Den Fauser im Nacken

February 8th, 2010 — 9:54pm

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Irgendwo las ich kürzlich, dass auf bitterkalte Winter signifikant häufig nasskalte Sommer folgen. Bei Facebook tauschen Menschen sich über die Dicke der Eisschichten an ihren jeweiligen Wohnsitzen aus, viele machen ältere Menschen zum Thema, und dass die praktisch gar nicht mehr vor die Haustür gehen können, seit Wochen nicht. Derweil bin ich selbst erst zwei Mal gestürzt; einmal allein, einmal vor einem Zeugen. Ansonsten trage ich derzeit, nun ja, die Sonne im Herzen, das Licht im Geiste und, as always, den Fauser im Nacken. Besucher der früheren (leider abgestürzten) Kullmann-Seite kennen das unten stehende vielleicht schon – ein Sampling, aus einigen meiner Lieblingsfausertexte gebastelt. Dass ich mich nicht wiederholen wolle, hatte ich kürzlich als Projekt für 2010 ausgegeben. Naja. Nun gab es aber Anlass, einmal wieder nach dem Fauser zu googeln, und im Blog von Franz Dobler (”Aufräumen” war eines meiner Lieblingsbücher 2008) fand ich eine Notiz über Fauser. Demnach hat er mal in der Krumme Straße gewohnt (Fauser, nicht Dobler), in Berlin-Charlottenburg, nicht weit weg von der Grolmanstraße, in der ich ein unbedeutendes Häufchen Jahre später eine gewisse Zeit verbrachte (sozusagen einen läppischen Steinwurf entfernt). Dass wir beide, Fauser und ich, jeweils an einem 16. Juli in einer kleinen Taunus-Kurstadt mit “Bad” im Namen geboren wurden, dass wir beide nach der Schule erst einmal ziellos kurz in London herumhingen und dass sowohl Fauser, als auch ich durchaus wie Krankenkassenmitarbeiter aussehen können, vom Styling her, auch wenn er es vielleicht ebenso anders gemeint hat wie ich, all das  möchte ich nun wirklich nicht ein zweites Mal erzählen.

You better read Fauser:

*** Ich bin Geschäftsmann, das ist mein Business *** Und die literarische Welt? Sie war so weit entfernt für mich wie der Mond *** Erst auf der Straße fiel mir ein, dass ich ganz vergessen hatte, nach dem Honorar zu fragen *** Germanistik studieren und seinen Arsch auf ein warmes Plätzchen hieven kann jeder *** Ich brachte meine Zeit als Aushilfsangestellter hinter mich *** “Und Du?”, fragte Jonas. “Hast Du dieses Buch jetzt endlich geschrieben, das Du immer schreiben wolltest?” “Hm.” “Tja, und jetzt?” “Ich will ein neues schreiben.” “Wozu das denn?” Mir ist keine Antwort eingefallen, und ich bin dann bald gegangen *** Verkäuferinnen von Bilka mit phantastisch schwarz umrandeten Augen, müde Bibliothekarinnen mit einer Schwäche für schwarze Zigaretten und oralen Sex, technische Zeichnerinnen mit blauen Fingernägeln, die von Reisen in die Südsee träumten und drei Kinder großzogen – nur gelegentlich nahm mich eine mit ins Bett, aber es genügte mir schon, sie zu sehen, zu wissen, dass sie existierten und zwei Stück Zucker nahmen und den Saft der Rindswurst von den Fingern leckten wie Millionen andere auch, um mich in einen Zustand tiefster Befriedigung und gewaltiger Erwartung zu versetzen. Sie berauschten mich. Endlich ging es nicht mehr um Liebe, ich war die Liebe los und das Bewusstsein auch, es war ganz einfach, man konnte sie ertränken und auslöschen, alles in einer Nacht, in einem Rausch, mit einer wilden, bösen Nummer. Wenn man drei, vier Frauen brauchte, dann bekam man sie auch, und die Liebe störte nur, wie das alberne Suchen nach dem Sinn der Geschichte. Es gab keinen Sinn, es gab nur Mord und Totschlag und das Auf und Ab von unten und oben. Auch Frauen konnten oben liegen, Hauptsache ich war es, auf dem sie lagen *** Jeder wächst doch in irgendeinem Iserlohn auf und entfaltet sich in einem Castrop-Rauxel und geht in einem Wanne-Eickel vor die Hunde *** Frankfurt/Main Hbf.  Ich stand am Fenster und sah zu, wie die Stadt wieder zusammenwuchs. Ein halber Tag auf dem Land, und schon hatte man Sehnsucht nach den Gleisen, den Stellwerken, dem Togal-Schild über den abgestellten Zügen, dem Ruß, dem Lärm, den Möwen, dem Geheul, dem Gesicht der Masse, in der man verschwinden konnte, um sein eigenes Gesicht zu wahren *** Wir wollten kein Hobby-Magazin für Eleven irgendwelcher Avantgarde-Kränzchen: nix mehr für die Cliquen, für die Subkultur, für die sog. Scene, die es gar nicht gibt *** Mittlerweile setzt sich der deutsche Alptraum, Kultur, in den Hirnen unserer Pop-Bastarde munter fort, und kein Wunder, der Apfel fällt nicht weit, bei uns wird mit Begriffen grundsätzlich wie mit Feuerwaffen, Mordwaffen operiert, der Mief der Analyse, das politische Teutonentum, das “Kapital” verqualmt die Köpfe, legt die Vagina der Imagination trocken, klägliches Jammerspiel, diese jasminorientierte Knautschlack-Bohème zwischen “Zoom” und Jazzhaus, der gleiche germanische Erbswurst-Furz auch wenn der Arsch in Jingle-Jeans steckt. Pseudo User. Einen Alltag erfahren diese Schreckgespenste eines troglodytischen Alptraums nicht, greifen ihre Finger doch stets wie gehabt nach Höherem. Für sie unbeschreibbar, vollzieht sich der Alltag an ihnen um so zerstörender: Wenn sie ihn nicht zur Boutique stilisieren können, jagt er sie in die Latrinen der Theorie ***

Das Foto mit Charles Bukowski (links), Jörg Fauser (rechts) und zwei (mir) unbekannten Geschöpfen in der Mitte wurde der Webseite der Charles Bukowski Gesellschaft entnommen. Charles Bukowski mag ich nicht.

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Wenn das Glück Dir von hinten
in die Kniekehlen tritt

February 5th, 2010 — 4:39pm

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♫ The Harmonicats: Perfida Cha Cha

Dass E-Mails wie die oben fotografierte heute überhaupt noch verschickt werden – ich dachte: Nein. Und dass ich offenbar die einzige auf dem ellenlangen Redaktionsflur bin, bei der es nämliche E-Mail tatsächlich ins Postfach geschafft hat, und zwar an sämtlichen verlagsweit installierten Spam-Filtern vorbei, direkt in meine persönliche Elektropostablage … das ist, wieder einmal: ein Zeichen! Per copy & paste gebe ich das Schreiben hier in Original-Wortlaut, -Orthographie und -Zeichensetzung wieder. Vielleicht können Sie meine Begeisterung verstehen.

Von: jhschror@hetnet.nl
Datum: 31. Januar 2010 21:44:20 MEZ
An: undisclosed-recipients:
Betreff: [SPAM] HERZLICHEN GLUCKWUNSCH!!!

OFFIZIELLE GEWINNBENACHRITIGUNG
VON SITZ DES VIZE PRASIDENTEN
INTERNATIONALE PROMOTIOM-GEWINNZUTEILUNG
REFERENZ NUMMER: 37-V
DATUM: 30/01/2010
Wir sind erfreut ihnen mitteilen zu konnen, das die gewinnliste LOTTO PROGRAMM an 21/12/2009 erschienen ist. Ihr E-mail wurde auf dem los mit dir nummer: 025.16464592.750 registried.Die Gewinngluecksnummer: 12 15 35 42 43 , haben in der 2. Kategorie gewonnen.Sie sind damit gewinner von: EURO 678.345,79(SECHS HUNDERT UND ACHTUNDSIEBZIG TAUSEND DREI HUNDERT UND FUENFUNDVIERZIG EURO UND NEUNUNDSIEBZIG ZENT) Die summe hat 5 Personen in die 2 Kategorie gewonnen .HERZLICHEN GLUCKWUNSCH!!! Dir gewinn ist bei einer sicherheitsfirma hinterlegt und in ihren namen versichert. Um keine komplikationen bei der abwicklung der zahlung zu verursachen bitten wir sie diese offizielle mitteilung , diskret zu behandeln.,es ist ein teil unseres sicherheitsprotokolls und garantiet ihnen ei n en reibunglosen Ablauf. Alle gewinner werden per computer aus 45.000 namen aus ganz europa ,asien, australien und amerika als teil unserer Internationalen promotion programms ausgewahlt, Welches wir einmal im jahr veranstalten. Bitte kontaktieren sie unseren auslands sachbearbeiter Dr.Marshall Fernandez bei der sicherheitfirma AFFELOU SEGUROS & FINANCE S.A. on Tel: 0034-634 176 182, und email: mutuaseguros.inc@ozu.es Bitte denken sie daran, jeder gewinnanspruch muss bis zum 16/02/2010 Angemeldete sein. Jeder nicht angemeldet Gewinnanspruch verfallt und geht zuruck an das MINISTERIO DE ECONOMIA Y HACIENDA. Folglich werden Sie erfordert werden, sich zu Ihren Ansprechen zu beeilen. WI CHTIG: Um verzogerungen und komplikationen zu vermeiden, bitte immer referenznummer und gewinngluecksnummer angeben. Adressanderungen bitte immer so schnell wie moglich mitteilen Anbei ein anmeldeformular, ausfullen und zuruck Per fax 0034 911 311 781 . Bitte kontaktieren sie unseren auslands sachbearbeiter Frau S.Iscla bei der sicherheitfirma AFFELOU SEGUROS & FINANCE S.A. Mit freundliche Gruesse VICE PRESIDENT ANTONIO HEMEZ.
Sincerement,
La Secretaire
Maria Garcia.

Dass die unterzeichnende Gewinnspielbeauftrage vom zuständigen MINISTERIO DE ECONOMIA Y HACIENDA, Abteilung INTERNATIONALE PROMOTIOM-GEWINNZUTEILUNG, den klingenden Namen “Maria Garcia” trägt, macht die Sache, nach meinem Dafürhalten, richtig rund. “Maria Garcia” “Maria Garcia” “Maria Garcia”: Wenn man das zu oft hintereinander laut aufsagt, verwandelt man sich – andere! andere! hoy! – in eine flammende Flamenco-Tänzerin, davon bin ich überzeugt.

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Holle, go home!

January 31st, 2010 — 2:59pm

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♫ Jerry J. Nixon: Saturday Midnight Bop

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Du meine Güte:
Es sind wieder GUS GUS-Wochen

January 29th, 2010 — 9:00pm

Es muss zwischen 1999 und 2002 gewesen sein, als ich die isländische Kapelle Gus Gus erstmals (und zufällig) live sah: In Köln, als Vorgruppe von Moloko, in deren Sängerin Roisin Murphy ich mich damals verknallte. Jedenfalls: Gus Gus ist eine der atypischsten Musiken (atypisch für meinen eigentlichen Geschmack), ist also eine der atypischsten Musiken, die ich freiwilig und gern höre (und besitze). Und: Irgendwann seit jenem Konzert vor rund zehn Jahren sind es stets spezielle Zeiten, in denen Gus Gus mir besonders auffällig liegt. (Es ist gerade die ungefähr vierte große Gus Gus-Welle für mich.) Ein Grund, Ihnen die Kapelle hier mal vorzustellen. Insbesondere das Live-Video oben, “Believe”, lege ich Ihnen ans Herz. I’M NO JESUS, BUT I’M CLOSE TO HIM, singt er.  Doch um das bisschen Text geht es mir gar nicht, es geht hauptsächlich um den SOUND. Ja, das Stück oben dauert 10 Minuten, und ich empfehle, bis zum Schluss dran zu bleiben. Fragen Sie mich bitte nicht, warum. Ich kann es nicht erklären, und ich kenne mich mit dieser Art Musik überhaupt nicht aus, sie gefällt mir eigentlich gar nicht, im Grunde habe ich sogar etwas dagegen. Außer, dass Gus Gus zu den Top Ten-Kapellen aller Zeiten zählen, aus meiner Sicht.

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Heute spielen wir eine Herdplatte

January 26th, 2010 — 1:46pm

soulkitchen

♫ Dorothy Prince: I lost a love

Dieser Blog-Eintrag ist eine Auftragsarbeit und wurde  – ob Sie’s glauben oder nicht – erstellt auf Anfrage eines echten Ministeriumssprechers: auf Anfrage des sympathischen A.B. nämlich.  A.B. wollte wissen, ob ich den neuen Fatih Akin-Film “Soul Kitchen” schon gesehen habe und was ich davon halte, unter besonderer Berücksichtigung des Soundtracks. Wie der A.B. auf solch eine Frage kommt? Ich kann es mir nur so erklären: 1.) Der Film spielt in Hamburg. 2.) Fatih Akin soll bei mir um die Ecke in Ottensen wohnen. 3.) Es geht im Film um Soul-Musik. Meine Antworten fallen jedoch ernüchternd aus: 1.) Nein, ich habe den Film noch nicht gesehen und gehe davon aus, dass ich ihn mir auch nicht mehr ansehen werde, denn irgendwie interessiert er mich nicht. 2.) Fatih Akin ist mir noch nie begegnet. 3.) Die Soundtrack-Playlist habe ich bei Amazon schnellgecheckt – und habe befunden, dass ich das Doppelalbum nicht brauche. Tja: Auch angesichts eines Ministerialratspräsidenten knicke ich nicht ein, sondern bleibe bei der Wahrheit, immer schön den Kopf oben behalten, gerade den Autoritäten gegenüber. Da der A.B. aber wirklich ein angenehmer Mensch ist, habe ich ihm zuliebe nun meine persönliche Seelenküche fotografiert (oben) und ein besonders seelenvolles Stück aus meinem Privatarchiv zum Vorspielen ausgewählt: Dorothy Prince beklagt eine verlustig gegangene Liebe. Nicht, dass diese Auswahl nun irgendetwas Spezielles bedeuten würde, es ist bloß ein fantastisch würdevoller Soul-Song, ein zwar schlichtes, aber doch richtig dickes Stück, und, ganz allgemein gesprochen: Wir alle kennen ja doch Momente im Leben, in denen man so, und zwar genauso und nicht anders singen möchte – behaupte ich hier und heute.

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