„Die heilige Kuh ist der neutrale Standpunkt“

Im Januar 2026 bei DIE ZEIT erschienen.


Am 15. Januar ist es genau 25 Jahre her, dass die Wikipedia an den Start ging. Heute ist die Online-Enzyklopädie aus dem Netz nicht mehr wegzudenken. Dennoch geriet sie zuletzt unter Beschuss von Rechtspopulisten. Wie Wikipedia es schafft, in Zeiten der Polarisierung dennoch dem Neutralitätsgebot zu folgen, erklärt Sabria David unter anderem am Beispiel des Schokoladen-Okapis. David saß lange im Präsidium der Wikimedia Deutschland und beschäftigt sich als Digitalphilosophin mit Fragen der digitalen Transformation.

Frau David, der allererste Wikipedia-Eintrag klang ganz freundlich und unaufgeregt: „Hello, World!“ hatte einer der Gründer, Jimmy Wales, auf die Startseite geschrieben – sonst stand da erst mal nichts. Werden Sie wehmütig, wenn Sie an jene Zeit zurückdenken?

Es waren aufregende und optimistische Jahre. Wikipedia war ursprünglich als fun project angekündigt, als experimenteller Spaß neben dem eigentlichen Hauptprojekt Nupedia, an dem Wales und sein Team damals arbeiteten. Dabei handelte es sich um eine Online-Enzyklopädie mit langwierigem akademischem Begutachtungsprozess. Doch während Nupedia bald stagnierte, entwickelte Wikipedia rasend schnell eine Eigendynamik. Rückblickend würde ich sagen: Wikipedia war ein riesiges, wertvolles Geschenk an die Menschheit – wie überhaupt das ganze Internet.

Ein Geschenk? 

Zum Beispiel das www und das http, das Hypertextprotokoll, das wir vor alle Internetseiten setzen: Der britische Informatiker Tim Berners-Lee entwickelte es 1989 am Cern im Genf. Das ist der bekannteste Anwendungsfall von Open-Source-Software: Alle können es gratis verwenden und weiterentwickeln.  Ohne http und www wäre das Internet, wie wir es heute kennen, nicht denkbar. Sein Erfinder hätte es mit einer Lizenz belegen und damit sehr reich werden können. Doch Berners-Lee sagte: „This is for everyone“. Ohne diese Entscheidung hätten wir jetzt einzelne Wissenssilos: für Universitäten, Regierungen, Unternehmen. Dass weltweit jeder mit jedem ohne Hürden in Kontakt treten kann, ist ein Geschenk, mit dem wir verantwortungsvoll umgehen müssen. Mehr noch: ein Geschenk, dessen wir uns würdig erweisen müssen.

Würde und Verantwortung, man merkt, dass Sie sich nicht als Technik-Expertin mit dem Internet befassen, sondern als Digitalphilosophin, wie Sie sich nennen.

Ich schaue auf die soziokulturellen und ethischen Rahmenbedingungen, innerhalb derer Digitalisierung stattfindet. Ursprünglich bin ich Sprachwissenschaftlerin, aber da ist auch die Medientheorie, die Philosophie, Gesellschaftspsychologie, Arbeitsmedizin, Kulturwissenschaft, Wirtschaftsethik: Der digitale Wandel hält sich nicht an Disziplingrenzen. Ich lehre digitale Transformation und Ethik, mit den Studierenden übe ich kritisches Denken im digitalen Raum: Wer entscheidet? Wer macht, ändert oder bestimmt über diese Regeln? 

Wikipedia ist ein vitales Beispiel für das sogenannte Web 2.0, das Mitmachinternet, das in den frühen 2000er-Jahren erblühte. Sind wir zu sorglos damit umgegangen?

Das freie Netz, wie wir es kennen und schätzen gelernt haben, ist durch die Monetarisierung des digitalen Raums zunehmend bedroht. Auf der einen Seite haben wir offene Systeme, den Gedanken von Teilhabe, transparenten Aushandlungsprozessen und gemeinsam geschaffenes Wissen. Auf der anderen Seite gibt es den Versuch von großen Konzernen, geschlossene Systeme zu etablieren, Grenzen hochzuziehen, Zugänge nur noch in bestimmten Systemschranken zu erlauben. Die Angriffe, die Wikipedia erlebt, stehen prototypisch für vieles, was gerade passiert. Und zwar nicht nur im digitalen Raum, sondern auch in der analogen Welt, in der Wirtschaft und in der Demokratie.

In der Tat ähneln die Angriffe auf Wikipedia denen, die auch vielen Medien entgegenschallen: „Lügenpresse“, „linksideologisch verseucht“, Elon Musk verunglimpft Wikipedia etwa beharrlich als „Wokepedia“. Vor einigen Wochen ist er mit einer eigenen Gegen-Enzyklopädie an den Start gegangen: Grokipedia. Haben Sie sich das mal angesehen?

Ja, natürlich. Das Erste, was mir daran auffällt: Elon Musk hat wirklich ein Faible für düstere Farben. Twitter ist ja, als es unter Musk zu X wurde, ebenfalls schwarz geworden. Ansonsten wüsste ich keinen Kontext, in dem ich Grokipedia nutzen könnte.

Bei Grokipedia gibt es auch einen Artikel zu Wikipedia, darin heißt es, Letztere sei „von ideologischer Voreingenommenheit“ sowie einer „linkslastigen Tendenz in der politischen Berichterstattung“ dominiert. Was entgegnen Sie als Wikipedia-Insiderin auf solche Anwürfe?

Niemand dominiert die Inhalte von Wikipedia. Jeder, der dort etwas liest, kann auch etwas hineinschreiben – sofern man das mit Quellen belegen kann. Was dann folgt, ist ein kollektiver Formulierungsprozess. Die Zahl der Stammautorinnen und -autoren, die sich um die Verifizierung der Inhalte kümmern – übrigens alles Freiwillige – liegt hierzulande bei rund 5.000 Personen. Dabei gilt absolute Transparenz. Alle Lesenden können bei jedem Artikel auf Diskussion gehen, da ist en détail nachzulesen, wie die Community sich im Hintergrund über ein Thema austauscht, wie und warum Artikel korrigiert oder ergänzt werden. Jedes Komma ist dort in der Versionshistorie nachvollziehbar. Glaubwürdigkeit, Transparenz, das Ringen um einen neutralen Standpunkt, unterlegt von Belegen und Quellen: Das sind die wesentlichen Säulen von Wikipedia.

Was bedeutet das konkret?

Es kann nicht jeder einfach irgendetwas ungeprüft dort ablassen. Wikipedia ist eine Tertiärquelle, alles, was du da reinschreibst, musst du durch eine valide, seriöse Sekundärquelle belegen können. Da ist der Wikipedia-Standard wirklich sehr streng – und das prägt auch das Selbstbild der Mitwirkenden. Wenn da also etwas dominiert, dann ist es das strikt enzyklopädische Ethos.

Können Sie dieses Ethos etwas näher erläutern?

David: Die Wikipedia-Mitwirkenden sehen sich in der Tradition der Aufklärung – orientiert an den Positionen, wie sie etwa die französischen Enzyklopädisten Diderot und D‘Alembert im 18. Jahrhundert vertreten haben. Die heilige Kuh ist dabei der neutrale Standpunkt, wonach enzyklopädisches Wissen eben möglichst neutral sein sollte. Es gibt in der Wikipedia-Autorschaft oft Meinungsunterschiede, etwa was die Relevanz von Themen oder unterschiedliche Einschätzungen von Fakten angeht. Ein enzyklopädischer Artikel muss alle Positionen hinreichend benennen – ohne zu urteilen, ob diese Ansicht richtig ist und jene falsch. 

Wie sieht das ganz praktisch aus?

Es geht darum, auch widerstreitende Standpunkte in den Artikeln abzubilden. Jede Position sollte begründet sein, und dafür werden schriftliche Quellen als Belege herangezogen, wissenschaftliche Studien oder seriös recherchierte Medienberichte genannt. Die eine findet also eher dies wichtig, der andere eher das, dann geht das hin und her, bis eine Version da ist, bei der alle sagen können: Ja, jetzt ist auch meine Perspektive hinreichend berücksichtigt. Manchmal kommt dabei etwas heraus, was man sich persönlich nicht unbedingt wünscht, aber so ist es eben. Ich zum Beispiel trauere immer noch ein bisschen dem Schokoladen-Okapi hinterher.

Dem Schokoladen-Okapi?

Das Okapi ist eine hübsche Kurzhalsgiraffe mit Beinen, die aussehen wie Ringelstrümpfe. Ursprünglich stand im deutschen Wikipedia-Artikel: „Das Okapi trägt ein schokoladenfarbenes Fell.“ Ich erwähnte das einmal bei einem Wiki-Stammtisch, die anwesenden Wikipedianer fingen sofort an zu debattieren: „Schokoladenfarben? Das ist doch kein enzyklopädischer Begriff! Oder doch?“ Die Mehrheit befand: Das ist zu blumig, zu subjektiv, nicht neutral genug. „Und es ist keine eindeutige Farbe“, sagte einer, es gebe schließlich Milchschokolade und Bitterschokolade, völlig unterschiedliche Töne. Jetzt ist bei Wikipedia ganz nüchtern von „rötlich-braunem bis schwarzem“ Okapi-Fell die Rede. Persönlich habe ich das zwar bedauert, aber letztlich war das ein beruhigender Vorgang. Die aufklärerischen Qualitäts- und Glaubwürdigkeitsstandards, das Neutralitätsgebot ist bei der Wikipedia-Community stark ausgeprägt.

Sie saßen von 2014 bis 2022 im Präsidium, also dem Aufsichtsgremium von Wikimedia Deutschland, just in der Zeit, in der Donald Trump in die US-Politik ging und plötzlich Begriffe wie Fake-News und alternative Fakten in die Öffentlichkeit drängten.

Das hatte ich von Anfang an auf dem Schirm. 2016 gründete ich die Wikipedia-Taskforce Populismus und Beeinflussung, wenig später die Arbeitsgruppe Gesellschaft, Politik und Werte. Ein offenes System wie Wikipedia bietet natürlich auch offene Flanken an. Aber gleichzeitig ist es gerade durch diese Offenheit sowie die dezentral arbeitenden Freiwilligen weniger angreifbar. Grokipedia basiert auf einem KI-Tool namens Grok, das inhaltlich offenbar Elon Musks persönlichen politischen Positionen folgt. Das kann man natürlich machen. Ich verstehe das aber auch als Eingeständnis, dass man ein Open-Source-Projekt wie Wikipedia nicht einfach kaufen oder beherrschen kann. Ja, offene Systeme sind verletzlich, aber zugleich stark. Sie sind wie ein Schwarm Fische oder wie ein Sack Flöhe: Man kommt ihnen nicht so leicht bei.  

Es geht im Prinzip also um Freiheit, aber nicht um Anarchie?

Genau, mich interessiert: Welche Regeln kann man einem offenen System geben, damit es stabil funktioniert und resilient auf Angriffe reagieren kann? Auch offene Systeme brauchen ja Strukturen. Keine Regulierung! wird oft gerufen. Das rufen aber vor allem Leute, die gern ein autoritär gesteuertes Netz hätten. Fakt ist: Es gibt keinen unregulierten öffentlichen digitalen Raum. Schon der kleinste Algorithmus ist eine Regel: Dies und das wird sichtbar unter diesen und jenen Bedingungen oder in dieser Reihenfolge. Auch die Idee, dass der Markt etwas regelt, beschreibt eine Regulierung. Deshalb geht es nicht um die Frage, ob reguliert wird, sondern um die Frage: nach welchen Regeln? Und: nach wessen Regeln?

In vielen Ländern ist Zensur ein Problem.

Es gibt einen eigenen Wikipedia-Artikel zur Zensur der Wikipedia, darin ist aufgeführt, welche Länder versuchen, den Zugang zu beschränken. Manche entfernen einzelne Artikel zu umstrittenen Themen, andere Länder wie China sperren den Zugriff auf Wikipedia ganz. Es kommt auch vor, dass Inhalte der Wikipedia übernommen werden – was erlaubt ist, es handelt sich ja um frei verfügbares Wissen – und dann mit einem gewünschten Drall versehen werden. In Russland ist seit 2024 eine eigene Version am Start: Ruwiki. Dort ist dann eben nicht von der Invasion der Ukraine die Rede, sondern von einer „militärischen Spezialoperation“. Wir sehen, dass im Netz gerade ein heftiger Machtkampf stattfindet. Eine weltumspannende digitale Infrastruktur weckt Begehrlichkeiten bei autoritären Kräften. 

Welche Rolle spielt dabei der wachsende Einfluss von KI?

Als Menschheit stecken wir in einer tiefen Transformationsphase. Das Alte funktioniert nicht mehr, das Neue ist noch nicht da. In diesem großen Chaos müssen wir aushalten, dass es auf viele Fragen noch keine verlässlichen Antworten gibt. Doch genau in dieser Phase gibt es jetzt eine Technik, die KI, die auf alles eine einfache und schnelle Antwort hat. Das ist für viele Leute sehr verführerisch und führt dazu, dass Quellen und Belege von Informationen egal werden. In der parlamentarischen Demokratie ist es aber ähnlich wie bei Wikipedia: Beides funktioniert über Aushandlungsprozesse, das ist anstrengend, grade in Krisenzeiten. Aber diese Prozesse sind transparent. Bei KI sind die Prozesse, die zu einer Antwort führen, hingegen meist nicht sichtbar, können deshalb auch nicht kritisch betrachtet werden. Das ist die Gefahr, die gerade besteht: Menschen gewöhnen sich nach und nach ab, sich ein eigenes Bild zu machen.

An anderer Stelle sprachen Sie einmal von der Bequemlichkeitsfalle.

Viele Apps haben das Ziel, es den Nutzenden so bequem wie möglich zu machen. Deshalb muss man aufpassen, dass man nicht zu oft in diese Falle tappt. Man sollte sich selbst beobachten: Muss ich es jetzt unbedingt  schnell und einfach haben? Will ich den Preis für diese Bequemlichkeit bezahlen, oder nicht? Will ich mein eigenes Wissen, mein kritisches Denken wirklich auslagern, abgeben, anderen übertragen? Fast alle privatwirtschaftlichen Anbieter verfolgen das Interesse, uns in der infantilen Konsumierendenrolle zu halten.

Das wäre dann die Entmündigung, vor der der technikkritische Philosoph Günter Anders schon vor 70 Jahren warnte. In seinem Werk Die Antiquiertheit des Menschen schrieb er 1956 lakonisch: „Your future is taken care of„, um deine Zukunft kümmert sich schon jemand.

So pessimistisch bin ich nicht. Ich habe im Keller ein ganzes Regalfach mit Stadtplänen und Landkarten. Oft stand ich davor und dachte: Ach, die schmeiße ich jetzt mal weg. Aber irgendetwas hat mich stets davon abgehalten. Jetzt beruhigt mich manchmal der Gedanke, dass ich mich immer noch in Eigenregie durch Florenz oder Montreal bewegen könnte, also statt mit einer App mit Papier in der Hand.

Zuletzt haben Sie sich ohnehin wieder verstärkt dem Papier zugewandt: Sie haben ein gedrucktes Buch veröffentlicht, einen Essayband mit Alltagsbeobachtungen.

Ja, Zeichen und Wunder heißt das Buch. Ich schreibe darüber, wie die Gesellschaft sich verändert und woran man das im Alltag merkt. Der Titel schließt an antike und mittelalterliche Vorstellungen an, mit Hilfe derer die Menschen versuchten, rätselhafte Vorzeichen wie Unwetter, Fluten und Kometen zu entschlüsseln. Ich finde es spannend, dass wir heute wieder fast genauso ratlos in den Himmel schauen. Das sind Verunsicherungen in Krisen- und Übergangszeiten. Ich deute in den Essays Alltagszeichen, die uns helfen, die Welt zu entschlüsseln. Man kann hoch analytisch sein und zugleich poetisch entlang von Gefühls- und Wahrnehmungslinien schreiben. Von einer mit Zuckerguss geflickten Nussecke bis zu Open-Source-Software denken, das ist für mich kein Widerspruch. 


INFO

Sabria David saß von 2014 bis 2022 als Vize-Vorsitzende im Präsidium von Wikimedia Deutschland, der – nach der Wikimedia Foundation in San Francisco – zweitgrößten Organisation hinter der Online-Enzyklopädie. In Karlsruhe lehrt sie als Digitalphilosophin an der Karlshochschule digitale Transformation und Ethik, als Medienforscherin und Essayistin hat sie mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt „Zeichen und Wunder“ (Frohmann Verlag, 2024). David war Co-Autorin des weltweit rezipierten Slow Media Manifest (2010), hat Konzepte zu digitalem Arbeitsschutz entwickelt und als Beraterin mit Institutionen wie der EU-Kommission, der Bundeszentrale für Politische Bildung oder dem TÜV Rheinland zusammengearbeitet.

KATJA KULLMANN
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