung, um die es hier eigentlich geht, nichts zu tun hat.

Es war so, dass ich später an jenem Abend mit mehreren Amerikanerinnen und Amerikanern zusammen war, und einer von ihnen erzählte eine Anekdote, am großen runden Tisch, an dem wir zu fünft oder siebt saßen, einen Witz, dem ich nicht folgen konnte, es ging um Menschen, die nicht anwesend waren, ich verstand die Zusammenhänge nicht, aber ich hörte den Amerikaner diesen Satz sagen: “And I said to her: It’s gonna be a movie, Baby.”

Die Amerikaner lachten, es schien die Pointe der Geschichte zu sein, und ich sagte (und meinte es auch so): “Das ist ja ein toller Satz, ist das eine Art Sprichwort, ist das ein Zitat aus einem Film?”

“Was meinst du?”, fragte der erzählende Amerikaner, noch ein bisschen nachlachend.

“Na dieser Satz: It’s gonna be a movie, Baby. Bei Tarantino? Jarmusch? Wo kommt das her?”

“Wovon redest du?”, fragte der Amerikaner, und die anderen schauten jetzt auch.

“Na, was du da eben gesagt hast, mit dem movie“, sagte ich.

“Nein. Also: Was? Wovon sprichst du?”, fragte der Amerikaner.

It’s gonna be a movie, Baby, hast du gesagt, es klang wie ein Zitat, und dann habt ihr gelacht.”

“Äh. Ich glaube, ich habe nichts gesagt, was auch nur im Ansatz in diese Richtung ging.” Für eine Sekunde wirkte der Amerikaner etwas unsicher, so kam es mir vor.

“Wir haben über etwas anderes gelacht”, sagte eine Frau von der anderen Seite des Tisches.

“Über was denn eigentlich?”, fragte der Amerikaner und lachte, und die anderen lachten nun auch wieder. Dann fiel es ihnen wieder ein, es war um ein zwischenmenschliches Missgeschick gegangen. “Die Pointe kommt erst noch”, sagte der Amerikaner zu mir, “die kommt jetzt noch.”

“Okay, sorry für die Unterbrechnung. Ich fand nur … egal – also: sorry.” (Ich hatte den Satz, den der Amerikaner nicht zu kennen vorgab, wirklich ganz klar so gehört.)

“Warte”, sagte die Frau von der anderen Seite des Tisches, und dann zu mir: “Sag’ das noch mal, wie geht der Satz?”

It’s gonna be a movie, Baby“, sagte ich, mit einer tiefen Stimme, wie ein Mann auf einer Leinwand, wie irgendein Filmstar in irgendeinem Zwielicht, ich fand, das passte zu dem Satz.

“Nicht schlecht. Klingt gut”, sagte die Frau und grinste, breit und freundlich.

“Ja, also, ich kenne das nicht”, sagte der Amerikaner, belustigt, aber auch etwas irritiert wirkend, womöglich sogar ansatzweise genervt (es war ein sehr junger, wenig attraktiver Amerikaner, es war kein Versuch meinerseits gewesen, ihn näher kennenzulernen, und ich denke auch nicht, dass er es so aufgefasst hat). Er wandte sich der Gesamtrunde zu und erzählte weiter.

Eine Stunde später, oder zwei oder drei, saß ich dann zum ersten Mal in meinem Leben in einem Ford Mustang, nicht Baujahr 1965, nicht crémefarben mit vereinzelten Schlammspritzern außen und roten Ledersitzen innen, sondern Baujahr 1987, dunkelblau, mit anthrazitfarbenen Kunststoffarmaturen, ich saß im falschen Ford Mustang, aber das machte den Moment nicht kleiner. Am Steuer saß J., Fotografin & Garagen-Punk-Bassistin, ca. 20 Jahre älter als ich, she drove me home. Während der Fahrt hielt ich ihr einen Vortrag über die Heiligkeit des Ford Mustang – worauf sie sagte “Come on, it’s just a car” – worauf ich sagte: “No, it’s a myth, it’s a legend, it has a meaning” – worauf sie sagte: “But look at this ugly thing, it’s just my rusty old car. It’s from 1987 and almost dead.” Aber ich blieb dabei: “I am from Europe. For me this is meaning on wheels.”

Wir unterhielten uns weiter. Als wir angekommen waren und ich mich zum Aussteigen wandte, fragte sie mich: “Was war das vorhin eigentlich mit diesem Satz? Wie ging der nochmal?”

It’s gonna be a movie, Baby. Ich finde den Satz gut. Er kommt mir auch so bekannt vor, er muss aus einem Film sein. Kennst du das nicht?”

“Nein, ich hab’ das noch nie gehört, keine Ahnung.”

“Ein Mann könnte das zu einer Frau sagen, oder eine Frau zu einem Mann, oder irgendwer zu irgendwem: ,Und morgen fahren wir endlich ans Meer, ach das wird schön. It’s gonna be a movie, Baby.‘ Und dann ein tiefer Blick. Ein Kuss. Blabla. So in der Art könnte man ihn verwenden. Nur zum Beispiel.”

“Hmhm. Kein schlechter Satz. Tatsächlich. Merk’ ich mir”, sagte sie.

Dann stieg ich aus. Und ging, so wird es wohl gewesen sein, schlafen.

Weil er mir nun wieder einfiel, habe ich den Satz jetzt, fünf Jahre später, im Internet auf seinen Verbreitungsgrad hin überprüft. Immerhin findet man ihn so, wie ich ihn im Jahr 2010 dem Bundesstaat Florida geschenkt habe, inzwischen exakt 9x im bekanntlich weltumspannenden Internet. Er zündet langsam. Aber: Wird schon.

Gewitter

Berlin-Wedding, Dienstag, 12. Mai 2015, gegen 18.50 Uhr, noch immer satt über 20°, so feucht, so warm, so schwül. Der Himmel verdunkelt sich, erste Blitze, Donner, endlich: Regen. Fängt halbwegs sachte an, wer weiß, was daraus noch wird, womöglich das, was sie in den Nachrichten ein Unwetter nennen. Was ich schon immer einmal vor einem Millionenpublikum ‘rauslassen wollte: Von allen Wetterlagen ist diese mir praktisch die liebste. Gewitter. Ich mag das. Sehr. Vielleicht ist das so, wenn man Mitte Juli geboren wurde. Man ist von Anfang an dran gewöhnt. Feels like home, in a way. Das ist gänzlich unmetaphorisch gemeint, ist vielmehr total banal, und einen Song oder ein Foto gibt’s auch nicht dazu. Immer die Ihre: KK

Exklusiv für Sie fotografiert (4)

FRANKFURT AM MAIN, wie es sich in den späten Apriltagen des Jahres 2015 zeigte.

I’ll do that in English. I don’t know why.

First of all: It has the sickest skyline you can get in Germany (and, most probably, the sickest rather-small-town-skyline worldwide).

The local food is famous for it’s strong taste and it’s rather fatty quality. (They do gross things with meat, I mean: really gross things, which turns out to be quite delicious, if you consume it in reasonable proportions.)

Here is the chief, the Master of Ceremony (of all kinds of ceremonies): Give a warm welcome to Sir Mister Lord Hans Romanov (photographed in his latest – fabulous – bar, club, etablissement Neglected Grassland).

To secure their top-position in the “Sickest Skyline”-ranking for all times they keep building buildings, like mad.

It is a business city.

It is a city of art, as well.
Art 1:

Art 2:

It has a rich history.
History 1:

History 2:

The next two things are personal.

1. A place that taught me intriguing things (when I was between 15 and 19 years old):

2. Another place that taught me a lot, i.e. all the lofty essentials (think of Frankfurter Schule and alikes). The picture shows the lot where the FB3-Turm, the Frankfurt University Tower, was standing from 1973 until 2014. From age 21 to 26 I spent considerable amounts of time there. Apart from that, it was a legendary building anyway. They tore it down 15 months ago. Which evokes funny thoughts and feelings in me. I mean: I have reached an age in which I outlive even the most significant buildings. I mean: My past ist so past that they decide to clear it away.

In a way, I will always stick to that city. I will never get rid of it completely.
(And I like it that way.)

Here are a few sentences I wrote somewhere else last year:

Amerika ist alles, von Anfang an, und Frankfurt am Main die erste durchglobalisierte Stadt im Land. Die Hochfinanz ist schon damals da, Bänker und Mafiosi, die international besetzte Laufhäuserökonomie, Flüchtlingsdramen am Flughafen. Ganz Frankfurt ein antipodisches, der Zauber der alten Bundesrepublik: Frankfurter Rundschau vs. FAZ – Frankfurter Schule vs. Börsenparkett – Club Voltaire vs. Frankfurter Hof. Das Kaufhaus Schneider! Hier nahm das mit der RAF seinen Lauf. Paulskirche sowieso. Der Sponti-Schmus. Die G.I.s, die Quandt-Familie, die Deutsche Bank. Drogen. Wenn man in den frühen 80er Jahren mit der S-Bahn aus dem Vordertaunus hineinfuhr, in die spiegelglasblinkende Stadt, fiel man, ob man am Hauptbahnhof ausstieg, an der Hauptwache, der Galluswarte oder der Taunuslanlage, über Junkies. Denen steckten die Nadeln in den Armen, die bluteten die Betonstufen voll, bis in die B-Ebenen hinunter. Das roch immer auch nach Urin, und auf der Freßgass‘ gab’s Austern und Weinbergschnecken mit Knoblauchbutter.

“Rein in die rauen Winde” – Das K-Wort & die Literatur

Jetzt im neuen FREITAG (und im Archiv): ein paar Überlegungen zum Thema Literatur & Kapitalismuskritik, zusammengetragen beim und inspiriert vom Symposium Richtige Literatur im Falschen?, das vor einigen Tagen im Brecht-Haus zu Berlin stattfand.

Roisin Murphy

Es gibt NUR Wahnsinnsfotos von ihr, jedes ist ein Kunstwerk, auf allen sind sie einfach unfassbar fantastisch gut aus. Dieses hier zeigt RM in sehr jungen Jahren, mit ihrem MOLOKO-Kollegen Mark Brydon. (Foto von RMs Facebook-Seite ausgeliehen)
Es gibt NUR Wahnsinnsfotos von ihr, jedes ist ein Kunstwerk, auf allen sieht sie unfassbar fantastisch aus. Dieses hier, mein liebstes, zeigt RM in sehr jungen Jahren, mit ihrem MOLOKO-Kollegen Mark Brydon.
(Foto von RMs Facebook-Seite ausgeliehen)

Kurz & knapp: Ich bin ein Fan. In jeder Hinsicht. Seit ich sie 1999 (oder 2000?) mit Moloko live sah. Das war in Köln. Im Mai kommt ihr drittes Soloalbum heraus, Hairless Toys. Hier ein erstes Stück daraus. SO ein intelligenter Sound. I’ll buy that. Ende der Durchsage.


Exklusiv für Sie fotografiert (3)

Autorin bei der Arbeit, Aufgabenfeld Produktpräsentation, beim Vorlesen eines fertigen Textes aus der aktuellen DRECKSACK-Ausgabe, Samstag, 11. April, gegen 21.45 Uhr in Berlin. (Foto ganz unten, am Ende dieses Beitrags: courtesy by Florian Günther).

NACHTRAG vom 17.April:

Unter der Überschrift SEX UND HIRN UND DRECKSACK hat die Zeitung Junge Welt eine kleine Notiz zur neuen DRECKSACK-Ausgabe gebracht. Hier ist der Beitrag in Gänze zu lesen. Die Stelle, die mir aus vielleicht verständlichen Gründen, nun ja, am allerbesten gefällt:

Und Katja Kullmann hat eine brillante Miniatur-Berlin-Studie verfasst, in de(r) sie in einem als Cafe getarnten Imbiss an der Ecke Rosenthaler / Neue Schönhauser einen Kaffee für 3,10 Euro konsumiert: »der kleinste Kaffee nennt sich ›tall‹, also ›groß‹«. Sie belauscht ein Gespräch zweier jüngerer Berlin-Mitte-Schwachmatinnen. Die eine tauft sie »Mia«, die andere Elisabeth und vermutet, das(s) letztere bis 15 »Lisa« gerufen wurde, doch dann gab es auf einmal zu viele Lisas in ihrem Umfeld, so dass sie auf »Lizzy« umschwenkte und weil auch die immer mehr werden, wird sie wahrscheinlich bald wollen, dass man sie »Lisbeth« ruft. Schiebt ein Mann einen Rollstuhl vorbei, fragt sie: »Wie fertig kann man eigentlich sein, ey?«

Starkes Buch: ROMAN MIT KOKAIN

Da dachte ich neulich, bei einer kleinen Expedition durch den Gebrauchtwarenhandel eine Art Geheimfund gemacht zu haben. Und stellte nach der Lektüre – locker hatte ich nur mal reinlesen wollen, klebte dann sofort fest und hatte vor, das mickrige 2-Euro-Büchlein (ohne jede Verlagsangabe drinnen oder draußen) hier im Blog vorzustellen, und wollte deshalb einige Informationen dazu zusammengoogeln – , und stellte also fest: Haha – wieder mal etwas Interessantes verschlafen. Der Roman mit Kokain, 1934 von M. Agejew erstmals veröffentlicht, ist hierzulande schon 2012 wiederentdeckt und bei Manesse neu aufgelegt worden. Und alle großen Feuilletons berichteten damals darüber, die F.A.Z. und die N.Z.Z., die ZEIT und der Deutschlandfunk. Bei den Damen und Herren RezensentInnen können Sie alle Einzelheiten über das Buch erfahren. Ich sage hier – mit drei Jahren Verspätung – nur dies: starker Text, starker Protagonist. Und erlaube mir, drei Auszüge aus den drei Abschnitten des Romans anzufügen, es geschieht allein aus Begeisterung über den Text.

Aus dem ersten Abschnitt – der Held, Wadim, ist noch ein adoleszenter Oberschüler – und ringt mit einer Mischung aus Sozialscham und Klassenneid – er verachtet zum Beispiel seine ärmliche, ältliche Muttter – und hofft, dass seine (eher bourgeoisen) Schulfreunde die Frau nie sehen.

Ich sah sie die Suppe essen, ich sah sie mit zittriger Hand den Löffel heben und die Hälfte wieder in den Teller verschütten, sah ihre kleinen, gelblichen Wangen und ihre von der heißen Suppe gerötete Nase, ich sah, wie sie sich nach jedem Schluck mit ihrer weißlichen Zunge das Fett ableckte, und ich haßte sie mit glühendem Haß.”

Aus dem zweiten Abschnitt – Wadim, mittlerweile Student, hat sich, nachdem er die eine oder andere junge Frau übel verar***t hat, in die (hoch interessante, sehr coole, wirklich bemerkenswerte) Sonja Mintz *) verliebt, und das so heftig, dass er das Verliebtsein (auch) als hochanstrengend empfindet (selten habe ich das so klar irgendwo gelesen):

Die Kraft, die mich zu Sonja hinzog, verdoppelte sich. Ich empfand in ihrer Gegenwart den ständigen, heftigen Wunsch, ihr zu gefallen, und eine grausame Furcht, sie könnte sich mit mir langweilen, und wenn die Nacht kam, war ich immer so gerädert, daß ich einen Seufzer der Erleichterung ausstieß, wenn Sonja endlich unter dem Tor ihres Hauses verschwand und ich allein war. Doch bevor ich noch zu Hause angekommen war, fing ich schon wieder an, mich nach ihr zu sehnen.

Aus dem dritten Abschnit – das mit Sonja ist nichts geworden (sie hat Schluss gemacht) – und auch aus anderen Gründen schmeißt Wadim schließlich sein Jurastudium und endet (wörtlich: er endet) als Extremkokser:

Gewisse eigenartige Manien ergriffen eine Stunde nach der ersten Prise von mir Besitz: wenn manchmal keine Streichhölzer mehr in der Schachtel waren, die Manie, alles durchzuwühlen, Möbel zu verrücken, Tischschubladen auszuleeren, alles abzusuchen, obgleich ich wußte, daß es keine Streichhölzer im Zimmer mehr gab, aber trotzdem suchte ich endlos lange weiter, ohne Unterlaß und wollüstig.

Spät, aber herzlich: eine eindeutige Leseempfehlung.

*) Ich erwäge, meinen bisherigen DJ-Namen Alva Starr aufzugeben und fortan als SONJA MINTZ aufzutreten.