Rekordjackpot

Das kleine Glück am Kiosk
Das kleine Glück am Kiosk

Rekordjackpot ist ein Wort, mit dem man mich kriegen kann. Das weiß ich seit heute. Ha’m Sie’s schon gehört? 90 Millionen Euronen warten aktuell auf Abholung. Beim, äh, Euromillions Eurojackpot halt. Neunzig! Millionen! Bis heute Nachmittag hatte ich ja keine Ahnung! Aber: Im Blut hatt’ ich’s! Vergangene Woche füllte ich zum ersten Mal seit etwa … vier, fünf Jahren einen Lottoschein aus, einen ganz gewöhnlichen, mit Super 6 und Spiel 77, weil: wenn schon, denn schon. Fast hätte ich’s wieder vergessen, bis mir der Schein heute (unterwegs in Charlottenburg) wieder in die Hände fiel. Ich ließ einen Kioskmann die Sache auschecken. Der Kioskmann sagte: “Glückwunsch, junge Frau!” und gab mir ein Zettelchen, auf dem das Wort Gewinnauszahlung stand (siehe oben) – auch ein scharfes Wort. 2,50 kamen ‘rum (bei einem Einsatz von ungefähr 7 Euro, glaub’ ich, aber hey, irgendwie muss man anfangen). Ich setzte jene Summe sogleich in Kaugummis mit Zahnputzeffekt um, freute mich riesig und sah dann eben das andere Wort, auf einem Kioskplakat: Rekordjackpot. Und ich verstand: Die 2,50 laufen unter “Warmspielen”. Eine Lockerungsübung, weiter nichts. Das Eigentliche – nämlich 90 Millionen – kommt jetzt erst, und zwar übermorgen. Es ist Aberglaube-Woche, trust me.

Wie ich den USA, konkret dem Bundesstaat Florida, einmal eine neue Redewendung schenkte

Folgendes fiel mir gestern wieder ein, warum auch immer.
Es ist eine kleine, aber immerhin eine wahre Geschichte.
Wobei sie nicht unbedingt spannend sein mag, das kann durchaus sein.


Vor ziemlich genau 5 Jahren, im Frühsommer 2010, war ich in Miami/Florida, zum zweiten Mal in meinem Leben. Diesmal aus beruflichen Gründen, und diesmal versuchte ich, so viel Zeit wie möglich in, nun ja, Little Havanna zu verbringen, wo ich dann auch eine Wahrsagerin besuchte, spontan und nur mal so (sie saß in einem dieser supertollen Fortune-Teller-Büroläden, die es in den USA, vor allem im Süden, an jeder dritten Straßenecke gibt). Ihre Konsultation war sehr schlecht geschauspielert (ich kann das beurteilen, denn ich war zuvor, über 20 Jahre verstreut, schon bei drei anderen Wahrsagerinnen gewesen, bei einer Nigerianerin in London, einer Griechin in Frankfurt am Main, einer Romni in Hamburg), und die wirklich schlecht dargebrachte, spanisch akzentuierte Konsultation in Miami kostete mich nun 35 US-Dollar, wenn ich’s richtig in Erinnerung habe. Was aber alles mit der Erinnerung, um die es hier eigentlich geht, nichts zu tun hat.

Es war so, dass ich später an jenem Abend mit mehreren Amerikanerinnen und Amerikanern zusammen war, und einer von ihnen erzählte eine Anekdote, am großen runden Tisch, an dem wir zu fünft oder siebt saßen, einen Witz, dem ich nicht folgen konnte, es ging um Menschen, die nicht anwesend waren, ich verstand die Zusammenhänge nicht, aber ich hörte den Amerikaner diesen Satz sagen: “And I said to her: It’s gonna be a movie, Baby.”

Die Amerikaner lachten, es schien die Pointe der Geschichte zu sein, und ich sagte (und meinte es auch so): “Das ist ja ein toller Satz, ist das eine Art Sprichwort, ist das ein Zitat aus einem Film?”

“Was meinst du?”, fragte der erzählende Amerikaner, noch ein bisschen nachlachend.

“Na dieser Satz: It’s gonna be a movie, Baby. Bei Tarantino? Jarmusch? Wo kommt das her?”

“Wovon redest du?”, fragte der Amerikaner, und die anderen schauten jetzt auch.

“Na, was du da eben gesagt hast, mit dem movie“, sagte ich.

“Nein. Also: Was? Wovon sprichst du?”, fragte der Amerikaner.

It’s gonna be a movie, Baby, hast du gesagt, es klang wie ein Zitat, und dann habt ihr gelacht.”

“Äh. Ich glaube, ich habe nichts gesagt, was auch nur im Ansatz in diese Richtung ging.” Für eine Sekunde wirkte der Amerikaner etwas unsicher, so kam es mir vor.

“Wir haben über etwas anderes gelacht”, sagte eine Frau von der anderen Seite des Tisches.

“Über was denn eigentlich?”, fragte der Amerikaner und lachte, und die anderen lachten nun auch wieder. Dann fiel es ihnen wieder ein, es war um ein zwischenmenschliches Missgeschick gegangen. “Die Pointe kommt erst noch”, sagte der Amerikaner zu mir, “die kommt jetzt noch.”

“Okay, sorry für die Unterbrechnung. Ich fand nur … egal – also: sorry.” (Ich hatte den Satz, den der Amerikaner nicht zu kennen vorgab, wirklich ganz klar so gehört.)

“Warte”, sagte die Frau von der anderen Seite des Tisches, und dann zu mir: “Sag’ das noch mal, wie geht der Satz?”

It’s gonna be a movie, Baby“, sagte ich, mit einer tiefen Stimme, wie ein Mann auf einer Leinwand, wie irgendein Filmstar in irgendeinem Zwielicht, ich fand, das passte zu dem Satz.

“Nicht schlecht. Klingt gut”, sagte die Frau und grinste, breit und freundlich.

“Ja, also, ich kenne das nicht”, sagte der Amerikaner, belustigt, aber auch etwas irritiert wirkend, womöglich sogar ansatzweise genervt (es war ein sehr junger, wenig attraktiver Amerikaner, es war kein Versuch meinerseits gewesen, ihn näher kennenzulernen, und ich denke auch nicht, dass er es so aufgefasst hat). Er wandte sich der Gesamtrunde zu und erzählte weiter.

Eine Stunde später, oder zwei oder drei, saß ich dann zum ersten Mal in meinem Leben in einem Ford Mustang, nicht Baujahr 1965, nicht crémefarben mit vereinzelten Schlammspritzern außen und roten Ledersitzen innen, sondern Baujahr 1987, dunkelblau, mit anthrazitfarbenen Kunststoffarmaturen, ich saß im falschen Ford Mustang, aber das machte den Moment nicht kleiner. Am Steuer saß J., Fotografin & Garagen-Punk-Bassistin, ca. 20 Jahre älter als ich, she drove me home. Während der Fahrt hielt ich ihr einen Vortrag über die Heiligkeit des Ford Mustang – worauf sie sagte “Come on, it’s just a car” – worauf ich sagte: “No, it’s a myth, it’s a legend, it has a meaning” – worauf sie sagte: “But look at this ugly thing, it’s just my rusty old car. It’s from 1987 and almost dead.” Aber ich blieb dabei: “I am from Europe. For me this is meaning on wheels.”

Wir unterhielten uns weiter. Als wir angekommen waren und ich mich zum Aussteigen wandte, fragte sie mich: “Was war das vorhin eigentlich mit diesem Satz? Wie ging der nochmal?”

It’s gonna be a movie, Baby. Ich finde den Satz gut. Er kommt mir auch so bekannt vor, er muss aus einem Film sein. Kennst du das nicht?”

“Nein, ich hab’ das noch nie gehört, keine Ahnung.”

“Ein Mann könnte das zu einer Frau sagen, oder eine Frau zu einem Mann, oder irgendwer zu irgendwem: ,Und morgen fahren wir endlich ans Meer, ach das wird schön. It’s gonna be a movie, Baby.‘ Und dann ein tiefer Blick. Ein Kuss. Blabla. So in der Art könnte man ihn verwenden. Nur zum Beispiel.”

“Hmhm. Kein schlechter Satz. Tatsächlich. Merk’ ich mir”, sagte sie.

Dann stieg ich aus. Und ging, so wird es wohl gewesen sein, schlafen.

Weil er mir nun wieder einfiel, habe ich den Satz jetzt, fünf Jahre später, im Internet auf seinen Verbreitungsgrad hin überprüft. Immerhin findet man ihn so, wie ich ihn im Jahr 2010 dem Bundesstaat Florida geschenkt habe, inzwischen exakt 9x im bekanntlich weltumspannenden Internet. Er zündet langsam. Aber: Wird schon.

Gewitter

Berlin-Wedding, Dienstag, 12. Mai 2015, gegen 18.50 Uhr, noch immer satt über 20°, so feucht, so warm, so schwül. Der Himmel verdunkelt sich, erste Blitze, Donner, endlich: Regen. Fängt halbwegs sachte an, wer weiß, was daraus noch wird, womöglich das, was sie in den Nachrichten ein Unwetter nennen. Was ich schon immer einmal vor einem Millionenpublikum ‘rauslassen wollte: Von allen Wetterlagen ist diese mir praktisch die liebste. Gewitter. Ich mag das. Sehr. Vielleicht ist das so, wenn man Mitte Juli geboren wurde. Man ist von Anfang an dran gewöhnt. Feels like home, in a way. Das ist gänzlich unmetaphorisch gemeint, ist vielmehr total banal, und einen Song oder ein Foto gibt’s auch nicht dazu. Immer die Ihre: KK

Exklusiv für Sie fotografiert (4)

FRANKFURT AM MAIN, wie es sich in den späten Apriltagen des Jahres 2015 zeigte.

I’ll do that in English. I don’t know why.

First of all: It has the sickest skyline you can get in Germany (and, most probably, the sickest rather-small-town-skyline worldwide).

The local food is famous for it’s strong taste and it’s rather fatty quality. (They do gross things with meat, I mean: really gross things, which turns out to be quite delicious, if you consume it in reasonable proportions.)

Here is the chief, the Master of Ceremony (of all kinds of ceremonies): Give a warm welcome to Sir Mister Lord Hans Romanov (photographed in his latest – fabulous – bar, club, etablissement Neglected Grassland).

To secure their top-position in the “Sickest Skyline”-ranking for all times they keep building buildings, like mad.

It is a business city.

It is a city of art, as well.
Art 1:

Art 2:

It has a rich history.
History 1:

History 2:

The next two things are personal.

1. A place that taught me intriguing things (when I was between 15 and 19 years old):

2. Another place that taught me a lot, i.e. all the lofty essentials (think of Frankfurter Schule and alikes). The picture shows the lot where the FB3-Turm, the Frankfurt University Tower, was standing from 1973 until 2014. From age 21 to 26 I spent considerable amounts of time there. Apart from that, it was a legendary building anyway. They tore it down 15 months ago. Which evokes funny thoughts and feelings in me. I mean: I have reached an age in which I outlive even the most significant buildings. I mean: My past ist so past that they decide to clear it away.

In a way, I will always stick to that city. I will never get rid of it completely.
(And I like it that way.)

Here are a few sentences I wrote somewhere else last year:

Amerika ist alles, von Anfang an, und Frankfurt am Main die erste durchglobalisierte Stadt im Land. Die Hochfinanz ist schon damals da, Bänker und Mafiosi, die international besetzte Laufhäuserökonomie, Flüchtlingsdramen am Flughafen. Ganz Frankfurt ein antipodisches, der Zauber der alten Bundesrepublik: Frankfurter Rundschau vs. FAZ – Frankfurter Schule vs. Börsenparkett – Club Voltaire vs. Frankfurter Hof. Das Kaufhaus Schneider! Hier nahm das mit der RAF seinen Lauf. Paulskirche sowieso. Der Sponti-Schmus. Die G.I.s, die Quandt-Familie, die Deutsche Bank. Drogen. Wenn man in den frühen 80er Jahren mit der S-Bahn aus dem Vordertaunus hineinfuhr, in die spiegelglasblinkende Stadt, fiel man, ob man am Hauptbahnhof ausstieg, an der Hauptwache, der Galluswarte oder der Taunuslanlage, über Junkies. Denen steckten die Nadeln in den Armen, die bluteten die Betonstufen voll, bis in die B-Ebenen hinunter. Das roch immer auch nach Urin, und auf der Freßgass‘ gab’s Austern und Weinbergschnecken mit Knoblauchbutter.

“Rein in die rauen Winde” – Das K-Wort & die Literatur

Jetzt im neuen FREITAG (und im Archiv): ein paar Überlegungen zum Thema Literatur & Kapitalismuskritik, zusammengetragen beim und inspiriert vom Symposium Richtige Literatur im Falschen?, das vor einigen Tagen im Brecht-Haus zu Berlin stattfand.

Roisin Murphy

Es gibt NUR Wahnsinnsfotos von ihr, jedes ist ein Kunstwerk, auf allen sind sie einfach unfassbar fantastisch gut aus. Dieses hier zeigt RM in sehr jungen Jahren, mit ihrem MOLOKO-Kollegen Mark Brydon. (Foto von RMs Facebook-Seite ausgeliehen)
Es gibt NUR Wahnsinnsfotos von ihr, jedes ist ein Kunstwerk, auf allen sieht sie unfassbar fantastisch aus. Dieses hier, mein liebstes, zeigt RM in sehr jungen Jahren, mit ihrem MOLOKO-Kollegen Mark Brydon.
(Foto von RMs Facebook-Seite ausgeliehen)

Kurz & knapp: Ich bin ein Fan. In jeder Hinsicht. Seit ich sie 1999 (oder 2000?) mit Moloko live sah. Das war in Köln. Im Mai kommt ihr drittes Soloalbum heraus, Hairless Toys. Hier ein erstes Stück daraus. SO ein intelligenter Sound. I’ll buy that. Ende der Durchsage.


Exklusiv für Sie fotografiert (3)

Autorin bei der Arbeit, Aufgabenfeld Produktpräsentation, beim Vorlesen eines fertigen Textes aus der aktuellen DRECKSACK-Ausgabe, Samstag, 11. April, gegen 21.45 Uhr in Berlin. (Foto ganz unten, am Ende dieses Beitrags: courtesy by Florian Günther).

NACHTRAG vom 17.April:

Unter der Überschrift SEX UND HIRN UND DRECKSACK hat die Zeitung Junge Welt eine kleine Notiz zur neuen DRECKSACK-Ausgabe gebracht. Hier ist der Beitrag in Gänze zu lesen. Die Stelle, die mir aus vielleicht verständlichen Gründen, nun ja, am allerbesten gefällt:

Und Katja Kullmann hat eine brillante Miniatur-Berlin-Studie verfasst, in de(r) sie in einem als Cafe getarnten Imbiss an der Ecke Rosenthaler / Neue Schönhauser einen Kaffee für 3,10 Euro konsumiert: »der kleinste Kaffee nennt sich ›tall‹, also ›groß‹«. Sie belauscht ein Gespräch zweier jüngerer Berlin-Mitte-Schwachmatinnen. Die eine tauft sie »Mia«, die andere Elisabeth und vermutet, das(s) letztere bis 15 »Lisa« gerufen wurde, doch dann gab es auf einmal zu viele Lisas in ihrem Umfeld, so dass sie auf »Lizzy« umschwenkte und weil auch die immer mehr werden, wird sie wahrscheinlich bald wollen, dass man sie »Lisbeth« ruft. Schiebt ein Mann einen Rollstuhl vorbei, fragt sie: »Wie fertig kann man eigentlich sein, ey?«

Starkes Buch: ROMAN MIT KOKAIN

Da dachte ich neulich, bei einer kleinen Expedition durch den Gebrauchtwarenhandel eine Art Geheimfund gemacht zu haben. Und stellte nach der Lektüre – locker hatte ich nur mal reinlesen wollen, klebte dann sofort fest und hatte vor, das mickrige 2-Euro-Büchlein (ohne jede Verlagsangabe drinnen oder draußen) hier im Blog vorzustellen, und wollte deshalb einige Informationen dazu zusammengoogeln – , und stellte also fest: Haha – wieder mal etwas Interessantes verschlafen. Der Roman mit Kokain, 1934 von M. Agejew erstmals veröffentlicht, ist hierzulande schon 2012 wiederentdeckt und bei Manesse neu aufgelegt worden. Und alle großen Feuilletons berichteten damals darüber, die F.A.Z. und die N.Z.Z., die ZEIT und der Deutschlandfunk. Bei den Damen und Herren RezensentInnen können Sie alle Einzelheiten über das Buch erfahren. Ich sage hier – mit drei Jahren Verspätung – nur dies: starker Text, starker Protagonist. Und erlaube mir, drei Auszüge aus den drei Abschnitten des Romans anzufügen, es geschieht allein aus Begeisterung über den Text.

Aus dem ersten Abschnitt – der Held, Wadim, ist noch ein adoleszenter Oberschüler – und ringt mit einer Mischung aus Sozialscham und Klassenneid – er verachtet zum Beispiel seine ärmliche, ältliche Muttter – und hofft, dass seine (eher bourgeoisen) Schulfreunde die Frau nie sehen.

Ich sah sie die Suppe essen, ich sah sie mit zittriger Hand den Löffel heben und die Hälfte wieder in den Teller verschütten, sah ihre kleinen, gelblichen Wangen und ihre von der heißen Suppe gerötete Nase, ich sah, wie sie sich nach jedem Schluck mit ihrer weißlichen Zunge das Fett ableckte, und ich haßte sie mit glühendem Haß.”

Aus dem zweiten Abschnitt – Wadim, mittlerweile Student, hat sich, nachdem er die eine oder andere junge Frau übel verar***t hat, in die (hoch interessante, sehr coole, wirklich bemerkenswerte) Sonja Mintz *) verliebt, und das so heftig, dass er das Verliebtsein (auch) als hochanstrengend empfindet (selten habe ich das so klar irgendwo gelesen):

Die Kraft, die mich zu Sonja hinzog, verdoppelte sich. Ich empfand in ihrer Gegenwart den ständigen, heftigen Wunsch, ihr zu gefallen, und eine grausame Furcht, sie könnte sich mit mir langweilen, und wenn die Nacht kam, war ich immer so gerädert, daß ich einen Seufzer der Erleichterung ausstieß, wenn Sonja endlich unter dem Tor ihres Hauses verschwand und ich allein war. Doch bevor ich noch zu Hause angekommen war, fing ich schon wieder an, mich nach ihr zu sehnen.

Aus dem dritten Abschnit – das mit Sonja ist nichts geworden (sie hat Schluss gemacht) – und auch aus anderen Gründen schmeißt Wadim schließlich sein Jurastudium und endet (wörtlich: er endet) als Extremkokser:

Gewisse eigenartige Manien ergriffen eine Stunde nach der ersten Prise von mir Besitz: wenn manchmal keine Streichhölzer mehr in der Schachtel waren, die Manie, alles durchzuwühlen, Möbel zu verrücken, Tischschubladen auszuleeren, alles abzusuchen, obgleich ich wußte, daß es keine Streichhölzer im Zimmer mehr gab, aber trotzdem suchte ich endlos lange weiter, ohne Unterlaß und wollüstig.

Spät, aber herzlich: eine eindeutige Leseempfehlung.

*) Ich erwäge, meinen bisherigen DJ-Namen Alva Starr aufzugeben und fortan als SONJA MINTZ aufzutreten.

Schickes Buch: MORAL PHOBIA

Ein verführerisch glänzendes, dickes, schweres Buch: MORAL PHOBIA (Gudberg Nerger Publishing, 2015), herausgegeben von Bitten Stetter und Judith Mair (letztere kann man hier im Interview kennenlernen). Lektoriert wurde es (u.a.) vom geschätzten Thorsten Schulte. Inhaltlich bietet der Band ein umfangreiches A-Z aus unterschiedlich langen Texten zu Gegenwarts-Begriffen – konkret: zu derzeit aktuellen Diskurs-, Mode-, Polit- und weiteren Blabla-Begriffen – mit dem Ziel, für ein fettigeres, ungezogeneres, laktose-, alkohol- und nikotinhaltiges Lustleben zu werben. Es geht los mit Anarchie und Avocado und endet mit Zukunftsdesign und Zuckerverbot. Darin aufgeschnappt habe ich u.a. die ziemlich interessanten Vokabeln Health Goth und Paradeszenz. Freudig darf ich zudem vermelden, dass unter dem Buchstaben “K”, genauer unter dem Eintrag “Kapuzenpulliverbot” (S.179, f.), einige Kullmann-Sätze zitiert sind, aus diesem Freitag-Text. Schön, schön. Und was will das Buch also genau? Der Verlagstext formuliert es so:

Moral Phobia ist unnatürlich, unbekümmert und undiszipliniert. Es raucht und trinkt, isst Fleisch, treibt kaum Sport und war gestern Nacht wieder der letzte Gast. Moral Phobia vernachlässigt soziale Netzwerke und Selbstoptimierungsangebote und plädiert für das Alberne und Abseitige, Faule und Fremde, Undurchsichtige, Unbequeme, Überflüssige und Verstörende – in der Hoffnung auf weniger aufgeräumte, vielfältigere Zeiten.

HIGH TECH SOUL – Detroit: der Sound, die Geschenke, der Rausch

Blick in eine Vitrine in der Empfangshalle des UNDERGROUND-RESISTANCE-Headquarters in Detroit, Michigan (Oktober 2011)
Blick in eine Vitrine in der Empfangshalle des (für Fremde kaum zugänglichen) UNDERGROUND-RESISTANCE-Headquarters in Detroit, Michigan (heimlich fotografiert im Oktober 2011)

Superkrasse Rührung, superextremes Angefixtsein: Wieder einmal geht es hier um Detroit, wieder einmal geht es auch um Geschenke, Geschenke. Zwei überaus großzügige und aufmerksame Menschen ließen mir nämlich unlängst, präsentehalber, folgendes zukommen: die Dokumentation HIGH TECH SOUL. The Creation of Techno Music von Gary Bredow aus dem Jahr 2006 (danke, lieber M. aus F!) – und das Doppelalbum DETROIT TECHNO. Sound of the new dance aus dem Jahr 1988, eine Platte, die es mittlerweile nur noch als SammlerInnenstück gibt (danke, lieber U. aus HH!). Die Schenker kennen sich überhaupt nicht – beide berechneten aber völlig korrekt, dass ich mich über nämliches Zeug sehr freuen würde – et voilà: Nunmehr bin ich eh voll am Haken – am Techno-Haken – merci, merci – und frage mich, wie es eigentlich passieren konnte, dass ich vor gut 20 Jahren, als diese Musik, Techno, sich hoch und breit waberte, so dermaßen schlafen konnte. Wie es sein kann, dass ich nicht wirklich dabei war. Hätte ich all das früher für mich entdeckt, wer weiß, was aus mir geworden wäre. (Im schlimmsten Fall vielleicht ein Ex-XTC-Druffi mit Haustherapeut und Psychopharmaka-Abo, zur lebenslangen Behandlung des auf 1000 Dancefloors mit dümmlichem Grinsen erworbenen Borderline-Syndroms, nun ja, wollen wir also mit dem Schicksal nicht zu sehr hadern.) Film & Platte sind jedenfalls spitze! Schauen Sie mal:

Geschenke, Geschenke! Links aus Frankfurt (merci lieber M!), rechts aus Hamburg (gracias, werter U.!)
Geschenke, Geschenke! Links ein Film aus Frankfurt (merci, M!), rechts eine Platte aus Hamburg (gracias, U.!)

Tatsächlich musste ich also die 40 überschreiten, um 2011 live und in echt und in Detroit – u.a. beim Besuch des Underground Resistance-Hauptquartiers – zu begreifen, was ich vorher nur ahnte: Dass nämlich Techno eine Fortschreibung von Motown ist, gewissermaßen – oder, wie einer der wichtigen Techno-Pinoiere, Derrick May (ich sah ihn in Detroit einmal von Weitem in einem Café, meine Detroiter Begleitung raunte: “Schau’ nicht hin, da hinten sitzt Derrick”), es im Film sagt: “Techno ist nichts anderes als High-Tech-Soul.” Das charmant Verrückte, irr Verschränkte ist: Im Film sprechen die altgedienten Techno-Hirsche von exakt der Platte, die mir zeitgleich ebenfalls zuflog. Juan Atkins umreißt sie als ein Schlüssel-Album für die “neue Musik”– und als Ur-Markierung für den großen Erfolg, den Techno fortan vor allem in Europa hatte.

Techno-Pionier Juan Atkins spricht (im mir geschenkten Film) über die (mir in echt geschenkte) Platte
Techno-Pionier Juan Atkins spricht im (mir geschenkten) Film über die (mir geschenkte) Platte

Was mich auch sehr gefreut hat (und was wiederum ans ganz echte Detroit, wie ich es kennenlernte, anknüpft): Stacey “Hotwaxx” Hale kommt in der Doku kurz zu Wort – eine ganz und gar reizende Frau, eine, hm, Legende noch dazu, denn sie war eine der Ersten, die einst mit dem “Mixen” anfingen und sich als DJ damit einen Namen machte, in den 80ern. Wie ich Stacey traf, das ist eine dieser typischen Detroit-Geschichten: Ich saß an einem sonnigen Nachmittag in dieser Detroiter Bäckerei, trank einen Kaffee, vervollständigte in einem Notizbuch gerade meine jüngsten Beobachtungen, da sprach die Frau mich an: Was ich denn da täte, woher ich denn käme, ob ich neu sei, in Detroit? Wir kamen also ins Plaudern, ich erzählte ihr, dass ich den Vortag quasi komplett mit Mike Banks, dessen Pitbulls und Muskelprotzkumpels verbracht hatte, dass ich erwägen würde, ein kleines Buch über Detroit zu schreiben, pipapo. Sie erzählte daraufhin von sich und lud mich für den nächsten Tag zu sich nach Hause ein. Dort zeigte sie mir unter anderem ihr kleines Studio, und sie sprach ausführlich über die Unterschiede von House und Techno (und stellte beim Reden fest, dass sie selber eher am House hängt). Es war jedenfalls eine ganz herzliche, superinteressante Begegnung (eine von Dutzenden, die dann nicht mehr ins Buch passten).

Stacey "Hotwax" Hale, eine (Achtung – auaaah) HOUSE-Frau der ersten Stunde, ein schwer okayer Mensch. Foto links: aus dem Film von 2005Foto rechts: Bei Stacey zuhause, in ihrem kleinen Studio, Detroit/Michigan, Oktober 2011
Stacey “Hotwaxx” Hale, eine (Achtung – auaaah) HOUSE-Frau der ersten Stunde. Links: im Film von 2006 / Rechts: Bei Stacey zuhause, wo sie mir ihr Studio zeigte (Detroit, Michigan, Oktober 2011)

Fest steht nun also: Ja – ich stehe auf Techno. Es ist ein Genre, bei dem ich vor drei, vier Jahren fast bei Null anfing – keine Chance mehr, da jetzt noch etwas zu reißen, weder als Tänzerin, noch als Connaisseurin – was auch eine sehr angenehme, entspannte Ausgangslage ist. ExpertInnen gibt’s da genug. Mir macht es einfach brutal Spaß, mich da hineinzuhören, ganz locker durch diesen Dschungel zu stochern und hier und da (praktisch überall) Zeugs zu finden, das mich anmacht. Im Film jetzt neu entdeckt (bislang sagte mir der Name nichts, auch wenn ohne den Mann in jenem Fach fast gar nichts ginge): Kevin Saunderson, DJ, Produzent. Hören Sie hier meine zwei vorläufigen Lieblingsstücke von ihm. Als erstes ein 1988 von ihm produzierter Track, supersexy gesungen von Mia Hesterley (auf der geschenkten Platte zu hören). Darunter ein Stück aus den späten 90ern. 20 bis 25 Jahre alt sind diese Sachen. In meinen Ohren klingen sie unglaublich frisch. Echt also: Ich steh’ drauf, total.


Tatsachen

Leider steht die Rezension, die mich zur Lektüre dieses Buches – MÖBELHAUS. Ein Tatsachenroman von Robert Kisch – verführte, nicht online. Volker Weidermann schrieb vor einigen Wochen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung groß darüber, und da war zu erfahren, dass ein einstmals erfolgreicher, preisgekrönter Journalist jenen Roman geschrieben habe – ein Journalist, der in Wahrheit gar nicht “Robert Kisch” heiße – und der mittlerweile, mit Anfang 40, in einem Möbelhaus als Verkäufer auf Provisionsbasis arbeite, statt Texte zu schreiben – weil er, trotz allen Renommees, keine Festanstellung in seinem Beruf mehr finde, und weil er von den mittlerweile absurden freien journalistischen Honoraren nicht leben könne, er habe eine kleine Familie, mit Sohn im Kleinkindalter, zu versorgen. Darüber schreibe “Robert Kisch”.

Schon klar, dass ich das zügig lesen musste, im ECHTLEBEN habe ich mich ja mit Ähnlichem beschäftigt. Ein Unterschied zum MÖBELHAUS ist, dass meines unter meinem Klarnamen erschien. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass “Kischs” Verlag die Erzählung als Tatsachenroman präsentiert, während meine Geschichte als Sachbuch(Essay) herauskam. Auch beim ECHTLEBEN stand die Roman-Form zur Überlegung. Aber die Entscheidung fiel dagegen aus, was auch daran lag, dass ich einfach nicht … die Zeit für einen Roman hatte – so kam es mir damals jedenfalls vor. Niemand schien damals, vor einem halben Jahrzehnt, etwas über die erbärmliche Zwangs-Tagelöhnerei in den schönen Branchen hören zu wollen, die Sache brannte mir sozusagen unter den Nägeln, es musste dringend mal eine(r) aufschreiben, fand ich – das ganze mittelschichtige, gut und besser ausgebildete Existenzangst-Topic. Als das ECHTLEBEN fertig war, dachte ich: “Ein Spitzenromanstoff steckt da drin. Schade, eigentlich.” Und ich bereute es zeitweise ein bisschen, der Aktualität und Dringlichkeit den Vorzug vor der, nun ja, künstlerisch elaborierteren Form gegeben zu haben. (Der innere Frieden ist da aber längst wieder hergestellt, ich kann mich nicht beschweren, alles gut.)

Was nun “Kischs” MÖBELHAUS angeht: Auch jenes Buch scheint mir schnell geschrieben zu sein. Über das Lektorat kann man sich da ein bisschen wundern, denn es gibt viele Redundanzen – vieles wird da auch verschenkt – leider ist auch hier aus einem sensationell guten Stoff (den Tatsachen eben) kein überzeugender Roman geworden. (Jemand hätte den Mann anders ermutigen und ihm eben mehr Zeit, Zeit, Zeit einräumen müssen.) Aber diese Einschätzung bitte ich sogleich wieder zu vergessen – bzw. nicht als Vorwurf an den Autor misszuverstehen – es ist eben anzunehmen, dass es ihm einfach nicht möglich war, unter den gegebenen Umständen alles in künstlerisch elaborierterer Form aufzuschreiben – weil die Sache vermutlich auch ihm unter den Nägeln brannte, weil womöglich auch er das Gefühl hatte, dass das dringend raus muss. Weil er sich vielleicht auch in großer Eile sah, zudem sehr unsicher … und weil er eventuell einfach froh war, überhaupt einen Verlag gefunden zu haben, und der Verlag machte Druck … – also, hm: Ich glaube, ich kann den Mann da verstehen, vielleicht sogar zu 98,8%. Und ich erkläre: Das MÖBELHAUS ist unbedingt lesenswert – vor allem, weil “Kisch” aus jener ihm neuen Arbeitswelt berichtet, aus dem Alltag eines Sofa- und Regal-Verkäufers auf Provisionsbasis eben. Bevor ich das las, hatte ich kaum eine Ahnung, wie jene Arbeit sich so gestaltet. Nun weiß ich: Auch das Möbelverkaufen ist eine Hölle.

Zitieren möchte ich hier ein paar MÖBELHAUS-Sätze zum Journalismus:

(Ohne meinen Sohn würde ich) genau dieses gleiche Leben zelebrieren, wie all die hundert oder tausend Verrückten, die ich in den vergangenen Jahren in Köln, Berlin oder Hamburg kennengelernt habe. Dieses Durchwurschteln, dieses Betteln um Aufträge, um dreihundert Euro, die dir inzwischen gönnerisch offeriert werden, als sei es die Eintrittskarte in ein Leben voller Freiheit und Abenteuer. (…) Gleichgültig, was passiert, dachte ich, du bist ein vielfach prämierter Schreiber, du wirst immer eine Möglichkeit finden, dein Auskommen zu finden. Du bist klug, originell, du bist kreativ. Auch wenn überall um dich herum Magazine und Zeitungen eingestellt oder Redaktionen entlassen werden – du bist prämiert. (…) (Bis ich) bald zwei, zehn, zwanzig Anrufe benötigte, um einen Auftrag einzutreiben. Und sich die Empfängnisbeeitschaft für Originalität reduzierte. Das war deutlich spürbar. (…) Ich hatte nicht damit gerechnet, irgendwann einer von vielen zu sein. Einer von vielen Bewerbern, von vielen Bittstellern. Von zu vielen Schreibern. (…)

Und dann, nach einigen Monaten im Dienst der Schrankwand-Kundschaft:

Mittags lese ich manchmal tatsächlich noch im Feuilleton. Wenn eine Zeitung kostenlos herumfliegt. Selten also … Es ist eine besonders perfide Form des Masochismus, denke ich, sich in diesem Umfeld, bei diesen Arbeitsverhältnissen, mit einer neuen Ausstellung in einem Museum zu beschäftigen. Das ist so fremd alles, so weit weg. Diese affektierte Hysterie, dieses universitäre Aufregen und Beklagen über Dinge, die so fremd sind. Inzwischen. Dabei war das mal meine Welt. Und ich vermisse diese Welt. Aber als Teil der arbeitenden Bevölkerung durchpflügt ein einziger, schrecklicher Virus mein Denken: Wer braucht so einen Scheiß?

In diesem Interview berichtet der Autor von “höhnischen” bis nicht vorhandenen (Ex-)-Kollegen-Reaktionen auf sein Buch. Im Wesentlichen erntet er jetzt Verachtung oder Schweigen – so “Kisch”s Fazit. (Was nicht ganz stimmt … immerhin gab es ja den Feuilleton-Aufmacher der F.A.S., auch die taz berichtet über das Buch.) Solidarisch mit “Kisch”s Furcht vor Verachtung zitiere ich hier jedenfalls aus dem ECHTLEBEN – eine Szene, in der das Erzählerinnen-Ich mit einer Freundin darüber berät, ob sie sozusagen “offen” mit ihrer Existenznot umgehen soll, oder ob sie die Sache besser für sich behält:

»Es gibt nur zwei Regeln«, sagte sie. »Erstens: Du wirst die Sache für dich behalten. Zweitens: Du wirst niemandem davon erzählen.« (…) »Glaubst du denn wirklich, es wäre schlimm, wenn es doch herauskäme?« – »Ja. Sie werden in dir eine mögliche Variante ihrer eigenen Zukunft sehen und sich gruseln, sie werden fürchten, dass es ansteckend ist. Jedes von dir vergessene Komma werden sie als weiteren Beleg dafür nehmen, dass es dich wohl komplett aus der Bahn gekegelt hat, und, wer weiß, vielleicht werden sie stolz darauf sein, dass sie endlich auch einmal etwas aus erster Hand zum Gossip beitragen können. Jeden Themenvorschlag, den du anbringst, werden sie als Betteln um Geld interpretieren. Und sie werden dir noch weniger bezahlen als vorher – wenn sie dich, wie gesagt, überhaupt noch beschäftigen.«

Zur Lage des Journalismus, des sogenannten Printmarkts, und darüber, dass das Honorar-Dumping keine natürliche Wetterlage ist, sondern wirtschaftlich schon auch so gewollt, noch ein halbwegs aktueller Link: NULLEN UND NADELSTEIFEN (ein Freitag-Text von mir aus dem November 2014). Dem Kollegen “Kisch” – ich weiß nicht, wer er ist – wünsche ich jedenfalls alles Gute (er möchte auch wieder vom Schreiben leben können, sagt er). Und schließlich, falls hier jemand noch mehr über Arbeit, die es nicht (mehr) gibt lesen möchte, auch in anderen Branchen, noch drei Buch-Tipps – von links nach rechts:

D.W. Gibsons NOT WORKING. People Talk About Losing a Job and Finding Their Way in Today’s Changing Economy (Penguin, 2012)

Frank Hertels KNOCHENARBEIT. Ein Frontbericht aus der Wohlstandsgesellschaft (Hanser, 2010), die Tatsachengeschichte eines filigran ausgebildeten Geisteswissenschaftlers, der als Hilfsarbeiter in einer Fabrik arbeitet, weil es anders nicht geht.

Und ein geschätzter Klassiker aus dem Hilfs- und Notjobbermilieu (huch, auch schon wieder 10 Jahre alt): Jürgen Kiontkes LITTLE CLASS (Verbrecher Verlag, 2005)

Neuer DRECKSACK – Lesung am 11.4. in Berlin

Eine neue Ausgabe des DRECKSACK, der Lesbaren Zeitschrift für Literatur, ist erschienen. Diesmal wieder mit einem Kullmann-Text (s.o.), außerdem mit einem Nachruf auf Kim Fowley, geschrieben von Matthias Merkelbach, und Beiträgen von Jan Off, William Cody Maher, Bastienne Voss, Daniela Maria Ziegler u.v.a..

Die DRECKSACK-Homepage
Der DRECKSACK-Facebookseite
Ein DRECKSACK-Porträt (aus dem Freitag)

!!! LESUNG am Samstag, 11. April, 20.30 Uhr, in Berlin, in der Rumbalotte Continua, mit Eric Ahrens, Erik Steffen, Florian Günther, Bert Papenfuß und KK.

Exklusiv für Sie fotografiert (2)

Und zwar fotografiert von der geschätzten A. Manske, und zwar in der vergangenen Nacht, und zwar bei dieser sehr tollen Soul-Veranstaltung, bei der ich meine Scheiben mal wieder rotieren lassen durfte, und zwar bis – huh – etwa 5.30 Uhr in der Früh’. Ich wusste gleich, dass es eine tolle Nacht werden würde, als eine mir bis dato unbekannte Frau mich, kaum war ich im Saal angekommen, mit den Worten begrüßte: “Hihi, in diesem Kleid siehst du ja aus wie Minnie Maus!” (Ich sagte darauf, wie immer makellos höflich: “Oh, danke.” – und dachte: “Boah, Schätzchen. Wart’s nur ab. I will make you sweat, und zwar so, dass du drei Tage nicht wirst laufen können.” Und genauso war’s dann auch bzw. wird’s jetzt sein.)

Es rotierte unter anderem das hier (gelbe Platten sind oft die besten):

Interview bei den Krautreportern: “Welches Tier wären Sie, wenn Sie ein Gemüse wären?”

(c) Troy Holden
(c) Troy Holden

Das tolle Foto oben wurde von dem Fotografen Troy Holden aufgenommen, der seine Arbeiten – er fotografiert am liebsten Passanten in seiner Heimatstadt San Francisco – als snapshots bezeichnet. Das Motiv “Papptüte überm Kopf” passt gut zu unserem Tagesordnungspunkt Interviews und Ähnliches – womit ich hier jetzt ausnahmsweise Interviews mit mir meine – Situationen, in denen ich befragt werde, statt zu fragen. Eigentlich an odd situation, wie man in Amerika sagt. Umgekehrt ist es mir deutlich lieber (siehe etwa hier und hier).

Passiert ist jetzt jedenfalls ein Gespräch mit Marcus Ertle, der u.a. für die Krautreporter und das Interview-Magazin Galore Menschen (etwa Hermes Phettberg, Martin Sonneborn, Kathrin Bauerfeind, Joachim Lottmann) zu allem Möglichen befragt, bevorzugt am Telefon, und, wenn ich es richtig verstanden habe, auf jeden Fall immer mit der einen Frage: “Besitzen Sie eine Brotzeitdose?” Was das alles sollte, verstehe ich, bei aller Ehre, noch immer nicht, lustig war’s allerdings doch, unter anderem plauderten wir über blutige Steaks, über die Faktoren Verständnis und Neid, über Wölfe, Seidenkrawatten, Michel Houellebecq, Antonia Baum und Hans-Olaf Henkel. Bei Galore erscheint das Gespräch bald auch auf Papier.

>>> Bei den KRAUTREPORTERN kann man das Ganze schon jetzt ONLINE LESEN.

Joan, Gentlewoman. Style is politics, too.

Links: Modefoto aus der aktuellen Ausgabe des Magazins Gentlewoman / Rechts: die US-amerikanische Publizistin Joan Didion, 80, in einer Werbekampagne des Modelabels Céline

Nicht, dass es wieder heißt, Menschen, die sich mit dem Marxismus beschäftigen, hätten keine Freude im Leben und-oder keinen Sinn fürs, äh, Ästhetische oder was noch alles. Ich zum Beispiel: Sehr gern studiere ich ab und an gezielt die Sphäre der schönen Dinge, oder sagen wir: die Welt des schon nicht mehr ganz realen Wohlstands. So habe ich gerade im Magazin The Gentlewoman (über das es einiges Ernsthaftes zu sagen gäbe, jedenfalls lese und betrachte ich es wirklich gern; allein der Titel springt mich schon an, da gehe ich dem Naming voll auf den Leim, genau wie bei der Sendung Goodbye Deutschland, die ich schon wegen ihres Titels so oft einschalte, wie es geht) – jedenfalls sah ich im Magazin Gentlewoman nun zweierlei abgedruckt: Eine Werbeanzeige des Modelabels Céline – das für seine aktuelle Kampagne die US-Publizistin Joan Didion, 80, gebucht hat (siehe oben rechts). Das Foto wurde im Netz schon viel besprochen, und ich bin echt erschrocken, als ich es entdeckte. Denn ich habe vor, im Alter von 80 in etwa exakt so auszusehen wie Joan Didion hier, vom Styling und der Frisur her. Das Foto oben links wiederum zeigt ein Motiv aus einer Gentlewoman-Modestrecke zum Thema Hosenanzüge. Was man weiß, wenn man ein Magazin wie Gentlewoman aufblättert (es beginnt mit – ungelogen – 80 Seiten doppelseitiger Hochglanzwerbung, bevor der erste redaktionelle Beitrag kommt): “Nie im Leben werde ich mir auch nur ein Stück der hier abgebildeten Verschönerungswaren leisten können!”. Dann sah ich den Hosenanzug links oben – und … fiel. Ich meine: DAS will man doch genauso unbedingt sofort anziehen – oder etwa nicht? Keine Ahnung, was das kostet. Ich werde auch keine Sekunde darauf verschwenden, den Preis zu recherchieren (so viele Bahntickets oder Gin Tonics oder Duschgels, Haargummis, Sekundenklebertuben und Spannbettlaken könnte man sich stattdessen leisten). Jedenfalls las ich im Kleingedruckten dann: Der Anzug ist von Céline. Und das finde ich gerade sensationell: Dass ein Modelabel (!) mich vorübergehend mal so fasziniert. Ich springe da ja auf alles an! Waaah, ich bin da voll ein Zielgruppentier! Ist das nun Werbung hier? Neiiin! Kaufen Sie das bloß nicht! Ist das jetzt ein Modeblog? Neiiin! Alles, was ich zum Modeblogging zu sagen habe, ist längst aufgeschrieben. Aber eines ist eben auch wahr: STYLE IS POLITICS, TOO. Auch ohne Zugriff auf nennenswerte Geldreservoirs ist er herzustellen: ein Stil, der bisschen politisch ist, womöglich. Ach, was soll’s: Mir gefällt das. Schwarz scheint zudem das neue Schwarz zu sein. So hat alles seine Ordnung.
Weitere Durchsagen folgen.
Immer die Ihre: KK